Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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koller, köller, n., zuweilen m.

koller, köller, n., zuweilen m.,
kragen, brustkleid, mhd. kollier, collier, collir, gollier n. halsstück an der rüstung und an der kleidung überhaupt, das franz. collier, das freilich jetzt nur halsband bedeutet, wie lat. collare, von collum hals.
1)
die formen.
a)
nrh. um 1500 noch colyer in der Cölner gemma Dief. 132ᵃ, wahrscheinlich noch mehr franz. betont colíer, wie nd. aus benachbarter gegend colleer das., mrh. colleyr 640ᵃ (wie das. papeir papier); daher in Cleve clyeer collirium Teuth. 51ᵇ (wie knin aus kanin, s. d.). so nl. noch bei Kil. kolliere strophiolum mammillare, halsdoek (neben koller). im übrigen Deutschland aber musz die zurückziehung des tons schon im 15. jh. fertig gewesen sein, wie sie schon mhd. begonnen haben wird.
b)
anfangs galt auch umlaut, der auf mhd. cóllir (aus collîr) beruht: köller collare Alberus K 2ᵃ, daher auch keller collare Yy 3ᵇ, wie schon im 15. jh. Dief. 132ᵃ, n. gl. 100ᵇ. auch nd.: diphthera, colobium scorteum, ein ledderen köller. Chytraeus c. 40. köller noch bei Stieler 915 neben koller.
c)
oberd. mit g (s. K 1, f), im 15. jh. gollir, goller Dief. 132ᵃ, gollier nov. gl. 100ᵇ; diphthera, liderin goller Golius c. 39, Dasyp., Schönsl., vgl. Keisersberg u. 2, e, Frischlin u. 2, d. noch bei Schiller: plötzlich greift er in seinen köcher, nimmt einen zweiten pfeil heraus und steckt ihn in seinen goller. W. Tell 1804 s. 142. 148; bei Tschudi und Etterlin steht hinden in das göller, wie bei Maaler 188ᶜ läderin göller n. lorica, halsgöller Denzler 1, 155ᵇ, noch schweiz. das göller.
d)
andere nebenformen im 15. jh. kuller Dief. 132ᵃ, kolner Görlitzer stat., scr. rer. lus. 1, 393 fg., im 16. jh. auch golder, golter (aus golr), wie nl. kolder, kulder m., schon bei Kilian neben koller.
e)
unter deutschem einflusz auch schwed. köller Sahlstedt, gewöhnlich kyller m., dän. kollert (wie kuffert koffer), böhm. kolar kleid ohne ärmel.
f)
der pl. heiszt gewöhnlich koller Jesaias 3, 23, apostelg. 19, 12, aber auch köller, z. b. Leipz. stadtordn. 1544 (s. 2, e); auch folg. ist wol von koller, nicht von köller:
hieb- und schuszfrei sind die köller, womit der soldat sich deckt,
aus der büffel dicken haut.
Brockes 9, 296.
2)
bedeutung.
a)
die urspr. genaue bed. ist bei uns eig. nicht vorhanden. die Straszburger gemma 1518 gibt zwar collerium als goller oder halsband, der Leipz. voc. opt. 1501 als koller ader halsbant, aber das letzte wort kann auch nur dem lat. gelten. doch aus Waldeck gibt Curtze 478ᵃ koller n., ein halsband für frauen.
b)
das kleid am halse: capitium, koller (in einem andern voc. kragen) Diefenb. gl. 97ᵇ; capitium est os tunice, goller, auch gollir, halsloch n. gl. 73ᵃ, also die halsöffnung im kleide, am kleide der kragen, im Teuth. 51ᵇ clyeer, craghe, collirium, jugulum. bei Ludwig 1049 ist ein koller oder köllerlein ein halskragen, ein weiberkoller oder halskoller so die weiber tragen a woman's neck-cloth. noch jetzt findet sich koller für den halskragen von frauen (so tirol. goller m., s. Schöpf 199), für die runde halskrause der protest. geistlichen, auch die bäffchen (Campe, Bernd Posen 139); oberhess. der hemdkragen. sächs. heiszt koller das halsstück an mannshemden, kinderkappen, mänteln (vom kragen unterschieden): korte jopen, die koller tif uszgesneten in dem rocke zu halbe (halbem?) weg. Haupt 8, 319, aus Thüringen, als männertracht um 1480 (s. c), das geht schon ins folg. über oder gehört dazu.
c)
