Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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lasse, m.

lasse, m.
höriger, mhd. laʒʒe, vgl. Grimm rechtsalt. 306 ff. Haltaus 1195: derselbe stund in hader und feindschaft mit dem compter zu Danzig wegen etlicher verlaufener bauren und lassen. Schütz Preuszen (1599) 66; indem auf den lassen übertragen ward, was zwischen dem schirmherrn und dem schützling der sich ihm freiwillig untergeben hatte, galt. Niebuhr 1, 359; aus clienten, sowohl freier herkunft als lassen. 452; ein lasz, ein einwohner dem ein stück land überlassen wird, dem herrn den zins an getreide zu liefern. Frisch 1, 577ᶜ. vgl. late.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1878), Bd. VI (1885), Sp. 212, Z. 47.

lasse, lässe, f.

lasse, lässe, f.
laszheit, müdigkeit, mhd. laʒʒe Lexer 1, 1845: Galoar, welcher bisz dazumal sich nicht zu seinem widersacher, seinem begern nach, von wegen seines pferdts lasse, nähern und fügen mögen. Amadis 406;
wie die verzärtelte lässe so ganz durch das innerste leben
vergessenheit mir ausgeströmt.
Voss Horaz epod. 14, 1;
mollis inertia cur tantam diffuderit imis
oblivionem sensibus.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1878), Bd. VI (1885), Sp. 212, Z. 56.

lässe, f.

lässe, f.,
mhd. lâʒe, das lassen.
1)
das aderlassen: die lässe, das aderlassen, detractio sanguinis vel missio, phlebotomia. Maaler 261ᵃ; ein lässe thuͦn, aderlassen, emittere sanguinem, exolvere venas. ebenda; (zu einem fieberkranken) kam diser arzet des orts auch nach, fieng an, sein process furzunemmen mit digestivis, einer purgation und darauf ain lesse zu der leber. Zimm. chron. 3, 327, 29; (der arzt hatte) mit der lesse erst das gepluet gar erzurnt. 328, 3; die erste ursach betreffende, beschicht solche lässe die überflüssigkeit aller feuchten hinwegzunchmen oder allein die vile des geblüts. Ryff chirurgie 5ᵇ; so die lässe beschehen, soltu ihm verbieten, dasz er nit darauf schlafe. 8ᵇ; die balbierer pflegen ein stücklein von diesem schwamm auf die ader zu legen nach der lässe. Tabernaemont. 1522; sonderlich so jhr nach dem trank ein lässin zur lungen thund. Paracelsus opp. 1, 689 C; es ist die lässe den vögeln sehr bequem. falconaria 1617 s. 111;
kompt da ain arm man,
und spricht: maister, ist guot lan?
und spricht: ist aber die lässi guot?
des teufels netz 10183.
wortspielend: das ist die letst läsz im jahr (nämlich wenn man einen ins grab hinabläszt, vorher ist die rede vom aderlassen). Fischart groszm. 123. das wort ist noch jetzt bairisch und schweizerisch. vgl. aderlässe, fuszlässe.
2)
die zeit des aderlassens: der vier lesse eine (ist der 1. mai). deutsches calendarium aus dem 14. jh. bei Haupt 6, 356; wiewol die gemainen laserregeln (regeln der aderlässer) am maisten dahin deuten, das man sich die läse ordenlich und mesig halte. Zimm. chron. 4, 271, 28; der baur schruw mit heller stimm: es ist niemant in dem hausz; das gesind ist auf dem veld und ich ligen hinder einem umbhang, bin ein lässer (der zu ader gelassen hat). spricht der kaufmann (der des bauern gatter aufgethan haben will): wie lang bist ein lässer geweszt? antwort der baur: morn ist der neündt tag. also thuͦt der kaufmann mit übelzeiten den gatter selb auf und spricht zum bauren: sehin, da auf dem gatter ligt ein taler, und thuͦ der lässy gnuͦg! Wickram rollw. 23, 15.
3)
lässe, im kartenspiel: die letzte lässe, der letzte stich, in folge dessen der gegner den gewinst des ganzen spieles lassen musz:
die letzte läsz wird das genennt,
wenn einer gleich all karten gwinnt,
und aber doch die letzt verleust,
der ganz gwin jhm damit erfrewst.
Birck doppelspiler 122;
behalt ein guͦt blat auf die letzsten lässe. Agr. spr. 303ᵃ;
geduld allein, erhelt im leben mich,
in diesem spiel allein ich dessen sich,
die letzte läsz gewint allzeit den stich.
Mittler nr. 712, 8;
lässe für ein ganzes einzelnes kartenspiel:
mein sach ist nichts;
ich hab des ersten stichs
ein gutes spill verlorn,
und kartet ich heut oder morn,
so gewinn ich doch kein lesz.
Zimm. chron. 4, 328, 13.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1878), Bd. VI (1885), Sp. 212, Z. 64.

lesen, verb.

lesen, verb.
legere. ein allen germanischen dialekten gemeinsames wort: goth. lisan galisan (nur in der bedeutung sammeln); alts. altnfr. lesan (sammeln und im buche lesen), niederd. lesen, niederl. lezen; ags. lesan sammeln, in der engl. schriftsprache ausgestorben, doch begegnet mundartlich noch lease; fries. lesa lesen; altn. lesa sammeln und lesen; schwed. läsa, dän. læse, jetzt nur noch in der bedeutung lesen, in der ältern sprache auch sammeln bezeichnend. aus den verwandten sprachen gehört dazu litt. les-ti, präs. lesu, picken, pickend auflesen, lẽsalas vogelfutter. zu lesen, goth. lisan las, tritt am nächsten das unter lehren aufgeführte goth. verbum leisan, lais, lisum erfahren, aber wie sp. 559 erörtert, mit der ältern und sinnlichern bedeutung einer spur folgen; beiden verben liegt zuletzt éine wurzel zu grunde, und die für uns älteste bedeutung von lesen, auflesen, zusammenlesen, fuszt wiederum auf der anschauung des gehens in einer spur oder einem striche nach, der dem gehenden eine bestimmte ausbeute gewährt; das littauische, welches das verbum vom vogel braucht (vgl. dazu die stelle aus Göthe 14, 111 unten unter 1, a), zeigt diese anschauung noch recht deutlich. An dem grammatischen wechsel, dem übergang des s in r in mehrsilbigen präteritalformen, nahm lesen in der alten sprache nur sehr beschränkt theil; im ahd. wird das part. galeran neben galesan nachgewiesen (Graff 2, 247), im mhd. prät. plur. lâren für lâsen, conj. lære für læse und part. geleren für gelesen (Ben.-Müller 1, 1006ᵃ); im nhd. ist davon keine spur übrig geblieben; nur das adj. leer, das von lesen stammt (sp. 507) hat ursprüngliches s stets zu r werden lassen. Die conjugation von lesen ist stets die starke geblieben; versuche, das verbum in die schwache überzuleiten, blieben ganz vereinzelt: so wir es höreten oder leseten, würden wir uns deren schämen. Philander 1 (1642) 547. im bairischen begegnet neben starkem lesen ein schwaches lesnen (Schm. 1, 1512 Fromm.), welches letztere aber nur als ein denominativ zu dem substantiven infinitiv lesen (s. unten) gefaszt werden kann, in der bedeutung ein lesen thun. lesen bedeutet
1)
auflesen, sammeln, in bezug auf dinge, die als einzelne oder zerstreut vorkommen.
a)
mit object im acc.: goth. galisiþ þôs aflifnandeins draúhsnôs. Joh. 6, 13; ahd. mhd.
sinamîn unt zitwar,
galgan unt pheffar,
balsamo unt wîrouch,
timiâm wahset der ouch,
mirrûn alse vile,
sô man dâ lesen wile.
genesis in den fundgr. 2, 16, 29;
sô lise ich bluomen dâ rîfe nû lît.
