Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

klinke, f.

klinke f
obex, pessulus (am schlusse einige andere bed.).
I.
Bedeutung und gebrauch.
1)
jetzt denkt man bei klinke an den 'drücker' (s.daumendrücker) am thürschlosse älterer art, mit dem man drückend den riegel des schlosses aus dem klinkhaken hebt, und schon Stielers 'manubrium' unter klinkenschlosz musz das meinen (vgl. seine erklärung von klinke 983). daher auf die klinke drücken, um die thüre zu öffnen:
da drückte
leise der sohn auf die klinke und so verliesz er die stube.
Göthe 40, 257;
kein schlüsselloch war zu sehen, keine klinke, kein klopfer. 24, 81; hatte er die klinke in der hand um aufzudrücken. Immermann Münchh. 3, 25 (45), deutlich der drücker. sprichwort abgegriffen wie eine accisklinke. ich biete euch beiden trotz, dasz ihr mir an die klinke greifet. Chr. Weise comödienpr. 215.
2)
eig. aber ist klinke der riegel selbst, wie schon das 'klinkhaken' bezeugt.
a)
der auf und nieder gehende riegel den der erwähnte drücker bewegt, 'einfallender thürriegel' Richey: die klinke ist eingefallen, die thür ist zu oder eingeklinket (das häklein darein die klinke fället, the catch of a latch). Ludwig teutsch-engl. wb. 1032; aber auch 'die thüre fällt in die klinke' (wie ins schlosz), wenn man sie zuwirft; die thür ist nicht in der klinke, nicht eingeklinkt. thürklinke, hausklinke (Steinbach).
b)
es hiesz aber auch die klinke (los) ziehen, öffnen:
und zögst (du) die klinke los ...
wie schnell spräng ich hinauf (zu dir)!
Göthe 2, 98.
eine klinke mit einem riemlein, daran man ziehen musz, a draw-latch. Ludwig, es musz die alte vorrichtung sein um die klinke von auszen zu öffnen. so schon deutlich bei Jeroschin, er erzählt von einem misglückten sturme der Samen auf die burg Fischhausen:
(als der haufe) was kumin an daʒ burgetor,
der pfortin rîme hînc hin vor (vorn heraus).
îdoch si got sô blante (blendete),
daʒ ir keinir irkante (sah, s. sp. 538 e)
den rîmen noch des wart gewar.
jâ wêr di burc gewesin gar (völlig)
in geoffint und verlorn,
hettin si di snûr irkorn (gesehen),
dî an di clinke was gehaft.
diz hette eines vingers craft
dâ vil schedelîch volant (fertig gebracht).
12023 ff.
c)
früher wird es als riegel überhaupt angegeben, ohne dasz die form bezeichnet ist; pessulus, repagulum, riegel, grändel, klinke. Apherd. bei Frisch 1, 523ᶜ; oft in vocc. bei Diefenbach, auszer pessulum ('holzen riegel') klingke, klink auch clepa (s.kläppe), clocerium, tendicula in janua (eig. wol der zugriemen unter b) linta, vgl. bei Trochus R 2ᵃ lingua (an der thüre) ein klinke die erklärung gibt oft auch falleisen, fallschlosz 128ᵃ. 431ᵇ. 332ᵃ, sodasz es auch da 'fallender riegel' sein wird, es war vielleicht nie etwas andres (doch vgl. 5).
d)
bildlich:
gleiches denken, gleiche schmerzen
sind die klinke zu dem herzen.
neu eröffn. musencab. (Lpz. 1702) 1181.
3)
früher auch als schlagbaum, fallriegel im groszen maszstabe, im Elsasz nach folg. (vgl. Scherz 797): die mahtent sich by sant Crüze, do ettlich klinken stont und der weg so enge ist, das nit über zwene nebent einander geriten mögent .. velletent die klinken nider. Königshofen 935. so nach Dahlmann Neocorus 1, 418 noch holst. klinke m., vielleicht auch einst in Brandenburg, s. Homeyer richtst. 513. 542 über die dortige gerichtsstätte tur klinken (50, 3).
4)
eine übertragung von der thürklinke scheint klinke am webtuhle vom sperrkegel.
5)
unsicher bei Stilling: nun erkannte man, warum die frau weggelaufen war. man entschlosz sich also, an jeder thüre und öfnung im hause vorsichtige klinken und klammern zu machen. jug. (1779) 58. ob gewöhnliche riegel? wahrscheinlicher gehört es doch zu IV, 1.
II.
Verbreitung des wortes.
1)
das jetzt als schriftdeutsch geltende wort ist nicht oberd., die thürklinke heiszt schwäb. bair. schnalle, schlinke, oberrh. schweiz. falle, aber klinke kennen die oberd. wbb., noch Denzler 1716 nicht. der Nürnb. voc. ex quo von 1482 hat zwar schon klink clocerium nach Dief. 128ᵃ (nr. 70), aber nicht der voc. th. 1482 aus derselben druckerei (schlink cc 4ᵇ), jenes musz also frühe einwirkung vom norden her sein, wie das klinke im Elsasz.
2)
aber in md. und nd. landen ist es von jeher heimisch; wie in den mehr westmd., auch nd. vocc. bei Dief. unter I, 2, c, so in ostmd.: pessulum, clinke Bresl. voc. 15. jh., Schröer voc. von 1420 nr. 2082, obex eine clinke 1846, und schon in mhd. zeit (s. unter I, 2, b): varnt ûf des himels klinken. Frauenlob s. 21; so mieszen di clinken vallen. Elegast (Germ. 9, 337). auch nl. klink f., und dän. klinke, schwed. norw. klinka (auch alt), isl. klínka.
