Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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lehre, f.

lehre, f.
doctrina. ahd. lêra, mhd. lêre; alts. altnfr. lêra, niederd. lere, niederl. leere, leer; ags. lâr, engl. lôre; fries. lâre; schwed. lära, dän. lære (das altnord. verwendet für das wort læring); das subst. zu dem unten folgenden lehren. eine vorzugsweise mitteldeutsche nebenform lahr, lahre, sich verhaltend wie das subst. kahr, kahre (theil 5, 35) zum verbum kehren wenden, erscheint seit dem 14. jahrh. und läszt sich bis ins 17. verfolgen: ir lâʒʒet godes gebod und haldet lâre der lûde. evangelienübersetzung in Haupts ztschr. 9, 293; der Luther ist ein trotziger stoltzer man und wil neben seiner lahr kein andere lassen christlich und recht sein. Alberus widder Witzeln H 1ᵃ;
gott wolt ausrotten alle lahr,
die falschen schein uns leren,
darzu jr zung stolz offenbar,
spricht, trotz, wer wils uns wehren?
Luther 8, 364ᵃ;
der hundt mit seiner eigen fahr
hat uns gegeben diese lar.
Alberus fabeln (1550) 7;
die dem teufel trieben zur helln
der armen seeln ein grosze schar,
mit jhrer teufelischen lar.
83;
ein gute lar von mir zu lern.
137;
ein schmelzerin zu Zarpath war,
glaubt und bewart Elie lahr.
Mathes. Sar. 318ᵇ;
wiewol manch andre kunst ist spöttisch blieben liegen,
ist rechenkunst doch hoch, im krieg jetzund gestiegen.
dasz fünfzehn funfzig gab, dasz funfzig hundert war,
dasz hundert tausend galt, kam her durch jhre lahr.
Logau 2, 150, 53.
selbst im reime auf vor, was auf eine dunkle aussprache des â schlieszen läszt (wie sich ähnlich zu kahre auch die form kôre findet, vgl. a. a. o.):
solch schöne sprüch gab er stets vor,
und viel ander heilsamer lahr
hat er gefürt sein ganzes leben.
B. Waldis leben Esopi 258.
noch Stieler sprachkunst 70 verzeichnet lahr und lehr doctrina neben einander. über den hier erscheinenden vocal der stammsilbe vergl. unter lehren. Bedeutung von lehre.
1)
die thätigkeit des lehrens, belehrung, unterweisung, unterricht: straf und lere, sol man zu rechter zeit uben. Sir. 22, 6; hat jemand ein ampt, so warte er des ampts. leret jemand, so warte er der lere. Röm. 12, 7; die eltesten ... halt man zwifacher ehren werd, sonderlich die da arbeiten im wort, und in der lere (ἐν λόγω καὶ διδασκαλία, goth. in vaúrda jah laiseinai). 1 Tim. 5, 15; und lassen die papisten sich bedünken, sie wöllen mehr mit s. Pauli schwert erfechten, denn mit der lehr und predigt desz h. Petri. L. Sandrub kurzweil (1618) 57; lehr bringt ehr. Simpl. 1684 3, 732 (sonst lehren bringt ehren); ich hab alzeit dafür gehalten, dasz der knaben offentliche institution, der privatschuel sol fürgezogen werden. dann in den versamlungen ist ein gröszerer eifer der jüngling mit ihres gleichen, es ist auch das anschauen und gesicht ansehnlicher männer vorhanden, .. ich schweige jetzunder von andern weisen der öffentlichen lehr. Schuppius 732;
fraget dort die neune, der grazien nächste verwandte!
ihnen allein ist gegeben, der edlen stillen betrachtung
vorzustehn. ergebet euch gern der heiligen lehre,
merket bescheiden leise worte.
Göthe 2, 280.
