klagen
Fundstelle: Lfg. 4 (1866), Bd. V (1873), Sp. 914, Z. 44
queri, lamentari, actionem instituere, ahd. chlakôm chlagôn chlagên Graff 4, 549, mhd. klagen, nd. klagen, nl. klaagen, klagen; auch dän. klage, schwed. klaga, isl. altn. klaga accusare, doch möchte das entlehnt sein.
I.
Formen und verwandtschaft.
a)
mhd. wurde klaget, klagete, geklaget auch zusammengezogen in kleit, kleite, gekleit, auch im edlen stil, wie bei sagen u. ä. (md. kloite, gekloit z. b. altd. bl. 1, 138); das lebt noch landsch., z. b. in Baiern, s. Schmeller gramm. s. 95. eine verwandte zusammenziehung ist in md. und rhein. mundarten noch in geltung, er klât, praet. klâte, inf. klân (wie bei sagen u. ä.); auch das reicht in die mhd. zeit zurück: sô sal der voit sîne bûʒe uffe daʒ hûs clân. Freiberger stadtr. 5, 33, Schott 3, 179;
das welle wir nu und immer klan (: han).
fundgr. 2, 307, schlesisch.
nrh.: clân (: hân) Karlmeinet 413, 63, clâde 417, 65; des beclâden sich di selben brûdire. Höfer urk. 83, v. j. 1309; sûchten (seufzen) unde clain. Haupt 3, 14. Liliencron hist. volksl. 1, 6ᵇ.
b)
eine nebenform mit umlaut klägen, klegen zeigt sich alem.: des kleget sich daʒ herze mîn. Mone schausp. 1, 226 in der hs.; doch klegte ichʒ niht. MS. 2, 191ᵇ; sus clegton sü ir ungemach. Sigenot 44 Laszb.; hand sich da clegt (beklagt). Konstanzer urk. v. 1400, Mones zeitschr. 9, 182; daʒ von im clegt wurde. weisth. 4, 282, um 1400; wirt das ainem herren von Costenz klegt ... wirt es im aber nit klegt. 418, v. j. 1521; man hats verklegt (: erwegt). Liliencron hist. volksl. 1, 521ᵃ. im Schaffhauser richtebrief geclegt 26, 5. 49, 4, clegt geklagt 21, 5. 26, 3, beklegt 131, 8 (auch tregen tragen 118, 2, nd. dregen). es sind schon ahd. spuren davon da, nach denen auch Graff eine nebenform chlagian ansetzt (chlagiton klagten, chlagantemo klagendem, irchlagint). entsprechend heiszt es altfriesisch klagia, klagian klagen, saterl. clagia, dazu klagi klage; vgl. kläg für klage (s. d. zuletzt) und klägde neben klagde. es ist also wie ahd. sagian, segian spurweise neben sagên sagen, vergl. jägen gleich jagen (z. b. weisth. 2, 263).
c)
eine andre merkw. nebenform zeigt sich auch nur alem. im inf.: klagenen, klagenon Schaffhauser richtebrief 56, 2. 4, klagnen Laszberg lied v. grafen Fritz von Zolre s. 17, oberschwäb. v. j. 1422, klagenôn in einer hs. des Schwabensp. 356 Wack.; vergl. Weinhold al. gr. 223. s. auch klänen klagen.
d)
klagen gehört wol zusammen mit klingen (klang) in dem der wurzelauslaut seine liquida zu sich genommen hat, klagen verhält sich zu klang, klingen ganz wie sagen zu sang, singen. klingen galt nämlich auch für singen, klagen aber bedeutet nach allen spuren ursprünglich schreien. s. besonders die rom. wörter unter II, 4.
e)
nächstverwandt scheint altn. klaka garrire, 'queri' von vögeln, zwitschern, einzeln auch von menschen, z. b. von klagendem gesang, klak n. vox avium; es steht neben klagen wie nl. klinken neben hd. klingen (s. d.). vgl. schott. claik, clack gackern und schreiend fordern, von kleinen kindern, was freilich mit clack plaudern verflieszt, s.klack 5, b. weiter rückwärts wird aber auch dieses mit dem grundbegriff des laut schallens dazu gehören. vgl. unter klapf 4.
f)
die urverwandtschaft zeigt ausbleiben der lautverschiebung (vgl. sp. 3): gr. κλάζω mit aor. ἔκλαγον, pf. κέκληγα, rufen, schreien, lettisch kliᵉgt schreien, frequent. klaigát kreischen, litt. klýkti schreien, altsl. klikna̜ti, klekŭtati und klegŭtati κλάζειν, clangere, clamare. das l ist urspr. r (Schleicher compend. 347. 236), vgl.krachen, zunächst klingen.
II.
Bedeutung und gebrauch.
1)
einen schmerz, ein leid oder weh laut ausdrücken, eigentlich ausschreien.
a)
weinen und klagen, schreien oder heulen und klagen werden gern verbunden, klagen und jammern Maaler 244ᶜ: des abends, morgens und mittags wil ich klagen und heulen, so wird er meine stim hören. ps. 55, 18; daruber mus ich klagen und heulen. Micha 1, 8; fürwar hie ists klagens und schreiens zeit. Luther 6, 312ᵇ; klagendes winseln. Klopstock Mess. 2, 523.
b)
hoch klagen, eig. mit hoher stimme (vgl.hohe klage sp. 907 unten): wiewol uber diese nicht so gar hoch zuklagen ist. weish. Sal. 13, 6;
und er (s. 3, 692) Ulysses selbst, den iedermann hoch klaget.
Opitz 1, 246.
vgl. den klageruf sô hôh ôwî minnes. frühl. 39, 2. 9. 16. jetzt laut klagen, oder bitterlich, jämmerlich klagen, auch kläglich (s. d.): (werden) laut uber dich schreien, bitterlich klagen. Hesek. 27, 13.
c)
der klagende ruf ist wehe, daher 'wehe klagen', jetzt wehklagen, doch auch noch ach und weh klagen:
werden wehe klagen und auch brallen (schreien),
das (dasz es) in dem himel wirt erschallen.
lied vom jüngsten gerichte, Körners hist. volksl. 298, der vers fordert aber weh.
ähnlich jammer klagen (vgl. ketzerjammer):
dar hörde man jammer klagen.
Uhland volksl. 404;
uber herz und haupt er jammer klagt.
