krumm
Fundstelle: Lfg. 11 (1871), Bd. V (1873), Sp. 2441, Z. 57
curvus, valgus, pravus.
I.
Formen, verwandtschaft.
1,
a)
die urspr. form ist vielmehr mhd. krump, flecliert krumber krumbiu krumbeʒ, ahd. chrump, chrumb, alts. wie ags. crumb, ebenso altfries.; dem altn. aber gieng es ab (wegen krumma klaue s. unter krimmen am ende). noch im 15. jahrh. hd. vorwiegend krump, s. z. b. Dief. 590ᵃ. 607ᵇ. 164ᶜ, auch krumb nov. gl. 368ᵇ (vgl. u. 2, a). schon mnd. aber wol nur krum, flect. krumme, nrh. krom Teuth. 60ᵇ, Dief. 15ᵃ. 590ᵃ (neben crum Teuth. 61ᵇ, vergl. unter krumme 1), wie nl. krom Kil.; so nnd. krumm, nnl. krom.
b)
auch neunordisch: dänisch krum, pl. krumme, mit reichen zusammensetzungen (reicher als bei uns), schwed. dagegen nur in einigen zusammensetzungen krum- (Rietz 353ᵇ vermischt es mit einem andern worte), norw. nur kruma krümmen, das Aasen 240ᵃ mehr beiläufig anführt, wol nach dän. krumme krümmen (es ist nicht schwed.), das ganze offenbar entlehnt.
c)
in England jetzt nur spurweise, wie in dial. crummy kuh mit krummen hörnern Halliwell 284ᵃ, cromster schiff mit gekrümmtem vordertheil 281ᵃ; schottisch in crummet krummgehörnt, crummie-staff stab mit krummem griffe, in Banffshire aber auch noch crom, z. b. a crom finger, crom-leggit krummbeinig, dazu crom krümmen (transact. of the philol. soc. 1866 2, 32). altenglisch noch crumb, später croum, s. Stratm. 126.
2)
auch nhd. erscheint doch die volle form vereinzelt noch lange, da sie in den mundarten vielfach festgehalten wurde.
a)
gegen das ende des 15. jh. (vgl. schon unter 1, a):
ich wil hie frauenbuld erwerben
und auch in irem dinst ersterben,
und solt ich ... den ruck krump an schusseln waschen ...
und die finger krump am garn winten.
fastn. sp. 267, 10. 14;
und wer die sach noch so krumm,
so wirt mir nit ein haller drumb.
893, 17,
am reime sieht man das schwanken zwischem dem alten krumb und dem neuen krumm, das gewiss zuerst in den flectierten formen auftrat (s. übrigens e). so schwankt der voc. th. 1482 r 5 zwischen krum, krummer, krummen, krumlich und krump, krumpfusz, krumparm, der etwas ältere voc. inc. teut. n 7ᵇ zwischen krump, krumpheit und krummen, krumschnabel.
b)
seit dem 16. jahrh. strebte man das unsichere zu regeln, so schreibt Maaler 254ᶜ nur krumber stäcken u. dgl., aber auch im auslaut nun blosz krumb, krumbfuͦsz u. dgl., während schon Dasyp. 368ᵈ krum, krümme, gekrümmet durchführt, nur in gekrümpt bleibt bei ihm der alte auslaut durch das -t gestützt; auch Maaler schwankt doch zwischen krümben und krümmen. beispiele von krumb aus 16. jh. (auch Luther, Fischart) s. u. II, z. b. 1, a, β. alterthümelnd bei Göthe, dem H. Sachs nachgeahmt:
dick und hager, gestreckt und krumb,
all zu witzig und all zu dumb.
13, 129 (H. Sachsens poet. s.).
c)
noch im 17. jh. aber schwankend z. b. bei Spee:
wie schlänglein krumb
gehn lächlend umb
die bächlein kühl in wälden.
trutzn. 35;
die bächlein krumb geflochten.
2;
bächlein krum geleitet.
38.
aber Stieler hat endlich nur krumm, wie doch auch der Baier Schönsleder (1618) schon und Henisch (1616), im folgenden ist krump in der zweiten hälfte des 17. jh. nur durch das wortspiel festgehalten: krimpen (ein kartenspiel) macht nicht krump, doch dem beutel stumpf. Abele unordn. 2, vorr. 9ᵃ (das m in dem von dem darauf folgenden b-).
d)
übrigens erscheint das p, das mhd. und nhd. genau nur in den auslaut gehört, doch auch im inlaute: ain krumpe dirn. Beheim Wiener 386, 32 (s. u. II, 1, a, γ); ein verdecktes oder ein krumpes. Mathesius Sar. 132ᵇ, zur sache s. II, 3, c, ζ; (die leiche) ist hernach zum Renner thor hinaus mit zweien pauken und einem krumpen pfeifer getragen worden. G. Ludwig chron. von Brünn 56, zur sache s. II, 2, b, γ. so heiszt es noch bair. krump und auch e krumps maul machen, wie krümper wie dümper je krümmer je dümmer, krümpe f. krümme, s. Schm. 2, 386, ebenso tirol., östr., kärnt., cimbr., s. dazu 3, c.
e)
die nhd. schriftform aber tritt zuerst auf md. gebiete auf, schon in mhd. zeit, sie schlieszt sich genau an die nd. an (s. 1, a).
dô rîfen die jüden gemeine ...
iʒ sî recht oder crum,
crucifige, crucifige eum.
Germ. 4, 245, noch aus d. 12. jh.;
et tempus dimidium —
diz mohte ûch alleʒ dunken krum.
erlösung 5985 (zur sache II, 3, c, ζ),
wie ebenda für hd. tump dumm schon tum (: psalterium) 5217, vgl. oben 2, 1510, für umbe, umb schon um z. b. pass. 205, 88 H.;
in dûchte sîn antwurte krum (: Silvestrum).
pass. K. 77, 36. 227, 2. 351, 58,
natürlich auch flectiert krumme 658, 59. so auch jetzt in md. mundarten, z. b. hess. nur krumm, krummes maul Vilmar 229. im 15. jh. auch im nom. tortus krumme Dief. 590ᵃ.
3)
nebenformen, verwandtschaft.
a)
kromm, kromp, z. b.: item darnach wisen die nachgebur zu recht, das sie macht haben zu fischen bis an die krommen strasze. weisth. 3, 887, von der Röhn 15. jh.;
das musz die krom pocken walten.