2)
zusammenfassend, der gesamtinhalt eines unterrichts, das was in einem wissenszweige zusammenhängend gelehrt wird. diese bedeutung, die häufig nahe an die erste anrührt oder auch in ihr verläuft (vergl. die fälle unten d), erscheint in mehrfachen verbindungen.
a)
die lehre jemandes; in geistlichem oder doch moralischem sinne: die lehre Christi; wer ubertrit, und bleibet nicht in der lere Christi, der hat keinen gott. wer in der lere Christi bleibet, der hat beide den vater und den son. 2 Joh. 9; auf das sie die lere gottes unsers heilandes zieren in allen stücken. Tit. 2, 10; das sie sich hüten solten ... fur der lere der Phariseer und Saduceer. Matth. 16, 12; das er verneme die sprüche und jre deutung, die lere der weisen und jr beispiel. spr. Sal. 1, 6; die lere des weisen ist eine lebendige quelle, zu meiden die stricke des todes. 13, 14; vergisz nicht deines vaters und deiner mutter lere, so wirstu unter den herrn sitzen. Sir. 23, 18; wider Jesu lehr. volksbuch von dr. Faust 32 Braune; man soll sich richten nach der lehre, und nicht nach dem leben der geistlichen. Pistorius thes. par. 4, 64;
uns leien wundert umbe der pfaffen lêre.
si lêrten uns bî kurzen tagen:
daʒ wellents uns nu widersagen.
Walther 12, 32;
Ephesus, gar manches jahr schon,
ehrt die lehre des propheten
Jesus.
Göthe 5, 274;
sie lernten schwer, doch willig,
Fridolini lehre.
Scheffel trompeter s. 57;
jre lerer müssen gestürzt werden uber einen fels, so wird man denn meine lere hören, das sie lieblich sei. ps. 141, 6; alle jre lere ist schedlich und erlogen. 36, 4; jr lere ist eitel sünde. 59, 13; welcher lere ist kein nütze, und jre werke sind falsch. 144, 8; las uns die heubtsumma aller lere hören. pred. Sal. 12, 13; in wissenschaftlichem sinne:
ob du jungfrawen wilt hofieren,
darfst ja nicht mit jn disputieren,
von weiszheit und philosophei,
und was die lehr Platonis sei.
grobianus (1568) C 2ᵇ (b. 1, cap. 5);
der menschen lehr und kunst
bleibt ewig irrwischdunst.
Matthisson ged. (1794) 143;
in rücksicht dieser eigenschaften, welche der so einsichtige als geistreiche doctor Gall, nach seiner lehre, an mir erkannte. Göthe 25, 366; wenn die Newtonische lehre leicht zu lernen war, so zeigten sich bei ihrer anwendung unüberwindliche schwierigkeiten. unsere lehre ist vielleicht schwerer zu fassen, aber alsdann ist auch alles gethan. 52, 11. 12; diese farben, welche das fundament der ganzen lehre machen. 15; und sonst:
ob beid personen von der lehr
der welt so abgestorben weren,
dasz sie der lüsten nit begeren.
Fischart dicht. 1, 86, 3312 Kurz;
sich selbst erhalten, bleibt der selbstsucht lehre,
nicht dankbarkeit und neigung, pflicht und ehre.
Göthe 41, 267:
lehre im gegensatz zum lernen: hier greifen lernen und lehre unmittelbar und unvermerkt in einander. J. Grimm kl. schr. 1, 277.
b)
rechte, wahre, gute, falsche, neue, fremde lehre u. ähnl.: die neue lehre, die jetzt die sozialisten verkünden;
er aber, Howard, gibt mit reinem sinn
uns neuer lehre herrlichsten gewinn.
Göthe 3, 104;
in die schule bin ich früh gegangen,
habe nicht die rechte lehr empfangen.
Rückert liebesfrühl. (1872) 253;
muszt mich alles erst vergessen lassen,
soll ich rein die neue lehre fassen.
ebenda;
in religiösem sinne:
der ächte moslem spricht ovm paradiese
als wenn er selbst allda gewesen wäre,
er glaubt dem coran, wie es der verhiesze,
hierauf begründet sich die neue lehre.
5, 251;
und der weise, zieht er aus
in des ostens glühnde striche,
trägt als beute sich nach haus
fremder lehre tiefe sprüche.