Walther 39, 10;
nhd. als wenn einer ehren lese im tal Rephaim. Jes. 17, 5; die kinder lesen holz. Jer. 7, 18; funden sie einen man holz lesen am sabbath tage. 4 Mos. 15, 32; da gieng einer aufs feld, das er kraut lese. 2 kön. 4, 39; die drauben, so on deine erbeit wachsen, soltu nicht lesen. 3 Mos. 25, 5; die frommen alten, auch bei den heiden, haben wein gelesen, wenn schöne treuge zeit gewesen. Colerus hausb. 80; ähren lesen, oder, wie es einiger orten heiszt, ähren klauben, geschiehet von armen leuten, welche zur erndtezeit die einzeln hier und dar liegen gebliebenen ähren nach beschehener ufladung des getreides auf dem felde aufsammeln. öconom. lex. (1731) 53; obst lesen, poma colligere Steinbach 1, 1042; steine lesen, tollere lapides Stieler 1165; geh zu deiner mutter, und lies blumen mit ihr, deine brautlaube zu schmücken. Klopstock 8, 14; gewöhnlich kaufen die champagner-fabrikanten die trauben am stock und lesen sie dann selbst äuszerst sorgfältig mit ihren eigenen leuten. didaskalia vom 17. juli 1872;
in dem wir der lieb frucht, wie andre trauben, lasen.
Weckherlin 774;
denn wer mag in der flur immer umher sich drehn,
suchen, ob irgendwo noch
lieg ein blümchen, es dann lesen, und sorgsam reihn?
Klopstock 2, 54;
der erndter sank, und wer die ähre las.
10, 105;
mandeln zu knuspern!
erbsen zu schlucken!
würmchen zu lesen!
preisliches glück (singen die vögel).
Göthe 14, 111;
es hält dich auf, mit seitenblick,
der blumen viel zu lesen.
5, 77;
und wer blumen sieht am wasser,
soll sie für den andern lesen.
Tieck Octavian s. 33;
von gegenständen, die zerstreut umher liegen:
wir nennen ihn nicht, der viel zu früh die schilde las.
Klopstock 9, 205
(vorher: stand er, und säumt er, und suchte die schilde);
wie er im streit mit kühnem munterm wesen
die pfeile las, die er am boden fand,
eilt er hernach die kräuter selbst zu lesen,
mit denen er verwundete verband.
Göthe 13, 186;
mit näheren örtlichen bestimmungen: goth. ibai lisanda af þaúrnum veinabasja, aiþþau af vigadeinôm smakkans? Matth. 7, 16; ahd. noh siê ni lesent fon thornun uuînberu, odo fon thistilôn fîgûn? Tat. 41, 3;
ioh lesent thâr in lante gold in iro sante.
Otfrid 1, 1, 72;
nhd. lesen sie denn von den dörnern die weinber oder von den disteln die feigen? bibel 1483, 473, Matth. 7, 16; bei Luther kan man auch drauben lesen von den dornen? oder feigen von den disteln?; sprichwörtlich einem jedes stäubchen von dem kleide lesen, jede feder von dem rocke lesen; so hüten euch vor den auditoribus, so ich zu Basel verlassen, die mir haben die federn ab dem rock gelesen, die mir haben urin aufgewermt, die mir haben gedient und gelechlet und wie die hündlein umgestrichen und angehangen. Paracelsus (1589) 5, 165 (vgl. federlesen 3, 1404);
zwar ofte werd ich seufzen müssen,
wenn ich erwege jene zeit,
da ich den schönen mund zu küssen
mit gutem fuge war befreit,
da ich desz lebens süszes wesen
von ihren lippen durfte lesen.
P. Fleming 498;
aber wo sind die seelen der sklaven, deren gebeine
aus der asche duftender stauden die lebenden lasen,
weineten, dasz man ihr gebein nicht läse?
Klopstock 6, 11.
bildlich:
wem ferner blumen auch zu lesen wil gelieben
ausz büchern, welche sonst sind hin und her geschrieben.
Opitz Hugo Grotius' wahrh. 300;
etwas zusammen lesen, lesend auf einen haufen ordnen: die magd liest die sachen zusammen, welche die kinder verstreut haben; steine zusammen lesen, die auf dem acker liegen; bildlich: viele beweisthümer wieder einen zusammen lesen, multa argumenta contra aliquem colligere. Steinbach 1, 1042;
das völkli hab ich zämmen gelesen,
dann mir gliebt und gfallt ir wesen (spricht der teufel).
N. Manuel 272, 394 Bächtold.
den weinberg lesen heiszt es, verstanden sind die trauben im weinberge, auch ablesen (theil 1, 73) wird in solcher weise verwendet: also auch soltu deinen weinberg nicht genaw lesen. 3 Mos. 19, 10; wenn du deinen weinberg gelesen hast, so soltu nicht nachlesen. 5 Mos. 24, 21; sie erndten auf dem acker, alles was er tregt, und lesen den weinberg, den sie mit unrecht haben. Hiob 24, 6; es steht auch das gerät, in welches gelesen wird, statt der zu lesenden dinge, namentlich wenn zusätze näher bestimmen: er las sich ein körbchen obst; sie hat sich ein körbchen voll erdbeeren gelesen, ein körbchen mit erdbeeren lesend gefüllt;
ir seit am guten ort gewesen,
und habt ewrn kropf gar voll gelesen.
B. Waldis Esop 4, 7, 70;
ungewöhnlich ist speise lesen, sich zusammen suchend verschaffen:
(mein unglück) das macht mich speise lesen,
mich reich erzogne frau, wie sonst ein wildes thier.
P. Fleming 118.
b)
das object ist ausgelassen und musz in verschiedener art verstanden werden; so lesen für ähren lesen: da sie sich aufmacht zu lesen, gebot Boas seinen knaben, und sprach, last sie auch zwisschen den garben lesen. Ruth 2, 15; also las sie auf dem felde bis zu abend. 17;
die Ruth nach Boas schnittern las.
Fischart bibl. fig. 1576 J 3ᵇ;
für trauben oder wein lesen: es wird ein spater herbst werden, wann man erst auf Martini liset. groszm. 32; etliche lesen lieber, wenns ein wenig rieselt und regnet. Colerus hausb. 80;
alt und jung, man und fraw, der leser groszer hauf,
mit kübeln, körblein, zain und butten warten auf,
nach dem frühstuck nu mehr zu lesen ausz zu ziehen.
Weckherlin 772;
mhd. auch lesen für bluomen lesen:
wie schône ein wise getouwet was,
dâ mir mîn geselle zeinem kranze las!
Neidhard 24, 22.
2)
lesen, aussuchen, aus einer gröszeren vorhandenen schaar auswählend sammeln (vergl. auslesen, erlesen): die er vindet dealbatos perfecto candore virtutum, die liset er zesich. Williram 52, 1;
Tristan hieʒ ûʒ dem hove lesen
des küniges heinlîchære
zweinzec ritter gewære
und zuo der nôt die besten.
Trist. 216, 30;
lies dir die würdigsten aus der bande und führe sie gerade nach des edelmanns schlosz! Schiller räuber 4, 5;
(die drucker) lesend als usz minem schriben
darusz si pfennig mögen triben (d. h. wählen aus meinen schriften zum drucken die aus, bei denen sie geld verdienen).
Murner geuchmatt, kloster 8, 1119;
erlesen, in bezug auf einen einzigen:
zi hîun er mo quenûn las, sô thâr in lante situ uuas.
Otfrid 1, 4, 3;
wohl mir, göttinn, dasz zu deiner
hochbeglückten jünger schaar,
als die mutter mich gebar,
du mich lasest.
Stolberg 1, 183.
3)
lesen, mit dem begriff des ordnens und zurechtlegens; die weber nennen beim anschirren lesen die fäden in die ordnung bringen. Frisch 1, 608ᵃ; in der verbindung aus einander lesen: auseinander lesen, seligere Steinbach 1, 1043;
das ist ein tolles wesen!
der teufel mag das ding nun auseinander lesen!
