Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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lose, adj. und adv.

lose, adj. und adv.
in mehrfachem sinne.
I.
Formelles.
1)
das adj. los sp. 1156 ff., welches, wie sp. 1157 betont, seine hauptverbreitung im niederdeutschen und noch im mitteldeutschen sprachgebiete hatte, war im oberdeutschen in beschränkterem gebrauch, indem es im eigentlichen sinne attributiv nur als zweites glied von zusammensetzungen stand, und auch prädicativ nicht häufig vorkam. wol aber hatte es bereits im ahd. eine übertragene bedeutung entwickelt, die auch ags. und altsächs. vorhanden, und die sich im mhd. verbreitet, wie sie ebenso mnl. und mnd. dauert, lôs in ethischem sinne, der tugend ledig: verumtamen vani fili hominum. aber doch uppige sint menniscon sune. uuellent ir iuh ze in fersehen, danne gesehent ir sie lôse, got ist aber tugedig. Notker ps. 61 (bei Hattemer 2, 209ᵇ);
und ob ein lôser vâre mîn,
dâ wider sol ein guoter man
sich selben in den zühten hân.
minnes. 1, 107ᵇ Hagen;
im mhd. tritt dazu die bedeutung locker auf, die, obwol im ahd. nicht nachgewiesen, gegen die eben erwähnte die ältere, weil sinnlichere ist, und die bis ins nhd. hinein dauert, vgl. los 9 sp. 1161. zu beiden bedeutungen ist die adverbialform mhd. lôse, ein ahd. lôso voraussetzend.
2)
von Mitteldeutschland her dringt lôs in prädicativer stellung und im eigentlichen sinne vor, und es liegen die anfänge dieses vordringens wol schon vor dem 15. jahrh. bestehen nun die alten oberdeutschen bedeutungen daneben fort, so gibt doch die völlig andere stellung, die diesen gegen jene eigen ist, veranlassung zur trennung auch der wortformen. dieselbe setzt bei der oberdeutschen adverbialform lose im sinne von locker ein, indem sie diese adverbialform auch als attributives und selbst prädicatives adjectiv verwendet, und das wort dergestalt von jenem los sondert. bereits im 15. jahrh. läszt sich die geschilderte verwendung nachweisen: lose, als die braden des schweisz, rarus. voc. inc. theut. n 2ᵇ; lose werden, rarefieri. ebenda; eben so ist sie bei Luther vorhanden (vgl. die beispiele aus Jes. 3, 24. 1 Sam. 1, 16 unten unter II, 1. 5), doch aber zeigt sich im übrigen eine lange zeit des schwankens, in welcher man zum theil noch los als adjectivform gefühlt hat, im unterschied von der adverbialform lose; nur ist die dauer dieser zeit und die frage, wie weit verbreitet die lebendigkeit dieses gefühls gewesen sei, schwer zu entscheiden, weil die flectierten formen des attributiven adjectivs den unterschied verwischen. immerhin führt noch im 17. jh. Schottel den letzteren nicht auf: los, liber, ledig, entfreit 1358, los, loser, ein loser mensch, homo subtilis, astutus 1359, und selbst Frisch 1, 622ᵇ folgt ihm darin; während wieder Stieler los liber 1177 von lose, malus, perversus, vitiosus 1179 sondert, unter nachfolge der späteren, namentlich Steinbachs, Gottscheds, Adelungs, Campes. in der modernen sprache ist lose, locker, leichtfertig, von los frei, durchaus unterschieden.
3)
die steigerungsformen des adjectivs wurden ehedem mit umlaut gebildet, wie die vom mhd. lôs:
ie lœser und ie lœser,
ie bœser und ie bœser,
sus stât ie der werlde sin.
Freidank 51, 19;
die ander mauer ist noch löser und untüchtiger. Luther 1, 291ᵇ; von wegen der lösesten ursachen. 11ᵃ; die allerleichtfertigsten, lösesten buben die man finden solte. 5, 234ᵃ; solchs thun die allerlösesten hummeln, so die erde tregt. 6, 149ᵃ; es gibt lose volk, das gerne säuft, noch löser volk, das so gerne verschleppt, und das allerlöste volk, das die flaschen gar mit einander behält. Chr. Weise liebesalliancen 210. solche umgelautete formen sind der neuern sprache ganz fremd.
II.
Bedeutung.
