lärm, lärmen m. (früher auch n.
Fundstelle: Lfg. 2 (1878), Bd. VI (1885), Sp. 202, Z. 67
tumultus, strepitus.
1)
der romanische schlachtruf, ital. all arme, span. prov. al arma, franz. al arme (zu den waffen), lautete zu ende des 15. jahrh. im munde burgundischer Franzosen al erme:
doch die Franzosen in der wal
hielten sich still, bisz sie ducht zit,
brochen sie uf noch widerstrit
und stochen drin de rant, de rant,
a lerme a lerme, avant avant,
mit ungestüm und groszem schrei.
Liliencron volksl. 2, 311, 56 (von 1493).
von den Niederlanden her wurde dieser schlachtruf auch in deutschen heeren angenommen, theils in der form allerma (s. unten no. 2), theils in der verstümmelten lerma und lerman, in letzterer form namentlich in liedern der landsknechte, welcher aufkommen ja in die Niederlande fällt (vgl. sp. 137):
lermen lermen lermen
lermen lermen lermen!
tet uns die trummel und die pfeifen sprechen;
her her her, ir frommen teutschen landsknecht gut!
Uhland volksl. 515;
lerman lerman! hört man die trummen spechte.
518;
im 16. jahrh. sehr verbreitet: hui annen, hui annen, lerma, lerma, jr hofleut, sagt der teufel, ritt er auf der sau, hie zum hoffannen. Garg. 96ᵃ; nicht lange hernach nam Petrus eine drommel, trat für die pforte und schlug: lehrme, lehrme! Claus narr (1602) 136;
Josua kompt mit seim volk und schreyen:
lerman, lerman, dran, dran, dran!
in gottes namen greif wir an.
H. Sachs 3, 1, 30ᵃ;
wol her, wol her, lerman her, her,
heut wöll wir gwinnen gut und ehr.
30ᵇ;
lerman, lerman, thut bald laufen,
macht lerman in dem helln haufen,
die feind die fallen ausz der stadt.
2, 1, 15ᵈ;
lerman, lerman, lerman, lerman,
ein yeder lauf bald auf den plan
zu seim fenlein mit seiner wehr.
ebenda;
daneben in der schriftgemäszen romanischen form alarme (vergl. theil 1, 200), dies noch im 17. jahrh. wortspielend:
weil sie durch l'arm, all arm, all arm,
all arm, all armen thun blasen:
erwecken sie all arm, all arm,
haus, hof musz mancher lassen.
all arm, all arm, verflucht al'arm,
ach! dasz sich gott einmal erbarm,
all arm, all armen thät helfen!
Opel u. Cohn 231, 75.
2)
aus dem schlachtruf wird ein substantiv, die aufforderung zum treten ins gewehr bezeichnend; die form voller oder verstümmelter (allerma, lerma, lerman), das geschlecht masc. (wol nach ruf) oder neutr. (nach geschrei): die andern zwen (Türken) seind mir in das leger (in ihr feindliches) entritten und ain lerman in dem ganzen leger gemacht mit ainem groszen geschray. Schertlin br. 19; da die aufforderung gewöhnlich durch trommel oder pfeife geschieht, meist in der verbindung lärmen schlagen, lärmen blasen: der allerma wart in der stat auf schreien und mit der trumel geschlagen. Wilw. v. Schaumb. 90; als sie dieselben (die Franzosen) den allerma schlagen hörten. 92; schickt der von Rafenstain zwai woll gerüste carfel mit leuten und geschos dem lendlein zu hilf, und als die schiffleut des gewar wurden, verkündigten sie das dem haubtman, wart ein groszer allerma und eilt iederman zu den schiffen. 99; der lärmen, classicum, lärmen blaasen, canere classicum, lärmen schlahen abzeziehen, dare signum receptui Maaler 260ᵈ; lermen, das aufblaasen und trummeten zum krieg, bellicum 268ᶜ;
indem es sich zw truge
das man gleich lermen schluge
und man fiel raus den feinden in die schanz.
meisterl. fol. 23, no. 242;
do man sich das ampt hat volbracht,
do schlueg man ein lermen umb,
daʒ yederman in ordnung tret
und daʒ man zusammen kumm.
