Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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knie, n.

knie, n.
gen. knies, pl. kniee, knie, genu.
I.
Formen und verwandtschaft.
a)
goth. kniu, gen. knivis, auch ahd. noch chniu, gen. chniwes, dann mit brechung chneo chnewes und chnie (Graff 4, 575), mhd. knie, gen. kniewes und knies; alts. cnio, cneo (dat. pl. kneohon), ags. cneo, cneov, gen. cneoves, altfr. knê, knî, kniu, altnorw. knê, altschwed. knî, knæ (Rietz 336ᵃ); nd. knê, knei, nl. knie, engl. knee, fries. knê, knî, knei, dän. schwed. knä, norw. kne.
b)
urverwandt lat. gĕnu, gr. γόνυ, skr. ǵânu (alle schon n.), denen gegenüber das deutsche wort eine umstellung in der wurzel zeigt wie γιγνώσκω, cognosco im verhältnis zu unserm können (s. d.), wie knabe, knecht zu γένος, genus. diese andere wurzelform ist aber gleichfalls vom höchsten alter, wie griech. in γνὺξ ἐριπεῖν auf die knie fallen Hom., γνυπετός in die knie sinkend, ἰγνύα, ἰγνύς kniekehle, lat. in 'gnitus, gnixus a genibus prisci dixerunt' Festus, so schon in skr. praǵnu, die knie spreizend, saǵnu mit den knien zusammenstoszend, zend. zhnu m. knie (acc. pl. zanva, afghan. zânû) Justi 118. die sl. kelt. u. a. anklänge s. bei Diefenbach goth. wb. 2, 460 fg., übrigens s. auch altn. knûi knöchel unter knochen.
c)
das urspr. w im auslaut, das dem u der urverwandten formen entspricht, zeigt sich auch nhd. noch besonders in alem. mundart, selbst im nom., mit rückwirkung auf den vocal, der damit zu û oder ü (iu, eu) wird. Wackernagels voc. opt. 1, 208 gibt knu genu, vocabulare des 15. jh. bei Diefenbach 260ᵇ knü (knú), knuwe, nrh. knui, mrh. knuchin geniculum 260ᵃ, vgl. unter knien; hauptsächlich aber bei voller endung, in westl. und südwestl. mundarten bis in die mhd. zeit zurück, es ist die rechte fortsetzung der ältesten ahd. form chniu chniwes:
si bettete uf ir knuwen
sant Jacop vil getruwen.
Kunz Kistener jacobsbrüder 115;
uf sinen knuwen er do rief.
482;
er viel nider uf die knuwe hie.
1073;
eʒ sol ouch deheiner man deheinen kurzern rock dragen, danne der fur die knie abe get unde niht an den knuwen oder obewendig den knuwen windet (endet). kleiderordn. von Speier v. j. 1356, anz. des germ. mus. 1856 sp. 201, also knie neben knûwes, knûwen oder kniuwen;
lit uf den knuwen, bät und wacht.
Brant narr. 105, 26;
die knüw (gedr. nüw) gand in durch dhosen.
Wolffs hist. volksl. 485,
von der Schweizer tracht mit bloszen knien; hat an seinen knüwen schwillen als kemeltier (kamele) von seinem emszigen beten überkummen. Keisersberg irrig schaf (4°) H 3ᵃ, gleich darauf boug seine knie; am einen knüw. Rüff trostb. 69, zu den knüwen 48. noch im 17. jh. bei einem Elsässer:
derhalben bieg ich jez des herzens knü für dir.
Rompler v. Löwenhalt 14.
d)
daher selbst kneu Dasypodius 235ᵈ u. a.: auf den kneüwen sein, knien. Frisius 665ᵇ, aber knie 600ᵃ; also findest du ein hülzen gezeug zuͦ den kneüen und knoden der füsz oder arm. Gersdorf wundarzn. 53; kneu noch schweiz., auch vorarlbergisch. Frommann 4, 253.
e)
auch knei, oberpfälzisch Schmeller 2, 367, in einer ausg. des voc. inc. teut. kneibiegen Diefenb. 462ᵃ, kneischeib 443ᵇ, kneibug 245ᶜ;
die hend zu weschen in dem blut,
din (dinne, drin) zu gon bisz uber die knei,
das wer ein stolze Lutherei.
Murner luth. narr (kloster 10, 161),