schon vor dem 15. jh. musz sich in einer bestimmten zeit der begriff erweitert haben auf ein kleidungsstück, das auszer dem halse auch den oberleib bedeckte (wie in alter zeit halsberg sich erweiterte zu leibpanzer überhaupt, s. Diez 365. 1, 434); denn im 15. jh. gab es schon 'dief vel uszgeschnitten koller' Melber varil. n 1ᵇ (s. v. insolentia als detestabiles innovationes vestium), ausgeschnitten am halse wie sie nach franz. vorgang damals auch männer trugen (s. z. b. Scheibles kloster 8, 976. 939, Kellers fastnachtsp. 1276); unserem sönlin macht man das hembd auszgeschnitten wie die alte schweizerische goller. Garg. 113ᵃ (Sch. 202), entgegengesetzt werden ihnen das. die nachher aufgekommnen hohen krägen (hoch und vorhin tief wie noch in der sprache der modejournale). da ist denn aber mit dem halsstücke auch der eigentliche begriff des wortes mit weggeschnitten. Kilian, Stieler u. a. erklären koller als tunica sine manicis (leibrock ohne ärmel), noch nd. halbes oberhemd ohne ärmel.
d)
so denn als männerkleid im 16. 17. jh.: exomis, goller, leib ohn ermel. Frischlin c. 140; von einem lidern koller, auf zwei recht gemacht, verbremt, iiij groschen (zu machen). Leipz. stadtordn. 1544 B 1ᵃ, als studententracht; koller, franz. un buffle (büffelledernes koller), collet. Rädlein 553ᵇ;
er (Wallenstein) trägt ein koller von elendshaut.
Schiller Wallenst. 1800 1, 31,
auch in den worten vorher durch den stiefel und koller wird es danach n. sein; (Gustav Adolf) blosz mit einem ledernen koller und einem tuchrock bekleidet. 963ᵇ;
des reiters koller stück für stück
fiel ab wie mürber zunder.
Bürger 15ᵇ (Lenore);
sie nestelte ihm wie gewöhnlich das koller auf. Musäus (1854) 3, 172 (vergl. unter aufnesteln); da ist vielleicht gemeint, was Adelung angibt, koller, enges ledernes reitkleid mit ärmeln. noch in Baiern goller n. als mannjacke.
e)
als frauenkleid: mammillare, goller, brustgoller. Frischlin c. 141, halsgoller Henisch 1678; amiculum scapulare, goller. Golius c. 40 (amiculum collare ist halsmäntelin, mammillare übermuͤder das.), Chytraeus c. 41 freilich erklärt das lat. als korter hoike (mantel), wonach es unter c zuerst zu setzen wäre; uf der gassen haben sie verdeckte goller (die g. verdeckt) an, alsbald sie heim kommen, werfen sie das hinweg und zeigen iren hals und arm dem knecht im hus. Keisersb. post. 160 bei Frisch 1, 361ᵃ; selbst für bäuerinnen wurden in Baiern schon 1501 röcke verboten vorne am busen oder goller .. ausgeschnitten, s. Schmeller 2, 33; noegaeum, ein fein weisz köller. Alberus K 2ᵃ, von leinwand; von einem sammaten koller, hoch und weit zu halse, wie man sie itzt tregt, iiij groschen, dammaschken iij gr. Lpz. stadtordn. 1544 B 2ᵃ, unter der überschr. köller (pl.); von einem atlas koller ij gr. B 2ᵇ, für dienstmägde; von einem wollen halskoller j gr. B 3ᵃ, für bäuerinnen. so noch oberd., z. b. im bair. oberlande goller, es dient zur verdeckung der blöszen um hals und brust und wird über die übrige kleidung gezogen, theils einem mieder theils noch einem halstuch ähnlich. Schm. 2, 34; schwäb. brusttuch Schmid 238, ebenso schweiz. göller n. Stalder 1, 464. vgl. köllerlein, kollericht.
f)
in der Niederlausitz heiszt das vorhemdchen koller, ähnlich nürnb. das geifertuch für kinder göllerlein Schm. 2, 33.
g)
aber im 16. jh. auch noch als stück der rüstung, z. b. stählen göller Scherz 560. vgl. dazu unter h.
h)
redensarten: es ist ihm das goller enger worden, es ist ihm angst; es schutzet kein goller für den galgen. Henisch 1678, das zweite vom koller der rüstung (g).
i)
ein backwerk: zerschnitten köller. Garg. 56ᵇ (Sch. 92).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1868), Bd. V (1873), Sp. 1614, Z. 42.