Freiligrath dicht. 1, 136;
am meisten, und von alters her, vom standpunkte der bibelgläubigen aus: dein wort ist eine rechte lere. ps. 93, 5; sondern sagen zu den sehern, jr solt nichts sehen, und zu den schawern, jr solt uns nicht schawen die rechte lere. Jes. 30, 10; der selb prediger ... leret auch das volk gute lere. pred. 12, 9; las abe mein son zu hören die zucht, die da abfüret von vernünftiger lere. spr. Sal. 19, 27; der nicht lust hat zu loser lere. ps. 24, 4; wende meine augen ab, das sie nicht sehen nach unnützer lere. 119, 37; sie (die stadt Jerusalem) hat mein gesetz verwandelt in gottlose lere. Hes. 5, 6; das die bosheit seinen verstand nicht verkere, noch falsche lere seine seele betriege. weish. Sal. 4, 11; was ist das? was ist das fur eine newe lere? Marc. 1, 27 (goth. hvô sô laiseinô sô niujô?); wolt gott das alle kirchen also eintrechtiglich weren inn der reinen lere des evangelij, wie ewre kirche. schrift der theologen zu Wittenberg .. widder die adiaphoristen (1550) A ijᵃ; die kirchen, inn welchen .. die heilsame lere furgetragen wird. ebenda; die ware lere des euangelij. A iijᵃ; die feinde rechter christlicher lere. C iiijᵃ; hette sich darauf in der christlichen gemein in die kirchen verfügt, und der heiligen lehre gefolget. volksb. von dr. Faust 31 Braune; dasz sie jhre kinder zuvor im catechismo und in den hauptstücken christlicher lehre .. unterrichten lassen. L. Sandrub kurzweil (1618) s. 25; ihr unterdrückt die neue lehre nicht. Göthe 8, 182; sollen wir gleichgültig gegen unsere bewährte lehre sein, für die so viele ihr leben aufgeopfert haben? 183; steht fest gegen die fremde lehre. 207;
o herr, behüt für frembder ler,
das wir nicht meister suchen mehr,
denn Jhesum mit rechtem glauben.
Luther 8, 360ᵇ;
behüt uns allzusammen
für falscher lehr.
P. Gerhard 208, 88 Gödeke;
und wolt (der teufel) sein jünger auch aussenden,
zu predigen an allen enden
sein falsche und verfluchte lehr.
L. Sandrub kurzweil (1618) s. 164,
ach ihrer lehre pest, o herr!
schleicht itzo nicht im finstern mehr!
am mittag, herr! bricht sie hervor.
Klopstock 7, 136.
c)
lehre von etwas; die lehre von der erbsünde; die lehre von der dreieinigkeit; die lehre von den pflichten; die lehre von der elektricität, vom schalle, vom licht u. s. w.; daʒ ist diu lêr Rasis von den träumen. Megenberg 54, 1; Möngals wein und seine lehre von der frischen luft hatten für den, der einer herzogin entgegen sollte, wenig verstrickendes. Scheffel Ekkehard s. 73; häufig sind statt dieser verbindungen zusammensetzungen wie farbenlehre (statt lehre von den farben), erziehungslehre, glaubenslehre, rechtslehre, staatslehre, schädellehre u. ähnl., und auch auszerhalb derselben steht der genitiv an stelle der präposition: wir behaupten, dasz ein verständiger, fleisziger literator durch vergleichung der sämmtlichen ausgaben unsres Wielands, ... allein aus den stufenweisen correcturen dieses unermüdet zum bessern arbeitenden schriftstellers, die ganze lehre des geschmacks würde entwickeln können. Göthe 45, 132;
so konnt ich, junger freund, zu gleicher zeit
der duldung stille lehre dir bewähren (die lehre vom dulden) ..
am stillen ort .. muszt ich manche schmerzen
und manchen traurigen gedanken leiden.
1, 137;
oder in gleichem sinne ein adjectiv:
und die rohen seelen zerflieszen
in der menschlichkeit erstem gefühl,
werfen von sich die blutige wehre,
öffnen den düster gebundenen sinn,
und empfangen die göttliche lehre
aus dem munde der königin.
Schiller das eleus. fest v. 111,
die lehre von dem gotte; vorher geht:
nimm hinweg des auges wolke,
dasz es (das volk) seinen gott erkennt;
oder die nähere bestimmung geht aus dem zusammenhange hervor:
schüler. zur rechtsgelehrsamkeit kann ich mich nicht bequemen.
Meph. ich kann es euch so sehr nicht übel nehmen,
ich weisz wie es um diese lehre steht.