Göthe 7, 101.
in der sprache der wirtschaft und der gewerbe wird lesen von zusammengehäuften dingen gebraucht, die man auseinander legend von ungehörigem säubert: hülsenfrüchte, kaffee, salat lesen; federn, wolle lesen; erbsen und linsen lesen, pisa lentesque emundare et depurgare Stieler 1165; lesen, als wolle, seligere lanam ad opus suum utilem Frisch 1, 608ᵃ; wenn sie (die erbsen) zuförderst sauber gelesen, und sodann in wasser weich gekocht worden. öcon. lex. 584; die frauen saszen darin (im geräms), um zu nähen und zu stricken; die köchin las ihren salat. Göthe 34, 12; mit ortsbestimmung: lasen alle guten körner in die schüsseln. Grimm kinder- u. hausm. no. 21; all ihr vöglein unter dem himmel, kommt und helft mir lesen,
die guten ins töpfchen,
die schlechten ins kröpfchen.
ebenda;
mit angabe der art: wenn du mir zwei schüsseln voll linsen in einer stunde aus der asche rein lesen kannst. ebenda, dann auch einen acker rein lesen, von steinen, unkraut; und bildlich, in einem sprichwort: die ämter und zünfte müssen so rein sein, als wenn sie von denen tauben gelesen. Pistorius thes. par. 8, 66.
4)
lesen, worte, schrift lesen; in welchem sinne Gothen und Angelsachsen das wort nicht kennen. dennoch ist die bedeutung uralt, ursprünglich auf das auflesen und zusammenstellen der kleinen mit runen eingekerbten stäbchen beim loswerfen bezogen: virgam frugiferae arbori decisam in surculos amputant eosque notis quibusdam discretos super candidam vestem temere ac fortuito spargunt. mox, si publice consultetur, sacerdos civitatis, sin privatim, ipse pater familiae, precatus deos caelumque suspiciens ter singulos tollit, sublatos secundum impressam ante notam interpretatur. Tacitus Germ. 10; allmählich aber auf das zusammenstellen der buchstaben zu worten schlechthin gewendet.
a)
lesen geht auf diese fähigkeit überhaupt: lesen können; lesen lernen; ein kind lernt lesen; heutzutage ist es eine seltenheit, wenn jemand nicht lesen kann; es gibt leute, die nur gedrucktes, nicht geschriebenes lesen können; läsen und buͦchstaben auszsprächen, pronuntiare, appellare literas Maaler 261ᵃ; den bad ich, er solt mich leren hebreisch läsen; das tadt er, das ich das trukt und gschriben kond läsen. Th. Plater 49 Boos;
und vor in beiden saʒ ein magt,
diu vil wol, ist mir gesagt,
wälhisch lesen kunde.
Iwein 6457;
diese stelle im briefe ist verwischt, ich kann sie nicht lesen; der gelehrte las die schrift des alten steines mit leichtigkeit; er liest in der handschrift deutlich ein wort; das euch aller propheten gesicht sein werden, wie die wort eines versiegelten buchs, welchs, so mans gebe einem der lesen kan, und spreche, lieber lis das, und er spreche, ich kan nicht, denn es ist versiegelt. oder gleich als wenn mans gebe dem der nicht lesen kan, und spreche, lieber lis das, und er spreche, ich kan nicht lesen. Jes. 29, 11. 12; sie wissen ja schon, dasz ich nicht lesen und nicht schreiben kann. Cronegk 1, 96; und lies den weisen zu Babel sagen, welcher mensch diese schrift lieset, und sagen kan was sie bedeute, der sol mit purpur gekleidet werden ... da wurden alle weisen des königs herauf bracht, aber sie kundten weder die schrift lesen, noch die deutung dem könige anzeigen. Dan. 5, 7. 8;
si kunde schrîben unde lesen.
Trist. 205, 27;
ein ieder pur, der lesen kan.
N. Manuel 43, 271 Bächtold;
ich werde, kann ich gleich nicht lesen und nicht schreiben,
doch klug und hochgeehrt und angesehen bleiben.
Cronegk 1, 8.
für dieses lesen können steht auch einfaches lesen:
ein ritter sô gelêret was,
daʒ er an den buochen las
swaʒ er dar an geschriben vant.
arm. Heinrich 2;
blib, wie din vater und muͦter blibend,
die beide weder lasend noch schribend.
N. Manuel 167, 935 Bächtold.
b)
lesen schlieszt zunächst dem sinne nach nicht nur das überblicken einer schrift, sondern auch das laute verkünden des gesehenen (das vorlesen) in sich; daher braucht der Gothe für lesen nur einmal gakunnan (Marc. 12, 26, wo das stille sitzen über dem buche gemeint ist, vgl. unten g), sonst immer siggvan (usstôþ siggvan bôkôs Luc. 4, 16) oder ussiggvan, der Angelsachse rædan (im heutigen englischen read fortdauernd), wie auch altnordisch râđa neben lesa galt, was eigentlich die erklärung von etwas dem sinne nach verborgenem bedeutet; und auch mhd. ist den brief schouwen ihn für sich lesen, in gegensatz gebracht zu den brief lesen vorlesen. Wolfdietr. A. 200. 201. — Beispiele für dieses laute lesen: ahd. mhd. ingieng after sînero giuuonu in sambaʒtag in thie samanunga inti arstuont ûf zi lesanne (surrexit legere). Tatian 18, 1;
als des danne nie mê was (kein tanz, in der ritterlichen
unterhaltung),
sô gie dar einer unde las
von einem der hieʒ Ernest.
Meier Helmbrecht 957;
nhd. und nam das buch des bundes, und las es fur den ohren des volks. 2 Mos. 24, 7; und sie sprachen zu jm, setze dich und liese, das wirs hören, und Baruch las jnen fur jren ohren. Jer. 36, 8; und Baruch las aus dem buche die rede Jeremie im hause des herrn ... fur dem ganzen volk. v. 10; der brief den jr uns zugeschickt habt, ist öffentlich fur mir gelesen. Esra 4, 18; man las fur jren ohren alle wort des buchs vom bund. 2 kön. 23, 2; alle die flüche, die geschrieben stehen im buch, das man fur dem könige Juda gelesen hat. 2 chron. 34, 24; im buͦch Hester steht geschriben von dem Mardocheo ... da man das dem könig lase. Agr. spr. 184ᵃ; gab mir der alt Cathalan mein herr ein alte bibel, .. dorinnen ich im lasz. F. Platter 196 Boos;
da nun das gsang vollendet was,
das evangelium er las (der priester).
Sandrub kurzweil (1618) 81;
es selber solchs zu lesen pflegt (das evangelium, auf der kanzel),
obs jhm wol wer zu thun gar schlecht,
dasz ers auszwendig sagen thet.
67;
in einer viel gebrauchten formel lesen oder lesen hören, von urkunden, die in öffentlicher versammlung verlesen werden: tun kunt und verjehen offenlich an disem brif allen den, die in lesen oder horen lesen. d. städtechr. 1, 419, 8; auch von büchern, die man vorliest: hie tuͦn ich schriber dis buͦchs ze wüssen allen denen, die das sechent oder hörent lesen. Stretlinger chronik s. 117, 4 Bächtold; mir armen schriber dis buͦchs und allen denen, die das lesent oder hörent lesen. 176, 8. auch der heutigen sprache ist lesen noch oft wie vorlesen: da muszt ich sitzen und ihm märchen lesen. ich konnte ihn nicht ins schlafen lesen, er hatte einen halben rausch, wie gern hätt ich ihn ihm ganz gewünscht! Klinger theat. 3, 148; ich bitte sie, fiel Wilhelm ein, lesen sie mir von diesen wunderlichen worten nichts mehr! Göthe 20, 213; so oft sich schauspieler bei ihm gesellig versammelten, hatte er die gewohnheit lesen zu lassen, und manchmal selbst mitzulesen. er nahm stücke vor, die noch gegeben werden sollten. 19, 123; mit vertheilten rollen lesen, ein drama, in einer gesellschaft, einer schule;
hat er es (der dichter sein gedicht) zierlich nett geschrieben,
will er die ganze welt solls lieben.
er liest es jedem froh und laut,
ob es uns quält, ob es erbaut.
5, 11;
ich merkt es wohl, vor tische las mans anders.
Schiller Piccol. 4, 7;
etwas herunter lesen, vollständig vorlesen bis zu ende (vergl. herunter theil 4², sp. 1187):
als hört ich alle sünden meines lebens
am tag des weltgerichts herunter lesen.
Schiller don Carlos, erste bearbeitung 1, 2.
c)
diese bedeutung des lauten lesens, auszer vorlesen auch in unserm ablesen zum theil noch recht lebendig, erzeugte mhd. den sinn vortragen, mündlich auseinander setzen, erklären, ausgehend von dem vortrage aus einem buche oder eines aus einem buche gelernten gegenstandes:
eʒ ist wâr daʒ ich iu lise.