Rollenhagen G 4ᵇ.
d)
der gegenstand den die klage betrifft wird gewöhnlich mit über bezeichnet: darumb mus ich uber Moab heulen und uber das ganze Moab schreien und uber die leute zu Kir Heres klagen. Jer. 48, 31; daruber mus ich klagen und heulen. Micha 1, 8. auch mit um: man wird klagen umb die ecker, umb die fruchtbarn weinstöcke. Jes. 32, 12. früher auch mit von: das ich mit schriften von ir klag. Murner 14, 20, und ab, s. 1, 7: klagen ab seiner eil und gähe. Agricola spr. 61ᵃ;
da ich mich klag ab meiner pein.
Opitz 2, 163.
e)
doch auch als reines object erscheint der gegenstand der klage, wie mhd., einen oder etwas klagen, wo unsere gewohnheit beklagen erwartet:
wir muͤszents iemer klagen.
Uhlands volksl. 405;
kamen sie (Hiobs freunde) in zu klagen und zu trösten. Hiob 2, 11; wer aber seinem kinde zu weich ist, der klaget seine striemen (von der rute). Sirach 30, 7;
dieweil ich dich mus meiden,
klag son und mon, klag laub und gras,
klag alles das der himmel beschlos,
klag röslein fein, klein waldvöglein,
klag blümlein auf der heiden,
klag auch die braune wolgemut,
ach gott wie weh mir scheiden thut.
Ambras. liederb. 162, 18;
schlug im (der Türke dem Zriny) der wunden vil,
weil er schon auf der erden lag
sieglos und überwunden,
das ich mit schmerzen klag.
Körners hist. volksl. 222;
da grüszt Uriens den könig gar züchtiglich und klaget ihn sehr umb seine krankheit. buch der liebe 267ᵈ;
weicht ab von da wo fleisz gar schwerlich frucht gewinnet,
klagt nichts so sehr als disz das klagen ihr nicht könnet.
Logau 1, 1, 1;
aber wie man keinen klaget,
der .. nach unglück selber jaget,
wenn ihn solches nun umbringt.
Soltau 521 (v. j. 1692);
ihr jahre, die ihr spät und unter noth vergangen,
verzeiht mir jeden fluch, ich klag euch weiter nicht.
Günther 557.
Die dichter haben das fortgeführt:
doch jetzt ist er dort unten in traurigen nächtlichen gräbern,
klaget einen besessenen mann.
Klopstock Mess. 2, 87;
ach oder klagt sie den groszen
göttlichen mann, den am berg in mitternächten ich sahe.
9, 445;
mein schicksal nicht, nur euer schicksal, ihr
mein volk, ihr meine kinder, will ich klagen.
ders. David 4, 16 (werke 10, 96);
alles tritt um den wagen berum und klaget die gräfinn.
Zachariä Phaeton 5, 94;
Selinde klaget ihn und seines haars ruinen.
verwandl. 2, 129;
klaget, klaget der schönsten blume fall.
Wieland 26, 124;
ich klage nicht deine verwelkliche schönheit, o erde.
34, 131;
sie klagen laut der alten opfer versäumniss. Göthe 57, 44 (Iphig., erster entwurf);
und alle guten, schönen seelen klagen
theilnehmend deines ruhmes fall.
Schiller 20ᵃ;
welch unnatürlich sinnverwirrend leid
der könig klagen musz.
könig Lear 3, 1.
s. die gleiche fügung unter 2. 3 und 4.
f)
von gesang, musik: in die laute klagen (klagend singen). Klinger 10, 184, wie klage auch klagegesang ist. klagender gesang, elegischer, wehmütiger, weicher:
sanftklagend schwebt
die stimm und bebt
bald einzeln bald in vollem chor.
Voss (1825) 3, 178, von orgelspiel;
in den klagendsten sätzen eines adagio liegt oft mehr und tiefer gefühlte wohllust. Engel philos. f. d. welt (1775) 1, 9.
g)
so lassen denn die dichter auch den wind klagen, oder vögel und andere 'stimmen der natur':
man hört des wassers fall mit feuchter stimme klagen.
Ziegler asiat. Banise (1738) 688;
und ein einsam klagender wind jagte ihn vor sich her. Tieck 4, 122;
die berg im mondesschimmer
wie in gedanken stehn
und durch verworrne trümmer
die quellen klagend gehn.
Eichendorff 36;
es zittert die alte linde
und klaget der wind so schwer.
444;
die grünen grotten des waldes ertönen und klagen darüber.
Kleist frühling (1754) 36;
der zeisig klaget der schönen
sein leiden aus zellen von laub.
38;
fühle mich öd' und horche der klagenden grill' in der kammer.
Hölty 64.
bes. vom gesange der nachtigall, der ja auch in der griechischen mythe als klage aufgefaszt ist:
nachtigall, verliebte, klage
nicht so schmeichelnd durch die nacht.
Eichendorff 474.
vom girren der turteltaube, die ihren täuber verloren:
weinend muszt ich sie (die gattin) verlassen,
klagend wie die turteltaube.
Herder Cid 50.
ebenso bei röm. dichtern queri, querulus, questus von der nachtigall und andern vögeln, vom schreien der eule, dem zirpen der cicade, vom weichen tone der flöte.
h)
die jäger nennen noch klagen das ängstliche schreien von jungem rot- dam- und rehwild C. v. Heppe leithund 265; vergl. sich klagen von einem pferde bei Pinter unter 5; auch von dem quiekenden angstschrei des hasen gilt klagen in der weidmannssprache. vom fuchse: leichtere wunden können ihm kein klaggeschrei ablocken, vielmehr läszt er sich wie der wolf zu tode prügeln ohne sich zu beklagen. Heppe jagdlust 1, 390.
i)
die äuszerung eines heftigen und scharfen schmerzes durch schreien nennen wir übrigens längst nicht mehr klagen, die stimme des klagens ist uns jetzt mehr eine wehmütig gedehnte, ja so weit ist das wort abgeschwächt, dasz die blosze miene klagen kann: er sah mich endlich auf einmal mit einer klagenden miene an. Gellert (1784) 4, 409 (schwed. gräfin).
2)
Von der todtenklage, eig. vor leid schreien, s.klage 2.
a)
zunächst ein paar stellen, um die dort erwähnte ursprüngliche art dieses klagens vorzuführen:
der kaiser brach ûʒ sîn bart,
er viel (warf sich) zû der erde,
er sprach 'waʒ scol mîn (mit mir) nu werde!'
die brust bluwer ('bläute' er) mit den hanten ...
vil grôʒ wart di chlage sîn (folgt die gesprochene todtenklage).