das könnte für kneu sein, wie riemen das. für rüemen u. a.; auf händen und kneien herumb kriechen. Fischart bien. (1588) 136ᵃ; wer güter empfahet von dem meier, der gibt ein simmelbrot, das soll also lang sein von der erden das es über das knei gat, also das von dem übrigen theil, den das brot über das knei gat, der meier ... genug habent zu essen. elsäss. dingrodel, rechtsalt. 102.
f)
eigen knig: gewänen ihre gäul auf die knig nider zu fallen. Fischart ehz. 10 (Sch. 418), dazu kniegen für knien, s. d.; das g wird nur für w eingetreten sein (s.klaue I, c).
g)
in kniehe pl. bei Stieler u. a. soll das h nur die silben trennen, wie man noch jetzt kniee zu schreiben meidet (doch s. Schiller, Göthe, Voss unter 1, a), auch wenn mans gesprochen meint. doch wird auch der pl. gern einsilbig gesprochen, wie ihn schon Opitz reimt (sächs. aber kniee).
II.
Gebrauch und bedeutung.
1)
von menschen, aber auch von thieren, z. b.: wann ein ross vom harten reiten uber die knie hengt. Seuter 288; da die eselin den engel des herrn sahe, fiel sie auf ire knie unter dem Bileam. 4 Mos. 22, 27; das hinder gewendet kny, suffrago. Dasypod., im lat. theil das hindersich gewendt kneü (bei vierfüszlern), vgl. kniebug;
da gehen seine küh
mit lämmern untermengt ins gras bis an die knie.
Opitz 1, 138.
a)
es erscheint in vielen redensarten.
α)
bis an die knie im wasser, im schlamm waten, das wasser gieng ihm bis an die knie, über die knie, und so oft als höhenmasz, vgl.knietief, ↗kniehoch: und füret mich durchs wasser bis mirs an die knie gieng. Ezech. 47, 4; wenn unglück den reichen an die knie geht, so gehts den armen bisz an den hals. Lehman floril. 1, 54.
β)
mit wankenden, schlotternden, zitternden knien gehn, der schreck kommt einem in die knie, die knie brechen, werden schwach u. dgl.: deine rede hat die gefallene (pl.) aufgerichtet und die bebende knie hastu bekreftiget. Hiob 4, 4; meine knie sind schwach von fasten. ps. 109, 24; aller knie werden so ungewis stehen wie wasser. Ezech. 7, 17; die knie schlottern. Nahum 2, 11; sterket die müden hende und erquickt die strauchelenden knie. Jesa. 35, 3;
fast sinken mir die kniee nieder (vor schreck)!
Göthe 12, 148 (Faust 1808 s. 185);
es zittern mir die kniee vor schrecken! 14, 159; meine kniee tragen mich nicht! 14, 166;
die hand erbebt euch, eure kniee wanken.
Schiller 537ᵇ,
Tell 3, 3, kniee, nicht knie in der ersten ausg.;
die knie versagten ihm, ich sah es kommen
dasz er jetzt an die felswand würde sinken.
533ᵃ (Tell 3, 1);
und von der unendlichen mühe
ermattet sinken die kniee.
bürgschaft;
und kraftlos wankten die kniee.
Voss Il. 21, 52. 13, 412;
doch jenem erzitterten herz und kniee.
21, 114. 5, 176;
die zähne schlagen mir, die kniee mir zusammen.
Göthe 13, 26;
gab er ihm den segen (schlug ihn mit dem schwerte), das er die knie zum maul zog. Garg. 205ᵇ (382 Sch.). vom zittern der kniee auch folg.: das herz lag mir inn knien, totus animus mihi erat in genibus. Frank spr. 2, 47ᵃ, s. unter kniekehle.
γ)
bildlich: religion ist mein halt, wenn der geduld das knie bricht und ich sink in staub meines kerkers. Schubarts leben in seinen briefen 2, 58.
δ)
eine verwünschung besagt:
es wär zwar wol, daʒ got der her
die selben straft .....
das den ir unsälige knie
erstarten als dem helfant.
Vintler bei Haupt 9, 86.