Gr. Wagner untrew E 1ᵇ;
kam ain ... weib zu im, die het ... ain krommen, faulen handel am hofgericht. Zimm. chron. 2, 407; zwen new krum hefen (töpfe) mit kromen deckeln. daselbst 73, 20, vorher und muesz die rumpf krom sein. vgl. Fischarts krommort unter krummort. Auch kromp 15. jh. Dief. 164ᶜ, variculus ein kromp 607ᵃ (s. II, 1, a. γ), letzteres rheinisch, wie kromp machen flectere 239ᵇ. Man hat diesz hd. o im anschlusz an nrh. krom (1, a) am ersten den Rhein aufwärts zu erwarten, aber nach den zeugnissen galt oder gilt es auch in Franken, Schwaben (vgl. Weinhold al. gr. s. 76. 26), vgl.krömpt krümmt bei H. Sachs unter krümmen 1, b. dem md. dagegen scheint es fremd, wie es nicht nd. ist. s. auch unter krumme.
b)
wichtiger ist krumpf. so in einer östr. quelle: die einkehr nahmen sie bei einem krumpfhändigen greisler. .... s. 192, worin freilich auch echtes krumpf oder gekrumpfen (s. krimpfen 2) stecken könnte. ähnlich eine gl. bei Dief. 607ᵃ: variculus, krumpfe, d. i. krüppel (s. II, 1, a, γ), in andern voc. ebend. krumpf, krum; auch darin könnte krimpfen nachwirken. Aber der voc. inc. teut. h ijᵇ gibt neben gancz krump obuncus auch gar krump uncus, valde curvus, das sich von krimpfen entfernt, s. auch krumpfot simus unter krummicht. und schon ahd. chrumph tortuosus bei Notker 73, 11 (Graff 4, 610), ebenso schon ahd. crumpfnasi krummnäsig neben crum[b]nasi, s. unter krummnase. Gestützt wird es durch engl. crump krumm, z. b. crump - shouldered buckelig, dazu schott. crumpilt gekrümmt, z. b. von den hörnern einer kuh. danach ist ein echtes hochd. krumpf krumm anzunehmen, das sich durch die form krump hindurch (s. 2, d) mit krumb- mischte; ebenso bair. bei Schm. 2, 386 'krümpen, krümpfen, krümmen', s. auch krumpf masc. gleich krumm m. unter c. diesz krumpf krumm stellt sich ablautend zu ahd. chramph krumm (s.krampf III, 1), und zwischen beide tritt mhd. crimp krumm (sp. 2311 unten).
c)
die quelle des wortes ist ein schon ahd. doch verschollenes starkes verbum, zu dem das erhaltene krimpfen krampf gekrumpfen eine schwesterform war; nach dem alts. ags. crumb ist es hd. als krimpan kramp gikrumpan anzunehmen, sodasz das bair. krump, krümper unter 2, d die rein hd. gestalt bewahrt hat, in krümber eine erweichung durch m vorliegt. ein unmittelbarer rest davon ist schweiz. 'krumb, krumpf m. krümmung' Stalder 2, 137 (s.krumm masc.), in Schmidts id. bern. aber chrump, anfractus, curvatura (Fromm. 2, 483ᵃ), also wieder mit der kreuzung von krimpf- und krimp- wie unter b; auch kärnt. krumpf m. bug, krümmung, krumpfat gebogen (d. i. krumpfecht, s. unter krümmicht) Lexer 168. krump ist zu krimpan eine participische bildung, das verbum bedeutete sich krümmen, sich krumm einziehen, s. weiter krampf III.
II.
Gebrauch und bedeutung.
1)
Von menschen (oder thieren).
a)
krumm an gliedmaszen, von krankheit oder alter oder auch von natur, das wird die älteste bed. sein, vgl. Weckherlins sich krümmen unter 2, a, α.
α)
so ahd., mhd.; bei Otfried bringt man Jesu zur heilung ummahti joh ellu krumbu wihti III, 9, 5, da werden blinte man gisehente, joh krumbe gangente IV, 26, 17. mhd. krumbe unde lame, die gesamtheit wird bezeichnet wie sonst mit rîche unde arme, jetzt noch mit grosz und klein, so mhd. auch mit der wîse unt der tumbe, der slehte unt der krumbe Parz. 509, 20, krethi und plethi (vgl. unter 3, b, α zuletzt), sleht gleich gerade, das selbst auch 'richtig gewachsen' bedeutet.
β)
und noch nhd.: auch soll man hie setzen zween schützen (flurschützen) zue s. Martinstag .. gefallen sie einem brueder (von Rotenfels) nit, er mag sie abstellen (zurückweisen). die anderen zween, die sie setzen, mag er auch abstellen. die (gedruckt den) dritten sol er laszen, sie seien krumb oder schlecht. weisth. 2, 163, vom Hundsrück 1505, man sieht das überliefert formelhafte; auch so setzt man heut ein glöckner. gefelt dem pfarrer der glöckner nit wol, so mag er inen auch absetzen. gefelt im (so l.) der ander nit, er mag inen auch absetzen. den dritten soll er daran laszen, er sei krumb oder schlecht. 2, 165;
wer mechtig ist, der wirt geert ...
er sei lam, krump oder schlecht,
hat er pfennig (pl.), er ist gerecht.
fastn. sp. 652, 26.
γ)
auch auszer dieser formel, krumm allein: krumer oder hinkender, varus. voc. 1482 r 5ᵇ; varicosus, variculus, krump, krum Dief. 607ᵃ aus vocc. des 15. 16. jh., neben krupel (vgl.krümpel), auch substantivisch ein kromp das. (vgl.krümper 1), wie mhd. ein krumbe (nd. z. b. Simonet de krumme Rein. vos 2511); contractus, lam von krangheit, krum. gemma Straszb. 1518 F ijᵇ; und sie war krum und kunde nicht wol aufsehen ... und also balde richtet sie sich auf. Luc. 13, 11. 13 (so anus curva Ov.). von einem geizigen herren erzählt Mich. Beheim unter andern zügen:
im gslosz het er ain krumpe dirn,
die im kochet ruben und pirn.
buch von den Wienern 386, 32,
weil die billicher zu haben war; der von person so krumm war wie ein groszes S. Göthe 35, 210. ein krummes ross Schiller 397ᵃ (Wallensteins tod 5, 2). noch jetzt z. b. bair. ein krumper, eine krumpe, ein hinkender, eine hinkende Schm. 2, 386 (vgl. schwäb. krumpen hinken Schmid 328); ebenso im Elsasz:
wer mit de krumme lebt, der lehrt (lernt) au gar ball hinke.
Arnold pfingstmontag 73,
nach einem sprichworte bei krummen lernt man hinken Aler 1247ᵃ. ein andres sprichwort sagt je krümmer je schlimmer, was Stieler 1044, Steinbach 2, 942 erklären quo quis deformior, eo inhumanior, also gleich verwachsen; vgl. Zinkgref unter b, α, auch das sprichwort aus Schmeller unter I, 2, d, bei Denzler 2, 178ᵃ je krümmer, je tümmer.
δ)
allgemein noch in der formel krumm und lahm (s. schon mhd. unter α):
hawen einander krum und lam.
H. Sachs 5, 328ᵃ;
ob ich gleich krum und lahm geschlagen
und wunden mehr als glieder zeig'.
A. Gryphius 1, 621,
so sagt ein verlähmeter soldat; dasz wir alle dachten, er würde ihn krumm und lahm schmeiszen. Weise erzn. 295;
dich soll, wo du mir dem junker ins korn gehst!
bliz! er prügelt' uns krumm und lahm.