Rol. 241, 26 ff.,
von kaiser Karls klage über Roland, er musz von einem engel ermahnt werden 'nine chlage du sô' u. s. w. 242, 28, wie er später von den fürsten 'beschworen' wird, daʒ er mâʒlîchen chlagete 259, 30;
si sluogen sich ze den (l. zen) brusten,
daʒ zerbrâsten die nuschen (l. nusken, spangen),
ir hâr rouften si ouʒ,
ir gewant brâchen si ouf,
vil harte si dô chlageten
den si verlorn habeten.
Diemer gen. u. ex. 155, 22 ff.;
wie lûte er (Etzel) wüefen began!
sam man hôrte ein wisenthorn,
dem edeln fürsten ûʒ erkorn
diu stimme ûʒ sînem munde
erdôʒ in der stunde (bei dem male, damals),
dô er sô sêre klagte,
daʒ dâ von erwagte
beide türne und palas.
Klage 310 ff., vgl. 786 ff.;
swie lûte ie der künic schrê,
die vrowen schriren alle mite.
326, s. dazu sp. 908 mitte;
vil manic magt von houbte brach
mit grôʒem jâmer daʒ hâr.
354;
daʒ liute (sg. n.) dort unde hie
wüefens unde schrîens phlac.
vil manegen grôʒen brustslac
sluogen in diu werden wîp.
438,
eʒ enwirt nimmer mêre
ich wæne geklagt sô grimme
noch mit sô lûter stimme,
sô wart geklaget Wolfbrant.
740.
b)
es hiesz nämlich trans. einen klagen (wie weinen) und das hat sich bis in die nhd. zeit fortgesetzt, nur dasz es nachher den schein einer dichterischen freiheit gewann, als wäre es statt beklagen gesetzt (vgl. 1, e):
der her schlug auch die hent zu samm
und clagt sein kint mit groszem leid.
Rosenblüt in den fastn. sp. 1144;
den Saul weinet und claget David nach seinem tod. Keisersberg s. d. m. 30ᵇ; darnach würde herzog George geweinet haben und das blut geklaget der ungehorsamen. Luther 6, 15ᵇ; daher lesen wir von dem heiligen erzvater Abraham das er Saram sein weib, da sie gestorben ist, klaget und beweinet hat. 2, 518ᵇ, klagen, nicht beklagen, trotz dem folgenden beweinen; da kam Abraham, das er sie (Sara) klaget und beweinet. 1 Mos. 23, 2; da hub der prophet den leichnam des mans gottes auf .. und kam in die stad des alten propheten, das sie in klagten und begruben. und er legt den leichnam in sein grab, und klagten in 'ah bruder!' 1 kön. 13, 29. 30; wird man auch .. dich klagen 'ah herr!' Jer. 34, 5; und werden in klagen wie man klagt ein einiges kind. Zach. 12, 10; beide gros und klein sollen in diesem lande sterben und nicht begraben noch geklagt werden. Jer. 16, 6. 25, 33, und oft noch;
die nachbaurschaft die gieng auch mit (zur leiche)
und klaget ihn nach altem sitt.
H. Sachs 1, 528ᵇ (1590 396ᶜ);
(N. Zriny) ward christlich zu der erd bestet
mit sechzehen streitfanen,
als volk ihn klagen thet.
Körners hist. volksl. 223;
da die Behem ihren herren todt sahen, da klageten sie ihn gar jämmerlich. buch der liebe 270ᵈ;
see und himmel musz es hören,
schlagt doch, schlagt euch für und für!
ich musz basz euch schreien lehren,
Hector ists den klagen wir (Hectora flemus).
Opitz 1, 213;
kein' ist die dir nicht zureisze
ihre mütterliche brust.
nun disz thun wir, dich zu klagen,
du des vaterlandes pracht (Hector).
214;
hier ist der ort zu klagen den, den die tolle welt
zum creuze hat verdampt.
Fleming 3;
ihr ... klaget euren mann.
315;
ihr klugen, derer faust die feder embsig führet
zu klagen dessen tod, der an die wolken rühret.
Logau 1, 1, 1;
der klagte seinen freund, der seinen vetter sehr
dasz er erschlagen ihm für seinen augen wer'.
Werder Ariost 14, 15, 3;
die verwandtinnen von den verstorbenen finden sich auch bei dem grabe ein und klagen dieselben. Heilmann Thucydides 211;
die freunde klagen ihn und weinen oft dazwischen.
Zachariä;
jetzo klagt er ihn trostlos und faszt das kalte behältniss
seiner gebeine mit sterbendem arm.
Klopstock Mess. 2, 124;
wirst auch diesen, so sie klagt
die vertilgten, du vertilgen?
oden (1798) 1, 272;
ich klage den Adonis, ihn klagen alle liebesgötter. Ramler einleit. in die schönen wiss. (1774) 1, 405. 408;
doch ich klage nicht euch! ihr fielet edel, mit wunden
für die gerechte sache geschmückt.
Wieland 16, 169;
auf dasz sie ihn klagen in ihrem pallaste.
Stolberg 12, 74;
uns klagst du nicht, und hast es fug!
Lichtwer fab. 1, 22;
jetzt am fernen strande klaget
dich dein armes mädchen hier.
Voss (1825) 4, 84;
öfter ach! verkehrt das geschick die ordnung der tage,
hülflos klaget ein greis kinder und enkel umsonst.
Göthe 1, 318 (Euphros.);
sein lied singt und klagt die verlorne. Tieck 4, 426; klage, mutter, den erstling deiner liebe. Hegner berg- land- und seereise (1818) 38.
c)
das gewöhnliche ist intr. klagen (oder trans. beklagen), mit über, um u. ä. (wie 1, d): das klagen über ein todten. Schönsleder; zum andenken des unglücks .. klagen und weinen sie jährlich um ihn (Adonis). Ramler a. a. o. 1, 404. auch einem nachklagen, wie nachweinen (eig. im leichenzuge hinter der leiche her?): dem verstorbenen (Th. Abbt) klagte das vaterland nach. Göthe 26, 111;
wir klagen, du erhöhte ...
dir stillen geistes nach.
Matthisson (1811) 1, 26.
das intrans. klagen kann aber in folgender weise wieder trans. werden, als reflexivum:
als eben auch sein (des schwans) weib ankam,
das sich in süszem gesange ihm nach zu tode geklaget.