Soltau 176 (von 1502);
so thuͦnd dem hauptmann ylends sagen
das er ein lärman lasse schlagen.
Daniel 1545 K iijᵃ;
als der trommetr lerman bliesz
und der herold sich sehen liesz.
froschmäus. 3, 1, 12 (bl. Rr 8ᵃ);
in der form larman:
so etwan wurd ein larman gmacht,
das jederman des flyszig acht.
Jos. Murer belager. von Babylon (1560) act 2.
bildlich: es werden sich noch viel felddrommeten und kirchenposaunen hören lassen, .. die in höfen und aufm predigstul lerme blasen. Mathesius Sar. 94ᵇ;
wo ich denn in gesellschaft kumb
so schlag ich oft ein lerman umb.
H. Sachs 1, 540ᶜ.
3)
die trommel mit der lärmen geschlagen wird, ist selbst lärmen genannt: die oft gerührte himmelslärmen (bildlich von den weissagungen der astrologie). Fischart groszm. 10. vergl. lärmspiel.
4)
im 16. jahrh. hat das wort die allgemeinere bedeutung auflauf, zusammenlauf einer menge, feindliche zusammenrottung angenommen, das Basler neue testament erklärt ein luthersches lerman durch auflaut, aufruͦr (Fromm. 6, 43ᵃ); weiter ist er nicht gefragt worden (Thomas Münzer, auf der folter), von seinen revelationibus, oder was jn bewegt hette solchen lermen anzufahen. Luther 3, 131ᵃ; mitler zeit weil der keiser in Italia war, ward ein wild wesen in teutsch landen, ... in Franken ward ein wilder lermen, rauben und zucken. S. Frank germ. chron. 1538 169ᵇ; (die kriegsleute) eilten inn aller ungestüm schnell zu dem thor gegen aufgang, da der gröst ernst und lärma war. Garg. 266ᵃ; sey er (papst Felix II) in einem lermen sampt ettlichen priestern umbkommen. Nigrinus papist. inquis. s. 118; den andern zug sol er zu hausz kommen und sol eine schramm uber einen backen bringen und viel von stürmen, schlachten, scharmützeln und lermen zu sagen wissen. Reuter v. Speir (Cöln 1598) C 1ᵃ; es sey jhm dieser lermen leid. Kirchhof wendunm. 429ᵇ; ich weisz nit was sich in unserem abwäsen daheim für ein lermen und unruͦw erhebt hat, nescio quid profecto absente nobis turbatum est domi. Maaler 268ᶜ; ein lermen machen, ein anrennen thuͦn, und etwas unraats anrichten, pugnam dare. ebenda;
da hett der lerman gar ein end.