Helmbr. 74;
hier kann selbst das buch als subject hinzutreten (ganz verschieden von den fällen unten h, η):
nu hœret sunderbære,
wie uns daʒ buoch las.
Rabenschlacht 447;
und da der dichter der berichterstatter ist, so geht dieses lesen selbst in den sinn erzählend dichten über:
aber als ich gesprochen hân,
daʒ si (frühere erzähler der Tristansage) niht rehte haben gelesen,
daʒ ist, als ich iu sage, gewesen:
sine sprâchen in der rihte niht
als Thômas von Britanje giht,
der aventiure meister was
und an britûnschen buochen las
aller der lanthêrren leben
und eʒ uns ze künde hât gegeben.
Trist. 5, 27;
wann ich bin ein eitel lay,
der teütsch ein kleine lesen kan (sagt der dichter von sich).
Vintler, Haupts zeitschr. 9, 114.
namentlich wird lesen, über die mhd. zeit hinaus, vom officiellen vortrage der christlichen lehre gebraucht, der sich ja auf die schrift und die ritualen bücher stützt und eigentlich vorlesend geschieht (unterschieden ist mhd. predien predigen, welches die freie verkündigung einer eigenen lehrmeinung ausdrückt und zunächst nicht officieller theil des gottesdienstes ist):
dô got mensche durch uns was
und uns des vaters lêre las (als Christus sie verkündete).
Barlaam 85, 12;
aber die selben engelwiche (engelweihe) uf die zit ward mit groszem lob und eren volbracht, es were mit singen, lesen, beten, predien und alles das, so dem gottesdienst zuͦgehort. Stretlinger chronik 71, 5 Bächtold; item 1435 am sambstag nach Simonis und Jude do begieng man lobsang mit singen und lesen (einen dankgottesdienst) zu Sant Sebolt von der ainigkeit wegen die Caspar Schlick und die lantherren mit denen von Prag gemacht haben. d. städtechron. 1, 395, 16; ich gebiethen diesem heutigen richtlichen jahrgedingh ban und frieden von wegen desz lieben heiligen s. Mauritii und von wegen desz ehrw. und andechtigen herrns, herrn N. abbts desz löbl. gottshausz Tholey, undt von wegen seines convents jungh und alt, sie singen oder lesen. weisth. 3, 755; halt an mit lesen, mit ermanen, mit leren, bis ich kome (πρόσεχε τῇ ἀναγνώσει, τῇ παρακλήσει, τῇ διδασκαλία). 1 Tim. 4, 13;
Adam, thut unser pfarrherr lesen,
ist unser aller vatter gwesen,
so sind wir je all seine kinder.
H. Sachs 1, 353ᶜ.
d)
lesen, vom vortrage eines lehrers (vgl. lection sp. 488 und letzge unten):
ein meister las,
troum unde spiegelglas,
daʒ si zem winde
bî der stæte sîn gezalt.
Walther 122, 24;
in schulmäsziger erklärender thätigkeit, der die werke eines schriftstellers zu grunde liegen, und an der die schüler helfend und findend theil nehmen, daher auch der plural: wir lasen in der obersten klasse Horaz' satiren; wir haben in diesem semester Herodot gelesen; Gellerts schriften, die noch immer in den schulen gelesen werden. Cronegk 1, 385; doch sol (ich) ime (einen in dienst genommenen schreiber) vergünstigen, alle tag fru ein stund in der poetenschul in des schulmaister dienst czu leszen. Tuchers haushaltungsbuch 171; namentlich aber auch vom vortrage des akademischen lehrers: offentlich läsen und leeren, profiteri, profitieren. Maaler 261ᵃ; man huͦlte (hielt) vil lection (in Montpellier). am morgen lasz Sabranus, darnoch Saporta, uf in Scyronius, um nüne Rondeletius, nach mittag lasz Fontanus. F. Platter 200 Boos; um Lucae den 18. octobris fiengen die professores wider an ze läszen. 214; zu Cölln, sagt man, hab man diesem lector (dem teufel, der an der universität lehrte), so die schwarze kunst gelesen, järlich ein scholar nach dem losz müssen pro precio zu lon geben. Mathes. Sar. 144ᵃ; es hat sich auch d. Faustus viel jahr zu Erford gehalten, und in der hohen schul daselbst gelesen .. als er nun seinen zuhörern einmal den griechischen fürtrefflichen poeten Homerum gelesen. volksb. von dr. Faust s. 130 Braune; auf der hohen schule lesen, suscipere aliquid publice docendum, der professor fängt an zu lesen, professor lectiones auspicatur. Stieler 1165; wie man auf universitäten sich in alle würden und in die urerlaubnisz zu lesen hinein disputieren musz. J. Paul doppelheerschau 168; ein schwindsüchtiger professor hält sich bei jedem wort ein fläschchen salmiakgeist vor die nase und liest ein collegium über die kraft. Schiller räuber 1, 2; mein erstes collegium lese ich diesen sommer über deutsche rechtsalterthümer. J. Grimm kl. schr. 17.
e)
lesen, vom recitieren vorgeschriebener gebete (daher im altbairischen noch jetzt lesen wie beten gebraucht Schm. 1, 1512 Fromm.):
ir gebet und ir salmen
und swaʒ si guotes kunden,
daʒ lârens an den stunden (sagten es her, pilger auf der pilgerfahrt).
Trist. 68, 12;
sî begunden ir gebet lesen
und sprâchen: o vil lieber got ...
passional 110, 37 Hahn;
sîn gebet er dô zu gote las
mit allem vlîʒe ûf sînen knien.
386, 63;
oder ähnlicher formeln:
doch will ich sogleich die heiligen worte
über euch lesen von welchen ich sprach, auf dasz ich euch stärke.
Göthe 40, 208;
nach: êrst wil ik over ju lesen mit vlît
de hilgen worde, dar ik van sede.
Reinecke fuchs 6222;
messe lesen: er (der teufel) steiget inn den tempel deines herzens auf gottes altar, und wil da sein mesz lesen. Agr. spr. 50ᵃ; ich will messen lesen lassen, den irrenden geist in seine heimath zu senden. Schiller räuber 4, 5;
ihr seid ein mann der kirche, heilger bischof,
da dünkt euch krieg so leicht wie messe lesen.
Tieck Octavian s. 210;
wofür man früher messe singen, messe sprechen gebraucht: daʒ man die fruomessen singet oder sprichet datz (da zu) sant Nicolaus. stadtrecht von Meran in Haupts zeitschr. 6, 414.
f)
von dem geistlichen lesen, namentlich dem recitieren von bibelabschnitten, gebeten, buszformeln u. ähnl., stammen bildliche redensarten im sinne des ermahnenden strafens, verweisens oder zurechtweisens: einem den text lesen, die leviten lesen; einem eine lection lesen, vgl. oben sp. 488; einem das capitel lesen, oder den leviten lesen, officium non observatum alicui objicere, increpare, corrigere delinquentem Frisch 608ᵃ; man kann nicht ohne bewunderung lesen, welche mäszigung er auch sogar demjenigen zuhörer anräth, dem der philosoph unverdienter weise den text gelesen. Lessing 11, 229; ich wollte eben zum alten Philto gehen, ... und ihm den text wegen seines betragens gegen den Lelio lesen. 1, 469; lasen ihm die beiden gewaltig den text für sein wüstthun. Gotthelf schuldenb. 108;
da wil ich ir denn ain letzgen lesen,
das si niemer me mag genesen.
teufels netz 10476 (eine handschrift leviten lesen);
ich bin bei meinem muͤterlen gewesen,
so hat sie mir den text gelesen:
daheimen sol ich bleiben.
Uhland volksl. 253;
ich bitt euch, haltet euch bereit
ihm derb den text zu lesen.
Göthe 3, 114;
der frawen sagt (der mann), wies jm ergangen,
und wie jn hett der knecht entpfangen,
und wie er jm die laudes glesen.
B. Waldis Esop 4, 81, 123;
da lasz er jnen den kalander,
das jre keine wider kam.