Herder.
d)
zur todtenklage gehört auch einem das leid klagen Rädlein 539ᵃ, Frisch 1, 518ᵃ, einem sein mitleid wegen eines todesfalls abstatten, 'condoliren', eig. seine klage 'klagen helfen' (s. unter klage 2): so kommen oft maulfreunde, klagen das leid und sagen 'es ist ein groszes creuz, ein groszes unglück, mich jammert deiner'. Schuppius 258 (freund in der noth). schwäb. heiszt das abklagen bei der leichenbegleitung Schmid 315.
e)
klagen, trauer tragen, in trauerkleidern gehn, bair. schwäb. Schmeller 2, 354: da klagten in sein fraind mit binden umgeschlagen um ain hut. das war vor zu Augsburg nit gesechen worden (vgl. klagbinde). Birlinger Augsb. wb. 279ᵇ aus Sender Augsb. chron., 16. jh., zugleich noch trans., nach b; vgl.klage 2, d.
f)
bemerkenswert ist ein mhd. beklagen, in klage, trauer versetzen, das sich aus folg. ergibt:
dô sprâchen an den zîten (vor dem kampfe)
die edelen ritter unverzaget
'eʒ wirt maneges mâc beklaget
noch hînt von unsern handen'.
Mai 114, 10.
3)
Klagen wie klage 3, als ausdruck eines leides andern gegenüber, sodasz es zur beschwerdeführung oder doch mittheilung an einen andern wird, den man damit zur abhilfe oder doch zur theilnahme aufruft. in den meisten fällen hören wir jetzt letzteres vornehmlich in klagen, und es mischt sich vielfach mit der bed. 4, die nur eine einzelne anwendung dieser hier ist. wer z. b. über schlechte zeiten klagt, thut diesz gegen andere, die ihn trösten oder mitklagen sollen; der meister der über seinen lehrling klagt, wie faul er sei u. dgl., thut diesz etwa gegen dessen vater der abhilfe schaffen soll; auch der unglückliche, der einsam über sein misgeschick klagt, ruft dabei gott, den 'lieben gott', den himmel an, dem er 'seine not klagt' wie einem menschen, selbst wenn er etwa das einleitende ach gott! u. dgl. (vgl.ah bruder! unter 2, b 1 kön. 13, 30) nur noch als überlieferte wendung braucht. hier ist denn das urspr. 'schreien' ganz in ein 'sprechen' oder aussprechen des leides übergetreten.
a)
intransitiv: er klagt nun einmal gerne;
darumb dann wird der herr mein klagen
in dieser meiner schweren noht
nicht in den wind erzürnet schlagen
noch seinen beistand mir versagen.
Weckherlin 11 (ps. 4, 3), das klagen, wie sonst die klage.
α)
gewöhnlich auch hier mit über: wende deine augen nicht von dem dürftigen, auf das er nicht uber dich klage, denn der in gemacht hat erhöret sein gebet, wenn er mit trawrigem herzen uber dich klaget. Sirach 4, 5. 6; man darf uber keinen mangel klagen an seiner (gottes) hülfe. 39, 23; wiewol uber diese (kurzsichtigen) nicht so gar hoch zuklagen (μέμψις ὀλίγη) ist. weish. Sal. 13, 6; so glaubt nicht selten ein witziger geck, dasz man ihn für keinen schönen geist halten werde, wenn er nicht über kopfweh und hypochonder klage. Lessing 1, 165; er klagt über brustschmerz oder auch über die brust.
β)
früher auch mit von oder ab:
die fraw von irem manne clagt,
der kume vom wein halb in die nacht.
fastn. sp. 1111;
der eeman clagt von seim eeweib.
das.;
der trinker klagt auch vom weinschenken.
1112,
vgl. Luther an den adel unter γ, eig. 'klagend reden von'. mit ab (s. 1, d): es hat auch vil heftige herrschaften, ab welchen die underthonen seer klagen. Frank weltb. 42ᵇ; damit er ab gott nit zuklagen hab. Agricola spr. 230ᵃ.
γ)
mit objectivsatz oder mit anführung der klagenden worte: der narr klagt 'mir ist niemand trewe, niemand dankt mir fur meine wolthat'. Sirach 20, 17; das volk, welches klaget das weder glaube noch trewe in Alcimo were. 1 Macc. 7, 18; ich klag hie nit, das zu Rom gottis gepot und christlich recht vorachtet ist, dan szo wol stet es itzt nit in der christenheit, sonderlich zu Rom, das wir von solchen hohen dingen klagen mochten. ich klag auch nit, das das naturlich odder weltlich recht und vernunft nichts gilt, es ligt noch alles tiefer im grund. ich klag, das sie ihr eigen ertichtet geistlich recht nit halten. Luther an den chr. adel D 1ᵃ, für diesz das wird ein gut geschulter stilist jetzt darüber dasz schreiben (nach dem logischen schullatein), die frische warme rede reicht noch jetzt mit dasz aus.
δ)
der an den sich das klagen richtet, wird meist mit gegen bezeichnet: er klagte gegen mich bitter über neue zurücksetzung. früher auch mit bei (wie noch beim gericht u. ä.): bei einem über seines nachbars bosheit klagen, bei einem über seines vaters unrecht klagen. Steinbach 1, 858, auch von Frisch angeführt. landschaftlich auch mit vor (thür.), wie wieder auch vor dem richter (sp. 923 unten).
b)
aber auch hier wie überall erscheint das nhd. klagen noch transitiv, wie mhd., z. b. den hunger klagen Parz. 131, 23, wo jetzt beklagen oder klagen über etwas herscht.
α)
mit einer person als object, der ein unglück widerfahren, an klagen 2 sich anschlieszend: also weinet und klaget der edel Peter mehr die schöne Magelona denn sich selber. buch d. liebe 39ᵃ; die stiefmutter weinete auch, klagte mich, sprechende ich erbarmte sie sehr, dasz mich der teufel also gereizt hett. 182ᵃ
β)
mit dingen als object, theilweis bis in die gegenwart:
und (wein, du) machst das maniger sein hawpt ser clagt,
wenn er die trunk zu grosz hat gemacht.
weingrusz, altd. bl. 1, 404;
dar zue so klagt er (der kranke) nür die lend.
fastn. sp. 1060, 10;
ich denk der tod sei ihm fast nach (sehr nahe),
weil er gestern das herz sehr klagt.