b)
das knien bezeichnen vielerlei wendungen.
α)
jetzt heiszt es auf die knie fallen, auf den knien liegen, und diesz fallen ist der rest einer sonst vergessenen bed. 'sich werfen', wie es auch heiszt sich auf die knie (nieder) werfen:
in den phat viel er ûf sîniu knie.
Parz. 120, 30,
betend, sonst auch mhd. an diu knie, wie altn. falla â knê;
do fiel sie auf ire knie und pat.
fastnachtsp. 1142;
die kaiserin lag auf iren knien (: ziehen).
1141;
fielen auf die knie und beteten in an. Marc. 15, 19.
β)
früher aber auch stehn und sitzen (es ist ja genau besehen weder ein rechtes liegen noch stehn noch sitzen, und doch etwas von allen):
unde stuont vrou Lûnete
ûf ir knien an ir gebete.
Iwein 5157;
dô er (betend) vor sînem bette stuont
ûf sînen knien alsô bar.
Stricker Karl 312,
ebenso in genua astare bei Plautus; hîr schal he up de knie sitten gân und folden de hende. Lüntzel stiftsfehde 229;
syn hoegh keiserlige macht (Maximilian I.)
wart eerlich vur Sent Quiryn bracht (zum gottesdienst),
dair he up synen knyen sas,
bys dair vroelich gesungen was
gods lof te deum laudamus.
Wierstraat reimchr. von Neusz 2987;
zuych usz dat sweert ind sitz uf dijn knee vur das heilige graef. Harff pilgerf. 173, 23 (nrh., wie vor.); begab mich auch dahin (in den Mainzer dom) und fand in der kirchen viele devote leute, die auf ihren knien saszen. briefe des Hamburger bürgerm. J. Schulte an seinen sohn s. 21; so auf ihren knien gesessen und gebetet. Schuppius 77;
kommstu hie mit kreuz beladen,
setze dich nieder auf beide knie u. s. w.
inschrift auf einem bilde des h. Anton vor Münster (bei Immermann ged., Hamm 1822, s. 8).
auch auf den knien gehn (jetzt rutschen):
den urtail ich mit rechten rehten,
das er sol dreiszig jar an di heiden vehten
und zwainzig jar geen auf seinen knien (: ziehen).
fastn. sp. 707, 15.
γ)
mehrfach in gekürzten wendungen:
der edel voit von Berne slûc Sîfriden ûf die knie.
roseng. in Pf. Germ. 4, 31, schlug ihn dasz er auf die knie fiel.
dasz noch itzt das erste glied des fuszvolks den angriff der reiterei auf dem knie empfängt. Lessing 8, 120; bleibt das erste glied gewiss nicht auf den knieen. 121; auf ihre kniee nieder, madame! .. auf die kniee! Göthe 14, 129; auf meinen knieen (liegend), ich bitte! ich flehe! erretten sie mich! 14, 166. besonders kurz und merkwürdig:
der messe hochamt rief mich zum gebet:
und da ich von den knieen jetzt erstanden ...
Schiller braut von Messina (1803) 63;
sich von den knieen hebt Denis.
Annette v. Droste ged. 452;
er steht von den knien auf (nicht vom knien), d. h. das 'auf den knien' war zu éinem begriff zusammengeronnen, der nun da mit von so weiter abgewandelt wird (man denke sich von 'auf den knien'). eine solche kürzung liegt auch in der wendung in die knie sinken, unwillkürlich niederknien.
δ)
aber blosz fehlerhaft ist: auf knieen niedersinken. H. v. Kleist (1859) 3, 275, läszt sich auf knieen nieder 254, fiel L. auf knieen vor ihm nieder 28 u. o.; er brauchte auf knien völlig gleich kniend, z. b.: Penthesilea läszt sich von ihrem sitz auf knieen vor das becken niederfallen. 1, 307; so fleh' ich dich auf knieen. 223; die äbtissin auf knieen beschwor. 3, 250 u. o. sonst fehlt der art. nur bei wendungen folgender art: bitte ich auf gefällten knieen. Cohn Shakesp. in Germany 289. aus dem alten Hamlet.
