knüpfen
Fundstelle: Lfg. 7 (1868), Bd. V (1873), Sp. 1518, Z. 45
nectere, ahd. chnuphan (aus chnuphian), mhd. knüpfen, mitteld. 15. jh. knuppen, knüppen Dief. 377ᶜ. 379ᶜ. 13ᵇ, wie heute noch, auch mnd. z. b. te zamen knuppen connectere 143ᵃ, inknuppen brem. wb. 2, 832; nnd. knuppen ist aber das. als selten bezeichnet, es heiszt meist knôpen (s.knaufen) und knutten. hd. in den voc. des 15. jh. auch knuphen, knuffen (s. unter knopf I, f, schon ahd. knuffan), und knipfen, letzteres noch bei Fischart. Es gehört zu knopf in der bed. knoten, die doch dem hd. jetzt abhanden ist, während das später geformte knöpfen davon unterschieden nur auf den kleiderknopf geht, obwol man es früher einzeln auch gleich knüpfen brauchte (vgl.knöpfeln, knüpfeln). Aber auch zu der eig. bed. von knopf findet sich knüpfen, und diesz mag als vermutlich älter vorausgehn, es ist wol nur zufall, dasz schon ahd. nur die heutige bedeutung aufgezeichnet ist.
1)
einen knopf machen. so
a)
mhd. keten geknüpfet anme ort welsch gast 6687, d. h. am ende mit einem knopf versehen, der 6749 der keten knûr heiszt (s.knauer 4).
b)
von pflanzen, einen knopf bilden, ansetzen: (man soll im juni) die zwiebel (pl.) zertretten, dasz sie nicht im (in?) samen wachsen und den knobloch knüpfen. Hohberg 1, 122ᵇ, den knoblauchskopf bilden, s.knopf 5 (auch 1, c für kopf) und knöpfen 2.
c)
ähnlich von knopf 1, a, krankhafter knoten am leibe: bair. das knüpfen oder geknüpft sein, englische krankheit, ein kind ist knüpft, geknüpft, franz. noué, Schmeller 2, 375, schweiz. Stalder 2, 117.
d)
hierher wol auch geknüpfte perücke, a perwig with buckles Ludwig, s. knotenperücke.
2)
knupfen, stricken (s. unter knoten 12, b), flectere. voc. th. 1482 r 1ᵃ, knuffen voc. inc. t. n 3ᵇ, knüpfen, einen knopf machen Maaler 246ᵈ, einen knoten machen Rädlein 552ᵃ.
a)
selten intrans.: Pickelh. ich wolte gleich drauf. wolt ihr auch mit? (gnüpfet am senkel und wil gehen). Schoch stud. B 6ᵇ, arbeitet knüpfend am senkel, um ihn zuzuknüpfen (das g schon ahd. in zôkagnuphit adnectit Graff 4, 582). s. auch nachher unter f.
b)
trans. einen knoten, eine schlinge, schleife knüpfen: unde nim den selben riemen denne unde knupfe einen knoten dar an. fundgr. 1, 325, 13. auch im gegensatz aufknüpfen (entknüpfen), s. auch anknüpfen, abknüpfen, einknüpfen, verknüpfen, zuknüpfen, zusammen oder an einander knüpfen.
c)
durch knoten oder schleife binden, an oder einbinden, fest machen u. ä.: gleich wie ein bawr uber sein thier, das er ins joch knüpfet. Luther 3, 178ᵃ; man sol das schiltlin .. mit einer gelen schnur an die ringe des leibrocks knüpfen. 2 Mos. 28, 28 (früher kneufen); sie knüpft das seil ins fenster. Josua 2, 21; ferner knüpfte sie einen haarlocken umb drei federn. Opitz 2, 281; knüpfte ihr noch ein sehr kostbares halsband um den hals. Gellert (1784) 4, 396;
komm, liebes weib, und knüpfe mir die schärpe (um).