koller, m.

koller, m.
ausbrechende oder stille wut.
1)
die herkunft des wortes.
a)
es stammt aus der antiken medicin, zu grunde liegt gr. χολέρα, name einer krankheit (cholera), durch die sprache der ärzte früh bei uns eingeführt; schon ahd. glossen geben lat. cholera (gespr. kŏleră) lautverschoben mit hd. choloro, und 'coli, dolores ventris' (aus colica gemacht?) mit cholarûn pl., s. Graff 4, 390, sodasz es schon da ganz eingebürgert erscheint, als schwaches m. choloro, cholaro, von denen die zweite die ältere form sein musz, in den vocalen umgedeutscht wie von einem stamme chul mit brechung (vergl. sp. 844 mitte), die erste mit angleichung des unbetonten vocals an den betonten (s. unter knoblauch 1, a); an dem masc. mag das -r- schuld sein (vgl. Wackernagel umdeutsch. 41).
b)
den übergang zum mhd. zeigt cholere bei Graff, daraus ward regelrecht kolre: dissenteria, die scarfe kolre. Mones anz. 8, 493ᵃ, 14. jh., als f., das entweder schon ahd. neben dem m. mit aufgenommen oder nach dem lat. wiederhergestellt war. denn von colera sprachen die ärzte auch in deutscher rede: die naturlichen colera. Haupt 5, 462; vil dicke wirt diu lungel wunt von der colera. Pfeiffer zwei d. arzneib. 45, 7. noch jetzt schweiz. (Luzern) koler, koller darmgicht, kolik Stalder 1, 505 (leider ohne angabe des geschlechts).
c)
man musz aber von dieser krankheit die benennung eines der vier temperamente, des cholerischen, entnommen haben, vielleicht noch im späten alterthum (warum?). es wird sogar kurz auch als cholera bezeichnet: die erst (natur) haiʒet colera, die ist haiʒ und truken. anz. d. germ. mus. 1, 185, 14. jh.; cholera, verbrant blut, quaedam complexio hominis. gemma Straszb. 1518 E 2ᵇ (s. unter komplexion); so noch spanisch colera f., cholerisches temperament, 'warmblütige körperstimmung'. In den vocc. des 15. jh. wird colera erklärt mit durre blut (s. sp. 78 unter 3), erhitzt vel heisz blut, auch inhitzig, überhitzig blut u. ä. (s. Dief.), wie wir ja noch einen choleriker als heiszblütig bezeichnen (vgl. sp. 79 unter d); man sah darin ein übermasz der 'trocknen hitze', der colericus war ein truckenhitziger mensch Dief. 131ᵇ, ein warmtruckner n. gl. 99ᵇ (s. sp. 79). die eigentliche quelle davon musz man in der galle gesucht haben (man erkannte in cholera gr. χολή galle), daher auch gallenkollerig cholerisch Fischart Garg. 219ᵃ (409) und ital. collera, sp. colera, engl. choler für die galle selbst.
d)
so ist denn nhd. koller ein gebliebener ausflusz jener wunderlichen mittelalterlichen physiologie, gerade wie franz. colère, it. collera, sp. colera zorn, die aber noch fem. sind. wie deutlich man das noch im 16. jh. wuszte, zeigt lat. cholera für zorn, aufbrausende heftigkeit: da müszt warlich der wettermacherisch papst (wie Zeus) brennende kerzen und bannstral herab schieszen und sein päpstliche choleram erzeigen. Fischart bien. 235ᵃ (1588 260ᵃ). dasz unser koller nicht erst aus dem roman. genommen ist, dafür spricht das m., womit sich das nhd. wort an das ahd. cholaro anschlieszt, das wol schon ein starkes cholar neben sich hatte.
e)
eine nebenform ist kolder (s. d.), sie erklärt sich aus dem kolre unter b (das auch als m. bestanden haben wird), genauer aus kolr; es ist wie kelder keller aus kelre, minder aus minre, bildern aus bilren 2, 25, franz. gendre aus genre, ἀνδρός, μεσημβρία aus anzunehmendem ἀνρός, μεσημρία u. s. w. nd. kuller br. wb., auch dän. kuller, schwed. koller m., engl. choler nach dem franz.
2)
bedeutung des nhd. koller.
a)
von menschen: cholera, koler oder inhiczig (blut?). voc. 15. jh. Dief. 131ᵃ; koller, zorn, er hat den koller, ist zornig. Rädlein 553ᵇ; den koller bekommen, in gyrum verti. Steinbach 1, 893; meine leute stellten sich .. dergestalt wunderlich an (mit lachen), als ob sie den koller hätten. Felsenb. 4, 193, toll wären; ich habe .. frost und hitze, sinn und unsinn, kurz ich habe den koller! 'potz, das wäre wol keine krankheit für einen infanteristen!' Kretschman fam. Eichenkron 148;
er gibt nicht nach? 'bei leibe nicht! der hat den koller,
und redet man ihm zu, so wird er nur noch toller'.
Kotzebue dram. sp. 8, 154.
jetzt nur noch als volksmäsziges kraftwort, wenn der den koller kriegt, machst du nichts mit ihm; er hat heute seinen koller u. dgl., auch gelinder nur von reizbarer wunderlichkeit. s. kollern, kollericht.
b)
in vollem gebrauch nur noch von pferden, die wutkrankheit, die beim ausbrechen der rasende, wütende koller heiszt, sonst der stille koller, in der kunstsprache mit vielen arten, wie dummkoller, mutterkoller, sonnenkoller u. a. aus älterer zeit bei Hohberg 2, 228ᵇ, Rädlein 553ᵇ (nicht bei Stieler, der doch die ableitungen hat (vgl. kollern 2): ein pferd, das den koller bekömmt, ist leichter aufzuhalten als das plappermaul eines solchen nickels. Lessing 1, 355;
herzspann zu vertreiben und zahnweh,
koller und wirbel sogar, durch heimliche schrift und besprechung.
Voss der riesenhügel v. 48;
der koller gibt sich mit den jahren.
Schiller 98ᵇ, Pegasus im joche.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1868), Bd. V (1873), Sp. 1616, Z. 5.

