Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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läugnen, verb.

läugnen, verb.
verneinen, in abrede stellen.
1)
das goth. laugnjan, welches ἀρνεῖσθαι übersetzt, ist causale zu dem adjectivstamme laugna, nom. laugns, in analaugns κρυπτός bezeugt; in späteren dialekten ist das adj. untergegangen (ahd. besteht ein subst. fem. lougna negatio), das verbum lebt weiter: ahd. lougnan, laugnen, laucnen, renuere, inficiari, negare, diffiteri, alts. lôgnean, ags. lŷgnan; mhd. lougenen, lougnen; im ältern nhd. und in oberdeutschen heutigen dialekten setzt sich zum theil die abwesenheit des umlautes fort, bair. laugnen Schm. 1, 1454, ebenso tirolisch (daheim 1872 s. 242), kärntn. (Lexer 174), weitere beispiele s. im folgenden; gewöhnlicher aber ist die umgelautete form. die nicht nur in mitteldeutschen, sondern früh auch in oberdeutschen quellen erscheint, theils in der schreibung löugnen, theils als leugnen, manchmal in ein und derselben quelle: leugnen, abnuere, negare, diffiteri, inficiari, ire inficias, recusare. Maaler 269ᵇ; löugnen, nit gichtig oder anred sein, inficiari, negare, denegare, diffiteri 275ᵃ; negare leugnen, loͤgnen Dief. 377ᶜ. die schreibungen läugnen und leugnen bestehen noch heute neben einander, die erstere wird hier aus etymologischen gründen bevorzugt.
2)
für den infinitiv besteht die zusammengezogene form laugen, läugen (noch heute kärntnisch laugen neben laugnen): inficiari lawgen Dief. 297ᵃ; negare leugen 377ᶜ; die frawe ir gesicht zuͦ der erden hielt, weder ze laugen noch ia zuͦ sprechen sy geschicket was. Steinhöwel dec. 219, 24;
Jacob. aber zu forderst schaf und rinder,
camel und anders in gemein,
das soll, mein herr, dein eigen sein,
auf das ich gnad find vor dein augen.
Esaw spricht: gnad hast, mein bruder, ane laugen.
ich hab selb gnug, behalt das dein!
H. Sachs 1, 23 (1, 106, 7 Keller);
auch lauken, leuken: infici laukin, leuken, frist brechin Dief. 297ᵃ; in dirre nacht êr wan der hane singet, sô saltu mîn drîweit vorloukin. Behaims ev.-buch, Matth. 26, 34; so künden die Jüden nicht leuken, das (sie) sint der zeit Jerusalem verstöret ist, nu wol funfzehen hundert jar, kein scepter, das ist, kein königreich noch könig gehabt haben. Luther 2, 243ᵇ;
das wort gotts man sie leuken hiesz.
8, 370ᵇ;
und von dieser infinitivform verbreitet sich, doch im ganzen selten, der ausfall eines n auch in andere formen, präteritale: der burger leukete und sprach, er kante des mannes nüt. d. städtechron. 8, 54, 16; der burger leukete anderwerbe mit sime eide, daʒ er den man nie hette bekant. 54, 19;
ern mohte mirs gelouget hân.
herzog Ernst 775 Bartsch (variante geleycket);
wie präsentiale:
wie so gar selig ist, der nun die welt,
zurücke setzet,
mit gott sich ergetzet,
sich selbsten verleugt.
Buchner bei Schottel 904;
Petrus verlaugt gott seinen heren.
kinderlied bei Lexer 174.
neben der umgesetzten seltenen form leynken negare Dief. 377ᶜ findet sich mit ausgefallenem guttural leunen, als niederrheinisch belegt bei Lexer mhd. handwb. 1, 1969.
3)
läugnen, nicht bekennen, nicht zugeben, in abrede stellen; in mehrfacher fügung.
a)