Voss die leibeigenen 187.
es sieht aus wie im rechtsgebrauch entwickelt, gleich braun und blau schlagen; s. auch unter krümme 2, a und krümmerei. Auszerdem noch krumm vor alter u. ä., obwol man gekrümmt vorzieht; krummes alter curva senectus Stieler. krumm gehen, vor schwäche oder kummer (mhd. Germ. 7, 488): ich gehe krum und seer gebücket. ps. 38, 7; krumme haltung u. dgl.
ε)
recht alterthümlich sieht krumm werden aus: sein pferd ist unterweges krum worden ... er ist mit dem klepper gestürzt. Butschky hochd. kanzl. 91, wol von plötzlicher lähmung, vgl. hess., mrh. krummenot fallende sucht Vilmar 222, Kehrein 243, auch krammenot (s.kramm krampf), wie schwere not. solche eintretende lähmung, krampfhaftes sich einziehen der glieder bezeichnet verkrummen, früher auch erkrummen, erkrummung (z. b. er erchrumpte von gift Frisch 9, 551ᶜ), an händen und füeszen erkrümt Schönsleder g 7ᶜ. jetzt gilt aber für den gelähmten, besonders in der sprache des gemeinen mannes, vorwiegend ein lat. wort, aus der sprache der ärzte, contract, vgl.'contrahere se, crimphen' Dief. nov. gl. 111ᵇ und oben 2, 636.
b)
von einzelnen benannten gliedmaszen.
α)
krumper fues, torpen, curvus pes. voc. inc. teut. n 7ᵇ, krummer fusz loripes Stieler 1044 (vgl.krummfusz), gewöhnlich krummes bein Ludwig 1077, das kind hat krumme beine, säbelbeine, krumm von geburt. durch krankheit und wunden: ein landsknecht, der wegen seiner scheuszlichen wundmahl im gesicht und wegen seiner krummen lahmen hände und füsze von jederman geschewet und vor einen bösen kerlen verruft ward (s. das sprichwort unter a, γ zuletzt). Zinkgbef 1653 1, 271, das 'krumm lahm' aus jenem krumm und lahm a, δ gekürzt. vgl. (sich) den ruck krump waschen, die finger krump am garn winden unter I, 2, a. das zipperlein macht krumme finger Ludwig 1078, ein krummer hals 1077.
β)
der mensch selbst heiszt dann krumm im rücken, an den händen u. ä.:
im kopfe dumm, im rücken krumm.
Göthe 41, 36;
jungfern, seid ihr lahm an (für an'n) füszen, dasz ihr nicht die stadt durchstreichet?
jungfern, seid ihr krumm an händen, dasz ihr nicht nach gaben reichet?
Logau, letzte zugabe nr. 157,
habt ihr das chiragra (hendekrampf Dief. 121ᵇ). das krumm schlechtweg unter a meint grösztentheils krumm an den beinen.
γ)
auch krumme nase u. ä.:
swer sich besiht in spiegelglase,
den dunket krump sîn selbes nase.
Freid. 123, 1.
eine krumme nase, ein krummes maul Ludwig 1077, schief gewachsen, vgl. übrigens c, γ. daran schlieszt sich leicht krummer schnabel der vögel (Stieler 1044), die krummen hörner von thieren treten schon weiter ab zu 2, c.
c)
ferner von vorübergehendem krümmen.
α)
krumm liegen, wie in einem kurzen bette; bildlich von ärmlichem 'eingeschränktem' leben: mir hat nie jemand was geschenkt. aber ich habe auch immer lieber krumm gelegen, als dasz ich jemand hätte merken lassen, wo mich der schuh drükte. Hermes Soph. reise 6, 211. einen krumm schlieszen, quadrupedem constringere aliquem Frisch 1, 552ᵃ, als strafe, im gefängnisse (vergl.krümmen 2, a, β); bildlich: jede krankheit schliesze die seele krumm. J. Paul Tit. 2, 91; worauf er sich (der verliebte) im kometenschweif ... ihres haars wie in einer vogelschneusz, wo aber die schlinge auch die beere war, dermaszen verstrickte, verhaftete und krumm schlosz, dasz .. 3, 192; vgl.krummgeschlossen, ↗krummschlieszend.
β)
krummer arm, rücken, finger u. dgl.: sich im krummen arme führen, 'arm in arm' gehn. einen krummen rücken (buckel) macht, wer sich tief verbeugt o. ä., man braucht es hauptsächlich von schmeichlerischer unterwürfigkeit: der regierungsrath .. sah unter den beamten lauter krumme rücken, krumme wege — krumme finger — krumme seelen. J. Paul Hesp. 2, 64; nd. sik krumm maken Dähnert 258ᵇ;
wer der krümste mir (Paris) kniet, ich belohn' ihn, erhöh' zu der würd' ihn,
stellvertreter des pöbels zu sein.
Klopstock oden 1798 2, 156.
Von bestechung: eine krumme hand machen, pecunia aliquem tentare Stieler 1044, eig. von verstohlenem zustecken des geldes, das die gekrümmte hand verbergen soll, bei Frisch 1, 552ᵃ allgemeiner munera sive dona dare vel accipere:
kummen aldar mit krummen henden,
darmit sie die amptleut blenden,
das sie durch duppelt finger sehen.
Eyering 1, 797.
ebenso krummer arm: ein procurator war sehr geizig und wolte allezeit krumme arme sehen und die hände geschmieret haben. pol. stockf. 60; noch nd. mit krummen arm kamen, bestechen wollen Br. wb., Danneil. Aber auch der dieb, der verstohlen zugreift, macht oder hat krumme finger (s. schon 3, 1652):
mer haben die Schweizerknaben
der landsknecht basz gedacht (in einem trutzliede),
wie si krumme dätzlen haben.
Uhland volksl. 475, Liliencron 3, 172ᵃ;
krumme finger machen, diebisch sein. Ludwig 1078. einen krummen hals machen, obliqua cervice prospicere Denzler, man kann das zu δ ziehen.
γ)
auch ein krummes maul, gesicht, ein verzogenes, das ärger, unzufriedenheit, zweifel, geringschätzung, neid, hasz, spott, hohn u. dgl. ausdrückt, besonders beim naturmenschen:
de bûr wort krum um sînen bart.
Hoffmann v. Fall., niederd. Aesopus s. 72. 75,
verzog im ärger den mund, das gesicht (zu bart vgl. unter kinn 2, d); wenn ainer in ain ander land kompt, zuͦ dem ersten facht er an und thuͦt sich syner ... groben gebärden ab, darnach verkert (ändert) er dʒ krum maul, er facht an und lernet dʒ krum maul spitzen u. s. w. Keisersberg gaistl. spinn. (granatapfel) M 6ᵈ;
und hab (d. h. mache) ein grewlich krumm gesicht,
gütlichs ansehens brauch dich nicht.
Scheit grobianus A 4ᵃ;
und schütlend ihren kopf mit spot,
auch krumme mäuler machen.
