Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

läszlich, adj.

läszlich, adj.
in verschiedenen bedeutungen, die theils auf das adj. lasz, theils auf das verbum lassen zurückführen.
1)
auf das erstere zeigt die bedeutung langsam, schlaff; in der adverbialform läszlichen: dieser pilger wandert gar läszlichen, mich bedunkt er werd nit ferr geen. Aimon bog. Z 3.
2)
wol auch die bedeutung bequem, nicht angestrengt, wie sie bei Göthe öfters erscheint: dem frischen jugendlichen sinne ist der zustand einer kleinen stadt sehr gemäsz, die familienverhältnisse sind näher und fühlbarer, das hauswesen, das zwischen läszlicher amtsbeschäftigung, städtischem gewerb, feld- und gartenbau, mit mäsziger thätigkeit sich hin und wieder bewegt, lädt uns ein zu freundlicher theilnahme. 25, 319; bei einer solchen läszlichen behandlung eines bedeutenden geschäfts erwuchsen grosze misbräuche. 38, 257; von versen, salopp: schon seit vielen jahren schrieb man in Deutschland nach Klopstocks einleitung sehr läszliche hexameter; Voss, indem er sich wohl auch dergleichen bediente, liesz doch hie und da merken, dasz man sie besser machen könne. 30, 272; von der anlage eines gedichtes: man sieht aus beiden schilderungen, dasz die anlage meines gedichtes von beiden seiten etwas läszliches hatte und einen gemessenen gang erlaubte, welcher dem epischen gedichte so wohl ansteht. 31, 186; von einem streite, nachlassend, weniger hitzig: so ist zwar nicht zu hoffen, dasz ein allgemeiner friede dadurch sich einleite, aber doch dasz der unvermeidliche streit nach und nach läszlicher werde, der krieg weniger grausam, der sieg weniger übermüthig. 46, 263.
3)
an lassen, zulassen, gewähren (sp. 220 fg.) knüpft läszlich an, was nachgelassen, zugegeben werden kann, mhd. læʒlîch in unlæʒlîch (Lexer 2, 1906): laszliche, venialis, veniale, venialiter. voc. inc. theut. m 1ᵇ; läszliche feiertage, die nicht geboten sind. Schm. 1, 1506 Fromm.; vorzüglich in der formel läszliche sünde die keine todsünde ist (Schm. ebenda); nicht allein in läszlichen sünden, sondern auch in schweren hohen sachen. Luther br. 4, 481; auch allein durch läsliche sünden kan der eifer zum guten geschwächet werden. Butschky Patm. 563; oft geräht man aus läslichen in todsünden. 464; eine leichte und läszliche sünde, .. die mit sanfter strafe gebüszt werden könnte. Tieck nov.-kranz 2, 479;
und so lasset auch die farben
mich nach meiner art verkünden,
ohne wunden, ohne narben,
mit der läszlichsten der sünden.
Göthe 3, 111;
in ähnlichen fügungen: es ist ein läszlicher irrthum, dasz unsre historiker von den solonischen gesetzen reden. Niebuhr 2, 345;
was liebe wagt ist stets ein läszliches verbrechen.
Wieland 18, 107;
begehrst du, dasz in meinem alter ich
den läszlichsten gewöhnungen entsage?
Platen 189;
eine läszliche bosheit, eine selbstgefällige schadenfreude sind ein genusz für diejenigen, die sich weder mit sich selbst beschäftigen, noch nach auszen heilsam wirken können. Göthe 24, 265; väterlicher milde bleibt nichts übrig als die fehler der kinder, wenn sie traurige folgen haben, zu bedauern und, wo möglich, herzustellen; gehen sie läszlicher als zu hoffen war, vorüber, sie zu verzeihen und zu vergessen. 22, 108; läszliche hypothese nenn ich eine solche, die man gleichsam schalkhaft aufstellt, um sich von der ernsthaften natur widerlegen zu lassen. 253; unter die läszlichsten versuche (versuche die am ehesten zuzulassen sind), sich etwas höheres anzubilden, sich einem höheren gleich zu stellen, gehört wohl der jugendliche trieb, sich mit romanfiguren zu vergleichen. er ist höchst unschuldig und, was man auch dagegen eifern mag, höchst unschädlich. 26, 27; auch zahme xenien bracht ich zusammen; denn ob man gleich seine dichtungen überhaupt nicht durch verdrusz und widerwärtiges entstellen soll, so wird man sich doch im einzelnen manchmal luft machen; von kleinen auf diese weise entstehenden productionen sonderte ich die läszlichsten und stellte sie in pappen zusammen. 32, 187.
4)
läszlich auch was vor einem urtheile besteht, annehmbar, duldbar, und auch in diesem sinne ein lieblingswort Göthes: warum will man nicht eine äuszerung läszlich und erträglich finden. 22, 44; wäre auch eine vereinigung nicht möglich gewesen, eine trennung würde doch leidlicher und läszlicher geworden sein. 60, 291; diese und ähnlichen wahn möchte ich nicht einmal aberglaube nennen, er liegt unserer natur so nahe, ist so leidlich und läszlich als irgend ein glaube. an Schiller 534; von einer kunst, der man ein mildes urtheil entgegen bringt: die mahlerei ist die läszlichste und bequemste von allen künsten. die läszlichste, weil man ihr um des stoffes und gegenstandes willen, auch da wo sie nur handwerk oder kaum eine kunst ist, vieles zu gute hält und sich an ihr erfreut. werke 22, 229; und sonst von dingen die mild beurtheilt werden: um gleichheit in den hauptsachen zu erhalten und in läszlichen dingen einem jeden seinen willen zu gestatten. 23, 152; dasz dieses exempel an frauen statuirt wird, macht die sache läszlicher, und zieht sie ins gebiet der rührung. an Zelter 222.
5)
dann in activem sinne mild, tolerant: man versäumte nichts ihm alle kenntnis zu überliefern, alle thätigkeiten an ihm zu entwickeln, deren der staat jederzeit bedarf: die pflege des strengen gerichtlichen rechts, des läszlichern, wo klugheit und gewandtheit dem ausübenden zur hand geht. Göthe 21, 129; wir haben läszliche gesetze um nach und nach strenger werden zu können. 23, 153;
ich sah, ich sprach, was mir zu sehn, zu sprechen
verboten war. wird ein so leicht vergehn
so hart bestraft? ein läszlich scheinendes,
scherzhafter probe gleichendes verbot,
verdammts den übertreter ohne schonung?
9, 337;
auch was die menschen thaten und trieben sah ich läszlich an, und fand manches lobenswürdige. 24, 255; bis sein schicksal entschieden wäre, hielt man ihn läszlich. 30, 40; wenn wir in diesem sinne die vor uns liegende gedruckte sammlung dankbar und läszlich behandeln. 33, 205; das hofwesen ist überhaupt sehr läszlich behandelt. 33, 227. von einem diener, zulassend, sich fügend: auch bei dem deutschen (Gil Blas) ist der character gut von haus aus, läszlich, wie es einem untergeordneten geziemt, der sich von kindheit auf zu fügen hatte. 45, 246.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1878), Bd. VI (1885), Sp. 271, Z. 63.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
lumpenleute lügengeist
Zitationshilfe
„läszlich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/l%C3%A4szlich>, abgerufen am 02.12.2021.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)