Körner Zriny 2, 7;
die haarlocke ist mürbe, aber doch stark genug, dem schlanken jüngling den purpur zu knüpfen. Schiller 178ᵇ, d. i. zu oder fest zu knüpfen; das lockere strumpfband fest, fester knüpfen; zwei riemen an einander knüpfen; sie knüpfte das tuch mit den vier zipfeln zusammen; könnten wir den teppich nicht geschwind herunter nehmen? .. 'wir haben ein paar stunden gebraucht, um ihn hinauf zu knüpfen'. Göthe 11, 294.
d)
einen knüpfen, binden, fesseln (vgl.knöpfen 1, a): wie die Türken vor Wien, die .. wann sie nit seiler noch strick genug hatten, riemen von menschenheuten schnitten, andere (menschen) mit zubinden und zuknipfen. Fischart Garg. 234ᵇ (Sch. 440); knipften und kuppelten mägd und knecht, jungfrawen und junge knaben zusamen und tribens vor ihnen her. 201ᵇ (374);
(der mensch) wird, alsobald er nur aus mutterleibe kommen,
gefangen und gepreszt, geknüpft an hand und fusz.
Opitz 3, 286,
von den damals gebräuchlichen kinderwindeln, vgl. kindesbinde.
e)
knüpfend machen, z. b. netze knüpfen, stricken:
sieh! da knüpfen jene losen ...
andre netze, fein und feiner.
Göthe 2, 109.
kränze knüpfen, flechten, verschlingen:
(blumen) woraus sie einen kranz zu knüpfen angefangen.
Hagedorn 2, 82;
öffnete sanft meine hand, hob auf zween fingern das geknüpfte empor: 'sehn sie, sagte sie, es ist kein kranz geworden!' Soph. reise 6, 730; Agnes sitzt an der erde und knüpft kränze. H. v. Kleist 1, 31. vgl. dazu 3, f.
f)
knüpfen schlechthin als frauenarbeit: ich lehre kleine mädchen stricken und knüpfen, nur um nicht allein zu sein. Göthe 10, 149, Stella 2. act, in der ausg. v. 1787 (schriften 4. bd.) knöpfen, s. darüber knötchen 3. bei Ludwig pass. geknüpfte arbeit machen, to make knitted work.
g)
dem ähnlich klingt folg. knüpfen bei Fischart: da der reich faul (schlechtes) garn spinnt, daran der arm zu knüpfen gewinnt. pod. trostb. 669 Sch., es musz aber etwas andres sein, etwa die knoten herausmachen, die in dem schlecht gesponnenen garne sind, vgl. unter knopf 10, a.
3)
diesz ist vielfach bildlich gebraucht.
a)
eine 'verbindung' wird geknüpft, d. i. fest geschlossen, nach knüpfung 2 schon im 15. jahrh., vielleicht schon mhd.
α)
wann gott den bund und knopf (d. i. knoten) nicht knüpft, so helt er nicht. verknüpfte händ seind nicht stark. Lehman flor. 1, 128, s. dazu knopf 12, c; wie viele kriege muszten geführt, wie viele bündnisse geknüpft, zerrissen und aufs neue geknüpft werden, um endlich Europa zu dem friedensgrundsatz zu bringen. Schiller 1005ᵇ; aus den verbindungen, welche diese Bretagner knüpften, ist späterhin der Jacobinerclub hervorgegangen. Dahlmann franz. rev. 163.
β)
seit dem 18. jh. steht aber gewöhnlich band oder bande pl. dabei, und zwar mit einer wesentlichen änderung der bildlichen vorstellung, denn dábei wurde nicht mehr an stricke und knoten gedacht wie früher, als bild der festen verbindung (s. sp. 1503 mitte), sondern mehr an zierlich umgeschlungene, verschlungene bänder: die bande der verwandtschaft werden von der natur geknüpft. Gellert;
der eintracht hold geleit, gefälligkeit und scherzen
belebet ihre küss' und knüpft das band der herzen.
Haller (1777) 33;
und ein schauervolles drücken (der hände)
knüpft ein dauernd seelenband.
Göthe 47, 35;
unsicher, los und wandelbar
sind alle bande, die das leichte glück
geflochten, laune löst was laune knüpfte.
Schiller 492ᵇ;
denn gelöst sind die bande der welt, wer knüpfet sie wieder
als allein nur die noth, die höchste, die uns bevorsteht!
Göthe 40, 309;
die angebornen bande knüpfe fest,
ans vaterland ans theure schliesz dich an.