1, 79, 14,
vgl. dazu theil 5, 62; einem ein capitel lesen, vgl. unter capitel theil 2, 606; einem den hund lesen theil 4², sp. 1913.
g)
lesen, für sich lesen, ohne die absicht der sofortigen mittheilung an andere; seit alten zeiten neben jenem lesen oben b hergehend, vom mönche in seiner zelle schon geübt, aber erst in der neuern zeit so ausgebildet, dasz mit dem worte, umgekehrt gegen früher, gewöhnlich dieser sinn verbunden ist und der erste und früher gewöhnliche des vorlesens oder recitierens zurücktritt. genauer wird dieses lesen bezeichnet als für sich lesen oder still lesen, es ist nicht immer nur lesen mit dem auge, auch die lippen nehmen oft antheil, mancher liest leise, mancher laut: ich lese ja laut, recht laut (bei der andacht), damit ich alle leute in meinem hause durch meine erbauung erbaue. Gellert 3, 152; die leute schlichen schweigend nach dem markte und lasen den langen papiernen anschlag auf der thür des rathhauses (von der abdankung des kurfürsten). es war ein trübes wetter, und der dünne schneider Kilian stand dennoch in seiner nankingjacke, .. und seine schmalen lippen bebten, während er das angeschlagene plakat vor sich hinmurmelte. ein alter pfälzischer invalide las etwas lauter. H. Heine 1, 229. Der ernst und die anhaltende geistesarbeit beim lesen wird gezeichnet, wenn das verbum auch zugleich das zurechtlegen und das durchdringen des dunkeln, das man geschrieben findet, mit ausdrückt, wie z. b. beim philologischen lesen: allerdings läszt es der aufseher den Nestor Ironside seinem kleinen Arthur sagen, dasz die vortrefflichen eigenschaften des heilandes eine belohnung seiner tugendhaften kindheit gewesen wären. Nestor, sagt er, habe ihm erzehlt, wie unschuldig, wie lehrbegierig, wie fromm, wie gehorsam das kind Christus gewesen sei. und darum, läszt er ihn fortfahren, darum hätte er auch täglich an weisheit und gnade vor gott und menschen zugenommen .. wenn ich also lese: darum, weil er ein so unschuldiges, lehrreiches, frommes kind war, rüstete ihn gott in seinem dreiszigsten jahre mit so groszer weisheit aus: so habe ich hoffentlich nicht falsch construirt. Lessing 6, 248; lese man doch nur einen augenblick so, wie Petit will gelesen haben. 319. so kann daher auch in der ältern sprache lesen geradezu in den sinn des studierens oder der dauernden beschäftigung mit der schriftlich überlieferten wissenschaft übergreifen (vergl. dazu den inf. lesen no. 5):
er gelernet nimmer lesen
an den buochen noch singen (der junge wolf, der in Paris theologie studieren soll).
der wolf in der schule, Wackernagels leseb. 1, 643, 18;
mit grôʒen kosten er dâ was (auf der universität Paris),
doch er nicht vil der buochen las.
edelst. 99, 14;
si wânden des wol sicher wesen,
er hæt astronomie gelesen,
und wær ein hêrre in grôʒer kunst.
99, 46;
umgekehrt aber ist lesen auch ein vergnügen, und heutiges tages eine allgemeine unterhaltung: da jetzt alles sich lesend vergnügen will, meistens aber das schlechteste lieset. Herder z. litt. 16, 158;
aus unruh, die schon oft der künste trieb gewesen,
lernt mancher stutzer nähn, und manche schöne lesen.
Cronegk 2, 141;
jetzt da jeglicher liest und viele leser das buch nur
ungeduldig durchblättern.
Göthe 1, 335.
h)
lesen steht
α)
absolut: ich lese; störe den vater nicht, er liest; wir sind den ganzen nachmittag zu hause geblieben und haben gelesen; suchet nu in dem buch des herrn und leset. Jes. 34, 16; ich habe manchmal die zeit zu vertreiben, fuhr Rente fort, den alten ritterkrieg und den mönch Basilium Valentinum .. vor mich genommen, ich habe gelesen und gelesen, und bin hernach so klug gewesen, als zuvor. unwürd. doctor 425; das lesende publicum; sowohl von dem schreibenden, als lesenden theile der so genannten gelehrten. Lessing 6, 201; der lesende, wie sonst der leser: umb kurzweil der lesenden. Wilw. v. Schaumb. 2; (wenn ich) etwas unhoflichs oder unschickerlichs gesetzt, bit ich mir die lesenden und verstendigen zu verzeichen. 202.
β)
mit acc.: wir haben sie hie (die bücher), wolt jr sie nu lesen, so lassets bei uns holen. 2 Macc. 2, 15; Zephanja der priester hatte den selben brief gelesen, und den propheten Jeremia lassen zuhören. Jer. 29, 29; wiewol wir .. trost haben an gottes wort, das wir teglich lesen. 1 Macc. 12, 9; diese uberschrift lasen viel Jüden. Joh. 19, 20; der inhalt aber der schrift, die er las, war dieser. ap. gesch. 8, 32; nach dem nachtessen las ich meins vatters brief, zwen ganz bogen vol rein geschriben. F. Platter 220 Boos; (ein jüngling) bracht ihm einen brief von seinem vater Philander. als Antenor das schreiben lase, wurd er höchlich erfreuet. Schuppius 3; so oft ich selbige episteln lise. 738; lese hier das eilfte capitel Syrachs. 588; lise das dicke nosce te ipsum. 765; fragen sie nur ihr herz, ob etwas wahrers und richtigers sein kann, als diese stelle. ja doch, rief ich überlaut, da ich sie las. Gellert 4, 237; der secretär liest acten und zeitungen. Rabener sat. 4, 372; sie fand ihn beschäftigt die packete zu erbrechen und zu lesen. Göthe 16, 184; Ors. und wäre doch auf meinen brief hier? Mar. nicht auf ihren brief. Ors. den er ja erhalten, sagen sie. Mar. erhalten, aber nicht gelesen. Lessing 2, 165; ich erschrack, als ich diese worte zum ersten male las. 6, 236; wer die alten, ohne die natur zu kennen, studiert, lieset noten ohne text. Herder z. litt. 16, 103; ihr vergebt mir, wenn ich euch den brief nicht selbst lesen lasse. Schiller räuber 1, 1; ich hatte eben in Varnhagen von Enses 'deutsche erzählungen' .. jene entsetzliche geschichte gelesen. H. Heine 1, 52; dasz die armen seelen da drunten den ganzen tag all die schlechten predigten lesen müssen, die hier oben gedruckt werden. 199; don Quixote ... war das erste buch, das ich gelesen habe. 2, 406; davon (aus dem 'geistlichen lustwäldlein') durfte ich mir manches abschreiben, und dieses zu lesen, ist mir grosze erbauung. Freytag ahnen 5, 117;
thaʒ sagên ih thir in alauuâr,   selbo maht iʒ lesan thâr.
Otfrid widmung an Ludwig 44;
wir lesen ir leben, wir lesen ir tôt (Tristans und Isoldens).
Trist. 7, 35;
die puren die gschrift ouch lesen.
N. Manuel 53, 552 Bächtold;
wilt du aber überein (gleichwol) lesen,
so lis historien und geschichten (statt der bibel).
167, 947,
Pilatus heftet oben an
ein überschrift, die jedermann ..
gar wol hat können lesen.
P. Gerhard 36, 222 Gödeke;
daran (an der himmelspforte) mit güldnen worten
der reim gelesen wird:
wer dort wird mit verhöhnt,
wird hier auch mit gekrönt.
76, 68;
nachdem er diesz gedicht gelesen hatt
und sich daran ergetzet.
Brockes 4, 77;
der wandrer mag kein grabmal sehn,
und kaum die aufschrift lesen.
Cronegk 2, 292;
ihr last gewis ein griechisch trauerspiel?
Göthe 12, 36;
etwas gründlich, fleiszig, genau, flüchtig, obenhin lesen; und mehr als das erste buch habe ich von ihrer übersetzung auch nicht gelesen, und auch dieses nur obenhin gelesen. Lessing 6, 208; man hat wohl zeit, flüchtig eure vorrede zu lesen. Göthe 36, 190; etwas wo lesen: darumb so liset man hie ein grosz wunder und zeichen, das im geschach. Stretlinger chronik 3, 15 Bächtold; ich habe sie (lebensumstände), ich weisz nicht in welcher biographie gelesen. Lessing 1, 226;
das magst wol lesen im ersten buͦch der küng,
im fünfzehenden capitel findst d' meining,
was der herr von uns und Saul haben wil.