c)
die knie biegen, beugen (s. unter diesen wörtern).
α)
eig.: sant Bartholome boug seine knie vor gott hundert mal in der nacht. Keisersberg irrig schaf H 3ᵃ; als nun der marschalk nahe zu dem herzogen kam, ihn mit gebogenen knien empfahen thet. Galmy 254; gott dem allmächtigen mit nidergebognen knien danken. Abele gerichtsh. (1684) 1, 262;
dich an gottes statt
gebognes knies um rettung anzuflehen.
Göthe 9, 355.
auch bücken: dasz er die knie gegen ihnen gebuckt hat wie gegen einem gewaltigen könig. Paracelsus 1, 88ᶜ.
β)
bildlich des herzens knie biegen, s. schon I, c Rompler, nach einer bibelstelle: darumb beuge ich nu die knie meines herzen und bitte dich herr umb gnade. gebet Manasse v. 11;
des bûge (beuge) ich mînes herzen knî.
Jeroschin 60;
drum beug ich meines herzens knie
und flehe dich um gnade.
Schubart ged. (1825) 1, 124;
vor der mein herz auf knieen niederfällt.
H. v. Kleist 1, 306.
d)
eines kniee umfassen, unterwürfig flehend, dankend, nach orientalischer, antiker sitte, ἅψασθαι γονάτων u. dgl., genua amplecti, prensare:
denn eure kniee selber zu umfassen
wünscht sie nun wol vergebens (Recha des tempelherrn knie).
Lessing 2, 248 (Nath. 2, 5);
ach! hier lieg ich, und strecke nach deinen knieen die hände
flehend aus, o vernimm, Jupiter Xenius, mich!
Göthe 1, 269 (röm. el. 7);
da das Simon Petrus sahe, fiel er Jhesu zu den knien ... Luc. 5, 8, προςέπεσε τοῖς γόνασι, goth. draus du knivam; fiel Sisimethri für seine knie, sprach .. buch der liebe 224ᵃ,
e)
die kniee des sitzenden für schosz, wie gr. γόνατα, altn. knê pl., vergl. das setzen, heben des kindes auf die knie, altn. knêsetja, als form der adoption J. Grimm rechtsalt. 433. 463. 464 (noch schwed. knä, daher z. b. knähund schoszhund): so legt der gast so vil silber als er will der frawen zuͦ den knien. S. Frank weltb. 141ᵃ;
auf und ab
steigt in der brust ein kühnes unternehmen.
ich werde groszem vorwurf nicht entgehn,
noch schwerem übel, wenn es mir mislingt;
allein éuch leg ichs auf die kniee!
Göthe 9, 86,
Iphigenie (5, 3) zu Thoas, vertraue es euch an, verlasse mich dabei auf euch, ἐπὶ γόνασι θεῖναι, wie schon Lauremberg scherzg. 2 (1, 45) das homerische θεῶν ἐν γούνασι κεῖται anwendet: (das) steit in de götter knee, liegt in ihrem schosze, und Göthe: das übrige liegt auf den knien der götter. G. u. Werther s. 120. vom knie des sitzenden auch die allerliebste wendung: mit dem hab ich schon oft knie bei knie gesessen, wir sind gut bekannt. Frischbier preusz. sprichw. (1865) s. 148.
f)
einen zugleich witzige und tiefsinnige wendung lautet ein leid um, unter, oder neben das knie binden, in den wind schlagen, sich aus dem sinne schlagen, für nichts achten: darauf (auf die berufung auf die concilien) geben wir nichts, darumb leihet kein jud noch pfaff darauf, es ist nur ein bindens umb ein knie (wert?). Fischart bien. 92ᵇ (1588 99ᵇ), deutlicher Marnix wy binden het aen onse knie 91ᵇ;
(beim schmaus) wo neben das knie man anfesselt die sorgen,
paschkalert und schwermet von abend in morgen.
W. Scherfer ged. 579;
schöne weiber binden die haussorg unters knie, dasz sie nicht das angesicht runzeln machen. Lehman floril. 1, 170, man verlegt also die sorge aus dem herzen ins knie (vergl. das herz in den knien bei Frank sp. 1423 und kniekehle) und bindet sie da fest, unterbindet sie. so deutlich im folg.:
