Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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lauschen, verb.

lauschen, verb.
speculari, otiari, auscultare.
1)
ein genau vergleichbares wort findet sich in der alten sprache nicht. im ahd. ist bezeugt das verbum loskên, loschên delitescere, latere (Graff 2, 282), delituit loschêta Haupts zeitschr. 15, 67, 963; jedenfalls auf hloskên zurückzuführen, und, wie das ags. hlosnian auscultare (Leo gloss. 372, 29) eine weiterbildung von hlosên audire, auscultare (vgl. unten losen), welches sich bis in das mhd. und darüber als loschen und luschen fortsetzt: delitere loschen ł sweygen, losgen Dief. 172ᵃ; latere loschen 320ᵃ; latere luschen nov. gloss. 229ᵇ;
triegen hât etswenne einn mantel,
under dem eʒ hübschlîchen loschet,
swenne eʒ schimpfet oder hoschet (spottet).
Renner 15036.
daneben besteht, von ganz anderer herkunft, aber mit ähnlichem begriff, ahd. lûʒên latere, mit goth. lutôn betrügen, verführen, liuta heuchler, liutei heuchelei, ags. lûtian torpere, latere, delitescere zusammenhängend, und im mhd. lûʒen lauern fortgesetzt. dieses im mhd. häufige wort rettet sich nur selten als lauszen (s. an alphabetischer stelle) in die nhd. ältere schriftsprache, wenn es auch bis heute in mundarten besteht; vielmehr, da mhd. loschen und lûʒen als sinnverwandt zusammen und eng verbunden gebraucht werden:
daʒ lâget unde lûʒet,
eʒ loschet unde tuʒet.
K. v. Würzburg troj. krieg 24702;
bildet sich aus den beiden wörtern eine mischform heraus, deren anfang schon im part. lûschende (: rûschende) in Heinrichs von Freiberg Tristan (mhd. wb. 1, 1055ᵃ) erscheint, die also der heimat nach dem östlichen Mitteldeutschland anzugehören scheint, obschon auch Kilian ein luysschen, latere, latitare, insidiari, observare als altflandrisch aufführt und mit dem deutschen lauszen und luschen zusammenstellt. lauschen verbreitet sich seit dem 16. jahrh., indem es zugleich seine bedeutung hebt: es wird, und ist es seit dem vorigen jahrhundert ausschlieszlich, ein der edlern und poetischen sprache angehöriges wort. Maaler 1561 verzeichnet noch drei formen; die neue schriftgemäsz gewordene lauschen: etwar auf lauschen und acht haben, imminere animis in rem aliquam. 265ᵇ; den ausläufer des mhd. loschen, luschen, jedenfalls bei ihm mit kurzem u: luschen, spähen, ein ding auszgon, observare, sich setzen und auf einen luschen, einen auszgon, subsidere. 276ᵇ, und, neben laussen insidiari 265ᵇ, eine wol beschränkt mundartliche lussen, die sich am nächsten an die noch heute im Bernbiet lebende form lûszen anschlieszt, wahrscheinlich sie sogar ist: ein ursach suͦchen oder lussen ein herrschaft einzunemmen, underston das regiment an sich zeziehen, rebus imminere. ebenda; bei Stieler 1091 werden noch lauschen und luschen als gleichbedeutend mit lauern aufgeführt. später verschwindet luschen ganz.
2)
lauschen heiszt im hinterhalte liegen, feindlich auf jemand lauern: lauschen, ausspähen, lauren und acht haben, insidiose imminere Schottel 1355; ich halte, dasz viel böser buben und lawrer hie sein, die auf uns lauschen. Luther tischr. 408ᵇ; er hette ein oder zween teufel gehabt, die stark auf jn gelauscht hetten. 441ᵇ; auch in der neuern sprache noch, wo es aber (gemäsz dem oben 1 bemerkten) dichterischer ausdruck und gewählter als lauern ist:
der blick, in welchem schlau
der argwohn gleich der finstern spinne lauscht.
C. F. Weisze;
auf dasz kein armer erdensohn
sich seines glückes überhebe,
und unzufriedenheit, vom strohdach bis zum thron,
nach unerfüllten wünschen strebe,
lauscht immer eine böse fey
am nest der brütenden und tüpft auf jedes ei.
Gotter 1, 332;
und, schlau versteckt im lustgetümmel, lauscht
verlarvter tod dienstfertig auf sein opfer.
2, 211;
o dürft ich dich erleuchten! dürft ich dir
verborgne winkel öffnen, wo die schaar
verschworener verfolger tückisch lauscht.
Göthe 9, 289;
das wasser rauscht, das wasser schwoll,
ein fischer sasz daran,
sah nach der angel ruhevoll,
kühl bis ans herz hinan.
und wie er sitzt und wie er lauscht,
theilt sich die fluth empor.
1, 185;
verrath und argwohn lauscht in allen ecken.
Schiller Tell 1, 4.
3)
