Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

kohl, m.

kohl m
brassica, wort und sache von den Römern entnommen, wie die gemüse fast alle (s. unter kabisz), von lat. caulis und côlis m., kohlstengel, kohl, eig. stengel überhaupt (gr. καυλός, vgl. sp. 676). nach der ersten form (Diez 95) it. cavolo, prov. caul, port. couve, franz. chou, span. col, kohl, auch kymr. cawl, breton. kaol, altcorn. caul Zeusz 1117 (gael. cal, cail). aus caulis begreift sich wol auch ags. cavl, cavel, ceavel, altenglisch cawl, cowl, engl. cole, gew. colewort, schottisch kail. eigen altn. kâl n., schwed. kaͦl m., norw. dän. kaal. ahd. mhd. chôl, kôl kann ebenso gut aus caulis wie aus côlis geworden sein, s.klause.
1)
die eigentliche bed. von caulis bringt es mit sich, dasz man das gemüse urspr. als einzelne stengel (pl.) bezeichnete. so lat. caules von dem bestande eines kohlbeetes z. b. Hor. sat. 1, 3, 116. nicht anders noch auf deutschem boden.
a)
ahd. und mhd.: caules, kœle. glosse des 12. jh. Haupt 9, 398, brassica, rœmsche kœle das. 395, beides wird pl. sein, wie wilde koͤle struthium Dief. nov. gl. 351ᵇ (15. jh.) und folg.:
swer einen boc den salter (psalter) lêrt
und im her nâch die kœle wert (verwehren will),
mich dunkt er (der bock) lâʒe den salter gar
und neme der kabaʒbleter war.
Renner 10483.
ahd. glossen bei Graff 4, 386 setzen chôle zu caules, kôli zu caulos, freilich auch zu caulis, magudarim, brasica, ebenso 'chôla' zu magudarim und 'chola' zu caulis, bei Schmeller 2, 290 'plur. chola, caules'. wie nun caulis selbst auch acc. pl. sein kann (caulīs), so wird chôla, genauer chôlâ, plural sein zu chôl m., und auch chôli kann es sein. s. weiter 4.
b)
auch nhd. anfangs noch als pl.: hatten sie sich in ein garten hinder die bonenstengel, hindern langen lattich und breite köl versteckt. Garg. 237ᵃ (445 Sch.), kohlhäupter. auch schwachf. kôln, kôlen, in der Pfalz wird ein Rheinferge angewiesen: quemen die hubener mit krut an den Rein, so sol das erste schiff koln dragen und das ander krut, das der hubener zu rechter zeit zu mark keme. weisth. 4, 532, es kann nach dem weiteren verlauf nur kohl gemeint sein, der als das hauptgemüse (s. 6) den vorrang hat, krût als gesamtwort meint das übrige gemüse; zur form s. 4, a. ebenso noch frz. choux, z. b. planter ses choux (s. 7, a), manger des choux, dagegen un chou ein kohlkopf.
2)
auch hd. findet sich der sing. im genauen sinne von der einzelnen kohlpflanze, es musz nach folg. noch oberd. sein: alle verbrechen strafte er (Drako) ohne unterschied mit dem tode ... den diebstahl eines kohls oder eines schafs wie den hochverrath. Schiller 1025ᵃ. weinbauern an der Mosel wird im 15. jh. erlaubt: wan er aber (weinstöcke) gesetzt hat, soll er macht haben, zwischen (je) fier stöck einen köhl zu setzen. weisth. 3, 807; einen koil. 1, 640. dasz das freilich noch auf caulis zurückgehe, bliebe zu erweisen, es kann entstanden sein nach mhd. gras grashalm, strô strohhalm u. a. aber überaus merkwürdig in Kärnten kaule m. der stengel des kopfkohls Lexer 156; doch kann das unmöglich noch von caulis sein, da das au hd. sonst völlig fehlt; ist es aus einer nordital. mundart? anders östr. kauli blumenkohl (Schöpf 332), s. sp. 212.