H. Sachs 1, 513ᵃ.
5)
dann läuft lärm auch in die bedeutung wildes geschrei oder geräusch, tosen, getöse aus und erscheint in den formen der lärm, der lärmen, das lärmen (vgl. oben 2) seit dem 17. jh. in den wörterbüchern verzeichnet: Schottel gibt der lerm tumultus, classicum 1356 neben larm 1354; Stieler der lerm und larm, das lermen, classicum, signum pugnae, conclamatio ad arma, it. tumultus, strepitus 1147; Steinbach der lerm, lärm, der lermen tumultus, turba, einen lermen anfangen, turbas concire, was ist dort vor ein lermen? quae illic turba est? mit der frau einen lermen anfangen, turbas ciere uxori. 1, 1041; aber schon im 16. jh. erscheint die angegebene bedeutung nicht ungewöhnlich: und hebt der pfaff noch denselbigen tag ein lerman an. Katziporus B 6ᵇ; der richt ein mal zwen studenten an, das sie nächtlicher weil am kornmarkt, vor seim hausz uber die gasz ein seil das er jhnen gab, heimlich spannen solten, demnach ein lerman anfahen, so wurden die scharwechter darzuͦ laufen, da wird einer ein hüpsch fallen sehen. Frey gartenges. (1575) cap. 79; hebe auch daheim keinen lerman an mit weib und kindern. Mathesius Syrach 2, 53ᵇ; spätere belege: ein auf der strasze entstandenes lermen. Felsenb. 1, 18; darüber hätte meine frau nicht sollen ein solches lärmen machen. Rabener 3, 68; wer das meiste lermen machen konnte, überkam die meiste gewalt: und auf das lermen, das toben, das verdammen, das nothzwingen, wer verstand sich besser als Humbert? Lessing 8, 408; (der dichter) war aus der stille, der dämmerung, der dunkelheit, welche ganz allein die reinen productionen begünstigen kann, in den lärmen des tageslichts hervorgezogen. Göthe 26, 237; es nahmen immer mehrere wachtmannschaften an diesen debatten theil, und der lärmen wuchs von minute zu minute. Immermann Münchh. 1, 21; er könne vor dem lärm, den die sperlinge und schwalben machten, nicht schlafen. Eichendorf Lucanor 165; viel lärmen um nichts (much ado about nothing Shakesp.);
man stelle sich nur vor, wenn tausend weiber schrein,
was musz das für ein lärmen sein!
Gellert 1, 127;
man stelle sich den lärmen vor,
den die beschämte göttin machte.
Wieland 10, 144;
der hörner lärm, der bässe rauschen
die halle füllt.
Gotter 1, 154;
wozu der lärm? was steht dem herrn zu diensten?
Göthe 12, 69;
nein, nein, ich höre
nicht länger von ferne
den lärm mit geduld.
11, 163;
der lärm war ganz um nichts.
155;
und ich machte darauf ein groszes lärmen im dorfe,
dasz ich die menschen erregte, die spuren des wolfes zu finden.
40, 50.
6)
die jüngste bedeutung des wortes ist geräuschvolles aufsehen: wenn es dieses stück (die belagerung von Calais) nicht verdiente, dasz die Franzosen ein solches lermen damit machten, so gereicht doch dieses lermen selbst den Franzosen zur ehre. Lessing 7, 82; es hat allenthalben lärmen gegeben (aufsehen gemacht). Lenz 1, 183; verbotene, zum feuer verdammte bücher, welche damals groszen lärmen machten, übten keine wirkung auf uns. Göthe 26, 68.
7)
indes ist die alte bedeutung (no. 2) auch in der modernen sprache nicht verschwunden: lärm, zeichen durch zuruf oder trommelschlag, wenn die truppen ins gewehr treten sollen. Eggers kriegslex. 2, 7; vgl. unten die compositen lärmenblasen, lärmenschlagen, lärmplatz, lärmschusz, lärmzeichen u. ä.; lärm dann auch in etwas modificiertem sinne, bei feuersgefahr das zeichen für die löschmannschaft auf der brandstätte zu erscheinen, vgl.feuerlärm; wer befahl, lärmen zu schlagen? Schiller Fiesko 5, 2;
und sind wir oben, wie erreichen wir
das schlafgemach des fürsten, ohne dasz
das hofgesind erwacht und lärmen ruft?
Wallensteins tod 5, 2.
bildlich lärmen blasen. Klinger 11, 55; lärmen schlagen: wer wird solchen lärmen um eine kleinigkeit schlagen?; blinder lärm (ursprünglich nur soldatenwort, ruf zu den waffen wenn gefahr nicht vorhanden oder blosz eingebildet ist: des blinden, vergebenen lermans willen. Kirchhof mil. disc. 151): einen blinden lerm machen, falsas turbas dare, imaginarias dimicationes parare, panico militem excitare Stieler 1147; Lisette. wie? wenn wir einen gewissen blinden lärm machten? Henr. was ist das wieder? Lisette. ein blinder lärm ist ein lärm wohinter nichts ist, der aber doch die gabe hat, den feind — zu einer gewissen aufmerksamkeit zu bringen. zum exempel: um zu erfahren, ob mamsell Juliane den Adrast liebe, müszte sich herr Theophan in jemand anders verliebt stellen ... ich rede nur von stellen, merken sie wohl, was ich sage, nur von stellen; denn sonst könnte der blinde lärm auf einmal augen kriegen. Lessing 1, 444;
als man nach und nach erfuhr, dasz das geschrei (vom tode Nigrins)
ein bloszes blindes lärmen sei.
s. 7.