als ein wort der jäger, wie das alte lûʒen auch (vergl.lauszen): lauschen hiesz es, wenn einer an künstlichen lücken in hecken oder zäunen auf die hasen paszte und diese da erschlug oder fieng: geleicher gestalt wollen wir auch, das die hasen in der gruse nicht geschossen werden, und soll hiemit das kuren, lappen und lauschen ganz und gar verbotten und aufgehoben sein, durch wellichs alles das wildt verderbt und verödet wirt. polizei- u. landordn. von 1562 bei Schiller zum thier- u. kräuterbuche des meklenb. volkes 3, 2ᵃ;
ein alter hasz erzelt die klag
uber ein gar uralten jeger,
der sie teglich inn ihrem leger
uberfiel mit lauschen und hetzen.
H. Sachs 1, 503ᶜ,
die alle uns (hasen) nachstellen heut
mit lauschen, pirschen und waidwerk.
503ᵃ;
ich aber will auf disem plan
hie lauschen, ob ich was erschleich.
Stephani geistl. action 1568 C 3ᵇ;
von woher lauschen in den sinn schleichen hinüber greift, vgl. einherlauschen theil 3, 201.
4)
lauschen, zögernd warten: in Nürnberg träge thun, zögern. Schm. 1, 1520 Fromm.;
fällt mein gemahl mir bei,
so geht der anschlag fort, so ist der könig frei.
so hab ich unser heil und Brittens ehr erhalten.
so wird mein eigen ruhm durch keine zeit veralten.
so wird wer ietzund lauscht als sunder herz und rath,
wenn diese sturmwolk hin, beneiden meine that.
A. Gryphius 1698 1, 261.
5)
lauschen, versteckt sein: das es nur eine gesuchte entschuldigung were und das etwas anders dahinden lauschen solte. Schütz Preuszen (1599) 109; in der neuern sprache ohne den übeln nebensinn des feindlichen verborgenseins, der an die bedeutung 1 anrührt, und nur in bezug auf das weilen an einem traulich-heimlichen orte gebraucht:
nein, schwur er drauf, mir scheint kein groszer gleich,
wann ich entzückt in deinen armen lausche.
Hagedorn 2, 78;
ich lauschte mit Molly tief zwischen dem korn,
umduftet vom blühenden hagebutt-dorn.
wir hattens so heimlich, so still und bequem,
und koseten traulich von diesem und dem.
Bürger 58ᵇ;
auch das hervorsehen aus einem versteck oder einer hülle bezeichnend:
die traube winkt, die pfirsche zum genusz,
die üppig schwellend hinter blättern lauschen.
Schiller die erwartung;
hoch auf springt die bacchantin im tanz, dort ruhet sie schlummernd,
und der lauschende faun hat sich nicht satt noch gesehn.
Pompeji und Herculanum;
die schalkheit lauscht im grünen halb versteckt.
Göthe 9, 131;
junge, hübsche angesichter
lauschen aus kapuz und linnen.
H. Heine 18, 58.
6)
am häufigsten drückt in der heutigen sprache lauschen das scharfe aufmerken mit dem ohr aus. auch hier verbleicht der niedrige nebensinn des böswilligen aufmerkens, den noch Hederich (1729): lauschen was einer redet, aucupari sermones alicujus s. 1495, und Frisch: lauschen an der thür, auscultare ad januam 1, 588ᵇ durchblicken lassen, sobald die dichter sich des wortes bemächtigt haben. Es steht
a)
absolut: hat ein lauschender waldgott mich geweckt? S. Geszner 3, 249; so blieb er ganz nahe im gebüsche stehen, und lauschte mit gerecktem ohr, einem jungen faun nicht unähnlich, der ein paar nymfen belauscht, die mit einander abreden, wo sie diese nacht sich baden wollen. Wieland 11, 255; versunken in lauschendem entzücken. Klinger 2, 356;
fangt an! ich glühe bereits; fangt an, holdselige saiten!
entzückt der Eccho begieriges ohr!
tönt sanft durchs ruhige thal! da lauschen furchtsame nymphen,
nur halb durchs junge gesträuche bedeckt!
Uz (1768) 1, 8 (der frühling, vom j. 1742);
er hält den athem an und lauschet.
Wieland 21, 254;
und neidisch alle musen lauschen.
Gotter 1, 154;
und horch! da sprudelt es silberhell,
ganz nahe wie rieselndes rauschen,
und stille hält er, zu lauschen.
Schiller bürgschaft;
das kloster ist hoch auf felsen gebaut,
der Rhein vorüberrauschet,
wohl durch das gitterfenster schaut
die junge nonne und lauschet.
H. Heine 18, 46;
das meer ist still, nicht eine welle ruft,
und lauschend stehn geblieben ist die luft.
Lenau Faust 157;
ein lauschender mund, der den gesichtsausdruck des lauschens zumeist ausprägen hilft:
sieh, wie mit lauschendem mund
und weit geöffnetem auge die hörer alle passen.
Wieland 22, 7 (Oberon 1, 8).
b)
mit dativ: lauschte sie nicht seinem athemzuge? Gutzkow ritter v. geist 6, 361;
