Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

lächeln, verb.

lächeln, verb.
subridere. ahd. nicht bezeugt, mhd. lecheln mit dem nebensinne des tückischen (vgl. mhd. wb. 1, 923ᵃ, während das dazu gehörige substantiv lechelære diesen nebensinn nicht hat); seit dem 16. jahrh. oft belegt, immer als wort der schriftsprache, während die mundarten für den begriff eine reihe anderer wörter verwenden. früher auch ohne umlaut lacheln: er blickte mich halb lachelend an. pers. rosenth. 6, 1; gewöhnlich aber ist die umgelautete form: subridere lecheln Dief. 561ᵇ; lächlen, smöllelen subridere, das lächlen subrisio Maaler 260ᵃ. — lächeln wird gebraucht
1)
intransitiv, im eigentlichen sinne von menschen: ein narr lachet uber laut, ein weiser lechelt ein wenig. Sir. 21, 29; etwan ein jar darnach gieng der doctor ungeferd für die fraw, gruͤszt sy und lechlet. Wickram rollw. 17, 11 Kurz; die landpfleger sahen einander an und lächleten zusammen. Frey garteng. 43ᵇ; die ganze gesellschaft lächelte und er muszte mit lächeln, als er es gewahr ward, wie dieses absichtslose wort so artig paszte. Göthe 15, 270;
laszt uns den hofmann Damis fragen:
wer ist der gröszte mann?
er bückt sich lächelnd; das will sagen:
wer lächeln und sich bücken kann.
Lessing 1, 54;
Lisette schweigt und lächelt,
wie eine dame thut, die sich gelassen fächelt.
Zachariä schnupft. 2, 57;
rückwärts gebeugt dann trank er, und lächelte.
Voss 1, 65;
lächelnd erwiederte drauf die alte verständige hausfrau.
83;
dieses ist der opferpriester,
und er wetzet seine messer,
wetzt sie lächelnd.
H. Heine 18, 87.
der infinitiv häufig in substantiver verwendung: das lächeln eines unschuldigen kindes; Charlotte .. konnte sich eines lächelns nicht enthalten. Göthe 17, 40;
sprich, herz — was wär an ihr, das dir gefiel?
nichts! wenig! selbst ihr lächeln, wär es nichts
als sanfte schöne zuckung ihrer muskeln; ...
nein; selbst ihr lächeln nicht!
Lessing 2, 333;
allmacht war sein lâcheln, schuf um zu wonne das elend!
Klopstock 6, 20.
es heiszt freundlich, froh, heiter, liebreich, sanft, schalkhaft, verstohlen, schüchtern, auch boshaft, bitter, höhnisch, spöttisch, gezwungen lächeln: hier entzückte ein ernstes gesicht wie der göttin der jagd, dort ein lächeln wie der Venus. Geszner (1789) 2, 11; mein vater .. sasz liebreich lächelnd am thor. Schiller räub. 2, 2; mit dem himmlischen, bescheidnen, heitern lächeln, das man an ihr zu sehen gewohnt war. Göthe 20, 181; mit einem allerliebsten, beinahe schalkhaften lächeln. 23, 173; das feine lächeln verliesz ihren mund. 174;
mit bitterm lächeln hebt er die verwelkte hand.
Weisze trauersp. 1, 106;
jezt, da sie alles durchwühlet,
neigte das blühende mädchen sich hold, und lächelte schalkhaft.
Voss 1, 38;
nicht ihres lächelns holder zauber wars, ..
was mich ergriff.
Schiller 502ᵇ (braut von Messina).
lächeln als allgemeines zeichen des frohsinns, der traurigkeit, dem kummer entgegengesetzt:
trauter jüngling, lächle wieder (sei wieder froh)!
Gotter 1, 14.