H. Sachs 3, 2, 36ᶜ;
was klagstu dann des flaisches last,
des du gar kürzlich würdst ain gast (ihm fremd wirst).
Schwarzenberg 140ᵇ;
klag dein sünd und bit vergeben.
114ᵇ;
des mannes haus wird billich abgebrand,
der wasser klagt und hat es bei der hand.
Opitz 3, 72 (Judith 1, 1),
d. h. der über (mangelndes) wasser klagt; armuth klagen, se plaindre de sa pauverté. Rädlein 539ᵃ;
ein schnuppen, den ein groszer klagt,
wird in der welt herumgesagt.
Schiller bei Viehoff erläut. von Schillers ged. 1, 254;
aber wenn sie dünste plagen,
milz, kolik und kopfschmerz klagen.
Klamer Schmidt kom. dicht. 2, 127;
sie klagen mit den bängsten tönen
die grausamkeit der Sarazenen.
Novalis 1, 105 (Stuttg. 1837).
γ)
in allgemeinem gebrauche ist das nur noch mit kleinen wörtchen, wie nichts, was u. ä. als object: hergegen in Frankreich haben die poeten nichts zu klagen, es wird ihre kunst daselbsten hoch geschätzet. Wagenseil de civ. Noribergensi s. 561, doch schwankt da nichts, wie im folg. was, zwischen haben und klagen als obj.; du hast immer was zu klagen, lamentaris perpetuo. Stieler 962; er klagt und weisz nicht was er klagen soll Rädlein 539ᵃ, er erklärt damit das sprichwort 'er klagt über weisz brot', egli si lamenta di gamba sana, il se plaint que son épouse est trop belle; was klagest du? quo malo afficeris? Steinbach 1, 858; was klagt er, wo thut es ihm weh? Frisch 1, 518ᵃ;
ich komme hier vom prinzen, unserm feldherrn,
zu hören was ihr klagt.
Shaksp. Heinrich IV. 2. th. 4, 1.
δ)
wo klagen gleich 'klagend sagen' ist: welchs klaget auch s. Peter über euch, 2 Pet. 2, 'sie reden prechtige wort, da doch nichts hinder ist'. Luther 5, 84ᵇ;
sie (die natur) liesz im schmerz mir melodie und rede,
die tiefste fülle meiner noth zu klagen.
Göthe 9, 244, klagend auszusprechen.
ebenso in nachklagen, klagend nachsprechen.
(wenn) philomelens schmachtend lied
aus meinem herzen seufzer zieht
und manches ach,
den (wol die) klagst du nach.
lied an das echo, Becker lieder u. weisen vergang. jahrh. 3, 73.
ähnlich in einem etwas oder viel vorklagen. Fest begründet dagegen ist der trans. gebrauch mit einem sachlichen object und dativ der person:
c)
einem etwas klagen, einen schmerz, ein leid, beschwerde u. s. w. einem andern klagend (d. i. eig. schreiend, anrufend) mittheilen, um von ihm abhilfe oder doch erleichternde theilnahme, trost zu erlangen: alle die mich sehen, spotten mein ... 'er klags dem herrn, der helfe im aus und errette in!' ps. 22, 8. 9; mindert sich nicht unsere unruhe schon indem wir sie einem freunde klagen? Gellert.
α)
nur selten mit bloszem dat., sodasz der acc. der sache zu ergänzen ist: wir haben euch gepfiffen (musiciert) und ir woltet nicht tanzen, wir haben euch geklaget und ir woltet nicht weinen. Matth. 11, 17; gott und menschen klagen, dei hominumque fidem implorare. Steinbach 1, 858; er klagt (es) allen leuten wie unglücklich er ist;
laszt seinen sarg eröffnet, tretet her,
klagt jedem bürger, der gelebt wie er.
Göthe 13, 136, auf Miedings tod.
β)
einem seine not klagen, impertiri alicui suum dolorem. Stieler; er klagte mir sein elend, seiner eltern tod. Steinbach;
komm zu mir in garten,
komm zu mir in klee,
und klag mir dein jammer
und klag mir dein weh.
hess. volksl. Erk liederh. s. 254;
er klagte seinen verlust einem advocaten. Abele selts. gerichtsh. (1684) 2, 115;
ich halts dafür, wenn wir es wagten,
einr dem andern (als beichtvater) die sünde klagten,
es solt wol sein so angenem (gotte),
als ob keiner (irgend einer) gen Rome kem.
Waldis Es. 4, 1, 78, vgl. sp. 921;
du klagst mir deine blässe, kind.
Götz 1, 11;
sie lassen sich vielmehr meine unzufriedenheit klagen. Gellert (1784) 4, 123. Dieses klagen enthält aber ein wichtiges stück des gemütslebens unserer vorfahren und ist genauerer betrachtung wert.
γ)
man klagt sein leid oder ein erfahrenes unrecht zunächst den seinigen, die es wenigstens klagen helfen (Parz. 215, 4, vgl. sp. 908 mitte); daher wird in einer klage formelartig hinzugefügt 'das klage ich dem und dem', wie im folg. (und wie unter δ 'gott seis geklagt!'):
mîn tohter frumt mir herzesêr ...
daʒ klag ich guoten friunden.
Wolfram Willeh. 351, 3.
daher wurde einer höhnend so heimgeschickt:
marggraf, lasz dichs nit verdrieszen,
zieh du nur wiederumb heim,
und clag es deiner mutter,
wie es dir ergangen hat,
auch deiner lieben schwester,
zu Sachsenhausen vor der stadt.
Soltau 1, 412 (die satzverschränkung wie bei Walther 65, 25. 27. Nib. 332, 2. 3);
man schos nach in mit freuden nu (bei ihrem abzug)
und pfiff (blies) in ein liedlein darzu:
'hat dich nu der schimpf gerawen,
so zeuch du es wider enheim (anheim)
und klag das denn deiner frawen'.
2, 238, belagerung Leipzigs 1547;
unglücklich ist wer niemand hat dem er sein leid klagen kann ohne spott statt trost zu finden:
die bluotvarwen helde und ouch harnaschvar
trâten ûʒ dem hûse (nach dem kampfe) und die drî künege hêr.
si enwessen wem ze klagenne ir vil grœʒlîchiu sêr.