3)
gewöhnlich aber ist der sing. collectivisch, die kohlpflanzen als masse oder stoff, sowol wie sie auf dem felde stehn und in den handel kommen, als wie sie auf den tisch kommen als gericht. so gewiss schon ahd. chôl, khôl als gl. für olus und caulis. mit letzterm kann freilich auch kohlstengel gemeint sein, doch schon der lat. sg. galt auch so coll., z. b. Hor. sat. 2, 4, 15 caule suburbano, ganz deutlich bei Columella, z. b.: circa vernum aequinoctium herbas in usum colligi et reponi oportebit, cymam, caulem, capparim, apii coliculos etc. 12, 7 u. ö. (daneben caules 10, 369), es war offenbar der geschäftliche ausdruck des lebens, der von unsern vorfahren gleich mit übernommen wurde.
4)
in der form und bildung aber zeigt auch das fremdwort gleich anfangs manigfaltigkeit, wie das mlat. wort gleichfalls, denn neben caulis war auch caulus und caulum in gebrauch.
a)
neben der starken form eine schwache: chôlo caulis Hattemer 1, 289ᵇ, 'côllo' brasica sumerl. 21, 24. so erklärt sich der spätere pl. koln unter 1, b, die form scheint aber früh abgegangen. im 15. jh. zwar neben kol auch kole Dief. 108ᵃ, beta 72ᵇ, olus 395ᶜ, aber kein kolen, und diesz kole braucht nicht schwach zu sein.
b)
die starke form selbst aber mehrfältig. neben mhd. kôl mit pl. kœle (1, a) und wol auch kôle (sumerl. 40, 12. 44, 42, s. 1, a ahd. chôlâ) bestand auch kœle sing.: in disem mônôt solmen .. kein kœle essen. Haupt 6, 366, 14. jh., in alter form blandona côli sum. 21, 38; freilich kann beides auch pl. sein. aber nur aus urspr. kœle begreift sich später mhd. kœl caulis, holus Wack. voc. opt. s. 50ᵇ, merkwürdig schon im 12. jh. sum. 4, 11 ('coêl' caulis). oft im 15. jh. köl, köle, kœl Dief. a. a. o., im 16. köl bei Dasyp. (auch koͤle 20ᵃ), Alberus, Frisius, Maaler, noch bei Denzler, Stieler, Rädlein neben kohl; im Nürnb. kochb. v. 1734 s. 575 ff. immer nur köhl (in dem von 1727 s. 570 ff. nur kohl).
c)
auch das geschlecht dieser form ist doppelt. Maaler 247ᵇ gibt das koͤll, und auch für ahd. chôli ist das n. ganz passend. gewöhnlich aber masc., wie bei Maaler selbst wilder koͤl, lapsana 500ᵃ, hoher koͤll oder prassica, crambe 230ᵃ: für die gschwulst der fuͤszen magst du nemmen hohen koͤl, camillen u. s. w. Rüff trostb. 74ᵃ; so kont er auch nicht wie der mönch zu Trier dʒ himmelreich eim berg mit butter vergleichen, da das thal darbei voll köl wer und die sonn schmelzt den butterberg in den köl. Fischart bien. 195ᵇ; der köhl gilt noch bair., östr., fränk., schwäb., schweiz., auch im mrh. gebiete, wie wetterauisch, in Nassau, vgl. köhl m. von der Mosel unter 2.
d)
in der schreibung unterschieden z. b. Stieler, M. Kramer (1719) zwischen kohl brassica und kol, kole carbo, und zwar geschichtlich ganz richtig, denn das letztere hat ursprünglich kurzen vocal, das erstere langen, da aus lat. au, ô unmöglich kurzes o werden konnte. die länge ist auch mnd. bezeugt durch koele (oe = ô) Dief. 108ᵇ, nrh. koil 72ᵇ, coil Teuth. 53ᵇ, nl. kool. aber auch kol noch im 18. jh.:
er schneidet itzt den kol, auch macht er ihn zum gären
mit salz und kümmel ein.