Weckherlin 87 (ps. 22, 7);
wenn es in der küche nicht recht zugienge, so machte er ein krummes maul. Olearius pers. baumg. 4, 10; die stolze noppel wuste ohne dem nicht, wie sie das maul solte krumm genug auszerren. Weise erzn. 399, hier von den verächtlichen mienen des stolzes; ein krumm maul machen, wunderliche geberden mit dem maul machen .. to make wry faces. Ludwig, faire des grimaces Rädlein, 'gesichter schneiden' überhaupt (vgl.krumme geberde 2, d, α zuletzt). bair. gleich schmollen, das maul hängen. jetzt gewöhnlich ein schiefes maul oder gesicht machen, ziehen.
δ)
daher krumm sehen, einen krumm ansehen (ebenso wieder einen schief ansehen), nicht von den augen allein, sondern vom ganzen 'gesicht':
er weind' und wart im wilde (dem bilde des h. Nicolaus) ...
in ungebærden harte groben,
crümplich er daʒ bild ansach u. s. w.
Germ. 2, 97ᵃ,
wonach auch der gebrauch unter γ schon wenigstens mhd. gewesen sein wird; wenn man sie (die gegner, in der abendmahlslehre) nur krumb ansihet, oder inen nicht zufellt, o das ist Christus ehre gehindert u. s. w. Luther 3, 339ᵇ, auf eine blosze abweisende miene hin;
der würt (der borgen soll) der sach ganz krumme,
was (für mhd. swaʒ) ich sang oder sagt,
so gab er nichts darumme.
Wickram rollw. 97, 7. Uhland volksl. 623;
sah sie in so krumm an, als wolt sy im in das angesicht springen. Pauli schimpf (Augsb. 1546) 80;
die prediger (mönche) die schwarzen leut ...
noch nicht vergessen dieser schlappen
und sehen an noch neidig krumb
die eselsgrawen münch darumb.
Fischart S. Domin. A 4ᵃ (1, 136 Kurz);
manche .. eltern .. meinen gleich, dasz sie eine todsünde begehn, wann sie ihr zartes galgenfrüchtlein .. nur krumm ansehen, zu geschweigen dasz sie ihme einreden oder ein strafstreichlein etwan geben solten. Simpl. 1685 1, 347; trotz dem, der einem solchen jungen galgenhünlein etwas sagen oder es krum ansehen wolte! bauernst. lasterprob 136. im 15. 16. jahrh. wird daher torvus auszer mit grimmig auch mit krum erklärt, torve krumlichen, s. Dief. 590ᵃ, im voc. 1482 r 5ᵇ krumheit, torvitas, i. (item) curvitas, oder grymmigkeit oder unwirsheit.
ε)
doch mischt sich da leicht die bed. 2, d ein, krumm sehen gleich schel blicken, zur seite sehen statt gerade aus, z. b.: ja so seh ich wol, so musz der krebs das best gesicht haben in allweg, es ist ihm bös der weg zuverlaufen, er sicht wol so krumb als er geht. Garg. 241ᵇ (454 Sch.); einen krumm ansehen, to look ascaunce upon one Ludwig 1078. das schel oder schief sehen drückt gleichfalls zorn, mistrauen, neid u. dgl. aus: wer neidig ist, dem würt der hals krumm, dʒ er ainen andern nit mer an mag sehen, sicht neben sich. Keisersberg siben schwerter (granatapfel) f 4ᶜ; das maul über die schüssel henken und mit krumen augen darauf sehen. narrensch. 50ᵃ; so schon mhd. krumbe blicke:
nît und zorn machent dicke
vil trüeben muot und krumbe blicke.
welsch. gast 684.
2)
Diesz krumm übertragen auf die auszenwelt.
a)
von bäumen, holz u. dgl., urspr. gewiss in unmittelbarer vergleichung des baumes mit dem menschen, z. b.: wer da wöll zuͦ tugenden von laster kummen, der sol thuͦn als ein gartner, der einen krummen boum schlecht machen will. der zühet den boum ganz in das contrarij und auf gins ort (das andere ende), auf das er also joch kumm auf das mittel (die rechte mitte). Keisersb. irrig schaf C 4ᵃ, krumm und schlecht, schief und gerade gewachsen wie von menschen unter 1, a, α; wenn ich ... im einsamen walde auf einem krummgewachsenen baum mich setze. Göthe 16, 80 (Werther 1775 101). sprichwörtlich je krümmer holz, je besser krücke, s. u.krücke II, 1, a. bildlich: aus so krummen holze, als woraus der mensch gemacht ist, kann nichts ganz gerades gezimmert werden. Kant 4, 300. von wurzeln: der eichelbaum ... hat inwendig kein mark, aber harte, krumpe wurzeln ... Albertinus schaupl. 706. äste werden krumm gebogen von der last der früchte.
b)
daher von werkzeugen, werkstücken, geräten aller art.
α)
z. b. krummer stab (s.krummstab), krumber stäcken, krumbs stäckle Maaler, die krummen hölzer in einem schiffsgebäu, die rippen des schiffes Ludwig, vgl.krücke 1, a, krümmling; krump alsô der boge Parz. 805, 14 (vgl.krümmen 2, b, α):
nun zog der liebesgott, der längst begierig lauschte,
den krummen bogen an.
Uz (1768) 2, 216.
β)
die krummen waffen von bauern aber werden sensen, sicheln sein:
sie (die alarmierten bauern) kamen auf den kirchhof gelaufen
mit flegeln und krummen waffen.
Ambr. liederb. 139, 123.
krumm wie eine sichel sagt man auch z. b. von krummen beinen; vergl. krumme f. gleich sichel. krump als ein angel, hamatus. voc. inc. teut. krummes messer, mit einer krümmung der klinge vorn. säbel:
der krummen seibel het er (der Türke) gar viel,
darauf thet er fast bawen.
Liliencron 4, 524ᵃ.
γ)
krummes horn zum blasen, lituus Aler, lituus krumme schalmey oder trummete Dasyp. 119ᶜ:
wo rauschend wasser sprang,
das eines tritons mund aus krummen horne zwang.
Uz 2, 184.
der krumpe pfeifer u. I, 2, d musz einer sein der eine krumme pfeife blies (lituus krumme pfeif Dief. 334ᵇ), die übertragung ist nicht auffälliger als wenn Walther 85, 31 die rihter krump nennt, weil sie krummes recht sprechen.
c)
endlich von allerlei anderem, z. b.
α)
krumm brot, kringel, bretzel o. ä.: leberworste gherostet ... et crumbrot. Förstemann neue mitth. 2, 387, 14. jahrh. aus Merseburg, auch mnl. crom broet artocopus Mones anz. 6, 444, und noch nd.: hett de düwel sîn dage sô'n krumm brôd sên! sede de junge, dô êt he kringels. Fromm. 6, 282. fläm. krombrood s. Schuerm. 299ᵇ, vgl. engl. crumcake Halliwell 284ᵃ. dasselbe musz wol sein hessisch krummes (nämlich brot), meist krummeschen weizenbrotchen in halbmondform, s. Vilmar 229; zu der kürzung vgl.krumms und schwäb. mürbs n. (ndmlich brot), kaffeebrotchen.