si sprach: far hin, mein lieber knecht ...
lasz dir das laid dein haubt auch nit zerbrechen.
der knab der sprach: gern ich das tuͦ,
bei dem knie so bind ichs zuͦ,
das es mir in das herz nit mag geschlagen.
Hätzl. 85ᵃ.
noch in Schlesien, wenn ich weiter keinen kummer hätte, den könnte ich mir unter dem knie zusammenknüpfen! Weinhold schles. wb. 49ᵃ. daher er läszt sich den kummer nicht über die kniee steigen, est homo a curis liber. Steinbach 1, 885, schon Denzler 2, 173ᵇ und früher: und laszt man sich derentwillen die sorg nicht über die knie hinauf kommen. Conlin narrnwelt (1707) 2, 178; ich war damals ein junger mensch und liesz mir auch keine sorg über das knie, vielweniger an das herz gehen. Schuppius 133; lasz dir kein unglück über die knie gehn. Frank sprichw. 2, 86ᵃ. damit ist denn auch ans bein binden (1, 1384) erklärt.
g)
etwas übers knie brechen, bei Adelung abbrechen, 'über ein knie abbrechen, abrupte facere' Denzler, schnell und rücksichtslos abthun, gleichgültig ob es 'biege oder breche', bes. nachdem andere geduldige, aber vergebliche versuche vorausgegangen.
h)
einen zwischen die knie kriegen, in die gewalt, in die klemme dasz er dieszmal nicht wieder entrinnen kann: kriegt er endlich den müller (der ihm schuldet) zwischen die knie, um mit ihm zu rechnen. Gotthelf ges. schr. 3, 167.
i)
obscön (vgl. kniegalgen, knibus), schon mhd.:
der bulet heimlich oft umb sie,
das sie in liesz zwischen ire knie.
fastnachtsp. 1180;
da wöll wir fechten auf den knieen (: gelihen).
760, 2, erklärt sich gegenseitig mit Neidhart 46, 27 H.;
hungert die dirn ob iren knien.
747, 29;
wann sie hat mich gen leuten verlogen,
ich hab nit werung ob den knien.
701, 12, s. dazu genesis 57, 12 Diemer;
(im april) wirt guͦt lassen zwischen knie und nabel. lasztafel u. practica des dr. Grillen (1540) A 2ᵇ. bregenzerw. knübäsele, eine leichtfertige dirne.
2)
übertragen
a)
vom gebognen, krummen knie auf ähnliche biegungen, von linien: eine colonnade .. gieng vom thore durch die stadt .. nicht in ganz gerader linie, sie macht in der mitte ein sanftes knie. Göthe 29, 92; der Rhein mit seinem knie in fremder hand drückt grade auf den nacken Deutschlands. Arndt geist der zeit 3, 308. erinn. aus d. äusz. leben 197; der graben hat in der mitte ein knie, einen winkel.
b)
ein werkstück in solcher form, z. b. knie an röhren, wie bei wasserleitungen, an ofenrohren. knie im schiffbau, winkelig gewachsenes holz, s.knieholz, zur verbindung der wände mit dem boden. Adelung. Frisch, engl. knee, knee-timber, dän. schwed. knä, nl. knies pl., schon altn. knê; vgl. knieeisen. bei einem amtlichen nutzholzverkauf im febr. 1867 in Nassau wurden z. b. mit ausgeboten 700 stücke kiefern bauholz, darunter auch einige kahnknie; 44 stück eichen (adj.) nutzenden, 10 stück eichen kahnknie. ähnlich in der baukunst und in handwerken von gewissen winkeligen hölzern und werkstücken.
c)
vom ungebogenen, geraden knie übertragen auf ähnliches an pflanzen, gewöhnlich knoten, wie lat. geniculum (kniechen), altn. knê, dän. knä z. b. am stroh. hd. eig. nicht gebräuchlich, doch z. b. in neunknie, kniegras, spergula arvensis, einer pflanze mit vielen knoten (vgl.knebel 14).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1867), Bd. V (1873), Sp. 1421, Z. 67.

