Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

kreuzen

kreuzen,
1)
ans kreuz schlagen, mhd. kriuzen, ahd. krûzôn, nl. kruyssen Kil., dän. krydse, nhd. von kreuzigen verdrängt:
das man Jhesum crützen (so die hs.) wil.
Mone schausp. d. m. 2, 307,
in der regel schon crützgen ebenda;
dasz sie den, der gecreutzt, zum herren auszerkiest.
Opitz 4, 309, nach H. Grotius.
2)
mit christlichem kreuze heimsuchen, zu kreuz 2, in folg.: das inwendige leiden, das die heiligen von irer sünde wegen tragen .... das verfolgen der andern umb desselben gecreutzeten lebens willen. Luther 1, 36ᵃ, ausleg. des 5. buszpsalms. vgl. lat. cruciare, das auch schon aus der bed. ans kreuz schlagen in die von peinigen übergieng.
3)
vocabb. des 15. jh. geben alare, alas vel brachia ad modum alarum extendere, krutzen, kreutzen die flugel, s. Dief. 20ᵇ; im voc. 1482 b 5ᵇ ankreutzen als die vogel, alare, alas extendere. so weit sich das auf die vögel bezieht, geht es wol auf das anschlagen der raubvögel an thorwege in kreuzform; von menschen gebraucht (vgl. auch alare, arm ausrecken Dief. nov. gl. 14ᵃ und die gemma s. v. alare) kann es sich auf eine kirchenstrafe beziehen, vermöge deren einer mit ausgestreckten armen an ein kreuz treten muszte, wofür beispiele, freilich aus weit älterer zeit, bei Schilter 190ᵃ, s. auch Scherz 830, besonders Ducange s. v. crux, adstare ad crucem (ebenda belege, dasz diesz stehen am kreuze als gottesgericht gebraucht war, der überführte war der welcher zuerst ermüdete).
4)
mit einem kreuze bezeichnen, z. b. mhd. gekriuzter ritter Parz. 72, 13, mystisch im welschen gast 11625 ff.; gekreuzter brief N. Manuel 311, vorher der was mit eim groszen kreuz verzeichnet (bezeichnet). 310.
5)
ein kreuz schlagen (s. u.kreuz sp. 2182), mhd. kriuzen.
a)
bloszes kreuzen, kriuzen:
dâ sol man kriuzen vür den hagel
und segenen vür den gæhen tôt.
Tristan 379, 22;
er (der messpriester) criuzet hin er criuzet her, ein criuze ob dem kelche ein criuze vor dem kelche, lange criuze kurze criuze. Berthold bei Mone schausp. d. mitt. 2, 356;
weiwasserwurz, geweichts (geweihtes) wachs mit,
do man nechtlich mit creuzt und ficht.
Folz von hausrat, bei H. Sachs 4, 159 Göz,
zum schutze des wiegenkindes gegen böse einflüsse;
dann kreuz' und segn' ich: Adam du!
bleib doch in deinem grabe!
musenalm. von Voss 1778 s. 57;
da kreuzt' und rief ich: lieber tod,
willst du nun endlich kommen?
59.
b)
trans., wie sonst bekreuzen: eine hostie kreuzen und segnen. Hippel 8, 162. einen kreuzen, heldenwitz für schwerthiebe im kampfe (vgl. kreuzhieb, kreuzstreich):
wo man si chreuzet mit dem swert,
da sein si chainer eren wert.
Liliencron hist. volksl. 1, 370ᵇ,
wie es kurz vorher heiszt:
wo man ir darf (bedarf) in sturm und streit,
da tuͦn si des segens nit enpeiten (warten).
c)
meist sich kreuzen:
die alten mütter kreuzten sich.
Gellert (1785) 1, 155;
was auszerordentlich scheint und worüber sich alle kreuzen und segnen. Hippel; der pöbelhaufe, der uns in der wolke kaum sah, und sich kreuzte, dasz ein mensch da durch wollte. Herder; entsetzlich! ich muszte mich kreutzen und mein perfer! rufen (vor dem ungeziefer). E. M. Arndt erinn. 173.
6)
kreuzweis legen u. ä.: die beine, die arme (über die brust) kreuzen;
neigen dreimal alle sich vor Assad
händ und arme kreuzend.
Platen 325;
ein pferd kreuzt (die vorderbeine), setzt sie kreuzweis vor einander. fechtende kreuzen die degen gegen einander, die degen kreuzen sich.
7)
kreuzweis, kreuz und quer sich bewegen.
a)
z. b.: die schwalben kreuzten hin zu dem baumörtel. Arnim 2, 212; eine vorbeikreuzende schwalbe. J. Paul Tit. 1, 142, von ihrem flug im zickzack; freudig löste sich das gebundene leben unter dem kreuzen der blitze und dem rollen der donner. Bettine br. 2, 313. von einem betrunkenen: er kreuzt (geht im zickzack). Lichtenberg 3, 75.
b)