β)
lockiges haar hiesz auch krumm: calamistrum, ein isen do man krump hor mit macht. Dief. 88ᵇ;
die glaten antlütz lieben den weiben ...
di krumen gelben krausen har ...
fastn. sp. 703, 6;
die (gesellen) im krumen gelben krausen har.
736, 6;
Brinhilt die hat ein krummes har,
darumb hat sie ein krummen sinn.
mörin (Schmid schwäb. wb. 328).
schon mhd., da liegt einem das haar mit krümbe reit (gelockt) gut. Gerh. 4488, vgl. hâr raid krispel krümpel beim Wolkenst. (wb. 1, 889ᵇ). dazu krümmen 2, a, ε.
γ)
auch gleich schief, d. i. aus seiner rechten form gebracht, während im vorigen krumm sich dem runden nähert, z. b.: das krumme stroh Frisch 1, 552ᵃ aus Colerus hausb. 8, 19, das kleine zerbogene stroh das man nicht wieder in garben binden kann wann es gedroschen ist (vergl.krummstroh), daher erklärt sich folg.: ja freilich musz man das korn lesen, wenn es krum und nicht grüne ist. Gryphius 1, 791 (Horrib. 3. aufz.); Philine nahm ihm die pantoffeln aus den händen und sagte: wie ich sie krumm getreten habe! sie sind mir viel zu weit. Göthe 19, 170, schief treten sagt man da gewöhnlich, vgl.krumm und schief 3, d, β, so schlimm und krumm stoszen, bildlich verwendet:
dich hast gesetzt zu hohn und spott
in tempel und sagst du seist gott.
dein drachenfusz die schrift tritt um,
dein hörner stoszens schlimm und krumm.
reformator ecclesiae, Scheibles flieg. bll. 145.
obliquus krum, krump Dief. 387ᶜ, vgl. unter d, α.
d)
besonders auch von einer bewegung, richtung, linie (die ja immer nur bewegt vorgestellt wird) und was sie darstellt.
α)
bewegung: das krumb aufsteigen, obliqua ascensio. Maaler 254ᶜ, hier gleich schräg;
den schmuck der erde (die blumen) fällt der sense krummer lauf.
Haller (1779) 36,
krumm gleich rund gebogen, vergl. c, α. β, mhd. war krümbe geradezu umkreis, des kirchhovis krumme Jeroschin 63ᵈ, vgl.krümme 2, e. aber im gegensatz zum geraden z. b. von einem trunkenen: krumm .. gehen wie ein trunkener. Ludwig 1078; von einem schiffe, das ohne richtung in der nacht dahin treibt:
sie fuͦren krumb und unverricht (ohne richtung)
wol auf dem wilden wage.
Haupt 8, 483.
Auch von tänzen, einer art kunsttänzen: Wilwolt aber, der sich sein tag mer reuterei denn tanzens geflissen, was der krummen denz nit ganz wol bericht .. derhalb er mit der frauen still stund (mitten im tanzen inne hielt). Wilw. v. Schaumb. 68, es ist ein höfischer tanz und Wilwolt wird darum verhöhnt. schon mhd. der krumbe reie, aber bei den bauern in Österreich:
dô spranc er den krumben reien an ir wîʒen hant.
Neidhart 79, 1. 60, 29. 90, 19. 96, 17,
krump wird da eine abweichung von der alten runden form des reihens bezeichnen, eine vermanigfaltigung des ringeltanzes. aus dem tanze stammt wol auch krumme sprünge (s. 3, a, α), aber auch der hase macht krumme sprünge auf der flucht, seitensprünge kreuz und quer (Frisch 1, 552ᵃ), s. auch krummsprung. krumme geberde Petr. 194ᵇ, eig. zierlich gedrehte geberde, wie man sie besonders beim tanze machte, dann auch fratze, grimasse (vgl. u. 1, c, γ), s. dazu sich krümmen 4, b, α und vgl.: der doctor het ein wilde weis am danz, er verdreiet sich, sprang u. s. w. Zimmer. chr. 3, 526, 27.
β)
flusz, thal: dieses wasser (die Theisz) ... fleuszt gar krumb, fellt in die Donaw. Aventinus chr. 257ᵃ;
da wo vor Ranstädts thor der krummen Pleisze wellen
mit stillem sanftem lauf an grüne küsten schwellen.
Zachariä renomm. 6, 77;
bach der du deine quelle fliehst ...
den krummen lauf durch klee und bluhmen ziehst.
Götz 3, 52,
wobei doch zugleich an römische dichter gedacht ist, die von flumen curvum, sinuosum, vallis curva u. ä. reden, vgl. 'krumbe gstad, littora curva' Maaler 254ᶜ und unter krumme 3 (bach), wo doch kein lat. einflusz ist;
der hunde lauter kampf, des erztes tödtlich knallen
tönt durch das krumme thal (bei der jagd).
Haller 39;
schon glühn die höhn, noch rauchet
von duft das krumme thal.
Voss (1825) 4, 37.
γ)
krummer weg, pfad, fuszsteig, im gegensatz zur geraden strasze, so schon mhd.:
krumbe wege die gênt bî (laufen neben) allen strâʒen.
Walther 113, 25,
schon bildlich gebraucht (s. dazu 3, a, β): es gibt zu viel schleichwege, man kann niemand ganz trauen; vgl. strâʒe und enger pfat Walther 80, 6. 7, strâʒe und stîge Neidhart 48, 24, gleichfalls bildlich. krumber wäg, der vil renk hat, iter flexuosum Maaler. krumme furche, schlechte, verfehlte, ebenfalls bildlich, aus dem bauernleben:
ein hübsch frow, die ein närrin ist,
ist glich eim ross dem oren (gen.) gbrist.
wer mit der selben eren (ackern) will,
der machet krumber fürchen vil.
Brant narr. 32, 24;
sehen sie, herr pastor, es wird mir unmöglich sein, nicht gegen ihren stachel zu läcken (er als ackerpferd gedacht), und die furchen, fürchte ich, die sie auf dem acker gottes mich mit aller gewalt wollen ziehen lassen, werden immer krümmer und krümmer werden. Lessing 10, 131 ('eine parabel'). krummer bogengang wie in franz. gärten des vorigen jahrh., s. Strehlkes ausgabe von Göthes ged. 3, 15. krumme labyrinthe Schiller 704ᵃ, bildlich. krumm-enge gäszchen Göthe 41, 255.
e)
krumm uneben, s. unterkrümme 2, f; in der gemma proclivis krum, s. Dief. 461ᶜ, vgl. unter krummheit; krumber berg, der vil ränken hat, flexuosus mons. Maaler 254ᶜ.
3)
Auf die innenwelt und unsinnlich angewandt.
a)
oft in unmittelbarem anschlusse an bestimmte sinnliche verwendung, z. b.