N. Manuel 248, 65 Bächtold;
auch etwas aus einem buche lesen, wo durch die präposition das verbum noch an die bedeutung aussuchen, auslesen (oben 2) anklingt: dieweil wir solches nur ausz büchern lesen. Schuppius 780; bildlich, vgl. dazu unten i, β und l:
bei euch, ihr herrn, kann man das wesen
gewöhnlich aus dem namen lesen.
Göthe 12, 70,
etwas von einem gegenstande lesen, das davon vorhandene: man musz annehmen, dasz der biograph, oder die währmänner des biographs, von der alten komödie mehr gelesen hatten, als uns davon übrig geblieben ist. Lessing 6, 293; anders etwas von einem lesen, was einer geschrieben (vgl. dazu aber unten i a. e.):
sie gab dir selbst den brief? — o spotte nicht,
noch hab ich nichts von ihrer hand gelesen.
Schiller don Carlos, ursprüngl. bearbeitung 2, 5;
etwas über einen gegenstand lesen; wir haben manchen zeitungsartikel und manches buch über die soziale frage gelesen; ich habe nur erst neulich eine sehr vortreffliche stelle über diese materie gelesen. Lessing 6, 28;
diz ist ein tiefiu rede (der segen Jacobs an Juda, 1 Mos. 49, 9—12),
ich wânes ieman irrechin (vollkommen deuten) mege;
chundich daʒ firnemen (verstehen),
daʒ ich dar ubere hân gilesin,
gerne ich denne sagiti,
welihi pizeichinheit si habiti.
genesis in den fundgr. 2, 78, 4;
in erweiterter fügung: etwas geschrieben lesen;
doch hier
auf dieser andern tafel les ich jede
vergehung pünktlich beigeschrieben.
Schiller don Carlos 3, 5;
etwas weiter, fertig, aus, zu ende lesen; Climene. dieser brief kann unmöglich an mich sein. Philipp. belieben sie nur, ihn ganz hinaus zu lesen. Cronegk 1, 120; ich will jetzt die zeitung weiter lesen;
ob wohl die lampe hell genug, dasz bei
dem schimmer ich das angefangne mährchen
zu ende lesen mag?
Tieck Octavian 69;
mit allgemeinem object, viel, wenig, nichts lesen: wer viel liest, strebt sich dadurch zu unterrichten; ich habe lange nichts gelesen; er liest alles was ihm unter die hände kommt; Kalliste ... hat viel gelesen, sie ist witzig und ... gelehrt. Rabener sat. 4, 372;
so ir nu so wenig glesen hend,
dasz ir s. Paulo nit glouben wend.
N. Manuel 163, 844 Bächtold;
ein junger autor schreibt, und das mit schlechtem glück:
man pfeift ihn aus: er nimmt die zuflucht zur critik,
schimpft alles, was er liest.
Cronegk 2, 127;
Philint hat wirklich viel gelesen.
280;
jetzo, da ich ausgewachsen,
viel gelesen, viel gereist.
H. Heine 1, 62;
statt des objects steht der inhalt des gelesenen in vollständiger anführung: das rauschen eines zettels, der herausfiel (aus dem tuche), zog ihm das tuch von den lippen; er hob auf und las: so hab ich dich lieb, kleiner narre! u. s. w. Göthe 18, 113; das object ist, wenn es aus seiner umgebung leicht zu ergänzen, auch unterdrückt: sieh, hier lies (er giebt ihm das papier). Cronegk 1, 96; er liest weiter. 123; meine theure gräfinn! (bitter, indem er den brief in die hand nimmt,) so gut, als gelesen! (und ihn wieder wegwirft). Lessing 2, 115; les er doch ganz aus, vater! Schiller kab. u. liebe 5, 1;
Carlos. und was schreibt mir die königin?
Marquis. hast du
denn nicht im augenblick gelesen?
Schiller don Carlos 4, 5.
ungewöhnlich steht der acc. im sinne von von einem oder etwas lesen (nachher γ): es wird auch keiner gelesen, welcher ausz glückseligkeit zu reden ihme einen namen gemacht habe, der nicht vor, der rhetorum brunnengrüblein mit wunderlicher aufmerksamkeit auszgesucht habe. Schuppius 724.
γ)
mit angabe des ortes, in einem briefe, einer schrift, einem buche lesen: das (das gesetzbuch) sol bei jm sein, und sol drinnen lesen sein lebenlang. 5 Mos. 17, 19; darinn sasze der wirth und lasze in zweien büchern zugleich. Simpl. 3, 389 Kurz; ich lese gleich (gerade) in der bibel, so kömmt ein bettler. Gellert 3, 152; er las im messias. J. Paul Titan 2, 22;
o nein herr, es ist ein testamentli!
das koufts (das mädchen) vernd von eim frömbden studentli,
es list tag und nacht darinnen.
N. Manuel 141, 187 Bächtold;
Glissa lieset gern in büchern.
Logau 3, 188, 85;
aus einem buche lesen: endlich hatte Philine den herrlichen einfall, die sämmtlichen bücher auf einen groszen tisch aufzuschlagen, wir setzten uns gegeneinander und lasen gegeneinander, und immer nur stellenweise, aus einem buch wie aus dem andern. Göthe 20, 226; mit angabe des stoffes, von, über etwas lesen: er hatte von den verhältnissen in Amerika gelesen; er las gerade über die wahlbewegung in Preuszen, als ich kam; man lese hie von gelehrter leut judicia und urtheil. L. Sandrub kurzweil 78;
ir lesind mer von unser Greten,
dann in den psalmen und propheten.
H. R. Manuel 340, 1157;
an einem buche lesen, er liest schon lang an dem buche und hat es noch nicht ausgelesen;
vier monath liest schon herr Bisbill
an meinem buch.
Gökingk 3, 258;
δ)
mit abhängigem satz, indirecter oder directer rede: hie liset man, dasz zuͦ denen ziten .. ist gesin ein herr von Stretlingen. Stretlinger chronik 13, 5; nuͦ liset man das für ein warheit von im, dasz .. das wasser der Kander also grosz was, dasz man das nit wol mocht waten. 19, 1; habt jr nicht gelesen im gesetz, wie die priester am sabbath im tempel den sabbath brechen, und sind doch on schuld? Matth. 12, 5; sihe da teutscher Philander, lese du selbst was diese von dir liegen (lügen). Philander 2, 538; was ich gethan habe, werd ich ohne zweifel einmal im schuldbuch des himmels lesen. Schiller räuber 2, 3; 'die Jesuiten sind in Brixen', hatte ich kurz vorher im Hesperus gelesen. H. Heine 2, 42;
las ih iu in alauuâr   in einên buachon, ih uueiʒ uuâr,
sie in sibbu ioh in ahtu   sîn Alexanderes slahtu.
Otfrid 1, 1, 87;
dâ (in büchern) læse ich an swaʒ dâ geschriben wære.
Wolfram Tit. 164, 3;
ihr kennt doch wohl den groszen geist,
nach dem der wahre weltbau heiszt?
von diesem hab ich einst gelesen,
dasz er beim weine gleich gewesen.
Lessing 1, 205;
es geb kein stein zu lesen,
wo meine leiche ruht, und wer ich einst gewesen!
Cronegk 1, 307;
auf deinem grabstein wird man lesen:
das ist fürwahr ein mensch gewesen!
Göthe 2, 305.
ε)
mit einem adverb der art:
ob ich
denn wirklich recht gelesen? lasz doch sehn.
Schiller don Carlos 2, 15;
mit so oder wie: und geschach im ze glicher wis, als dem Balaam, so man liset in der bibel, der da wolt verflüechen das volk gottes. Stretlinger chronik 68, 23; wie stehet im gesetz geschrieben? wie liesestu? Luc. 10, 26 (goth. hvaiva ussiggvis?); er soll, wie ich hier zuerst lese, nicht minder groszherzig gefühlt haben. H. Heine 2, 262;
aller dinge, die vom schöpfer ie geschaffen und gemacht,
zustand und beschaffenheit, wirkung, stoff, natur und wesen,
wie es die natur uns zeigt, wie wirs in der bibel lesen,
sind, nach maasz, gewicht und zahlen, wunderbar hervor gebracht.