so besonders von schiffen, kreuzern, die eine küste bewachen, den feind belauern u. dgl., besonders von kapern; zuerst bei Rädlein 180ᵇ i. j. 1711 (der das ganze wort unter den wbb. zuerst hat und nur so, wie nach ihm Ludwig i. j. 1716), nl. kruisen, (daher wol) engl. cruise, frz. croiser, dän. krydse: seine schiffe kreuzeten auf allen seiten und laureten auf die Phönicier. Breitinger forts. d. crit. dichtk. 185; eben fällt mir bei, graf, sie lassen ja gegen die Türken kreuzen? Schiller 167ᵃ; auch für lavieren: den flusz hinauf kreuzen.
c)
diesz dann bildlich:
durch euer (des brautpaars) beispiel angereizt
bekehre sich, wer schon allmälich an der küste
des hagestolzeneilands kreuzt.
Gotter 1, 177;
der reisemarschall .. wollte nach dem reisetage so gern recht bequem im holden luftigen und duftigen Liebenau ruhen und kreuzen nach schönen gesichtern. J. Paul komet 3, 36; ich hätte gar zu gern noch ein paar tage hier herumgekreuzt (statt abzureisen). Bettine br. 1, 277.
8)
im kreuze durchschneiden, kreuzweis schneiden, vgl.durchkreuzen.
a)
eigentlich.
α)
transitiv:
da kreuzt ein fischernachen
des mondstrals reges blank.
Voss 5, 152 (4, 17);
unser pfad kreuzte die landstrasze.
β)
bes. reciproc: zwei sich kreuzende linien, richtungen;
der donner rollt, schon kreuzen sich die blitze.
Göthe 13, 226;
auf einem der hügel .. die mit der schönsten mannichfaltigkeit sich kreuzen und die lieblichsten thäler bilden. 16, 7; in einer stadt wie Frankfurt befindet man sich in einer wunderlichen lage. immer sich kreuzende fremde deuten nach allen weltgegenden hin und erwecken reiselust. 48, 93 (91);
wann erst durchs ganze land sich eisenbahnen kreuzen.
Rückert weish. d. br. (1843) 337.
am waldsaum, wo der Weisziger weg sich mit dem Hermsdorfer waldweg kreuzt. Droysen Yorks leben 2, 193. zwei briefe kreuzen sich oder der eine kreuzt sich mit dem andern, wenn zwei correspondenten zugleich an einander schreiben; noch mehrere gespräche kreuzten sich. Göthe 43, 278.
γ)
das sich bleibt gern aus beim part. und inf., aber hinzugedacht:
kreuzende gänge (im park).
Kleist frühl. 1754 s. 26;
(gärtchen) ländlich umzäunt
von kreuzenden stäben.
Salis (1793) 72;
Lutetiens kreuzende gassen.
81;
bleiben dem (sich) kreuzenden feuer von allen seiten ausgesetzt. Göthe 29, 256; den mittel-, schwer- und brennpunkt dieser kreuzenden linien und strahlen. J. Paul 36, 55; es entstand (bei ungeordnetem aufmarschieren) allerlei kreuzen der truppen und aufenthalt. Droysen Yorks leben 2, 266.
δ)
aber es steht auch wirklich zuweilen intr.: zwei exemplare der 'wanderjahre' hatten zwischen zwei freundinnen gekreuzt. Göthe 4, 190; als wir so vor einander vorbei kreuzten (beim tanzen). 16, 33, uns kreuzend bewegten.
b)
bildl.: von den tausenderlei gedanken, die sich in seiner seele kreuzten. Göthe 18, 321; und doch kreuzen sich, indem ich schlieszen will, nochmals tausend gedanken, wünsche, hoffnungen und vorsätze. 21, 12, regen sich einander widersprechend; der du die widersprüche nicht vereinigen kannst die sich in deiner seele kreuzen. 39, 348.
c)
bildlich mit dem begriffe des störens, wie frz. croiser, engl. cross auch: jemandes pläne, vorhaben kreuzen;
ja mit dem besten willen leisten wir
so wenig, weil uns tausend willen kreuzen.
Göthe 9, 268;
um Frankreichs gefährliche entwürfe zu kreuzen. Dahlmann engl. rev. 344. ebenso volksmäszig 'einem der quere kommen'. vgl. durchkreuzen.
d)
dagegen in der thierzucht, racen kreuzen, übers kreuz paaren, wie franz., engl.
9)
technisch, besonders in der weberei, mit mindestens vier tritten und schäften weben, eine art kepern, gekreuzter sammet u. dgl., franz. étoffe croisée, du croisé. s. Krünitz 49, 369.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1870), Bd. V (1873), Sp. 2188, Z. 29.

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Zitationshilfe
„kreuzen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/kreuzen>, abgerufen am 09.08.2020.

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