8)
der plural des wortes ist in der neuern sprache ungewöhnlich, in der ältern findet er sich, in der bedeutung 4: in lärmen und feindsnöhten sol er ohn verzug und ist es müglich der erst zu pferdt sein. Reuter von Speir (1598) C 4ᵇ; in der bedeutung 5:
da fängt der munter geist erst seine lermen ann,
wacht, wenn sein gastwirth (der leib) schläft.
Fleming 105;
enthalte mich (stütze mich) in diesen trüben zeiten
da gut und bösz in vollen lärmen streiten.
284.
9)
in wetterauischen dörfern bezeichnet lärm einen gewissen tanz; dies wol auch im folgenden: du must mir auch zum thorwart gehen, dasz er mit seiner geigen komm, und uns lermen aufgeig. wir wollen heut leben wie die gröste monarchen. ich rufte dem thorwart, dasz er sich mit seiner geigen fertig machen, und mit mir zum herrn, ins zimmer gehen soll, uns lermen zu machen, und den saft durch die gurgel hinunter zu geigen. französ. Simpliciss. 1, 58.
lärmen verb
Fundstelle: Lfg. 2 (1878), Bd. VI (1885), Sp. 205, Z. 50
lärm machen, seit spätestens dem 17. jahrh. aus dem substantiv lärm gebildet, mit der seltenen nebenform larmen, wie sich neben lärm auch larm zeigt (vgl.lärm 1 zu ende, 5): lermen, larmen tumultuari Schottel 1356; lermen, lerm machen, ciere, movere turbas, excitare tumultum, boatu infremere, ululatum tollere Stieler 1147; hier, mitten in dem lärmenden Straszburg. Göthe bei Schöll 52; der alte mann .. blieb mit ihnen auf der blühenden und lärmenden anhöhe (wo bienen und vögel schwärmten). J. Paul Tit. 2, 233; lärmende knabenspiele. allgem. litt. zeit. 1840 s. 266;
der pursche lermt, fährt aus und haust.
Günther bei Steinbach 1, 1041;
ödes, todtes, grauenvolles schweigen
herrscht ringsumher im einsamen palast,
der sonst so wild und so bacchantisch lärmte.
Schiller Semele v. 365;
ihr lärmt und rauscht und ahnet nicht,
was mich den armen quält.
Göthe 1, 96;
seit ich von dir bin,
scheint mir des schnellsten lebens
lärmende bewegung
nur ein leichter flor, durch den ich deine gestalt
immerfort wie in wolken erblicke.
2, 113;
nun ruf und lärme laut, ihn aus dem schlaf zu wecken.
11, 173;
lärme nicht, verwirre nicht vergebens
meine nachbarn durch die nacht.
180;
wild durch einander
lärmten die freier im saal, da den fallenden mann sie gesehen,
und sie entsprangen den thronen, den saal durchtobend mit aufruhr.
Odyss. 22, 22.
transitiv:
und der haufe
lärmete festlied.
Sonneberg bei Campe;
mit angabe der wirkung:
er gab mir nichts und lärmt mir noch die ohren voll.
Göthe 7, 49.
lärmen, lärmend zanken:
ich möchte nicht gerne mit ihnen lärmen,
weil ich sie heut zum erstenmal sah.
Tieck 13, 322.
rheinisch und wetterauisch ist die form des verbums larmsen, lärmsen. Kehrein 256.
Zitationshilfe
„lärmen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/l%C3%A4rmen>, abgerufen am 22.10.2019.

Weitere Informationen …