Brockes 4, 494;
wie ich
aus jenen alten büchern mir gelesen,
war liebe stets mit hoher ritterthat
gepaart.
Schiller jungfr. v. Orl. 1, 2.
ζ)
reflexiv, sich in etwas hinein lesen, lesend einarbeiten: ich habe mich in sein vielbändiges werk ordentlich hineingelesen;
mit den büchern ist es nicht anders. liest doch nur jeder
aus dem buch sich heraus, und ist er gewaltig, so liest er
in das buch sich hinein, amalgamirt sich das fremde.
Göthe 1, 336;
mit angabe der wirkung, sich satt, blind, dumm lesen; wenn ich mich bald satt gelesen habe: so warte ich der gnädigen frau und fräulein tochter auf. Gellert 4, 237; dasz er nämlich nie schrieb, ohne sich über dieselbe sache voll gelesen zu haben. J. Paul Hesp. 1, 130; viele .. schriftsteller gräcisiren vielleicht nur darum, weil sie selbst nichts zu sein wissen. was ist und was wird man, wenn man sich zu etwas liest? Klinger 12, 281;
was gleicht dem stolz, von dem ein junger autor glüht,
wann er zum erstenmal sich in der zeitung sieht?
er kann sich gar nicht satt an seinem lobe lesen.
Cronegk 2, 109;
doch liest sich itzt ein theil davon (vom publicum) nur dumm.
Gökingk 2, 125;
sich stumpf am geist und herzen lesen.
126;
dafür: er ergriff den koran, und wollte seinen geist zur ruhe lesen. Klinger 5, 313.
η)
reflexiv auch von den gegenständen des lesens: dieses buch liest sich gut; die schrift liest sich angenehm; seine verse lesen sich recht leicht; für welche fügung sonst der inf. in passivem sinne steht: das buch ist wohl zu lesen, hoc opus retinet lectorem et voluptate explet Stieler 1165; und mit participieller wendung: angenehm zu lesende verse.
i)
häufig wird bei lesen metonymisch der verfasser statt seines werkes genannt:
lis forasagon altan,   thâr findist inan gizaltan,
thâr uuard sus êr sîn giuuaht,   sô thu thir thâr lesan maht.
Otfrid 1, 23, 17;
sasz auf seinem wagen, und las den propheten Jesaiam. ap. gesch. 8, 28; wenn Moses gelesen wird. 2 Cor. 3, 15; wenn man einen Wieland nicht lesen wollte, weil man dieses und jenes an ihm auszusetzen findet; welchen von unsern schriftstellern würde man denn lesen wollen? Lessing 6, 14; sie verstand griechisch, und konnte den Plato in der grundsprache lesen. 167; aber ich meine, Montfaucon hat den dichter nicht aufmerksam genug gelesen. 409; schon als knabe, wenn ich den Plutarch las — und ich lese ihn noch jetzt alle abend im bette. H. Heine 2, 369;
so ist Esopus mir ouch hüpsch ze lesen.
N. Manuel 42, 248 Bächtold;
herr, lieber, lesend Matthæum einmal!
194, 1707;
hast du den ackerbau zu wissen lieb und lust,
so liese den Virgil.
Opitz 1, 303;
weltscribenten und poeten
haben ihren glanz und schein,
mögen auch zu lesen sein,
wenn wir leben auszer nöten.
P. Gerhard 103, 3 Gödeke;
haben sie den Cubach nicht gelesen?
das ist ein gutes buch.
Cronegk 1, 16;
wer wird nicht einen Klopstock loben?
doch wird ihn jeder lesen? nein.
wir wollen weniger erhoben,
und fleisziger gelesen sein.
Lessing 1, 1;
du fragst, warum Semir ein reicher geizhals ist?
Semir, der dichter? er, den welt und nachwelt liest?
3;
besäsz sein schwerer geist Eucliden und Cartesen,
und Eulern könnt er gar, wie ich Talandern lesen.
183;
in einem, bei einem etwas lesen: eines abschreibers, der vielleicht bei einem andern, als bei dem Seneca gelesen hatte: zu den zeiten des Augustus habe u. s. w. 4, 15; wenn ich bei ihm (Constantinus Manasses) lese: (anführung der worte). 6, 490; mir ekelt vor diesem tintenklecksenden säculum, wenn ich in meinem Plutarch lese von groszen menschen. Schiller räuber 1, 2;
zu dem prediger in der wüsten,
wie wir lesen im evangelisten,
kamen auch die soldaten gelaufen.
Wallensteins lager, 8. auftr.;
von einem etwas lesen: Petit ist der mann nicht, an dem man mit groszen ehren zum ritter werden könnte; und je mehr ich von ihm lese, je williger stimme ich dem urtheile bei, das Küster von ihm gefällt hat. Lessing 6, 325; wen ich wie einen spitzbuben betrachte, .. von dem lese ich nichts. H. Heine 2, 268.
k)
lesen, in übertragenem sinne, von dem entziffern anderer charaktere als der schrift, oder vom erkennen seelischer regungen namentlich in den gesichtszügen, welche dann den schriftzügen verglichen werden; in mancherlei art.
α)
in bezug auf buchähnliches:
und wollen lenger zum Lienhart Stromer gan (in ein wirtshaus),
da wöll wir in dem kartenspil lesen,
welcher der aller frümpst sei gewesen.
fastn. sp. 622, 27;
bezüglich der linien in der hand, aus denen die geschicke eines menschen prophezeit werden:
sie las die zukunft in der hand,
sie machte gold, verkaufte talismane.
Pfeffel bei Campe;
und in bezug auf manches figürlich buch genanntes (vgl. buch 8, theil 2, 468), namentlich schöpfung, welt und ihre theile: das buch der welt lesen; die sterne lesen, in den sternen lesen; den planeten lesen, divinare e planetarum cursu, sidera natalitia notare Frisch 1, 608ᵃ; beschäftige ich mich in gedanken am liebsten damit, dasz ich ihrem künftigen manne den planeten lese. Rabener briefe s. 56;
kannst du von gottes grösz in bluhmenlettern lesen?
Brockes 4, b 2ᵇ;
so würden wir vielleicht im buche der natur,
von dem allgegenwärtgen wesen,
und seiner allmacht licht und schein,
gar bald viel wunder lernen lesen.
45;
sieh nicht allein der berge wildes wesen,
sieh auch derselben schmuck, zusammt dem nutzen, an!
du kannst hier mehr, als man leicht sonsten kann,
des schöpfers huld und macht, aus ihrer anmuth, lesen.
224;
im buch der welt verlangt fast gar kein mensch zu lesen,
wie schön der inhalt gleich, wie herrlich seine schrift.
325;
wovon wir in allen dingen,
wenn wir sie bewundernd sehn,
seine macht und weisheit lesen!
332;
ja wahrlich deiner (der schöpfung) schätze menge ...
die lassen uns ein zeügnis lesen
von einem allmachtsvollen wesen.
Drollinger 7;
dasz wir den wahren gott in seinen werken lesen.
Gotter 2, 336.
β)
häufig namentlich in bezug auf ein antlitz. es heiszt etwas aus einem gesichte lesen: dasz er meine wütende melancholey ausz meinem immerhin griszgrammenden angesicht lesen ... konte. Simpl. 4, 154 Kurz; aus vier verweinten augen las sie entzückt die erneuerung ihres unvergänglichen bundes. J. Paul Hesp. 3, 162;
dein frommes eh-gemahl
kann, mit gerührter brust, aus deinen augen lesen,
dasz, weil sie aufgeklärt, die fahrt erfreut gewesen.
Brockes 4, b 5ᵃ;
der hohe rang, der ihr gebürte,
bewährte sich aus ihrem blick ...
man konnt auch aus der wohnung lesen,
welch groszer geist darinn gewesen.