Nib. 2025, 4, alle die ihrigen sind fern.
das rief man denn dem gegner höhnend zu:
die herren ab dem Rine
und ab dem Bodense,
hetens das mäjen (mähen) lan sine,
es (das mähen) tet in niemer we! (d. i. hätte ihnen nimmer weh gethan)
he! wem wend (wollen) si es nun clagen?
Halbsuter Sempachlied, Liliencron 1, 138, leseb. 930, 26;
herzog Hinrich hôf to klagen an
'hedde ick dê von Bronswigk to freden lân! ...
oft (wenn) mî darumb wat wedderfêrt,
des dorf ick nêmant klagen!'
Soltau 2, 198;
niemand klagt es, ewr ist die schuld.
284;
und dürfens niemand klagen.
312;
den schaden müszt ir haben,
schand und spot auch darmit,
ir derfens kaim pfaffen klagen,
es hat kain end noch nit.
228,
man klagt nämlich dem beichtiger seine sünden (vgl. Waldis u. β):
er (der Antichrist) tuot uns alte sünde chunt,
die wir niht chlagten (l. chlageten)
den bîhtern die wir hâten (l. habeten).
fundgr. 1, 203, 7.
δ)
besonders aber gott als oberstem vater und richter (s. 4), wird leid und schuld geklagt (vgl. gramm. 4, 846):
iu (Hagen) und got von himele klage ich unser nôt.
Nib. 1889, 3;
nû clag ich gote mîn ungemach,
daʒ ich nû niht ersterben mac!
Iwein 1890;
gote und guoten liuten (wollen wir) clagen,
wie uns grôʒ êre ist benomen.
6322;
alle fürsten lebent nû mit êren,
wan der hœhste ist geswachet:
daʒ hât der pfaffen wal gemachet.
daʒ sî dir, süeʒer got, gekleit.
Walther 25, 23;
daʒ sî dir, herre got, gekleit!
Wigalois 129, 22;
der vater sprach 'daʒ erbarme got
und sî im immer gekleit
daʒ diu unreht sint sô breit!'
Helmbr. 1021;
got herre, daʒ sî dir gekleit!
Renner 11936;
got her, lâʒ dir geklaget sîn!
11870;
muͤsz wir denn beide sterben,
so sei es gott geklagt!
hürn. Seifr. 142;
o herre gott! ich klag dir als mein laid
und den irrsal der ganzen cristenhait.
Uhlands volksl. 423;
nun musz gott ewig klaget sein.
280;
graf Fridrich sprach 'ich armer man!
bin, gott seis klagt! selbst schuldig dran'.
281 (vgl. sp. 908 mitte);
herr gott, dir thue ichs klagen,
den jammer und die noth ...
lasz dichs erbarmen gott.
Körners hist. volksl. 211;
aber es ist (gott seis geklagt)
alleine an die freund gewagt.
Ringwald laut. warh. 338.
diesz 'gott seis geklagt!' ist noch unter den leuten eine beliebte zuthat zu bitterm klagen, wie dasz gott erbarm! u. ä. Auch der Maria wird geklagt, und den heiligen:
ach Maria, mutter, raine maid,
himmlische kunigin, dir sei kleit,
grosz sund und missethat,
die mein armer leib begangen hat.
Pichler drama des mitt. in Tirol 56;
si klagtends Mariä der reinen magt
und Jesu dem vil süszen.
Uhland volksl. 442;
klagt sanct Joseph euren jammer,
thut ihm auf die herzenskammer.
Ditfurth fränk. volksl. 1, 55ᵇ;
Erasme, den witwen und waisen vor gott
ein helfer sei, wenn sie dir klagen ihr noth.
1, 68.
ε)
noch an andere wesen wendet sich die klage. so klagt in einem niederl. liede ein unglücklich liebender sein leid seinen augen, weil er niemand anders hat, vgl. Wolfram lied. 10, 12, der seinen augen 'dank sagt':
rijk god, wie (wol wien, wem) sal ich claghen
dat heimelijk lijden mijn? ...
ick vinde mi bedroghen,
dat clage ic minen oogen.
hor. belg. 11, 207,
ähnlich wie Bernger von Horheim, um verschwiegen zu sein, sein leid seinen gedanken klagt, gleichsam seinem gesinde (vgl. minn. frühl. 181, 26 und dazu Germ. 10, 143):
daʒ verswîge ich als ich wole kan
und klage eʒ den gedanken mîn.
frühl. 115, 17.
Aber auch den felsen, bäumen, wäldern, der ganzen natur wird das leid geklagt (myth. 613), s. z. b. die lange klage Lucifers bei seinem sturz in einem schauspiel des 15. jh., der die ganze welt einzeln klagend anruft, Pfeiffers Germ. 3, 268: ach ir lebenden stein, ir wilden rein, ir liehten ouwen, wer gît mir, daʒ daʒ inbrünstig fiur mîns vollen herzen und daʒ heiʒe waʒʒer mîner kleglichen trehen iuch erwecke, daʒ ir mir helfent klagen daʒ grundelôse leid .. daʒ mîn armeʒ herze sô tougenlîche treit. Suso in Wackernagels leseb. (1859) 1033. die stelle offenbart den vollen sinn dieser art klage: das leid ist ein geheimes und musz es bleiben, der klagende wendet sich darum an die 'todte' welt, die er erwecken möchte mit seiner inbrunst, dasz sie statt der menschen ihm klagen helfe.
sie wandelt da im weiszigen kleid
und klaget da dem wald ihr leid.
Stillings jugend (1779) 37;
wie oft zerrisz es meine brust! wie oft
klagt ich dem stillen hain mein leid um dich!
Göthe 9, 138;
hier klag ich verborgen
dem thauenden morgen
mein einsam geschick.
1, 42;
felsen klag ich meine sache.
41, 37.
den vögeln: gienge ich in den wald hinein, meine noth aufs wenigste den vögelen zuklagen und durch ihren lieblichen gesang irgend eine labsal zu erschnappen. Philander ges. 1644 s. 586. gemsen:
ich guͦt gesell ward uszgericht
von der wilden magt.
das sei den wilden gemsen clagt!
Hätzl. 282ᵇ,
vielleicht weil die zu fern sind von menschen, um es verraten zu können. so ausdrücklich in einem neueren volksliede:
schätzchen, wenn du krank wirst sein,
wem klag ich mein leiden?
'klag es einer grünen tann,
die dich nicht verrathen kann'.