koller, adj.

koller, adj.
kollerig, wütend? s. kollern 3, c.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1868), Bd. V (1873), Sp. 1617, Z. 16.

kollern

kollern,
den koller haben, toll sein, wild thun, poltern, s. koller. nd. kullern, schwed. kollra.
1)
von menschen.
a)
von sinnen sein, auch wüten, toben (Stieler 942): und (David) verstellet sein geberde fur inen (als wäre er wahnsinnig) und kollert unter iren henden und stiesz sich an die thür am thor u. s. w. 1 Sam. 21, 13, mit anklang an kollern rollen, sich wälzen? denn das hebr. wort zwar bedeutet rasen, aber die vulg. hat collabebatur inter manus eorum, und der zusammenhang stimmt dazu; dieser kollert so fein (thut so närrisch), das ich nicht weisz ob er auf dem heubt oder auf den ohren gehen wil. Luther 8, 67ᵃ, doch schon bildlich, von unsinnigen worterklärungen, darum von lange vorhergehendem gebrauch zeugend; der narr kollert einmal, verfällt in seinen koller, hat einen anfall. Stieler.
b)
in reimformel kollern und pollern: disz ist der gemeine gebrauch, dasz man derjenigen spottet, welche ohne verstand, mit kollern und pollern, ungereimte sachen wollen. Hohberg 3, 1, 82ᵃ.ᵇ, vergl. koldern und poldern sp. 1612 und nachher kollern und tollern unter 3, c.
c)
milder werdend von jähzornigem zanken, lärmendem reden, 'jurgari' Stieler (wie poltern auch): fieng er an zu fluchen, mit donner und hagel (d. i. flüchen) drein zu kollern. Simpl. 1, 202, 31 Kz.; ich fieng gewaltig an zu kollern und sagte .. 4, 60, 21. auch mit denselben praepositionen, wie zanken: was habt ihr jetzt mehr vor ursachen über mich zu kollern. 3, 181, 25; fienge derowegen an mit ihr (seiner frau) zu kollern. 3, 88, 17; ich habe geistliche seelenhirten ... gewaltig darwider (hätte bei einem haar donnern gesagt) kollern gehöret. 4, 15, 12.
d)
noch weiter abgeschwächt närrisch, wunderlich sein oder thun (so z. b. oberpf. Schm. 2, 290, selbst vom wetter), seine laune, seinen bösen tag haben u. dgl., freilich mit nachklang der vorigen bedeutungen: ich dächte also .. wenn die frau visitatorin kollerte, so müszte die frau thorschreiberin dermaleinst verstand genug besitzen, sich nach ihrer decke zu strecken. Möser phant. 1, 173 (255);
oft kollert drob (über untreue) sich mancher halb von sinnen.
Bürger Bellin str. 6.
bei Rädlein 553ᵇ selbst gleich schmollen. doch folg. noch wie unter a Luther: dieser unsinnige schwätzer .. der wol sein eignes kollern nicht versteht. Tieck ges. nov. 4, 98.
2)
von pferden.
a)
der koller heiszt das kollern, wie der infin. bei vielen krankheiten früher galt: zuletzt wenn sie die laun und das kollern ankompt, den herrn aufs pflaster legen (abwerfen). Luther 6, 145ᵃ; das kollern hat den namen von der cholera, weil es von ergieszung der gallen ihren (auf cholera bezogen) ursprung nimmt. Hohberg 2, 228ᵃ.
b)
seltener als lebendiges zeitwort:
schüchtern kollerten sie vielleicht und wollten der schlacht uns
nicht entführen, wofern sie deine zunge vermissten.
Bürger 223ᵃ, sträubten sich.
c)
doch im part. praes.: der wille ist wie ein kollernd pferd, wild und unbändig u. s. w. Scriver seelensch. (1684) 111; wie ein kollerndes pferd .. stutzen (am abgrund). Liscow 279.
3)
diesz part. kollernd hatte seine eigne entwicklung.
a)
es diente als adj., besonders zur bezeichnung der krankheit, wie bei andern krankheiten das part. praes. galt (entsprechend dem subst. inf. das kollern 2, a): zu Delphis ist ein sonderlich loch .. gewesen, darausz er (der teufel) die leute angewehet .. dasz sie hennebrittend (s. unter klucks 2) und kollernd sind worden u. s. w. Mathesius Sar. 213ᵇ (16. pred.); wiewol sichs selten zutregt, das fromme .. weiber von mennern, ob die auch schon bös und kollernd sind, geschlagen werden. Barth weibersp. C 4ᵃ. noch bei M. Kramer 1768. 1787 kollerend als besondres wort, gleich kollerig.