Drollinger 265;
auf einem gesichte lesen: gleichwohl haben die zuschauer nie über mich gelacht; freudige bewunderung blosz war auf ihren gesichtern zu lesen. Lessing 1, 158; auf den lieben, knebelbärtigen gesichtern kann man deutlich lesen, wie oft sie sich .. zurück sehnten. H. Heine 1, 114;
seh ich aus wie ein mörder? lasest du
ruchlose fertigkeit auf meiner stirn?
Schiller Maria Stuart 2, 6;
im gesichte, in den augen, in den blicken lesen: man glaubt ihm die tücke im gesicht lesen zu können. Kant 10, 185; jede bewegung auf dem schlachtfelde konnte man in den gesichtern der Antwerper abgemalt lesen. Schiller 843ᵇ (geschichte des abfalls der Niederlande 4. buch); ich lese in euren augen — in den gesichtern der Genueser ein etwas — ein etwas. Fiesko 1, 1; welche folter für sie, im gesicht ihres dienstmädchens die heitre ruhe zu lesen, womit die unschuld ein reines herz zu belohnen pflegt. kabale u. liebe 4, 7;
dieser stille
und feierliche kummer, prinz, den wir
acht monde schon in ihren blicken lesen.
don Carlos 1, 1;
kann ich
in ihren blicken Carlos hoffnung lesen.
1, 2;
ich soll noch etwas schlimmes von euch hören.
verschiebt es nicht. schon lange les ich es
in diesem unglückbringenden gesichte.
3, 4;
mein urtheil ist gesprochen.
in diesen stummen mienen les ich es
verkündigt.
5, 4;
seit diesem tage schweigt mir jeder mund;
ich such umsonst in eurem blick zu lesen,
ob meine unschuld, meiner freunde eifer,
ob meiner feinde böser rath gesiegt.
M. Stuart 1, 2;
wo weilen meine söhne, dasz ich antheil
in einem auge lese.
braut v. Mess. v. 2205;
ich les in euren augen, eurer stimme
gebrochnen tönen etwas unglückselges.
2255;
ich konnte mich in ihrem auge lesen,
was ich verfehlt und was ich recht gethan.
Göthe 1, 6;
ich les in seinem blicke
was er im schilde führt.
Kotzebue dram. sp. 2, 255;
verwandelt ist sein ganzes wesen,
in jedem zuge ist zu lesen,
was ich nicht wage laut zu nennen.
Lenau Faust 34;
es heiszt auch im herzen, in der seele eines menschen lesen, gewöhnlich doch durch betrachtung der augen und der züge, da seelische regungen vornehmlich sich im gesichte spiegeln: wenn er nicht die gabe hatte, gesinnungen in meiner seele voraus zu lesen, die in vielen tagen erst entstehen sollten. Wieland 27, 295; wie wenig besitzt ihr das geheimnis, in einer weiblichen seele zu lesen. Lenz 1, 243; konnte sie wünschen, dasz er in ihrer seele lesen möchte? Göthe 16, 182; es war ein auge, klar wie der himmel, es konnte lesen im herzen der menschen. H. Heine 1, 253;
wie glücklich, prinz,
dürft ich dafür in ihrer seele lesen?
Schiller don Carlos (ursprüngl. bearbeitung) 1, 1;
an der stirne, an der nase lesen:
seht seine augen und seine stirn;
aber sein verständig gehirn,
so manch verdienst ums gemeine wesen,
könnt ihr ihm nicht an der nase lesen.
Göthe 2, 281;
er sah gewisz recht wacker aus,
und ist aus einem edlen haus;
das konnt ich ihm an der stirne lesen.
12, 138;
endlich auch ein gesicht lesen, gedanken lesen: wenn ich sein gesicht recht lese, so hat er etwas gegen uns. Göthe 15, 262; du kannst meine gedanken lesen. Arnim kronenw. 1, 21.
l)
lesen auch sonst, durch betrachten, studieren, forschen, nachdenken u. ähnl. erkennen:
'wän suochend jr, was ist das wesen?'
das mögt jr usz üch selbs wol lesen,
dann unser gmuͤt uff roub nit stat.
trag. Joh. n 2;
selbst von unsrer seelen wesen
deucht mich in ihr was zu lesen (zu erkennen, in der kunst der materei).
Brockes 4, 363;
der sei viel herrlicher als das wesen,
an dem wir die breite der gottheit lesen.
Göthe 2, 202;
näher zur eigentlichen bedeutung von lesen steht einem die worte von den lippen lesen, wie es ein schwerhöriger oder taubstummer thut, oder wie es zeichen höchster aufmerksamkeit ist: an den augen sehen sie sich ab, was sie denken, die worte lesen sie sich von den lippen, ehe sie gesprochen worden. H. Heine 1, 128. etwas zwischen den zeilen lesen, etwas erkennen, was nicht ausdrücklich geschrieben oder sonst kund gegeben wurde: der einsichtige leser, welcher fähig ist, zwischen diese zeilen hineinzulesen, was nicht geschrieben steht, aber angedeutet ist. Göthe 48, 102.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1880), Bd. VI (1885), Sp. 774, Z. 27.

lesen, n.

lesen, n.
der substantivisch verwendete infinitiv des vorigen; in mehreren bedeutungen.
1)
nach lesen 1, a, das aufsammeln, die ernte der früchte, die man lesend sammelt: es ist umb jar und tag zuthun, so werdet jr sicheren zittern, denn es wird kein weinerndte, so wird auch kein lesen werden. Jes. 32, 10; lesen, die weinlese Schm. 1, 1513 Fromm.;
her, es ist halt oft geschechen
ym lesen und ym heyrechen (bei der heuernte).
fastn. sp. 997, 16;
nur ein knöllchen (der kartoffel) eingesteckt,
und mit erde zugedeckt!
unten treibt dann gott sein wesen!
kaum sind hände gnug zum lesen,
wie es unten wühlt und heckt!
Voss 5, 29 ('die kartoffelernte');
vgl. auch ährenlesen, nachlesen, weinlesen. auch das absuchen von anderem als früchten, s. federlesen.
2)
lesen, nach dem verbum lesen 3, das auslesen von etwas ungehörigem aus zusammengehäuften dingen: das lesen der erbsen, der linsen; beim lesen des kaffees ist die gröszte sorgfalt von nöthen, wenn der trank schmecken soll.
3)
lesen, nach dem verbum lesen 4, wortlesen, schriftlesen; vom halten der vorlesungen: das offentlich läsen und profitieren, professio Maaler 261ᵃ; von den elementarkenntnissen des lesens: einem im lesen unterweisen, instituere aliquem ad lectionem Steinbach 1, 1049; vom lesen der bücher u. s. w., und zwar vom vorlesen: liebe Justa, hör auf, das lesen wird dir sauer, du athmest so kurz! J. Paul Titan 3, 149; vom lesen für sich: das lesen und betrachten der heiligen schrift. Sandrub kurzweil (1618) 50; unter dem lesen wechselten die schnellsten gedanken in seiner seele. Göthe 20, 183; sie beschäftigen sich mit lesen, schöne fürstin? Schiller dom Karlos, prosabearbeitung 2, 8; ich stand in einer ecke des juristischen saals, durchstöberte alte dissertationen, vertiefte mich im lesen. H. Heine 1, 14; er ist im lesen vertieft, hiesz es. Scheffel Ekkeh. 243; das lesen fremder handschriften. Herder zur phil. 22, 42;
je öfter man sich übt, die creatur zu sehn,
je fertiger wird man im lesen,
je deutlicher wird man der gottheit wesen,
des welt-buchs inhalt, kern und zweck verstehn.
Brockes 4, 323 ('fertigkeit zu lesen in dem buche der natur').
4)
lesen, der lehrstoff, buch, schrift: legenda ain lesen Dief. 322ᶜ; ain kurtzwylich lesen van Tyel Ulenspiegel. titel einer Eulenspiegelausgabe bei Lappenberg s. 148; noch jetzt bairisch: e schöns, hâligs lesen. Schm. 1, 1513 Fromm.; auch sprichwörtlich: das ist ein anders lesen, das ist was anders. ebenda.
5)
lesen, eine krankheit des rindviehs, die man auch das studieren heiszt. Schm. a. a. o.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1880), Bd. VI (1885), Sp. 786, Z. 16.

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Zitationshilfe
„lässe“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/l%C3%A4sse>, abgerufen am 01.08.2021.

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