2)
gesichtstheile, an denen sich das lächeln zeigt, werden gern, namentlich in poetischer rede, als subject zum verbum gestellt, es heiszt der mund lächelt, die lippen, die augen lächeln: (die nymphe) zog den becher zurück, nach dem seine (des Bacchus) lächelnden lippen sich sehnten. Geszner (1789) 3, 48; dein blaues auge, wenn es mir lächelnd winkt. 55; ihr braunes auge lächelte schüchtern um sie her. 2, 12;
dein mund kan lächeln, wenn die zähne knirschen.
Lessing 2, 505;
nicht gebieten werd ich dem sänger, spricht
der herrscher mit lächelndem munde.
Schiller 96ᵇ;
ihr antliz
lächelte, hold verschämt, wie ein frühlingsmorgen erröthend.
Voss 1, 24.
3)
lächeln, übertragen, von dem strahlen der sonne oder des himmels, von der in farbenglanze prangenden natur: lieblich lächelt izt die sonne durch die dünnbenebelte luft. Geszner (1789) 3, 29; von bäumen und vom weinstock lächelt des jahres segen. ders.;
endlich fallen die nebel: die sonne sieget, und lächelt
über die weiszbereiften gefilde mit völligem glanze.
Zachariä tageszeiten s. 18;
im rosenschleier lächelt die sonne noch
von schneegebirgen freundlich ins quellenthal.
Stolberg ged. (1779) 128;
nur deinen pilgern lächelt die sonne nicht.
das.;
es lächelt der see, er ladet zum bade.
Schiller Tell 1, 1;
in einem bilde:
der himmel lächelt selbst noch durch des grabes nacht
in deinem angesicht.
Weisze trauersp. 2, 235.
4)
auch abstracten begriffen wird lächeln beigelegt: unschuld lächelt sanft auf ihren wangen, voll anmuth ist jede geberde. Geszner; auch du Gleim! wenn du die lächelnden empfindungen unsers herzens singst. ders. 2 (1789) 2, 280;
Venus benickte den listigen plan mit lächelndem beifall.
Bürger 246ᵃ;
ich wein aus wuth; aus wuth, die thränen liebt,
bis sie befriedigt höhnisch lächeln kann.
Lessing 2, 509.
5)
die ursache des lächelns wird in der höheren sprache öfter durch einen genitiv ausgedrückt (während die sprache des gemeinen lebens dafür die praep. über mit acc. braucht, s. unten 8, e):
sie lächeln der grille?
Wieland 5, 68 (n. Amadis 14, 10);
du lächelst des phantasten?
Gotter 1, 244;
weil ihr mich nicht wollt merken lassen, dasz
ihr meiner einfalt lächelt.
Lessing 2, 265;
vater und mutter
freuten und wunderten sich, und lächelten seiner erzählung.
Voss 1, 60.
6)
mit dativ einem lächeln, einem durch lächeln freude, gewogenheit, beifall, ermunterung ausdrücken: willst du unser feind sein, und wir sollen dir lächeln? Göthe 8, 67; dann sah er Ännelis augen, wie sie auf ihm hafteten und wie es ihm lächelte. J. Gotthelf käserei (1850) 278;
noch ahnen sie den teufel nicht, dem sie
so liebevoll gelächelt.
Schiller Carlos 4, 19;
allein will ich mir betten, allein!
dem tode lächeln, segnen das verderben
und sterben.
Boie in Voss musenalm. 1792 s. 120;
da lächelst du dem gott der winde,
und folgsam gleich Cytherens kinde ..
hemmt er den nord.
s. 176;
auch ironisch:
und Rubens lächelte dem affen (der ihm nachahmte);
das äffchen nahms für beifall auf.
Gleim 3, 300;
von abstracten (vgl. oben 4): mir will das glück nicht lächeln;
dir lächeln ruhm und sieg: von hoher lust entglommen,
ruft dir das ganze volk den lauten beifall zu.
Weisze trauersp. 1, 16;
wie dem, der glücklich ist, die ganze schöpfung lächelt.
Wieland 17, 139 (Idris 3, 11);
will die gegenwart genung
meinem trüben sinn nicht lächeln,
o so komm, mich anzulächeln
beszrer zeit erinnerung!