Göthe 12, 97.
d)
es heiszt eine lehre verkünden, entwickeln, darlegen, geben, nehmen, empfangen, erhalten, fortpflanzen, bewahren u. ähnl.; die grimmen läut, die kain lêr guoter werch wellent nemen. Megenberg 121, 16; darumb solt jr nicht mehr unnütze lere predigen noch weiszagen. Hes. 13, 23; nemet die lere an, wie einen groszen schatz silbers. Sir. 51, 36; du aber hast erfaren meine lere. 2 Tim. 3, 10 (goth. iþ þu galaista is laiseinai meinai); und sie entsatzten sich über seiner lere. Marc. 1, 22 (jah usfilmans vaúrþun ana þizai laiseinai is); des priesters lippen sollen die lere bewaren, das man aus seinem munde das gesetze suche. Maleachi 2, 7.
e)
der plur. lehren von den einzelnen bestandtheilen eines lehrsystems:
Saladin .. musz uns schützen;
bei allen rechten, allen lehren schützen,
die wir zu unsrer allerheiligsten
religion nur immer rechnen dürfen!
Lessing 2, 303.
3)
lehre, vereinzelnd, eine für bestimmte fälle gegebene belehrung, richtschnur, maszregel des verfahrens oder verhaltens; auch hier in verschiedener anwendung.
a)
im sing. eine lehre: wenn jr zusamen komet, so hat ein jglicher psalmen, er hat eine lere, er hat zungen, er hat offenbarung, er hat auslegung. 1 Cor. 14, 26 (griech. διδαχὴν ἔχει, goth. laisein habaiþ);
doch so viel tröstender
war mir die lehre, dasz ergebenheit
in gott von unserm wähnen über gott
so ganz und gar nicht abhängt.
Lessing 2, 262;
fünf dinge bringen fünfe nicht hervor,
du, dieser lehre öffne du dein ohr.
Göthe 5, 66;
einem eine lehre geben: ich gebe euch eine gute lere, verlasset mein gesetze nicht. spr. Sal. 4, 2; vgl. mhd.
ich darf wol guoter lêre.
Iwein 4876;
von einem buche:
er sprach: ich hab gezehlt mit fleisz,
all tag, die ich zu zehlen weisz,
von meiner hochzeit bisz hieher,
wie mein kalender gibt die lehr.
L. Sandrub kurzweil (1618) 105;
liebes kind, gehorch meiner lere, und verachte nicht meinen rat. Sir. 6, 24; diese lehre sollst du allezeit vor augen haben, hoc erit tibi argumentum semper in promtu situm. Steinbach 1, 1039; eine lehre annehmen; dafür auch ohne artikel, im collectiven singular, lehre annehmen, verhaltungsmaszregeln gern und zur nachachtung empfangen: rede; ich nehme lehre an: sprach der gute gott (Zeus). Lessing 1, 132.
b)
lehre ist namentlich auch die mit rücksicht auf ein bestimmtes vorheriges vorkommnis gegebene belehrung, mahnung, warnung: so lasz dir nun meine lehr und erjnnerung zu herzen gehen. volksbuch von dr. Faust s. 112 Braune; wie mich auch mein nachbawr darumb angesprochen, dasz ich seiner lehre folgen solte, von der zäuberey abstehen, und mich bekehren. 118; ich bedanke mich, Just. ich setzte die ehrlichkeit zu tief herab. ich will die lehre nicht vergessen. Lessing 1, 547; dieszmal schlosz er seinen vortrag nicht, wie sonst, mit einer lehre, die sich auf irgend eine beobachtete krankheit bezogen hätte. Göthe 26, 9;
er will die lehre geben:
das ende naht herzu.
P. Gerhard 97, 69 Gödeke;
dinge selbst geben eine solche lehre, insofern man aus ihrem vorkommen etwas beherzigt:
als Diogenes still in seiner tonne sich sonnte,
und Calanus mit lust stieg in das flammende grab,
welche herrliche lehre dem raschen sohn des Philippus,
wäre der herrscher der welt nicht auch der lehre zu grosz!
Göthe 2, 133.
sprichwörtlich heiszt es von einem schädigenden ereignisse unmittelbar, es sei eine lehre: das lasz dir eine lehre sein!; das soll mir eine lehre sein; zieh dir daraus eine lehre; aus diesem ereignisz zog ich mir jedoch keine lehre. Göthe 30, 269;
so sprachs (das kind), und schnitt sich in die hand.
die mutter kam. o welche harte lehre!
Gellert 1, 289;
soll mir das nicht eine lehre,
nicht ein wink sein, der mich warne?