α)
einem krumme sprünge machen, fallere aliquem variis dolis Frisch 1, 552ᵃ, eig. aber bocksprünge machen, sauter comme une chèvre Rädlein 568ᵃ (vgl. 2, d, α zuletzt): wan nun einige sprache hierin füglich, so ist es die teutsche, da man beneficio harum terminationum et ob aptitudines componendi .. närrische wörter und unwörter gnug machen und .... mit seltzamen worten gaukelen und krumme sprünge machen kan. Schottel haubtspr. 397, er denkt an Fischarts deutsch und einen gaukler; die weiber sind geschmeidige gute geschöpfe, und wenn du von einer hörst die ihrem manne krumme sprünge macht, kannst du .. wetten, dasz er sich gegen sie nicht betrage wies einem christlichen ehemann wol zusteht. Claudius 3, 27, hier mehr sittlich gemeint, vgl. unter c, β aus Creidius. auch nl. kromme sprongen maken, ausflüchte, ränke.
β)
krumme wege gehn u. ä., gleich schleichwege wie man in demselben bilde deutlicher sagt (milder umwege), von leuten die einem ziele nachstreben durch künste, listen, ränke statt mit ehrlicher offenheit, mit geradheit:
Octavio. du folgst mir doch bald nach? Max. ich dir?
dein weg ist krumm, er ist der meine nicht.
o wärst du wahr gewesen und gerade ...
Schiller Wall. tod 2, 7.
auch krumm und recht so im gegensatze:
ich bin des lebens satt!
das so viel krummer gäng und wenig rechter hat.
'der geht sehr krumm, der stets die höchste macht will richten!
krumm geht, wer laster lobt, und tugend kan vernichten.
Gryphius 1, 448 (Papin. 5, 231).
diese schleichwege, krummen wege sind eig. die pfade neben den geraden straszen, s. 2, d, γ. auch von der lebensweise: ein jüngling der auf krummen wegen geht Ludwig 1078, auf 'abwege' geraten ist.
γ)
in anderm sinne krumm gehen von einer angelegenheit, einem unternehmen, die eine 'schlimme wendung' nehmen (vergl. schlimm und krumm 2, c, γ), von dem gewollten geraden wege zum ziele abkommen: wer weisz warumb unser sachen so krumm gehn? vielleicht gehen unser ampt für gott .. auch krumm. Luther br. 5, 254; denn nicht um geht die gute krümme — aber krumm gehts dem ungestümme. Rückert mak. (1837) 2, 229; die frauen .. begehrten alles zu regieren, und wenn etwas krumm gehe, so sollten es die männer gerade machen. Gotthelf 2, 357. in gleichem bilde es geht schief (mit etwas). der sinnliche anlasz des bildes wird sehr nahe liegen, vergl. z. b. die furchen die krumm werden, auch bildlich, unter 2, d, γ. auch krumm werden ebenso, aus der schilderung eines kampfes:
dis hieten besser gelük dann seu
und schluogend oft ein man in dreu.
secht, do ward die tayding (der 'handel') chrumb,
das glückrad kert sich wider umb.
ring 55ᶜ, 45.
b)
aus solchen anlässen entwickelte sich denn krumm schlechthin für das was vom rechten abweicht, und recht ist urspr. eben auch nichts als gerade.
α)
besonders in dem gegensatze krump und sleht, der seit der mhd. zeit und länger viel gebraucht war von erscheinungen der sittlichen, geistigen welt (vergl.sleht und krump körperlich 1, a, α), z. b.:
liegen triegen hânt daʒ reht (es ist ihre art, natur):
si machent krump (was krumm ist) mit worten sleht.
Freidank 167, 17;
der ban sî krump oder sleht,
man sol in vürhten, daʒ ist reht.
158, 2;
ir sît verkêret alle wîs ...
ir machet ûʒ dem slehten krump
und ûʒ dem krumben wider sleht.
Trist. 249, 2;
die valschen zungen hânt daʒ recht:
si machent krump daʒ ê was slecht.
Boner 7, 47;
die zung die brucht man in das recht (im rechte),
durch sie würt krum das vor was schlecht.
Brant narr. 19, 46;
man spricht, der ist einfältig recht,
taugt nirgend hin, ist gar zu schlecht.
aber wer sich weisz fein zu lenken,
kann nach dem wind den mantel henken ...
das schlechte krumm, das krumm schlecht machen ...
man spricht, das ist ein feiner mann
und setzt ihn allzeit oben an.
Scheible flieg. bll. 171;
also ist auch gewiss, dasz einige der herren fruchtbringenden und glieder der andern teutschen gesellschaften hierin zu weit gangen (in reinigung der d. sprache) .. zumalen sie den stein auf einmal heben und álles krumme schlecht zu machen gemeinet, welches wie bei ausgewachsenen gliedern ohnmöglich. Leibnitz Wack. leseb. 3¹, 1000, er dachte an einen kranken mann.
β)
später meist krumm und gerade:
sie lieben das contrarium,
was da gerad, machen sie krumm.
Scheible flieg. bll. 90;
qui dat pecuniam summis,
der macht gerade was krumm is.
Simrock sprichw. 7600,
denselben spruch mit krumm und schlecht aus dem 16. jahrh. s. bei Schmeller bair. gramm. s. 355; bei Stieler 1044, Steinbach 1, 942 geld das stumm ist, macht gerade was krumm ist;
er (der einfache mann auf dem lande) läszt sich auch nicht ein in frembder leute sachen,
verurtheilt niemand falsch, hilft krumm nicht grade machen.
Opitz 1, 154;
und wäre die sache
noch so krumm, ich mache sie grad mit guter bezahlung.
Göthe 40, 140;
aber ich thue Reineken selbst nichts grades noch krummes.
95,
d. h. gar nichts, mit zusammenfassender formel wie mhd. der slehte unt der krumbe 1, a, α, s. unter γ den nd. text.
γ)
auch krumm und recht, hauptsächlich nd., aber auch md. 12. jahrh.:
iʒ sî recht oder krum,
crucifige eum (Christum).
Germ. 4, 245;
ik dô Reinken wêr krum efte recht.
Rein. vos 2726;
wille gy nicht lesen recht noch krumme (adv.),
dâr slâ sik de düvel umme.
2737,
d. h. gar nicht, weder so noch so, auf keine weise, wie übel noch guot reden Erec 6543, kein wörtchen. auch hochd. mit recht, in jener formel, in einer auf nd. vorlage ruhenden quelle: ich gib dir von meinem guͦt alles das krump ist und recht ist. Eulensp. s. 132 Lapp., alles was ich habe, doch im eigentlichen sinne, wie das mhd. sleht unde krump vorhin.
c)
nicht anders krumm für sich, in manigfacher wendung des begriffes wie schon unter b sichtbar ist.
α)
besonders was vom rechte abweicht, ungerecht, s. unter b, α die mhd. beispiele und besonders aus Brant und Scheible, auch bei Haltaus 1133, und dazu sleht gleich gerecht mhd. wb. 2², 394ᵃ;
gewalt ist ûf der strâʒe michel,
gerihtes hât man sich verschamt.
diu reht stânt krumber dan ein sichel.