3)
entlehnt ehstn. klink (link), finn. klinkku (auch schleuder), litt. klingis 'linge an der thür' Mielke (auch klinge, und halseisen), niederwend. klinka (s. klinkenschlagen), eigen polnisch klamka. aber auch franz. neben loquet dial. clinche, norm. clanche, alt clenque Diez 596 (2, 250).
III.
Formen und herkunft.
1)
eine nebenform heiszt klinge, so in Thüringen und weiter, s. Mielke vorhin, Jungmann nachher; dasselbe ist wol kleng f. klinke im ungr. berglande Schröer 70ᵇ (vergl.klenk pessulum Mones anz. 7, 163, rhein. 15. jh.); schon im 15. jh. kling pessulum Dief. 431ᵇ, clepa 126ᶜ (s. I, 2, c), vgl. Mathes. u. klinkenschlagen.
2)
besonders wichtig eine andre nebenform klunke: wird derohalben besser sein, einen andern das thor offen thun zu lassen und die finger nicht zwischen die klunke zu stecken. allerh. selzame würme 1650 s. 53 (zur sache s. sp. 1140 d); das zeigt alten ablaut, wie z. b. schunken neben schinken, und in norm. clanche vorhin kann die dritte form versteckt sein.
3)
eine dritte nebenform zeigt sich nur auswärtig: engl. dial. click klinke (im maschinenwesen sperrkegel, s.I, 4), vgl. clicket a latch-key Hall. 255ᵃ; auch fürs festland bezeugt in champagn., wallon. cliche klinke, picard. cliquet fallriegel Diez a. a. o.; 'kligke' Dief. 431ᵇ mag nur verschrieben sein für klingke (s. I, 2, c), böhm. klika 'schnalle, klinge an der thür' b. Jungmann, Šumavsky klingt wol blosz zufällig an, es bedeutet auch haken, kurbel u. ä.
4)
das stammwort ist zwischen diesen nebenformen zu suchen.
a)
den formen nach bietet sich dafür ein wort mit der bed. schlagen, klappen (nur hd. nicht, wie klinke selbst): nl. klinken, klonk (urspr. klank), geklonken schallend schlagen, klink m. schlag, klaps; mit gleichem ablaut engl. dial. clink und clank starker schlag, schott. auch to clink, clank, to beat smartly; auch schwed. klinka klopfen, schlagen dasz es klingt Rietz 328ᵃ. es ist eine schwesterform zu dem in der bed. schwächeren klicken (klacken, klocken) sp. 1159, wie zu klappen, klippen, klopfen sich das verlorne starke verbum verhält das sich in klampern, klimpern, klumpern andeutet (s.klapf 4, b), s. dazu klippen 3. zu klinken stimmen klinke, klunke, clanche, zu klicken ebenso click, cliquet.
b)
und auch für die bed. scheint das brauchbar. das wesen eines guten riegels ist scharfer verschlusz, und das verrät sich in seinem einschnappen, 'einschlagen' mit einem gewissen scharfen klange; wie nun kläppe klinke von diesem klappen benannt sein wird (man vergl. sp. 963 unten), so kann wol auch klinke herstammen von dem klange den sie in ihrem dienste gibt. auch bair. schnalle klinke stimmt so zu bair. schnallen knallen u. ä.
c)
die form klinge nähert sich klingen, das aber selbst jenem klinken schlagen nahe steht, sei es von haus aus oder durch spätere annäherung; die bed. schlagen und klingen sind in dem stamme öfter vereinigt, s. besonders klempern, klampfe.
IV.
ein andres, nicht hd. klinke gehört zu einem andern stamme.
1)
auf schiffen die spitze eines bolzens oder spikers, die 'geklunken', umgeschlagen ist (s. klinkbolzen), nl. klink, engl. clinch (auch klammer u. ä.), s. dazu das zweite klinken 2, a; die grundbedeutung ist haken, krümmung, und Stillings klinken unter I, 5 könnten wol haken sein, denn das wort wird auch nrh., nd. sein, s. folg.
2)
dasselbe scheint klinke, wol nordd., das scharreisen des schornsteinfegers, der davon klinkenträger heiszt, s. Homeyer der richtsteig landrechts 543, der andere verwandte nd. und auswärtige bedd. zusammenstellt.
V.
noch anders klinke f. gleich klinker (s. d.), von ziegelsteinen? in einem niederhess. weisthum von 1589 wird eine ziegel- und klingkenmühl zu Lauterbach genannt weisth. 3, 369, der ziegel- und klinkenmöller 370, auch anderwärts gibt es nordd. 'klinkmühlen', noch im namen Klinkmüller erhalten, s. Homeyer a. a. o. 513, obwol klinke selbst als name einer mühle das. aus dem 12. 13. jh. sich daraus nicht wol begreift.
VI.
endlich oberd. klinke schlinge, s.klank 1, 'klinke klanke' sp. 952.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1867), Bd. V (1873), Sp. 1194, Z. 31.

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