b)
es ward aber gekürzt in kollern (was allein häufigen gebrauch ausweist), wie andre part., mit dem inf. sich mischend. Agricola nr. 650 gibt als sprichwort 'der vater ist abermals kollern worden', in der erklärung: kollern wird vom griechischen wort cholera kommen, das da heiszt wallend und hitzig geblüt. man sagte er ist oder wird kollern: wenn ein pferd kollern und unsinnig wird. Coler hausb. (1640) 278.
c)
daher denn ein scheinbares adj. kollern: nu es gehet wie es gehen sol, on das auf dem rechten wege nichts bleiben wil, es wil entweder hotte oder schwode (rechts oder links, gr. 3, 310) hinaus, wie die kollern und tollern geule thun. Luther 6, 157ᵇ (auslegung des 101. ps. v. 5), s. dazu kollertoll. diesz kollern war als adj. um so mehr zu fühlen, da es sich an adj. wie lüstern, kützeln kitzlich (sp. 874) anlehnte, s. unter kleisper (adj.) 4.
4)
von gewissen tönen.
a)
besonders vom geschrei des zürnenden puterhahns: sie (die insulaner) antworteten nicht, sondern kollerten mit mir und unter sich selbsten eine sprache dahin wie erzörnete kalekuttische hanen. Simpl. 2, 280, 16 Kz., zugleich als beleg für die allgemeine bed.; der kollernde puter. Voss Luise 1, 13; er im zorn kollert wie ein welscher hahn. Pestalozzi 6, 6.
b)
vom girren wilder tauben:
allein was kollert und girrt mir hier zur seiten vom eichstamm ...
teuscht mich der einbildung spiel? sieh! plötzlich flattert ein täubchen
aus éinem astloch empor.
Kleist frühl. 1754 s. 40.
c)
ähnlich von dem rollenden klange in den eingeweiden (wie kolkern), es kollert mir im leibe; ebenso nd. kullern, wie vom puter (br. wb.): es wird leider nicht lange dauern (mit dem vernünftigen reden), es kullert schon etwas unterm zwergfell. Immermann Münchh. 2, 139, von einem besessenen.
d)
vom rasseln der schlüssel:
diese läszt als weisze frau nun ihre schlüsselbündel kollern.
Platen 276.
e)
selbst trans.: wie er die verschiedenen instrumente nachmachte ... er pfiff die kleinen flöten, er kollerte die querflöte. Göthe 36, 115, bildete ihren klang kollernd nach.
f)
diese bed. bedarf aber einer besonderen prüfung. der gebrauch unter a schlieszt sich zwar deutlich an das vorige kollern an, der kollernde puter hat eben den koller wie ein zürnender mensch. aber das kollern unter b will sich nicht anschlieszen, eher das unter c; es bleibt möglich, dasz hier ein eignes, heimisches klangwort vorliege, das mit dem vorigen sich vermischte, s. besonders unter 5. da aber der klang fast immer ein rollender ist, kommt eine herkunft vom folg. kollern rollen in frage, wie man vom rollenden donner spricht. wie eng und unscheidbar so verschiedene begriffe und wörter verwachsen können, zeigt recht deutlich die stelle Simpl. 4, 15 u. 1, c, wo Grimmelshausen ganz deutlich zugleich an das rollen des donners und an den koller eines unsinnigen, vielleicht auch an den puterhahn gedacht hat.
5)
endlich im bergbau. wenn da etwas an einer maschine nicht recht geht, schlottert, was sich durch einen ungewöhnlichen klang verrät, wie ketten, seile, sagt man das kunstgezeug, das seil kollert (Frisch, Adelung), bei Hertwig 246 die kunst kollert, 'wenn etwas daran zubricht'. hier ist wol das unter 4, f angenommene klangwort besonders deutlich.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1868), Bd. V (1873), Sp. 1617, Z. 65.