Prutz deutsch. mus. 1857 nr. 19 s. 707.
doch erinnert das zugleich an den hie und da noch bestehenden gebrauch, dasz ein todesfall im dorfe von einem haus zum andern, vom letzten aus aber einem baume im walde 'angesagt' wird. Noch jetzt lebt es in redensarten, dasz man einem steine klagt: it si enem steen geklaget! Lauremberg 2, 325 mitten in einer bitteren klage über den wachsenden luxus. in Leipzig sagen noch alte leute, denen eins z. b. seinen schnupfen klagt, 'klags einem steine!' wie um das übergehn der krankheit auf sie abzulenken auf den stein, dem es nichts schadet; auch am Harz ist der glaube, das klagen übertrage das leiden (einem etwas anklagen), daher thut der klagende als richte er die klage an den stein und beginnt mit 'steine klât!' in Meklenburg klagt man einem sein unglück mit dem zusatz stên un bên to klagen, auch beim loben eines kindes wird das als schutzformel zugesetzt. merkwürdig geschieht auch dem ofen diese ehre, dasz man ihm klagt (myth. 595), er ist ja in der stube das einzige wesen der art.
4)
Vor gericht, gerichtlich klagen Es ist im grunde eine anwendung der bed. 3, ein erfahrenes unrecht dem richter klagen, seine hilfe 'anrufen' (der richter soll dem kläger rechtes 'helfen' z. b. richtst. landr. 34, 6), und zwar mit schreien, wie ursprünglich in den andern bedeutungen, s. sp. 910, vgl. Haltaus 684 fg., rechtsalt. 854. 876; eine wirkung des deutschen wortes musz es sein, dasz mlat. und altprov. clamor klage bedeutet, clamans der kläger, altfrz. clamer klagend fordern, prov. clamar, engl. claim, vgl. unter 5. Die urspr. einheit mit der bed. 3 zeigen deutlich die alten klagformeln, wie sie z. b. das Freiberger stadtrecht an mehreren stellen vorschreibt: sô sal der munzmeister (gegen einen falschmünzer) teidingen alsô oder sîn vurspreche alsô: he klaget unseme herrengote, unsem herren dem marcgrêven und ûch herre her richter, und allen den die vride und genâde wollen haben, ubir denselben Herman, der dâ kegenwertic stêt, sînen velscher u. s. w. Schott 3, 183. 208. 212. 228. 238. 249. in den Magdeburger fragen: so klage ich gote von himmele, meinem herren dem könige, meinen herren den ratmannen, meinen herren den scheppen, euch herre richter .. obir A. B. Behrends ausg. s. v. im richtsteig landr.: her richter, ic clage gode unde ju, dat Peter u. s. w. 16, 1; her richter, so steit hir N unde claget unseme heren gode unde ju in gotes stede 31, 3; also auch an gott und alle guten in der gemeinde wird die klage gerichtet. Der gebrauch ist
a)
intransitiv.
α)
absolut: er will klagen, hat geklagt, eine klage eingebracht, die sache vor gericht anhängig gemacht: ich hebe meine hand auf und klage! klage! klage! Göthe 8, 160;
er klagt. Selinde musz sich stellen.
Gellert (1784) 1, 89;
man untersucht, man zankt,
man klagt. umsonst, der rechte ring war nicht
erweislich.
Lessing 2, 278 (nachher wie gesagt, die söhne verklagten sich 279).
β)
der gegner wird mehrfach bezeichnet. jetzt gegen oder wider einen klagen, älter aber über einen (noch bei Adelung), es ist mhd. das gewöhnliche: über einen bei gerichte klagen, actionem intendere alicui, er hat über mich geklagt, vocavit me in jus. Steinbach. früher auch mit auf (wie bei klage sp. 910 unten): claget man aber uffe sie, sie mûʒen antwurten. Ssp. 3, 16, 3; clagit aber des mannes nêheste swertmôge ûf den umme den tôtslag. Magdeb. fr. s. 186; Charicles ersihet Theagenem, zeucht in mit gewalt für den könig, klaget schwerlich auf in. buch der liebe 228ᵃ; es ist alls war, was er auf mich geklagt hat. 228ᶜ. mit zu: ab ein man clagete zû deme andern, das her .. Magd. fr. 165. 184 u. ö.; der klagete zû einer vrouwen umbe gelt. Kulm. recht 1, 19, kräftiger mit hin ze, s. gramm. 4, 845. mit an: an swen er dâ chlagt. gramm. a. a. o., daher anklagen. auch mit ab, wie unter 1 und 3: wir müssen selbs ab uns klagen. Agricola sprichw. 369ᵇ;
das gricht ward auf geschlagen ...
die sechs die kamend geritten
die ab Rumensattel klagtend.
Uhland volksl. 306.
γ)
der gegenstand, klaggrund wird jetzt mit wegen bezeichnet, kaum noch mit über: klagen über angethanen schimpf, injuriarum belangen. Rädlein. früher auch mit um, z. b. umbe ungerichte clagen Ssp. 1, 61 u. o., umbe schult 3, 79, 2. mit auf: ich klag auf deinen geit, avaritiam in crimen et judicium voco (Cic.) Fris. 1410ᵇ, Maaler 244ᵈ; gewöhnlich zur bezeichnung dessen was man klagend erlangen will, in anspruch nimmt (fordert): ûf erbe clagen. Ssp. 3, 79, 2; claget ein burger ûf den andirn ûf gût. Magd. fr. 2, 2, 3ᵃ. gerade diesz hat sich aus der groszen manigfaltigkeit der alten rechtssprache erhalten: auf die ehescheidung, auf eine ehrenerklärung, auf eine schadloshaltung klagen. Adelung. früher ebenso nach, klagen nach eines leben, nach leib oder gut, s. Haltaus 1092. gr. 4, 846; es darf (braucht) keiner klagen noch uberweisung (überführung). Luther br. 4, 423. ob auch mit gen? so die eltern nicht des clagen weisth. 4, 894, aber der gen. kann auch blosz von nicht herbeigeführt sein. Aber früher auch hier
b)
transitiv,
α)
mit accus. der sache: was dem dorfmeister nicht geclagt wird, hat man nicht gerugt. weisth. 4, 894; ungerichte clagen ûf einen. Ssp. 2, 8. 3, 12, 2; inhât aber si (die klägerin) der geclagten sache kein gezeugnus. Prager rechtsb. bei Rössler 1, 126; wo der kleger den argkwon und verdacht bewisen hat, oder die geklagt missethat sunst unlaugbar ist ... Carolina § 15; wo der beklagt nichts bekennen und der ankleger die geklagten mishandlung beweisen wolt. § 62 u. o.; dasz der geklagte trunk (des esels, der dem kläger eine schüssel malvasier ausgetrunken) nur ein unerfänglicher willkomm oder sonsten ein ehrentrunk gewest sein müsse. Abele gerichtsh. (1684) 1, 94; dasz er dannoch die völlige geklagte summa unweigerlich zu bezahlen willens seie. 1, 43, auf die geklagt worden war (die eingeklagte); hab ein anliegen gehabt, welches er bei der canzelei zu Marpurg hab klagen wollen. Schuppius 792, klagweise vorbringen.