Schiller 526ᵃ.
γ)
auch refl., in passivem sinne: die lange unterbrochene freundschaftliche verbindung knüpfte sich wieder. Dahlmann franz. rev. 362.
δ)
daher in weiterführung des bildes anknüpfen, z. b. ein verhältnis, auch schlechthin mit einem wieder anknüpfen. s auch verknüpfen.
b)
dichterisch auch knüpfen gleich verknüpfen:
was völker knüpft und trennt (die religion).
Lessing 1, 186;
das band der sprache, der denkart, der leidenschaften knüpfte ihn mit allen dichtern. Herder;
diesz, denk ich, ists,
was freunde knüpft und fest zusammen hält.
Wieland;
trenne grausam nicht
zwei herzen, die der liebe heilig bündniss knüpft.
Schiller 464ᵇ;
uns knüpft der sprache heilig band,
uns knüpft éin gott, éin vaterland,
éin treues deutsches blut.
Körner leier u. schw. 43 (jägerlied).
c)
knüpfen an einen oder an etwas, binden, heften, fesseln (alle diese im gleichen bilde).
α)
von menschen, eng vereinigen, innig verbinden mit ...:
uns knüpft so manches theure band
an unser deutsches vaterland.
Schubart 3, 93 (Kaplied);
zu uns gesellte sich ein schöner munterer knabe ... und er knüpfte sich um so mehr an mich. Göthe 24, 143, schlosz sich eng an mich an;
wirke so viel du willst, du stehst doch ewig allein da,
bis an das all die natur dich, die gewaltige, knüpft.
Schiller 93ᵇ;
du gabst mir alles was ich bedurfte, knüpftest mich ans leben! Göthe 7, 122; H. o meine mutter, du solltest das, was mich an das leben fesselt, leichter machen, und du strebst mich noch fester dran zu knüpfen! L. dich ans leben zu knüpfen, diesz ist mein wunsch, weil ich mit dir leben will. Klinger 2, 141.
β)
von dingen, eine verbindung zwischen zwei dingen herstellen, eins unmittelbar ans andere anschlieszen:
wild ist es hier und schauerlich öd'. im einsamen luftraum
hängt nur der adler und knüpft an das gewölke die welt.
Schiller 77ᵃ, spazierg.;
wo noch der rasche tanz an lange winternächte
die dunkeln morgenstunden knüpft.
Gökingk 3, 46;
der bescheiden im genusz,
der gelassen im verdrusz
freud an kummer knüpfet.
Gotter 1, 109;
die reue ist dicht an die unthat geknüpft.
γ)
diesz auch gern refl.: die reue knüpft sich (selbst) an die unthat. so gern im redestil, um einen neuen punkt wie ungesucht einzuführen: daran knüpft sich sofort oder knüpft sich von selbst eine andere frage, vgl. d a. e.; so knüpft sich eins ans andere, wie die glieder einer kette.
d)
man knüpft nämlich in worten und gedanken eins ans andere, verbindet zwei dinge: denn die propheten .. knüpfen die zwei Jerusalem und die zwei königreiche aneinander, als das geistige Jerusalem an das leibliche und den thron David an Christus thron in ihrem weissagen. Luther 4, 261ᵃ;
und an des nächsten morgens schicksal knüpfte
der ahnungsvolle geist die fernste zukunft.
Schiller 369ᵇ;
die allesschauenden,
die nah und fernes an einander knüpfen
und in der zukunft späte saaten sehn.
511ᵇ;
also zur insel der heimat zuerst — du liebliches Rügen,
was meine seele nur spinnt, knüpfet sie immer an dich.