kollern

kollern,
rollen, kugeln.
1)
heimat, form, verwandtschaft.
a)
heimisch ist es in den md. und nd. mundarten, und von da in die schriftsprache gekommen, nicht vor dem 18. jahrhundert wie es scheint, aufgenommen zuerst von Ludwig 1049 (1716), hinunter kollern to tumble down, noch nicht von Stieler, Rädlein, Kirsch, M. Kramer (1787); doch jetzt gebrauchens auch oberdeutsche schriftsteller.
b)
in der volkssprache übrigens heiszt es vielmehr kullern, so schles., sächs., thür., hess., auch henneb. Fromm. 3, 133, dann nd.; ostfries. auch mit umlaut küllern Stür. 127ᵃ. dazu subst. die kuller, kugel im kinderspiel, thür., sächs., in Posen, Preuszen. das u hat guten grund (s. c), ist das o nur umänderung bei der aufnahme in die feder dem vorigen kollern zu gefallen, um es vornehmer zu machen? neuerdings wird doch auch kullern geschrieben, z. b.: ward das fasz bergab gekullert. Grimm kindermärchen 1, 85. auch das vorige kollern heiszt aber nd. kullern, und schon dort u. 1, a schien Luther 1 Sam. 21, 13 kollern rollen im sinn zu haben. auszerdeutsch in Schweden kullra rollen, das unentlehnt scheint, vgl. c am ende.
c)
einzeln auch noch einfacher (also älter) kullen, so in Schlesien Weinh. 49ᵃ, und in Aachen Müller u. Weitz 135; dazu kulle f. kugel, hessisch, schlesisch (hier auch rolle, walze), nebenform von md. kaule kugel (das ebenso kaulen, kaulern kollern neben sich hat). aber kulle mit seinem kurzen vocal sicht dem ursprung näher stehend aus als kaule, der ursprung liegt vielleicht vor in den entsprechenden formen unter kol kopf (s. dort, besonders 2, b). denn zu dem nordischen koll kopf dort stellen sich in begreiflichem fortschritt der bed. z. b. schwed. dial. kólleter adj. rundlich, rund erhaben, altschw. kulloter, landsch. kullrut (Rietz 344ᵃ), gemeinschw. kullrig, ferner falla omkull oder kull über den haufen, eig. kopfüber fallen, norw. kolla über den haufen stoszen, kolla seg über den haufen fallen, dän. kolbytte purzelbaum, schw. kullrut leicht umfallend (Rietz 344ᵃ), das sich dann an kullra kollern anschlieszt. vgl. 2, b.
d)
erwähnenswert endlich
α)
eine form der Leipz. kindersprache kullerô machen, mit den kullerkaulen spielen, auch kullerê, kaulerê machen; dasz die bildung alt ist, zeigt schles. kullo n. kugel in der kinderspr. Weinh. 49ᵃ, dasund -ê (eig. œ?) ist erklärt von Schröer bei Fromm. 6, 340, in Presburg ruft man der entrollenden kegelkugel kûchalôoo! nach, daher kugelô spielen kugeln, und bei kindern kugelô die kugel selbst. s. über diesz vocativischeGrimm gramm. 3, 290, vgl. feuerio.
β)
das kullern, mit kugeln in erdlöcher spielen, heiszt in Leipzig auch hullern, einhullern, und dem steht nahe oberpfälz. hurlen, horlen (hurgelen) kugeln, rollen Schm. 2, 237, diesem aber wieder nürnb. korlen kollern 330, das sich wiederholt im nd. kurreln brem. wb. 2, 893.
2)
gebrauch und bedeutung.
a)