β)
aber auch mit accus. der person, wie noch anklagen, verklagen: einen klagen, verklagen, bair. Schmeller 2, 354, tirol. Schöpf 319; auch das musz alt sein (vgl. Haltaus 1093). folgende ältere beispiele meinen nicht gerichtliche klage, zeugen aber doch dafür, denn sie sind von daher entlehnt: gleich wie sie gewonet (sind) andere leute zu klagen und ire widersacher verdammen und versprechen. Luther 1, 167ᵃ; das er mehr ursach hette ihn zu verteidigen als zu klagen. Butschky Patmos 765.
c)
auch hier zeigt sich spurweise die erweiterung des begriffes wie bei klage sp. 911: die klagende partei. teutsch-engl. wb. Lpz. 1716; mit einem klagend verfahren, accusatorie cum aliquo agere. Steinbach 1, 858, wie klage vom ganzen verfahren des klägers. auch gegen einen klagen, mit ihm im process, 'in der klage' liegen, selbst mit einem klagen soll so vorkommen.
d)
man klagt bei gericht, vor gericht, früher auch vor dem richter (vgl. sp. 919 mitte): vor dem greven clagen. weisth. 3, 457.
e)
übertragene anwendung, wie schon unter b, β:
wie elend, hör ich manchen klagen,
ist nicht diesz mährchen ausgedacht!
Gellert 1784 1, 47 (die reise),
den dichter gleichsam anklagen, das dafür gewöhnlich ist.
5)
Endlich sich klagen, früher sehr gewöhnlich wie jetzt noch sich beklagen und von haus aus wol ebenso gemeint wie dieses, 'sich selbst beklagen', nach dem trans. klagen 1, e. 3, b. es musz alt sein, dafür bürgt wol altfranz. se clamer, altprov. se clamar (auch gerichtlich, s. unter 4); auch ist es ahd. bezeugt (Graff 4, 550), mhd. häufig, wie auch sich beklagen (Neidhart 76, 1. 90, 29. Höfer urk. 83):
ich chan mich zwar (in der that) nicht ab dir clagen,
du tuost meinem herzen guetleich.
Hugo von Montfort im leseb. 1, 954, 34;
wer nit mag haben wol für guͦt
was man umb zimlich lon im duͦt,
der soll zuͦ ziten sich nit klagen
ob man im arbeit duͦt versagen.
Brant narr. 59, 17;
pfaffen, mynchsorden sint vast rich,
und klagent sich, als werent sie arm.
63, 5;
jeder redt was im eben (passend) ist
und klagt sich do in druckt der schuͦch.
110, 21;
darneben was er sich klagen (beklagte es),
das den held nit het geschlagen
das pulfer sein haubt enzwei.
Teuerd. 39, 47;
darumb ich mich des billig klag.
Murner schelm. 105ᵇ,
mit gen. des obj., wie mhd. (wb. 1, 833ᵃ, 48), vgl. sp. 923 mitte, und hier zuletzt; darnach klagt sich Hannibal vast ab seinem volk (in Campanien). Schöfferlins Livius 124ᵇ;
daselbst nit half was er sich klagt (der reiche mann in der hölle),
ain wasserdropf ward im versagt.
Schwarzenberg 110ᵇ;
ich armes meidlein klag mich ser,
wie will mir nur geschehen!
Uhland volksl. 135;
ich armer sünder klag mich sehr,
wie soll mir nun geschehen!
Frankf. liederb. nr. 7. Körners hist. volksl. 224;
klagt er (der ehemann) sich wenig so fragt sie viel (die gute frau), klagt er sich viel so fragt sie in wenig. Fischart Garg. 71ᵇ (121); das die ketzer .. sich nicht mehr zuklagen haben. bien. 155ᵃ; wann sich uber disz alles der kranke am euszersten theil des glieds auch klagt. Würtz 152;
man klagt sich hart, und ist auch wahr,
dasz all handwerk verderbt sein gar.
Scheibles flieg. bll. 169, 17. jh.;
und er (d. i. herr) Ulysses selbst, den iedermann hoch klaget,
der klagt sich selber nicht.
Opitz 1, 246 (Trojan. 1322). 1, 353;
da ich mich klag ab meiner pein.
2, 163;
so kompt er gern zu dir, klagt sich und fragt umb rath.
Olearius pers. rosenth. 2, 21;
wie einem lämblein dir anjetzund es ergeht,
das bei der nacht im wald alleine traurig steht
und klagt sich hin und her mit schreien und mit blecken.
D. v. d. Werder Ariost 8, 76, 5.
ebenso von einem pferde (vgl.klagen vom wild unter 1, c a. e.): das pferd fället oft nieder, walzet sich und klaget sich mit wehklagendem kreisten. Pinter 410;
sie wissen schon, es zeigt viel gutes an,
wenn sich die jungen weiber klagen.
Gellert 1784 1, 114 (die kranke frau);
sie wissen es, ich klage mich nicht so leicht. nein, jungfer muhme, es musz mir viel fehlen, ehe ich sage dasz mir etwas fehlt. 3, 386 (die kranke frau, 1. auftr.); sobald sich eines im hause klaget, so verbiete ich ihm das essen. 3, 250 (225, los in der l. 2, 2). noch z. b. in Sachsen, er klagt sich seit gestern, er hat sich schon lange geklagt; in südlichen mundarten noch mit gen. (s. vorhin Murner) sich seines kopfes klagen Adelung. vorarlberg. si klaga sich beschweren Frommann 3, 529. 533. S. auch abklagen, anklagen, aufklagen, ausklagen, beklagen, einklagen, erklagen, mitklagen, nachklagen, verklagen, wiederklagen.
Zitationshilfe
„klagen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/klagen>, abgerufen am 16.10.2019.

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