Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

klunse, klünse, klunze, f.

klunse, klünse, klunze, f.
spalte.
I.
formen und gebrauch.
1)
klunse ist vorherschend, fast alle wbb. von Stieler bis Adelung schreiben nur so.
a)
bes. ritze in einer thüre, in der wand u. ä., schon mhd.: dâ sie ligent sam vor einer türe unde kaphent hin in ... daʒ sie reht als durch enge klunsen die glitzunge (das glitzern) sô grôʒes liehtes an sehent. myst. 1, 396; aber das kitzy merkete, durch ein klunsen sehend, das sein muter nit dar war. Steinhöwel 38 (1555); er horchte an der klunsen der thür. buch der liebe 198ᵈ; ich lugt durch ein klunsen der thür. 181ᵈ; verkriechen sich in klunsen und löchern. 218ᵇ; die klunsen der fensterbret. Wirsung Cal. q 3ᵃ; also verstrichen wir die clunsen mit treck und kat. Keisersberg evang. (1517) 16ᵇ; stopfwachs oder verstosz, mit welchem die bienen die klunsen in bienstöcken vorkleiben. Zechendorfer 1, 49. auch bergm.: wie .. in den klunsen des tragstempels oder kappen und strauben zeinicht silber gewachsen. Mathesius Sar. 34ᵇ.
b)
auch von gröszeren spalten: zwen ander engel habent den andern abgefürt durch die klunsen der erden. Steinhöwel 1487 95; es wächst am meer, an felsen und klunsen, so vom anstosz des wassers befeuchtet werden. Tabernaemont. 1197; der berge hölen und klunsen. W. Scherfer ged. 152; ein dicker dampf stieg aus den klunsen (im boden) hervor. Göthe 25, 325. vom höllenschlunde:
und möchten dafür hüten uns,
das wir nicht kämen in die kluns,
draus nimmermehr zu steigen ist.
Pape Christiani hom. sors C 6ᵃ.
c)
klunse im schädel, die kopfnaht: wer da wund wirt in das haubt nach bei der clunsen, das ist mitten des haubt. Braunschweig chir. 1498 14ᵇ.
d)
in derber volksrede von ritzen am menschlichen körper, Rüdiger zuwachs 2, 92 gibt aus Halle die klunsen aufthun, die augen; bair. für weibsperson Schm. 2, 360. vgl. unter klunsel.
2)
seltener klunze: kluntz, klack, ritz, kluft, spalt. voc. 1482 q 6ᵇ. 8ᵃ, klunze Dief. 498ᵇ; Galienus spricht, das das fleisch darzu nichez sei, dann das es die klunzen zwischen den beinen (knochen) und den adern (muskeln) erfülle. Megenberg buch der nat. (1482) 1; kluntze, finstre steincluntze Sylvander feld- oder hirtenlieder v. j. 1670 (Fromm. 4, 174). die Nonnenklunzen pl. heiszt ein vielgespaltner felsberg im Lausitzer gebirge.
3)
klünse fissura Dief. 237ᵃ: das weib würde vielleicht .. durch eine klünse der karre (einer schäferkarre) gesehen und ihn erkennet haben. Riemer pol. maulaffe 297 (305).
II.
echtheit der formen, verwandtschaft.
a)
das schlecht bezeugte klünse wird doch glaubhaft durch klümse, sie setzen ein urspr. i zwischen stamm und endung voraus (das auch bei klunse urspr. möglich ist). übrigens geben klünse noch Rüdiger, Schmeller (s. 1, d) aus ihrem gebiete.
b)
klunze ist älter bezeugt, auch geben noch Schmeller, Schöpf, Lexer klunzen neben klunsen; aber in der aussprache verflieszen eben beide. doch wird das z auch echt sein, da es in klinze durch engl. clint gestützt ist (sp. 1198); Frisch 1, 525ᶜ gibt auch ein klunte für klunse, das doch nd. sein müszte, wenn es richtig ist, zumal nd. klunse fehlt.
c)
hinter klunse möchte man danach ursprüngliches klunʒe vermuten (vgl. klinse 3, f), und das bleibt wol denkbar, obwol auf die schreibung klunszen Dief. 498ᵇ, clunssen Schm. 2, 360 im 15. jh. nichts zu geben ist. aber das s ist an sich auch gut gestützt durch schwedische formen, die wahrscheinlich von demselben stamme sind: kluns, klons m. klump (vergl.klunsch), auch ein klumpiger, plumper mensch (wie klump 4), und letzteres auch klums, klóms (s. Rietz 330ᵇ), wie klumse gleich klunse. ganz so stehn klump selbst und klumpe f. spalt nebeneinander, klunz klump und klunze spalt, schwed. klint klump und engl. clint spalt; es liegt ein starkes verbum 'spalten' zu grunde, das im auslaut verschieden gestaltet war, s.klunker 3, f; als reste der reich entwickelten wurzel können klieben wie klieʒen (s.klosz) gelten, es musz aber auch klimpan, klinkan, klintan, klinsan (klimsan) gegeben haben. bei letzterem scheint aber das s selbst erst zuthat (vgl. schwed. klunn m. klotz, klyna f. knüppel Rietz 330ᵇ), sodasz das echte klunse und klunze durchaus verschieden wären, nicht schwesterformen, nur vettern.
d)
ein paar nebenformen: glunse (s. unter klünslein und klinse 3, b), klunst (s. d.) und merkw. tirol. klunsk f. Schöpf 326.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1867), Bd. V (1873), Sp. 1299, Z. 55.

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Zitationshilfe
„klünse“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/kl%C3%BCnse>, abgerufen am 29.11.2020.

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