Brockes 2, 487 (1727).
e)
merkwürdig eine bair. östr. form kelch m. Schm. 2, 292, Castelli 182: ein blaun kelch mit köstn (braunkohl mit kastanien). Eipeldauer br. 1, 11.
5)
der begriff des wortes musz dem lat. ursprung nach vom stengelkohl ausgegangen sein (vgl.olus, stengelkrût Dief. 395ᶜ), brassica oleracea, noch jetzt kohl schlechthin, sonst der gemeine kohl, gartenkohl, küchenkohl (Nemnich 1, 667), wir denken bei dem bloszen kohl noch jetzt zuerst an dieses gemüse in stengelform. es musz aber gleich zuerst bei uns u. a. diese hervorragende geltung besessen haben, dasz die ganz zufällige benennung zu einem gattungsnamen werden konnte. schon mhd. wird von kœl caulis unterschieden z. b. maguderis, torsecht kœl Wack. v. opt. s. 50ᵇ (s.dorse), im 15. jh. romischer kole, kraus vel römisch köl, brassica Dief. 81ᵃ, romeskol caulis 108ᵇ, sodasz eine neue art später aus Italien eingeführt sein musz, schon im 12. jahrh. oder früher (s. unter 1, a). auch wilder kole strucium voc. 1482 r 1ᵇ. oo 5ᵇ (brunnenkress Dief. 557ᵇ, vergl.kohlsame). vom spinat: heidenisch köl, heidenkeil spinacium Dief. 547ᵃ. Trochus K 5ᵇ nennt den hauptkohl schon bruenkoel (d. i. brûnkôl), braunkohl, daneben beiszkoel beta, kumpstkoel caulis capitatus, gesulzkoel olus conditaneum (weiszkraut); vgl. hoher kohl 4, c, jetzt hochkohl, hoher blattkohl. später wachsen die verschiedenen arten und namen zu einer unmasse an, darunter wiederholt neu eingeführte aus der urspr. quelle, wie Savoyer oder welschkohl, blumenkohl (s. karfiol). der urspr. bed. stengel gerade entgegen z. b. kopfkohl. übrigens mischt und kreuzt sich kohl landschaftlich mit kraut, der weiszkohl, weisze kopfkohl z. b. heiszt sächsisch weiszkraut, das sauerkraut nordd. sauerkohl.
6)
kohl ist aber ganz in den begriff gemüse überhaupt übergetreten, völlig wie kraut. auch das war nur möglich, wenn der eig. kohl gleich urspr. unter den gemüsen die oberste stelle einnahm.
a)
so schon ahd. nach 'olus chôl' Hatt. 1, 198ᵇ, mhd. in der stelle 4, b, im 16. jh. deutlich ausgesprochen von Trochus: holus, unaqueque herba qua vescimur, kraut oder koel. K 5ᵇ; (das senfkorn), welches das kleinest ist unter allem samen, wenn es aber erwechst, so ist es das gröszest unter dem kol. Matth. 13, 32, μεῖζον τῶν λαχάνων, gemüsekräuter; weh euch Phariseer, das ir verzehendet die minze und rauten und allerlei kol ... Luc. 11, 42, πᾶν λάχανον. so heiszt das gericht am grünen donnerstage, aus neunerlei kräutern bereitet, hie und da grüner kohl, auch ohne dasz gerade kohl dabei ist ( Adelung), s. kohlkräutlein. daher denn kohlfeld, kohlgarten gemüsegarten, s. auchkohlhof, ↗kohlkraut, ↗kohljahr. ebenso schott., daher z. b. kailseller gemüsehändler. auch altn. kâl so.
b)
auch für das gekochte gemüse, ja für warme speise überhaupt (dem fleische gegenüber), wie kraut:
sol ich min kohl vom sattel nagen
und des stegreifs mich erneren.