knieen

knieen,
s. knien.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1867), Bd. V (1873), Sp. 1427, Z. 60.

knien

knien,
einsilbig und zweisilbig.
I.
Die formen.
a)
ahd. chniuwên (zu chniu) und chnewên (zu chneo) wie es scheint, s. die wenigen und unsichern beispiele bei Graff 4, 576, vermutlich auch chniuwôn (nach dem spätern alem. kniewote); mhd. knien kniete, so bei den dichtern, sonst aber auch noch kniuwen kniuwete, kniewen kniewete, kniewote, knûwen knûwete, s. mhd. wb. 1, 853. nd. knên 15. jh. Dief. 260ᵃ. 462ᵃ, knien Rein. vos 4262, im älteren englisch knee (jetzt kneel, s. knielen). auszerdem ags. cneovjan cneovede, goth. aber knussjan. merkwürdig mrh., um Mainz starkf. geknoen gekniet (Kehrein Nassau 157), das könnte wol echt sein.
b)
wie beim subst. macht sich das urspr. w des stammauslauts auch nhd. noch lange geltend: kniwen, geniculari, in einem oberrhein., knuwen in einem mrh. voc. 15. jh. Dief. 260ᵃ, nrh. knuien procumbere 462ᵃ: die andern mogen nider knuwen. manuale curatorum 95, 2. im 16. jh. und länger alem.: knüwen, sich auf den knüwen enthalten Maaler 247ᵃ, niderknüwen Frisius 600ᵃ; auch knewen (wie ahd.): solich wort hort der bruder uf dem altar knewend. N. Manuel 318; als er uf unser frawen altar in der capell knewet. 322; auch kneuwen: als er nun für den pfaffen nider kneuwet. Wickram rollw. 125, 10 Kurz. im dem. (s. knielen) noch jetzt schwz. knülen, kneulen, schwäb. kneubeln (d. i. kneuweln), und kneugen Schmid 319.
c)
diesz g auch in bair. kniegen, kniegeln Schmeller 2, 367, schon mhd. z. b. Augsb. chron. 1, 76, 22 var. (14. jh.), s. knie I, f und vgl.knicken 4.
d)
zur hervorhebung der zweisilbigkeit (s. II, 1, b) schrieb man auch kniehen, wie Stieler 1347, eselkönig 328, schon ein mitteld. voc. 15. jh. knehen, kniehen Dief. 462ᵃ.
II.
Bedeutung.
1)
auf den knien liegen, was aber sachlich mit 2 oft zusammenfällt.
a)
einsilbig geschrieben (was aber vor dem eintreten der orthographischen genauigkeit oder pedanterei keine bürgschaft gibt für blosz einsilbige aussprache): und solte das ubrige (holz) zum grewel machen und solte knien fur eim klotz? Jesa. 44, 19; und es kam zu im ein aussetziger, der bat in, kniet fur im. Marc. 1, 40 (goth. knivam knussjands);
jeder rasen ein altar,
wo er vor dem erhabnen kniet.
Hölty 106;
trunken kniet ich, wann der reigen kniete.
164;
als Ximene tief in trauer
und in thränen vor ihm kniete.
Herder Cid 7;
viermal kniet ich euch zu füszen.
9;
dasz selbst dein unterthan ihr glück mit neide sieht
und zweifelt, ob er auch vor rechten göttern kniet.
Göthe 13, 22;
die weibliche familie des Darius kniet vor Alexandern und Hephästion (auf einem bilde von Paul Veronese), die vorankniende mutter hält den letztern für den könig. 27, 133;
und alles kniet und schlägt die brüste.
Schiller musenalm. 1798 s. 315.
b)
zweisilbig geschrieben (vgl. I, d): man muͦst gegen im nider knieen, wa man in sach. Augsb. chron. 1, 76, 22 (14. jh.);
weinend knieete Rodrigo.
Herder Cid 4;
die jünglinge sie knieeten.
Göthe 3, 231;
zu knieen und zu flehen dränget mich das herz.
11, 257;
und knieet rechts und knieet links,
und ist gewärtig jedes winks.
Schiller musenalm. 1798 s. 314;
und alles lag in stiller andacht knieend.
braut von Messina (1803) 81.
c)
das perf. nimmt hier meist haben zu sich:
het er gekniet alsô vil
ze kirchen alsô (wie) zuo dem spil.
Renner 11308;
sie haben den ganzen tag gekniet. Adelung.
d)
mit part. kniend flehen, kniend abbitten, daher in gekürztem ausdruck eine kniende abbitte (wie fuszfällige bitte) u. dgl.: ich will die thüre zuschlieszen. sie soll mir eine kniende abbitte thun. Gellert 1784 3, 237 (loos in d. lott. 1, 4); ja es fehlte wenig, dasz ich nicht meiner frau eine kniende abbitte hätte thun müssen. Rabener (1755) 1, 153.
e)