Arndt ged. (1860) 263;
an jeden kleinen umstand knüpft er eine ahnungsvolle erwartung; seine ganze hoffnung ist an diese liebe geknüpft oder knüpft sich .. (was dann in den gebrauch unter c, γ umschlägt). ebenso wieder verknüpfen, anknüpfen (bei dem, wo man stehen geblieben, wieder anknüpfen).
e)
zuweilen ist damit ein 'abhängiges' verhältnis gemeint, dasz das eine von dem andern 'abhängt' woran es geknüpft wird (anklänge daran schon unter vorigen beispielen): welche kette von folgen es nach sich ziehen muszte, wenn fortan ein blinder gehorsam die beamten an die krone knüpfte. Dahlmann engl. rev. 305 (wie band, fesselte); durch welche (neue verfassung) die königliche macht vermindert und an die beschlüsse des reichstags geknüpft ward (wie gebunden). Beckers weltg. 14, 90; das ist (wird) an gewisse bedingungen geknüpft; er knüpfte sein bleiben an mehrere bedingungen, forderungen u. dgl., 'machte es davon abhängig'.
f)
knüpfend bilden, von etwas künstlichem, das gleichsam geflochten wird wie eine schlinge, nach 2, b: manches urtheil wird durch gewohnheit angenommen, oder durch neigung geknüpft. Kant 2, 254, er läszt das urtheil gleichsam verschlingen wie einen künstlichen knoten, s. dazu knoten 14, a, besonders knopf 12, a;
da musz sich manches räthsel lösen.
'doch manches räthsel knüpft sich auch'.
Göthe 12, 211;
o weiser brauch der alten, das vollkommne (den menschl. leib),
das ernst und langsam die natur geknüpft ...
durch reiner flammen thätigkeit zu lösen.
9, 320,
vom verbrennen der leichen.
g)
eigen ist ein älteres an einander knüpfen für verhetzen, in streit verwickeln: schmorotzer .. so sich aller orten zuschlagen, biszweiln auch wol die leut ausznemmen, aufstechen [ein beispiel wie es 1, 746 vermisst ward] und an einander knüpfen und verhetzen. Albertinus narrenhatz 260; also wer gern ein unausleschliche brunst erweckt, fürsten und herren an einander geknüpft, krieg und blutvergieszen verursacht sehen will, der brauche .. die ketzer. ders., der welt tummelplatz 302; schaue, wie du zerschiedene (mehrere) häuser und familien durch hin- und wiederschwäzen kanst aneinander knüpfen und in tödtliche feindschaft bringen. L. Tölpels baurenmoral (1752) 29. ebenso knöpfen 1, a, es musz dem bilde ein bestimmter gebrauch unterliegen, ähnlich dem derben scherze, zwei weiber unvermerkt mit den zöpfen an einander zu binden.
4)
früher findet sich oft die würfel knüpfen, betrügerisch brauchen:
spil ist mein höchste freud auf erd,
das mir doch oft den beutel leert,
wiewol ich kan die würfel knüpfen,
die kartenbletter merken und krüpfen.
H. Sachs 5, 357ᶜ;
in der spilprentn, auf kugel und kegel,
da ist manch schalkhaftige regel,
durch falsch würfel die man thut knüpfen,
die kartenbletter merken und krüpfen.
5, 327ᵇ;
so ich einem die würfel knüpf,
die kartenbletter merk und krüpf.
4, 3, 63ᵃ;
wann ich den würfel knüpfen kan,
kum zuͦ eim einfältigen man,
der selbig kan (dann) gar nichts damit.
G. Wickram irr reit. bilger H 3 bl. 28;
der drit schüttelt die würfel frei,
und warf dennoch nicht mehr als zwei.
der vierde knüpfte mit begier
die würfel, und warf doch nur vier.
Fischart 2, 150 Kurz;
und alle diese gattungen (würfel) waren auf nichts anders als betrug verfertigt .... man mochte sie gleich (mochte man sie auch) wippen oder schleichen lassen, da half kein knüpfens (gegen betrug). Simpl. 1, 187 Kurz. was ist das? s. weiter knipfen 1.
5)
eine faust knüpfen, ballen: die knechte und der jäger stunden um ihn, fluchten, spotteten, knüpften ihm fäuste vor die nase. Stillings jugend (1779) 24; knüpfte dem armen Johann eine faust vor die nase. 48. es ist ganz wie nd. de vûst knutten, knuttede vûst oder knutvûst brem. wb. 2, 833, gleichsam in einen knoten knüpfen, doch ist auch eine ableitung von der bed. 1 denkbar.
Zitationshilfe
„knüpfen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/kn%C3%BCpfen>, abgerufen am 18.10.2019.

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