absolut: sendet er aber einen boten dar, der dem man lobet an sîner stat, da sol er liute zu nemen, ob er lougenen welle, daʒ man in überziuge. Schwabensp. 9, 2; wer swigit, der bekennit noch lokint nicht. Magd. blume 2, 3, 75; dovon gienk Albrecht der hye stet aus demselben rate und wold ym weder bekennen noch lawken. älterer schöffenspruch von Iglau no. 261 bei Tomaschek oberhof Iglau s. 256; do ruͦfte er aber dem wurte und frogete in noch dem gelte. der wurt leukente also vor. d. städtechr. 8, 453, 13; da leugnete Sara, und sprach, ich habe nicht gelachet. 1 Mos. 18, 15; er leugnet aber fur jn allen, und sprach, ich weis nicht was du sagest. Matth. 26, 70 (goth. laugnida faur þaim allaim qiþands ..); und er leugnet abermal und schwur dazu. 72; und Jesus sprach, wer hat mich angerüret? da sie aber alle leugneten, sprach Petrus und die mit jm waren, meister, das volk drenget und drücket dich. Luc. 8, 45; und er bekandte und leugnet nicht. Joh. 1, 20; leugne nur braf drauf, si fecisti, nega. Stieler 1150. im substantiv gesetzten infinitiv: wenn man mit läugnen könte vom galgen kommen, würde niemand gehenkt. Pistorius thes. par. 6, 94; da er seine liebevolle mutter noch mit leugnen, lügen und mährchen aufzuhalten gedenke. Göthe 15, 198.
b)
mit einem genitiv der sache, in der älteren sprache:
ein ieglich diep weiz vil wol,
wie er der diube louken sol.
Freidank 47, 3;
also daʒ der jude laugent der pfande. d. städtechr. 1, 126, 35; wyl (will) her ym des lauken. schöffenspr. bei Tomaschek oberhof Iglau s. 256; eins fundes lokin. Magdeb. blume 1, 152; löugnen des das hinder einen gelegt ist, oder zuͦ gehalten gäben, depositum abnegare Maaler 275ᵃ; laugnet er der borgschaft. landrecht von 1616 bei Schm. 1, 1454 Fromm. der infinitiv substantivisch: so einer gift kaufet, des vor der obrigkeit in laugnen stünd, und doch des kaufs uberwiesen würde. Carolina art. 37.
c)
mit einem accusativ: ist abir da gut, daʒ sy lokin weldin. Magdeb. blume 2, 1, 46; denn es ist in gottes wort gegründet, das gott nicht leuget, noch sein wort nicht leugnet. Luther 3, 349ᵃ; wo jemand ... gottes wort leugnet oder widerriefe. 392ᵃ; wer seine missethat leugnet, dem wird nicht gelingen. spr. Sal. 28, 13; das zeichen durch sie geschehen, ist kund, offenbar allen, die zu Jerusalem wonen, und wir könnens nicht leugnen. ap. gesch. 4, 15; (wenn einer) das verloren ist, funden hat, und leugnet solchs mit einem falschen eid. 3 Mos. 6, 3; also gryfet Luther harum was er finden möcht das jm hulf; und bald hat er sin selbs vergessen und setzt das er vor gelöugnet, oder löugnet das er vor gesetzt hat. Zwingli in Wackernagels leseb. 3, 1, 265; als der pedell disz alles laugnete. Schuppius 704; du .. fragst nur so im vorbeigehen: haben der herr nicht etwa einen geldbeutel gefunden? sagt er ja, nun so hats der teufel gesehen; läugnet ers aber: ... du hast deinen mann gefunden. Schiller räuber 2, 3; G. sie werden bald auch ein allerliebstes weibchen haben. E. dasz ich nicht wüszte. R. in wenig tagen läugnen sie es nicht mehr. Göthe 14, 256; so haben sie völlig das recht, das grosze und übergrosze, wenn es neben ihnen wirkt, so lange zu läugnen, bis es historisch wird. 53, 108; wir erwiederten, es sei noch schlimmer, mit genäschigen leuten aus éinem korbe speisen. das wollte er nicht läugnen. 26, 323;
lasz deinen ausspruch mich vertraulich überführen,
ob ich die urtheilskraft in thieren
bejahen oder leugnen soll.
Hagedorn 2, 15.
auch mit einem accusativ der person, welcher sich auf deren wesenheit bezieht: ich solt alle heilige väter .. sampt zumal leugnen. Luther br. 1, 309; das ist der widerchrist, der den vater und den son leugnet. wer den son leugnet der hat auch den vater nicht. 1 Joh. 2, 22. 23; sich selbst läugnen, nicht zu dem früher gesagten oder gethanen stehen: sich selbs löugnen, seiner worten nit geston, dicta mutare Maaler 275ᵃ; gleuben wir nicht, so bleibet er trewe, er kan sich selbs nicht leugnen. 2 Tim. 2, 13, die neuere sprache braucht in diesem falle verläugnen, s. d.
d)