dichterisch seit Klopstock, der das liebte als röm. anklang, auch mit dat. der person statt vor:
wer der krümste (am knechtischsten) mir kniet, ich belohn' ihn.
Klopstock oden 1798 2, 156;
nun musz, nun soll ihm alles knien. Herder z. rel. u. theol. 7, 304 (1800);
nur die ihm in demuth knieen,
hebt er frei zu sich empor.
Fresenius freiheit und wahrheit (liederlexicon 4, 243).
2)
sich auf die knie legen, wie sitzen auch sich setzen, stehn sich stellen, liegen sich legen hiesz und oberd. noch heiszt.
a)
hier nimmt das perf. sein an, im unterschied vom vorigen, wie Adelung bestimmte: ich habe oft thränen geweint und bin niedergekniet. Lichtenberg (1800) 1, 41; als der burg Hohentwiel eigene leute seid ihr geknieet, als .. freie erhebt euch. Scheffel Ekkeh. (1855) 230; die Sannel war neben ihn gekniet. O. Ludwig Heiterethei 509. doch früher auch mit haben, wie sich sein beim vorigen findet: er hat nider gekniet und sich gelagert wie ein lewe. 1 Mos. 49, 9.
b)
es wird gewöhnlich mit nieder oder hin oder andern räumlichen bestimmungen verbunden:
knie nider, guoter man,
sag mir was hastu getan.
fastn. sp. 431, 23;
und da sie (Maria) es geboren hatt,
sie sah ir liebs kind an,
sie knieet auf ein marmelstein
und bett es alsbald an.
Uhland volksl. 841;
knüwt er für ein altar hin,
seit (sagte) gott dank, der mutter sin.
J. Lenz Schwabenkrieg 66ᵇ;
ein höhi brugi (schaffot) was im bereit,
daruf must er knüwen.
165ᵇ;
sein götze .. dafur er kniet und niderfellet. Jes. 44, 17, vgl. 15; kniet fur in und fraget in. 10, 17 (goth. jah knussjands baþ ina); knieten nider am ufer und beteten. apost. 21, 5; da schürzet sich die fraw, kniet zum kübel, wäscht ihm (ihrem manne) die zähen. Fischart Garg. 73ᵇ;
ist er zu mir gesinnt, wie ich zu ihm auch bin,
so knie er neben mir auf dieses polster hin.
Rachel;
kniet zu den füszen der Elisabeth!
Schiller 445ᵃ (Maria Stuart 5, 9);
sie kniet aufs kissen — legt das haupt —
das.
c)
nachdrücklich mit zusetzung des subst., vergl. schon goth. knivam knussjan unter 1, a:
dô ich daʒ vingerlîn enpfie,
ich kniete nider an diu knie.
Lichtenstein 242, 26;
und er kniet des tages drei mal auf seine knie, betet. Daniel 6, 10, vulg. nur flectebat genua sua.
d)
auch im part. praet., wie gesessen gleich sitzend, gelegen liegend:
und stellt' auf kohlen die kanne,
hingekniet, bis steigend die farbige blase geplatzt war.
Voss Luise (1795) 1, 272,
schon bei Frisius 600ᵃ nixus genu, geknüwet.
3)
zuweilen refl. sich knien, vgl. sich setzen, besonders volksmäszig, nd. schon früh (wol auch hd.): he sat van sîme orse unde knêde sic und lovede got sîner gnâde. Eike v. Repgow zeitb. 305ᵃ;
Reinke kniede sik tor erden dale
vor den konnink.
Rein. vos 4262;
setzt seinen hut dorthin, bücket, kniehet und neiget sich. Spangenberg jagteufel P 4ᵃ (s. 2, 152), denn sich musz wol zu allen dreien gehören; sich vor einen knien. Klinger th. 2, 258; sich kniend. 2, 290;
sie kniet sich auf ein marmorstein.
Ditfurth fränk. volksl. 1, 59ᵇ;
er kniete sich hin vor die sterbende. Schönwerth aus der Oberpfalz 2, 218. bair. s. Schm. 2, 367.
4)
ins trans. übertretend (vgl. beknien): an den vîrtagen, sô man ze metti ze kilchun kumet, sô knûwet der mensche eine venie alder mê. Lazaritenregel im (schweiz.) geschichtsfreund 4, 155; vor mylady mag sich schon manches knie wund gekniet haben. Klinger th. 2, 291;
sie kniet sich auf einen marmelstein,
sie kniet sich drei löcher in ihre bein,
drei löcher in ihre kniee.
Simrock volksl. 147.
5)
bildlich für verehrung von etwas uns heiligem: ihr wenigen männer alter kraft und tugend, erhabene genien ... ich .. knie vor euren heiligen namen und manen. Arndt geist der zeit (1806) 36. vgl. Göthe 13, 22 unter 1, a.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1867), Bd. V (1873), Sp. 1429, Z. 60.