MSH. 2, 313ᵃ;
in einem fastnachtspiele sagt ein schöffe der sein urteil abgeben soll:
ich hor nit grosze unterscheit,
darumb wir fast die kopf zuprechen
und hie vil krummer urtail sprechen.
fastn. sp. 245, 23;
es sei ein handel oder sachen so schlimm, krump, laam, faul, krätzig und schäbig wie er immer wölle, und es sei die partei so gar heilos wie sie wölle, so findt sie doch einen advocaten ... Albertinus narrenhatz 174;
so bös als er, so krumm ist seine sache.
A. Gryphius 1, 616;
ich spei mich selber an,
dasz ich disz krumme spiel so lange schauen kann.
1, 15,
was zugleich ins folg. überschlägt; daher krummacher, der recht zu krumm macht. in demselben bilde z. b. lat. curvo dignoscere rectum Hor. ep. 2, 2, 44, und pravus.
β)
auch überhaupt unrecht, unredlich, böse, stärker und schwächer: oder sy habens sunst ausz etwan einem krummen affect nit also treüwlich beschriben. Frank weltb. 22ᵇ; die andern vier tugent heiszt er (Plotinus) zuͦ latein purgatorias, das seind die ausfegerin der krummen affect. ders. chronica (1536) 1, 120ᵇ;
er (der fuchsschwänzer) wil mit nichten sehen
was unrecht, schlimm, krumm, falsch.
Logau 3, s. 215;
witz die nur auf vorthel geht, ist nicht witz, sie ist nur tücke.
rechte witz übt nur was redlich, weisz von keinem krummen stücke.
3, 9, 6;
ein weiser lebt, obgleich nicht krumme griffe
ihm geld und trost in schränk' und kasten ziehn.
Hagedorn 1, 11.
Daher heiszt die lüge krumm, zugleich im anschlusz an a, β: wer die leut betriegen wil, der legt zum grund ein krumme lügen. Lehman flor. 1, 106 (klingt wie eine aufgelöste dichterstelle), vgl. mhd. lüge und slehtiu wârheit Marner MSH. 2, 241ᵃ. auch bös im theol. sinne: wir werden krumm und in sünden empfangen in mutterleib. Keisersb. narr. 168ᵇ; ein anzeigung der erbsündlichen art, eher krums dan schlechts zuthun. Garg. 129ᵃ (krumps 234 Sch.). Selbst menschen heiszen so selber krumm, wie ja noch 'schlecht und recht' oder gerade, geradsinnig, vgl. auch 'aufrichtig': er wird über die maszen krumm, in infidelitatem degenerat. Stieler 1044; er ist krumm, wenn er sich bückt, insidiosus et fallax est in amicitia, fidem prodere solet. das., nd. he is ôk krumm we he sik bukt, er ist nicht besser als andre Schütze holst. id. 2, 355; mit krummen, falschen leuten. Schuppius 835;
bei krummen gesellen
ist nöthig das stellen:
ist übel zu deuten
bei biedermanns-leuten.
Logau 3, 10, 89, 'gleisnerei'.
Ein böser streich, böse absicht aber heiszt kurz etwas oder ein krummes (stück eig.? vgl. Logau 3, 9, 6 vorhin): eheleut werden etwan auch einmal stutzig. so hat die Hagar dem Abraham ein krummes gemacht, da sie über seine liebe Saram herrschen wolte. Creidius 1, 271, was doch mehr zu δ gehören könnte, wie einem einen streich spielen auch von einer störung ohne bewuszte böse absicht gebraucht wird; einem ein krummes machen, to serve one a knavish trick. Ludwig 1078, einen schurkenstreich spielen; wenn etwas krummes und unrechtes dahinter gesteckt wäre. Pestalozzi 2, 226; er merkte aber doch, dasz etwas krummes um den weg war. 2, 49.
γ)
gleich verkehrt, das ja dasselbe bild enthält (wie verdreht, verschroben u. ä.), geistig wie sittlich: bisz dasz sie vol weins werden .. das sie anfahen zuͦ stammeln und krumbs reden. Keisersb. sünden d. m. 81ᵇ, wenn das nicht das adv. ist (s. 4); wo die affecten rauchen, da gibts krumme rathschläg. Lehman flor. 1, 9, vorschläge wie beschlüsse; die schiefen und krummen urtheile sind nicht immer in der macht der gelehrten, weil sie auch urtheilen was sie nicht verstehen. Claudius 5, 132. von sitte und gebahren:
zu tanzen hätt er willen ...
zu lassen aus sein grillen,
stiesz manchen in sein brust ...
er macht gar viel des krummen
nach art und weis der dummen.
von dem üppigen bauern, Frankf. liederb. nr. 129, 2, wunderh. 4, 313, vgl. Uhland 654,
doch mit einmischung von a, α, vgl. 2, d, α; krummes und dummes anstellen. Pestalozzi 4, 75.
δ)
verwickelt, schwierig, von verhältnissen, 'händeln' aller art, im gegensatz des schlechten, schlichten, das einfach und klar ist; ein richter klagt, als die parteien sich auf eigne hand 'verrichtet' haben, über seinen stand:
und wer die sach noch so krumm,
so wirt mir nit ein haller drumb.
fastn. sp. 893, 17;
solch krum händel die stund kan schlichten.
Wickram irr reitend bilger C 3;
krumb sachen, contortae res. Maaler 254ᶜ; es ist vielleicht kein mensch im dorf, mit dem er nichts krummes gehabt hat. Pestalozzi 2, 39. es mischt sich der sache nach leicht mit β.
ε)
gedreht, gekünstelt, im gegensatz des einfachen:
slechtiu wort und slecht geticht
diu lobt man in der welt nu nicht.
wels (welches, wessen) wort krump sint gevlochten,
der hât nu vast gevochten (erringt den preis).
Boner schluszrede 21;
sîn (des schalks) wort sint krumb, sîn werk nicht slecht.
50, 60,
wieder verflieszend mit β. so noch im 17. jh. krummes machen, in advocatenmunde: diese schrift ist gut zu widerlegen, und wil ich nicht viel krumbs machen. Ayrer proc. 3, 4, vergl.krümme 3, b. das mischt sich zugleich mit krumme geberde, krumme sprünge unter 2, d, α: und Belial fieng sich an zu neigen, machet viel krums und kramanzens (als einleitung) und sprach. das. 2, 3, es können worte und geberden zugleich sein, wie bei kramanzen 1, c ff.
ζ)
daher auch dunkel, rätselhaft: erstlich legt der prophet seim groszen pfarrkind ein verdecktes oder ein krumpes für. Mathesius Sar. 132ᵇ, es ist die parabel womit Nathan den David straft 2 Sam. 12, 1 ff. so schon in mhd. zeit, wie denn diese ganze entwickelung von krumm ins mhd. und weiter zurück gehn wird (vgl. ahd. chrumbo difficilia Graff 4, 610):
'tempus atque tempora
et tempus dimidium' (Daniel 12, 7),
diz möhte ûch alleʒ dunken krum.
waʒ eʒ gesprochen wêre
in dûtlîcher mêre?
erlösung 5985.
die urspr. sinnliche auffassung zeigt ahd. chrumbiu antwurte, vaticinia obliquis ambagibus.
d)
sogar geist, sinn, seele, herz werden selber krumm genannt.