mit hinzutritt eines persönlichen dativs zum genitiv der sache: kam der arm kaufmann, dem er seins gut het geleugnet. Steinhöwel (1487) 31ᵇ;
'ir jâhet daʒ ir eine mit strîte woldet mich bestân' (spricht Dietrich).
ja enlougent iu des niemen, sprach Hagen der degen,
ich enwelleʒ hie versuochen mit den starken slegen.
Nib. 2284, 1;
oder, in der neuern sprache, zum accusativ: und möchte ihr dieser ruhm wohl kaum zu läugnen sein. Göthe 30, 167;
wo habt ihr, blöde thoren, doch den sinn?
ihr seht den saft in alle zweige steigen,
und leugnet euch den sommer immerhin!
Chamisso (1836) 4, 4.
e)
mit präpositionen; an etwas läugnen: vormengit (d. h. theils peinlich, theils bürgerlich) sint sotan sachin .. lokin an eim dinge, daʒ man eim cʒu behaldin tut. Magd. blume 1, 152; um etwas läugnen: umb swelcherlei sache ainer angesprochen wirt, der sol umb die selben ansprach laugen oder jehen, und geschech hinnach daʒ recht sei. bair. landrecht bei Schm. 1, 1454 Fromm.; für etwas läugnen: ich geschweig hie der gschwinde keüff, finanz, vorteil, griff, trügerei in allen wahren, damit die juden .. an uns hanthieren, wie sy die christen am rechten umbtreiben für gegeben schuld, und nit selten für die gegeben pfand leügnen. Frank weltb. 156ᵃ.
f)
mit abhängigem satze: wer ist ein lügner, on der da leugnet, das Jhesus der christ sei? 1 Joh. 2, 22; er läugnet dasz er es gethan habe; es ist nicht zu läugnen, dasz die sache ihre groszen vortheile hat; leugnen läszt es sich indessen nicht, dasz der polnische bauer oft mehr verstand und gefühl hat, als der deutsche bauer in manchen ländern. H. Heine 13, 134;
wan si lougent bî dem eide,
daʒ si mînen dienest habe genomen.
minnes. 2, 68ᵃ Hagen;
des haubtmans sun fast laugen thet,
wie er seins vatters bücher het.
H. Sachs 1, 200 Gödeke.
mit nicht im abhängigen satze: dann wiewol von den ersten kerzen der evangelischen fackel nicht kan gelaugnet werden, dasz sie nicht, mit verachtung der kunst der menschlichen wolredenheit, durch uberschattung desz h. geists, alsbald in feurende zungen angezündt worden. Schuppius 724; wer wolte läugnen, dasz nit hier in dieser unserer versamlung dergleichen auch solten gefunden werden, die da über 4 elen oder cubit grosz. 777; er leugnet stark, er habe es nicht getahn, constanter negat, se auctorem esse. Stieler 1150.
g)
statt des abhängigen satzes ein doppelter accusativ:
sie laugnt jn ein verschnitten mann (dasz er ein verschnittner mann sei).
H. Sachs 5, 221ᵈ.
4)
läugnen, sich etwas anzugeben weigern, verhehlen: der könig antwortet, und sprach zum weibe, leugne mir nicht, was ich dich frage. 2 Sam. 14, 18; und obs die fürsten erfüren, das ich mit dir geredt habe, und kemen zu dir, und sprechen, sage an, was hastu mit dem könige geredt, leugne es uns nicht. Jer. 38, 25; was leugnestu lange, was dir fehlet, quid occultas, cur tegis vitia tua? Stieler 1150.
5)
läugnen, abschlagen, verwehren: will jemand aus der stadt, den soll man das nicht läugnen. Amberger stadtrecht von 1310 bei Schm. 1, 1454 Fromm.; laugnen im kartenspiel, renoncer, verneinen, dasz man eine verlangte farbe habe, indem man eine andere abgibt. ebenda.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1878), Bd. VI (1885), Sp. 340, Z. 69.

leugnen, leugner

leugnen, leugner
u. s. w. s. läugnen, läugner.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1880), Bd. VI (1885), Sp. 835, Z. 23.

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Zitationshilfe
„läugnen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/l%C3%A4ugnen>, abgerufen am 28.10.2021.

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