gnist1, gniest1

¹gni(e)st,
mit unbestimmbarem genus, ältere landschaftlich beschränkte bezeichnung einer schiefrigen gesteinsart, die in verbindung mit kupfer begegnet; in Ph. Bechs vorlage, Agricola de re metall. libri xii (1556, damit übereinstimmend 1561), erscheint gniest nur im register y 2ᵃ und y 5ᵇ: quartum saxum gniest; die dazugehörige textstelle s. 86 lautet: cui subiunctum saxum, quartum numero, fuscum, pedem altum. in der bei Bech und Mathesius angeführten schichtenfolge des mansfeldischen kupfergrubenreviers nimmt gniest unter den 16 schichten die vierte stelle ein: an disen örtern, die da seindt unden am berg Meliboci (d. h. des Harzes, und zwar im mansfeldischen kupfergrubengebiet) bedeckendt viel stein vonn mancherley farben des schwäbenden kupffers gang, ... dem (dritten gebirge, d. h. der dritten schicht) ist underworffen das vierdt gebirg, ein falbferbig gniesz (lies gniest wie im register s 2ᵃ), bey eim werckschuͦch tieff Ph. Bech Agricolas bergwb. (1557) 90; ich hab des ursach, das ich hie fürnemlich des mansfeldischen bergwercks gedencke ... wenn die bergkleut das gebirge des schwebenden ganges oder kupfferfletz, am Hartz belegen, und das rote gebirge, rotenklee, gerülle, gniest, schwelen ... und kamme (denn dise 16 bergkart oder fletze, wie die mit namen hie verzeichnet, ligen alle auff dem schifer) durchsinken (d. i. mit schächten durch die gebirgsmasse hindurchgehen), ... so helt der schifer kein euglein silber, bisz er sibenmal geröstet und zu stein gemacht wird Mathesius Sarepta (1571) 71ᵇ; bei Joh. Kentmann als erste von 11 schichten in der form gneist genannt: (rother kleh) terra rubra vel lapides rubri, qui sunt superficies montium Islebiae ... sub ista terra lapidum genera undecimum sunt ... I lapis rudis durus, terrae colore gneist ... III oberrauchstein ... IV zechstein ... VII oberfeule oder schwolen ... nomencl. rerum fossilium (vorr. Torgau 1565) bei Conr. Gesner de omni rerum foss. genere (Zürich 1565) 67ᵃ; so noch vereinzelt später: die bergarten in diesem flötzgebirge (d. i. mansfeldischem schieferflötz) ... haben in einigen schächten andere benennungen ... die mancherlei schichten dieses flötzes ... 7. rothriszlich gebirge ... 9. gneist oder knaust 10. oberrauchstein oder rauchwake 11. zechstein ... 13. oberfäule J. Fr. Zückert d. naturgesch. ... des Unterharzes mit einem anhang v. d. mansfeldischen kupferschiefern (1763) 190; zu dem hier mit gneist gleichgesetzten knaust vgl.knaust 6 'im mansfeldischen bergbau ein festes gestein' ( Adelung) teil 5, 1433. zu gniest gehört offenbar die im Goslarer grubengebiet gebrauchte bezeichnung kniest (auch kupferkniest), für einen 'quarzitisch veränderten schiefer' im 'alten lager' des Rammelsberges bei Goslar. der kniest wird heute kaum noch gefördert, es handelt sich um einen älteren ausdruck der bergmannssprache (s. auch unten Lasius), der heute nur noch im geologischen schrifttum gebräuchlich ist, vgl. Wolff die erzlagerstätte des Rammelsberges, zs. f. d. berg-, hütten- u. salinenwesen 61 (1913) 457, bes. 459f., 478ff., 503f.; Bornhardt gesch. d. Rammelsberger bergbaues, archiv f. lagerstättenforschung (1911) heft 52: da man die erze im Rammelsberge durch feuersetzen gewinnt, so musz man sich sehr in acht nehmen, dasz man diesem brennbaren schiefer, den der bergmann kniest nennt, nicht zu nahe komme G. S. O. Lasius beobachtungen üb. d. Harzgebirge (1789) 1, 114; die gleiche gesteinsart wird auch knistiges gebirge benannt, s. Lasius a. a. o. 2, 376. dahin gehört noch, ebenfalls aus dem Goslarer grubengebiet, gnitsgang (offenbar statt gnistgang): da (in der bleizeche des seinerzeit sogen. herzog-Julius-von-Braunschweig-gesenkes) hat es einen gnitsgangck (wie sies nach alten bergmännischen gebrauch nennen), darauf kupfferertz bricht (16. jh.) Hardanus Hake bergchron. 120 Denker. vgl. ohne ortsangabe kniest 'in den hüttenwerken bergarten, die ein wenig kupfererz enthalten' ( Campe) teil 5, 1433. ob das wort verwandt mit ³gneis ist (vgl. auch unter genist 2 f teil 4, 1, 2, 3473), läszt sich nicht mit sicherheit entscheiden.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1950), Bd. IV,I,V (1958), Sp. 645, Z. 32.

kniest, m.

kniest, m.
in den hüttenwerken, bergarten die ein wenig kupfererz enthalten und zu vorschlägen auf dem kupfererze mit gefördert werden. Campe; vgl. kneis und knaust 6.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1867), Bd. V (1873), Sp. 1433, Z. 9.

knit

knit,
s.kneten.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1868), Bd. V (1873), Sp. 1446, Z. 7.

verknieen, verb.

verknieen, verb.
knieend hinbringen: eine stunde verknieen. Heinsius 4, 2, 1309. erwähnt sei hier, dasz im älteren nd. vorkneen in der weitabliegenden bedeutung 'verwandt sein' vorkommt. diese bedeutung leitet sich aus einer früh im mnd. vorhandenen bedeutung des wortes kne als verwandtschaftsgrad ab Schiller-Lübben 5, 497, vgl. altfries. kni Richthofen 875ᵇ. brem. wb. 2, 820.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1891), Bd. XII,I (1956), Sp. 670, Z. 45.

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„knieen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/knieen>, abgerufen am 23.11.2020.

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