Rückert liebesfrühl. (1872) s. 88;
und daher sogar: es war eine der ersten lehren, die er im zusammenstosz mit menschen erlitt. Scheffel Ekkehard s. 66.
c)
der plur., früher lehre, später lehren: mhd.
daʒ er aber al zehant
der buoche lêre anvienge
und den ouch mite gienge
vor aller slahte lêre.
Trist. 53, 25;
dis sint die wort des königes Lamuel, die lere die jn seine mutter leret. spr. Sal. 31, 1; weil sie leren solche lere, die nichts denn menschen gebot sind. Matth. 15, 9; schöne, kluge, scharfsinnige sprüche und reden, zierliche vortreffliche wort und auszbündige lehren. Philander 2 (1643) s. 192; was er durch seine lehren bessert, reiszt er durch seinen lebenswandel wieder ein, suam ipse sententiam vitae pravitate dissolvit. Serz 89ᵃ; einem gute lehren geben; ich brauche deine guten lehren nicht;
und wenns die götter nicht gewähren,
so acht auf eines freundes lehren,
und rufe selbst das unglück her.
Schiller ring des Polykrates;
doch den sänger vermisz ich, den bringer der lust,
der mit süszem klang mir bewege die brust,
und mit göttlich erhabenen lehren.
graf von Habsburg;
da von deinen lehren
immer weiter hören
Saki gerne will.
Göthe 5, 172;
höre, junge vogelbrut,
eines alten lehren!
Rückert vogelweisheit.
4)
in einigen verbindungen steht lehre passiv, belehrung vom standpunkte des empfängers aus, belehrtwerden, lernen (vgl. unten das verbum lehren für lernen): was aber vor hin geschrieben ist, das ist uns zur lere geschrieben. Röm. 15, 4; alle schrift von gott eingegeben, ist nütz zur lere, zur strafe, zur besserung. 2 Tim. 3, 16; sich gar auf die leer gäben alle geschäfft hindan gesetzt, asserere se studijs Maaler 266ᵇ;
worumb wolt ich brechen myn synn
und mit der ler mich bkümbren fast?
wer vil studiert, würt ein fantast.
Brant narrensch. 1, 21;
Crates syn gelt warf jn das mer,
das es nyt hyndert jnn zuͦr ler.
3, 32.
5)
darum lehre, bildung, wissenschaftliche erziehung, erlangte gelehrsamkeit:
die erst frag ist, was hat er doch,
man fragt der erberkeit nym (nimmer) noch,
oder der wiszheit, ler, vernunft.
Brant narrensch. 17, 27;
lehr, adel, tugent, künheit, zucht
seind zu der lieb nu gar ohn frucht.
Weckherlin 395;
lob ich dein wissenheit und lehr,
was du gesehen und erfahren.
448;
in die bedeutung weisheit überspielend:
ein angesicht voll lieb und ehr
und eine stirn voll licht und lehr.
448.
6)
lehre in der sprache der handwerker, wo es die nach den regeln des handwerks geschehende fachunterweisung bedeutet, die einer empfängt, und die dafür festgesetzte zeit: die lehre, prima rudimenta, tyrocinium, bei handwerkern. Frisch 1, 599ᵇ; es heiszt einen in die lehre geben, nehmen, in der lehre sein, aus der lehre kommen, laufen, die lehre durchmachen; einen in die lehre nehmen, accipere aliquem discipulum, einen einem in die lehre geben, aliquem in disciplinam alicujus tradere. Steinbach 1, 1039; sein gewesener lehrmeister bekennt die lehr, ... indem er lehrbrief und urkund gibt. Frisch 1, 599ᵇ; in der lehre sein, in discipulatum alicui se tradere. Serz 88ᵇ; ich erblickte das handwerk .. in einem so ehrenvollen lichte, dasz ich nicht erwarten konnte, bis man mich in die lehre that. Göthe 21, 23. auch in freierem sinne: ich bleibe noch .. in Italien. ich kann jetzt nicht aus der lehre laufen. Göthe 29, 58; einen in die lehre nehmen, ihn in ränken, kniffen unterrichten:
ich merke schon, sie nimmt ihn in die lehre;
in solchem fall sind alle männer dumm,
er glaubt wohl auch, dasz er der erste wäre.
Göthe 41, 89.
7)
lehre, modell:
mit fleisz und tugent wol gezieret,
bist du der spiegel und die lehr,
mit welchem dein geschlecht pachtieret.