die ihr, voll ungeduld, dem glockenschlage lauscht.
Gotter 1, 176;
und lausche, mit geneigten ohren,
der freundschaft tröstendem gesang,
dem rath, den die vernunft gebohren!
220;
so erfreuen wir uns der langen nächte, wir lauschen,
busen an busen gedrängt, stürmen und regen und gusz.
Göthe 1, 286;
nimmer lausch ich deiner waffen schalle.
Schiller räuber 2, 2;
oft sprachst du mir von meines vaters thaten;
du weiszt, wie ich dir lauschte.
Phädra 1, 1;
traurig sasz die jungfrau dort,
lauschte nächtlichem gesange.
Uhland ged. 9;
die aufgeschreckte seele lauscht dem winde.
Lenau neue ged. 161.
c)
mit adverbien und präpositionen: lauschte ich oft von des vaters lippen auf die thaten der edlen Griechen. Klinger 2, 146;
indem sie sangen, schwieg der wind im hain,
der himmel hörte zu, das volk der luft
lauscht auf ihr lied, versteckt in dunkles laub.
die kleine Lalage lauscht auch darauf
im krausen schatten vom gebüsch.
Chr. E. v. Kleist (1765) 100;
ach tausendmal wirst du (sonne) meerunter sinken,
eh dieses auge wieder sich berauscht
von seligkeit, in seinem (des freundes) lächelwinken,
wenn er auf lieder lauscht!
Karschin in Voss' musenalm. von 1798 s. 79;
was ist des menschen klugheit, wenn sie nicht
auf jener willen droben achtend lauscht?
Göthe 9, 34;
hier sprechen edle männer, nach gesetzen,
und krieger lauschen auf gemessnes wort.
370;
als ich gieng die flur entlang,
lauschend auf der lerchen sang.
Uhland ged. 49;
er lauschte in die nacht hinein;
ihr bäume haftet an der mutter brust,
woraus hervorquillt der geheimniswust,
ihr lauschet mit den wurzeln in den grund,
doch gebt ihr nichts aus seiner tiefe kund.
Lenau Faust 21;
empor lauschen:
traurig tönt das glöcklein nieder,
schauerlich der leichenchor;
stille sind die frohen lieder,
und der knabe lauscht empor.
Uhland ged. 13.
d)
mit abhängigem satze: denn was ist doch in aller welt mancher krämer? .. ein mann, der in der ganzen welt herum lauscht, ob nicht irgendwo eine ärmere nation sei, welche ein stück arbeit um etliche pfennige wohlfeiler macht. Möser patriot. phant. 1, 34; nur hier und da, unter gestein und gestrüppe, blinkte es (das gewässer) hervor, und schien heimlich zu lauschen, ob es ans licht treten dürfe, und endlich kam eine kleine welle entschlossen hervorgesprungen. H. Heine 1, 108;
o lasz mich sehen,
o lasz mich lauschen,
wo lüftlein wehen,
wo bächlein rauschen.
Rückert 24;
sie setzt sich vor des geliebten zelt;
sie lauscht, wie ferne das kriegshorn gellt.
Freiligrath ges. dicht. 1, 36.
e)
völlig vereinzelt ist Klingers lauschen mit dem accusativ, lauschend vernehmen: wenn ich diesen laut mit heller stimme in meine laute sänge, wie er in meinem geist hallt, und der liebesengel trüge diese melodie zu den ohren meiner liebe, sie lauschte ihn, lauschte, wie dieser klang in Amantes seele hallt, wie in keines menschen herz. die neue Arria 10; ich lauschte sie, als sie nach der chaise gehn wollte, und redete sie an. 70.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1878), Bd. VI (1885), Sp. 353, Z. 49.

lauschen, verb.

lauschen, verb.
lohen, flammen, ein vom vorigen ganz verschiedenes wort, jedenfalls aus lauchschen oder laugschen hervorgegangen, von lauch flamma sp. 300 oder lauge flamma sp. 339 iterativ gebildet und dem ahd. lougazan und lohazan, mhd. lohezen, goth. lauhatjan leuchten am nächsten verwandt: das gewaltige fewer in der erden, das ... gar liechter lohe herausz lauscht. Mathes. Sar. 36ᵃ; denn ob wol die liebe in der flitterwochen grosz ist und brinnet und lauschet liechter loh, so pfleget sie doch mit der zeit wieder abzunemen. hochzeitpred. M 4ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1878), Bd. VI (1885), Sp. 356, Z. 36.

läuschen, n.

läuschen n.
kleine laus:
läuschen hat sich verbrannt,
flöhchen weint.
hausmärchen no. 30.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1878), Bd. VI (1885), Sp. 356, Z. 46.

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Zitationshilfe
„läuschen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/l%C3%A4uschen>, abgerufen am 27.10.2021.

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