intr., rollen: vom berge herab kollern. Steinbach 1, 893 (in vermengung mit dem vorigen); dasz er (der stein) die anhöhe hinunter kollerte. Pierot 2, 310; unerhörte tiefen hinabkollerte. Leipz. avant. 1, 57; eine einzige bombe ... auf unsere insul herunter gekollert kam. Felsenb. 4, 293; eine wolke .. in gestalt einer runden kugel auf das ufer herauf gekollert. 4, 332;
doch ich (Diogenes) bin andern sinns und lern in meinem fasse,
der beste staat sei der, den man so kollern lasse.
J. E. Schlegel 2, 605;
ihm kollert im gefilde sein gespann.
Bürger 169ᵇ, nach ἀτυζομένω Il. 6, 38;
spatkugeln kollern nieder.
Annette v. Droste 59.
b)
von lebenden wesen, besonders kopfüber purzeln, purzelbäume schlagen (vergl. 1, c am ende), s. abkollern: dem harmlosen wanderer vor die füsze zu kollern. Göthe 12, 233, von Mephisto in hundsgestalt;
wie kunterbunt die wirthschaft tollert,
der ameishauf durcheinander kollert.
13, 127 (H. Sachsens send.);
und möcht ein kleiner bube sein
und kollern durch das feld.
W. Müller (1837) 1, 234.
so sich überkollern Eichendorf philister 127.
c)
trans.: eine kugel fort kollern, einen stein den berg hinab. Adelung; kollere es (dein bündel) für dir her. Frisius handwerkercerem. 22; eine .. kugel, so die weiber brauchen, ihre schleier durch hin und wieder kollern glatt zu machen. das. 252.
d)
refl.: (eine wolke) welche sich denn immer näher und näher nach unserer hütte zu zu kollern schien. Felsenb. 4, 332;
und der weise aller weisen
kollert sich im weichen gras.
W. Müller 1, 245;
man haschte sich (bei der ernde) .. bis man .. stolperte und sich im stoppel kollerte. Goltz jug. 3, 165; sich im bette hin und her kollern.
e)
in den begriff mischt sich ein neuer zeug, wenn auf das polternde geräusch z. b. des kollernden steines das gewicht fällt, wie es z. b. Schambach 116ᵃ für gött. kullern angibt, schon Frisch 'cum strepitu devolvor' 1, 532ᶜ (als volksm.); es nähert sich damit dem vorigen kollern 4, c. f.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1868), Bd. V (1873), Sp. 1619, Z. 31.

kollern

kollern,
vom leder, weich zubereiten und färben, wie sämischleder, vom ersten koller, zu dem weiches und farbiges leder genommen ward (noch nicht bei Krünitz): man braucht den ocher .. zum kollern des leders. Karmarsch wb. s. v. ocher; weisz gekollerte beinkleider, z. b. wie sie zum 'wichs' der studenten gehören, gekollerte hosen Immermann Münchh. 1, 19, memorab. 1, 229. auch von ähnlichem färben mit ocher, s. kollerfarbe: strich den saal grau an, machte unten einen grüngekollerten wandfusz. Immermann memorab. 1, 213.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1868), Bd. V (1873), Sp. 1620, Z. 42.

köllern

köllern,
bei Fischart: und damit es (der hosenlatz) nicht die zan pleck (klaffe) wie ein wammest mit haften, so wirds geköllert mit knöpflin. Garg. 115ᵇ (Sch. 207). wie mit einem koller, kragen verwahrt?
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1868), Bd. V (1873), Sp. 1620, Z. 51.

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Zitationshilfe
„kollern“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/kollern>, abgerufen am 18.09.2021.

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