Weckherlin 828;
namentlich in der sprache der handwerker, modell, masz, caliber. lehre, ein geräth mit einem ausschnitt oder einer hervorragung, dazu dienend einem andern gegenstande eine entsprechende oberfläche zu geben. Karmarsch 1, 231. in dieser anwendung ist das wort schon mhd., vgl. unter kugellehr theil 5, 2542, in neuerer zeit aber mehrfach umgedeutet zu leere, vgl. oben sp. 513 no. 3. es bedeutet bei den verschiedenen gewerken verschiedenes.
a)
die kugelform: der zeugwart sol die kuglen durch die lähren treiben, nachmals jede, dahin sie gehört, verordnen. Fronsperger kriegsb. 1, 86ᵇ.
b)
in der baukunst der hölzerne bogen, der unter ein zu schlagendes gewölbe gelegt wird, dann überhaupt das modell oder muster, wonach oder worüber eine sache geformt wird.
c)
im bergwerk, ein masz oder richtscheit, eine in einem mittelpunkt angebrachte latte u. dergl., wonach sich der bau richtet.
d)
beim glaser ein eisenblech mit löchern, bei der verbleiung der fenster gebraucht, durch welches das um die scheiben gelegte blei geht.
e)
beim schlosser jedes eiserne muster, ein schild, schlüsselloch, blech; namentlich ein stift oder eine öffnung in einem blech, um die stärke anderer stifte danach zu messen; ferner ein kleines werkzeug zum messen von allerlei öffnungen; endlich ein werkzeug, welches dazu dient, die röhren in den schlüsseln zu probieren, ob sie recht gerade sind.
f)
bei jägern und fischern das strickholz oder strickbrett, mittels dessen die maschen in den netzen gestrickt werden.
g)
beim seiler die dreirümmliche lehre, ein stumpfspitzer holzkegel mit drei rinnen oder rümmeln, zum verfertigen von leinen, die aus drei litzen zusammengedreht werden.
h)
lehre einer halbkugel, das masz, wonach der mechanikus die weite der kugel in der halbkugel zu einem stativ abdrehen will. Jacobsson 2, 585. 586.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1879), Bd. VI (1885), Sp. 554, Z. 18.

löhren, verb.

löhren, verb.
wie ein thier heulen, ein thierisches geheul ausstoszen, ein bis jetzt zufrühest aus Luthers schriften gekanntes wort: so rufen sie auch mich nicht an von herzen, sondern lören auf ihren lagern. Hos. 7, 14 (ἀλλ' ἢ ὠλόλυζον ἐν ταῖς κοίταις αὐτῶν septuag.); verächtlich für schlechten gesang: das .. nicht widerumb ein lören und dohnen draus werde, wie bisher gewesen ist (aus dem messelesen). 2, 258ᵇ; lören und heulen. 5, 295ᵇ; eben so ist alle jhr lören, in den stiften und klöstern. 8, 254ᵇ; wann danach euch die köpfe vom wein erhitzet waren, da fiengt jhr an zu jauchzen, zu rasen und zu lören, wie unsinnige leuthe. Phil. Lugd. 3, 225, nach:
denn weil jhr euch soffet voll wein, ...
fingt an zu jauchzen, rasen, lören,
zu rufen wie unsinnig leut.
Froschmäus. E vᵃ (b. 1, 1, 6);
es heiszt von etwas, wider etwas löhren: der bapstesel kan nicht mehr, denn allzeit auf seiner sackpfeifen ein liedlein pfeifen, und lören von gnugthun. Luther 3, 94ᵇ; hie heulet einer von einer gestalt des sacraments, da löret der ander wider der geistlichen ehe, hie billet einer von der messe, hie kreischet der ander von guten werken. 4, 382ᵇ; und transitiv, etwas löhren: on das sie die wort des psalters lören und wispeln. 6, 92ᵇ; welche lieder sie als wolbezechte volle leute daher sungen, göhleten und löhreten. anm. weish. lustg. 13. bei Alberus c 1ᵇ naenia .. lausig lied, das lörn; auch das schweiz. kennt lören und lörren als heulen Stalder 2, 180.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1880), Bd. VI (1885), Sp. 1143, Z. 30.

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Zitationshilfe
„löhren“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/l%C3%B6hren>, abgerufen am 16.10.2021.

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