α)
einem verstimmten steht der mut krumm, ist wie aus seiner rechten haltung verschoben:
frau, eurn gnaden ich schicke
ettewas meines werchs (gedicht).
euer lieb darein plicke
zu zeit so euer muet stet krump und zwerchs (quer).
Püterich von Reicherzhausen b. Haupt 6, 47.
melancolicus, einer der da ... vil krummer fantasy hat ... est piger, sedet tristis, erschlagen. Melber voc. varil. o 8ᵃ, was zugleich in c, γ überschlägt.
β)
mehr in sittlichem sinne, s. c, β: krummer sinn, mens laeva, animus improbus. Stieler 1044, s. schon unter 2, c, β aus der mörin;
sie gehn doch so mit krummen sinn,
das ich sein oft musz lachen.
Ambr. lb. 229, 1;
o ihr krumme, schlimme sehlen,
wolt ihr euch
laster-reich
nu mit diser welt vermählen?
Weckherlin 594.
noch bei Lavater: gesellschaften, die bald ein jedes mitglied zum ... tummelplatz seiner leidenschaften macht, die man mit unruhigen herzen besucht, denen man mit krummer und schiefer seele beiwohnt. auss. in die ew. Frankf. 1773 3, 70. schon ahd. mit chrumbemo herzen Graff 4, 609.
γ)
geistlich, theologisch: ein krummer geist ist des fleisches und Adams geist, der in allen dingen sich in sich selbs beuget, das seine suchet, der ist uns angeborn. der aufrichtige (aufgerichtete) geist ist der gute wille strack zu gotte gerichtet ... Luther 3, 14ᵇ, also in sich selbst zurückgebeugt in selbstsucht, urspr. ganz räumlich gedacht, s.krümme 3, e;
die krummen herzen macht er (gottes geist) schlecht,
die irrigen bringt er zurecht.
Alberus bei Mützell 361.
e)
weitere untersuchung fordert einiges andere.
α)
die krumme mittwoch heiszt die mittwoch in der charwoche, krumbe mitwuche Königshofen 188 Sch., s. mehr bei Scherz 835; in Tirol findet sich noch krumpmittig 'aschermittwoch, sonst der mittwoch in der charwoche' Schöpf 348. auch in Schlesien: treibt der schäfer am krummen mittwoch nicht aus, so bekommen die schafe krumme füsze (fuszkrankheiten). Peter volksth. aus österr. Schlesien 2, 251; zur ausführung (des plans Friedrichs d. gr. sich Breslaus zu bemächtigen) ward der 10. august, der tag Laurentius, bestimmt, oder wie ihn die österreichisch gesinnten später in ihrem unwillen tauften, der krumme Lorenz. Grünhagen Friedr. d. gr. und die Breslauer i. d. j. 1740 u. 41 s. 164, mit anm.: das beiwort krumm soll den tag als einen dies nefastus charakterisiren, wie noch heut in Schlesien der mittwoch in der marterwoche der krumme mittwoch genannt wird. diese auffassung trifft vielleicht das richtige, vgl.: Judas .. hat in (Christum) hingegeben und verkouft an der krum mitwoch. Keisersberg post. 2, 40. eine verwünschung könnte in krumm auch liegen in folg.:
das (für des) musz die krom pocken walten.
Gr. Wagner untrew E 1ᵇ.
β)
ein krummes wort, ein kränkendes: ja es ist kein hirtenbub so gering, der von einem frembden herrn ein krum wort lidde. Luther 8, 108ᵃ; der mutter und andern leuten übers maul fehret, wenn man ihr ein krump wort saget. Mathesius Syrach 2, 99ᵇ; kaum rührt man dich an mit einem krummen wörtlein, so schäumt das gift zum munde heraus. H. Müller erquicksl. 411. eigentlich ist diesz krumme wort vielleicht eins, das nicht genügend überlegt gleichsam schief herauskam, anders als man beabsichtigte, und sich so unter die andern mischte, sodasz der redende sich urspr. damit entschuldigt hätte. in Hermans v. Sachsenheim grasmetze heiszt es von der magd:
si lacht und sach mich spötlich an ...
mit kurzen worten, krumm und schlecht,
dankt si mir nach dem newen lauf.
Hätzl. 279ᵇ,
wol worte wie sie ihr eben in den mund kamen, ohne sie genau zu erwägen, also auch gleichsam misratene darunter; vgl. die ähnliche zusammenfassende formel unter b zuletzt. anders unter c, ε worte krumm geflochten.
γ)
zusammen hängt damit vielleicht etwas krumm nehmen, übel nehmen, in der sprache des alltagslebens weit verbreitet: nahmen aus einfalt die sache für spasz und so krumm ... J. Paul leben Fibels 4;
hopsa mein kind!
dreh dich rund um!
geht dirs zu hurtig,
so nimm es nicht krumm.
W. Wackernagel ged. eines fahrenden schülers (Berl. 1828) 50.
der urspr. sinn war wol entweder: etwas anders auffassen als es gemeint war, was sich, wo es sich um worte handelt, wie meistens, an das krumme wort unter β gut anschlieszen würde; oder: etwas als bös gemeint auffassen, nach c, β. zu beachten ist, dasz man diesz krumm nehmen so viel mir bekannt nur einem andern zum vorwurf macht, es nie von sich selber sagt, wie übel nehmen (als übel auffassen) doch.
4)
besonderer anführung bedarf ein altes adv. krumms, wie stracks, eig. krummes als gen. neutr. (gr. 3, 91), mhd. krumbes, wie slimbes, slehtes:
noch ist ir einer dâ,
dem gêt wol sîn schîbe (glücksscheibe, glücksrad) enzelt,
slehtes unde krumbes.
Neidhart 91, 14,
der kommt rasch vorwärts, gedeiht, auf geradem oder krummem wege; krumbes gân bildl. Titurel 4049, 2; der pard siht krums und gar scharpf. Megenberg 156, 20; ein schlang .. gat krums. Keisersberg sünden d. m. 29ᵃ (s. 2, 1307);
will dich dann jemand krumms ansehen (mit vorwurf),
und meint, es solt nit sein geschehen.
Scheit grob. C 3ᵇ;
auch die, so da sich nicht befürchten, solchs durch sich selbs oder einen andern oder andere stracks oder krums zu volzihen und verschaffen. Luther 2, 54ᵃ, auf geradem oder krummem wege, mit ehrlichen oder unehrlichen mitteln.
krumm m
Fundstelle: Lfg. 11 (1871), Bd. V (1873), Sp. 2441, Z. 51
wie sonst krümme f., mhd. krump m. wb. 1, 889ᵇ, lebt noch alem., z. b. im Bregenzerwalde, krumm m. biegung, z. b. ein guter krumm (umweg) ist nie viel um. schweiz. chrump Frommann 2, 483ᵃ, bei Stalder 2, 137 krumb und krumpf m. einbug, krümmung, auch die pflugwage; über krumpf s. unter dem folg. I, 3, b.
Zitationshilfe
„krumm“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/krumm>, abgerufen am 08.12.2019.

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