Murner narrenbeschw. q 3ᵃ,
vom leben des raubritters, sich am satteleder satt nagen, sein mittagsmahl da abessen;
ich kan ihm ein koll gekochen,
das ihm gnacken alle knochen.
fastn. 931, 29,
im munde des Todes, s. dazukochen 7; wenn der kohl am besten schmeckt, soll man aufhören. sprichwort bei Simrock. ebenso schott. kail auch gleich dinner überhaupt.
7)
ebenso dann in redensarten.
a)
von dem, der eignen grund besitzt, sagt man, er baue sich seinen kohl selber (vgl.kohlbauer). der familie ihres gemahls, die seit länger als hundert jahren auf ihren angeerbten gütern kohl gepflanzt hatte. Nicolai S. Nothanker 1, 169;
den kohl, den du dir selbst gebaut,
muszt du nicht nach dem marktpreis schätzen.
Rückert 317.
b)
das wird den kohl (wie das kraut) nicht fett machen, dér macht den kohl auch nicht fett, wird nicht viel beitragen zum zweck, zum besserwerden, nd. dat will (sall) den kôl nig fett maken brem. wb. 2, 837, Danneil 112ᵇ, s. schon Waldis verl. sohn 500. umgekehrt:
es ist gut speck in unsern kol.
J. Römoldt v. 555.
c)
von zwei dingen, die nicht zugleich geschehen können: zwene kole in einem topfe kochen. Stolle thür. chron. 4;
dorch sinne, die ich habe in dem koppe,
koche ich zwene kole in einem toppe.
anz. des germ. mus. 1859 sp. 415 (15. jh.);
twe kole in einem potte koken.
Lüntzel stiftsfehde 225;
das musz eig. 'zweierlei gemüse' meinen, vgl. sp. 1555 mitte und man kann nicht zwei mus in einem hafen kochen. Simrock spr. 12374.
8)
wie man abgethane gedanken, reden, witze, die einer wiederbringt, aufgewärmte nennt, gleich einem schal gewordenen gerichte vom vorigen tage, so heiszt es besonders aufgewärmter kohl, auch schott. cauld kail het again Jamieson suppl., in einem lat. sprichwort crambe repetita mors est, nach Juvenal crambe repetita 7, 154 (vgl. das ragout von andrer schmaus im Faust):
der wille wäre gut (zu einem hochzeitsgedichte); was aber schreib ich wohl?
die Venus-myrten sind ein aufgewärmter kohl,
dem, wenn er fertig ist, oft salz und würze fehlen.
Günther 778;
von einem manne, der nur eben versucht hatte, über einen kohl, den er zum sieben und siebzigstenmale aufwärmte, eine deutsche brühe zu gieszen. Lessing 8, 204; wärm mir den alten kohl nicht wieder auf. Lenz 1, 125.
9)
man sagt aber auch blosz kohl von behaglich breitem reden über unwichtige dinge oder von unklarem, langweiligem geschwätz (märk. väöl kôl maokn Danneil 112ᵇ), eig. alter kohl? ähnlich:
wozu gibst du deinen kohl,
bürschlein? (was hast du hinein zu schwatzen).
Calderon von Gries 5, 247.
es heiszt kohl reden, schwatzen, kohl machen (holst. Schütze 2, 245), letzteres auch überhaupt etwas unrichtig machen, dummes zeug, unsinn machen:
drum laszt mir meine verse gehen
und macht mir keinen kohl.
weim. jahrb. 4, 171, v. j. 1802;
daher kohlen, kohler. auch nl. z. b. iets maar om de kool zeggen, etwas nur aus spasz, aus unsinn sagen, hij verkoopt u kool, er treibt seinen spott mit euch, was auch bei uns heiszt seinen kohl mit einem haben, s. Bernd Posen 137, am Mittelrhein kohl spasz, s. Kehrein 239 (hier unterschieden von köhl gartenkohl).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1868), Bd. V (1873), Sp. 1578, Z. 68.

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