Boie bei Weinhold 373;
dann auch mit einem dativ der sache, in gleichem sinne:
o, blicke mild herab!
o, lächle dem vertrag, der sie zusammengab!
Gotter 2, 338;
Sophia (die Weisheit) lächelt diesen worten.
Schiller 16ᵇ;
(wenn Mieding) dem ausgang lächelnd, rings umgeben sasz.
Göthe 13, 138.
7)
transitives lächeln, durch lächeln äuszern, eigentlich und in übertragenem sinne (no. 4):
sie lächelten liebe.
Klopstock 5, 367;
aber der richter lächelt ihm gnade.
6, 20;
(sie) lächelte dank bei den wünschen.
Voss 1, 170;
vergebens lächelt ihr im angenehmen garten
die blühende natur zufriedenheit und ruh.
Zachariä verwandl. 4, 6;
er lächelt spott auf sie.
3, 100;
sie lächeln bittern hohn
auf unsrer majestät entheiligte ruinen.
Gotter 2, 436;
verachtung lächelt sein gesicht.
Lenau Faust 55;
wohl schauen dich die geisterschaaren,
erbarmen lächelnd deinem leid.
neue ged. 36;
auch mit abhängigem satze: sie lächelte: ich liebe dich!;
als stünd in seiner capelle
der würdige pfaffe schon da
und fragte: wollt ihr einander?
wir aber lächelten: ja!
Göthe 1, 104;
ferner durch lächeln etwas bewirken: einen aus seinem kummer lächeln. Klinger 10, 171; er (der sohn im himmel) wird euch die schmerzerinnerung aus der seele lächeln. Schiller 116ᵇ (räuber 2, 2);
preis dich beglückt, wenn deine blauen augen
dich nicht zu früh in Charons nachen lächeln.
15ᵇ (Semele 1);
lächle mir die seele heiter.
Rückert ges. ged. 1, 246.
8)
lächeln, in verbindung mit praepositionen.
a)
auf, mit acc.:
ich bin ganz zufriedenheit,
wenn ich dich voll heiterkeit
auf mich lächeln sehe.
C. F. Weisze;
lächle (schutzgeist) gefällig herab auf eine sterbliche leier.
Zachariä ged. (1761) 1, 374.
b)
durch: du lächelst durch die wilden bewegungen, die in deiner seele wühlen! Klinger 2, 112.
c)
in, mit acc.: (Amyntas) lächelte noch einmal, zufrieden mit seiner arbeit, in den schatten des geretteten baumes hin. Geszner (1789) 3, 39; in den spiegel lächeln. Klinger 1, 225; (der tapfere) lächelt ins röcheln der sterbenden feinde! 2, 159; widrig ist das alter, in das die liebe der kinder nicht lächelt. 134.
d)
mit: doch du hörst mich nicht, und lächelst mit dir selbst. Klinger 5, 177; (Göthes) 'von deutscher baukunst' lächelt nicht mit der theorie, wird aber herrn Sulzer selbst gewiss nicht misfallen. buchhändler Deinet brieflich an Reich, vergl. S. Hirzels verz. einer Göthe-bibl. (1874) s. 9;
sie weilet und horchet
und lächelt mit sich:
'er singet so lieblich,
und singt es an dich'.
Göthe 1, 100.
e)
über, mit acc.: was schadet es ihm, wenn man auch manchmal über ihn lächeln musz. Lessing 8, 81; sie lächelte über jenes feindliche suchen mit den waffen in der hand. Göthe 17, 327.
f)
zu: Therese lächelte zu Kronhelm. Miller Siegwart 2, 265.
9)
lächeln, unpersönlich: noch lächelt mirs im herzen wenn ich der putzzimmer der damaligen zeiten gedenke. Arndt leben 16. vgl. dazu lächern.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1877), Bd. VI (1885), Sp. 15, Z. 12.

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Zitationshilfe
„lächeln“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/l%C3%A4cheln>, abgerufen am 02.12.2021.

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