1)
lose, locker, unfest, von wenig zusammenhalt, zu dem adj. los 9 zunächst adverbialform: er nam auch samen aus demselbigen lande, und seet jn in dasselb gute land, da viel wassers ist, und satzt es lose hin. Hes. 17, 5; und ob sie eine zeit lang an den zweigen grunen, weil sie gar lose stehen, werden sie vom winde bewegt. weish. Sal. 3, 4; wer ein christ ist, der mus mit seinem glauben nicht so lose stehen. Luther 6, 226ᵇ; wie auch die spätere sprache das adv. lose in der bedeutung leicht anrührend, leicht, verwendet: um das lose-geknüpfte band noch fester zu ziehen. Göthe 22, 99; in allitterierender verbindung mit leise:
und horch! und horch! den pfortenring
ganz lose, leise, klinglingling!
Bürger 14ᵃ;
er schlich, umgürtet mit waffen und wehr,
so leise so lose, wie nebel, einher.
61ᵃ;
dann aber auch als adjectivform (wie das erste der folgenden beispiele ausdrücklich darthut), zunächst in bezug auf alles gebundene und verknüpfte, eigentlich und bildlich: und wird stank fur gut geruch sein, und ein lose band fur ein gürtel. Jes. 3, 24; die sich zusamen koppeln mit losen stricken. 5, 18; und hielten nicht, gleich wie ein loser bogen. ps. 78, 57; der wirth mag die beste seide anderswo vernähet haben, nun ists kein wunder dasz ihm sein loses garn nicht halten will. Chr. Weise kl. leute 36; die lose vereinigung der unter einander sehr verschiedenen völkerschaften. Schlosser weltgesch. 4, 480; fälle, .. wo eine innige, unauflöslich scheinende verbindung zweier durch gelegentliche zugesellung eines dritten aufgehoben, und eins der erst so schön verbundenen ins lose weite hinausgetrieben ward. Göthe 17, 55; freilich sind diese fäden nur dünn und lose, aber sie gehen doch durchs ganze stück und halten zusammen, was sonst auseinander fiele. 19, 161; damit ja alles loser und lockerer stoff werde. 20, 250; ein leichtes, loses tagebuch. 29, 73;
Karl, die ungarische pflaum hat ansehn; aber die zwetsch ist
honiggelb inwendig und süsz auf der zunge wie honig.
lose vom stein und am stengel gerunzelte wählen, ist regel.
Voss Luise 3, 1, 54;
in allitterierender verbindung mit leise: es wird immer weitere entfernung und endlich, wenns recht gut geht, leise, lose trennung werden. Göthe 29, 110;
sie kroch, als kröt, aufs räuberschlosz,
mit losem, leisem tritt.
Bürger 25ᵃ;
dann abends eilt zu liebchens thür
sein leiser loser schritt.
Uhland ged. 206;
ohne substantiv:
das alles hielt ich fest und mein,
nun aber lose, wird es dein.
Göthe 41, 216;
loses kraut, lockeres pulver: schreie niemand victoria, wenn er'n alten rostigen musquedonner einmahl mit loosem kraut abgebrannt hat! Claudius 3, 97.
2)
bisweilen in den begriff des freien, ungebundenen hinüber greifend, und hier näher an das adj. los sp. 1157 anrührend:
in der blonden locken loses schweifen
waren junge rosen eingestreut.
Schiller die kindsmörderin;
nun soll ich gar von haus zu haus
die losen blätter alle sammeln.
Göthe 1, 11;
in moralischem sinne: der losere zustand, in dem eine solche gesellschaft (schauspieler) lebt, macht ihre genossen mehr mit der schönheit der unverhüllten glieder bekannt als irgend ein anderes verhältnis. 23, 23; in den begriff frei, geschäftslos übergehend: man hatte immer etwas zu thun und zu kramen, wo sich nur ein müsziger loser augenblick zeigte. 29, 100.
3)
lose, von dem sinne des unfesten zu dem des haltlosen, unwertigen, untauglichen sich wendend: das volk bawet die wand, so tünchen sie dieselben mit losem kalk. Hes. 13, 10, diese wissen fur allen, das sie sündigen, wenn sie solche lose ding und bilder aus irdischem thon machen. weish. Sal. 15, 33; und hieltens für ein lose heilosze narung mit schweisz und arbeit etwas erobern. Frank weltb. 43ᵇ; unser seele ekelt uber dieser losen speise (ἐν τῷ ἄρτω τῷ διακένω τούτω). 4 Mos. 21, 5; und danach: bis den leuten davon ekelt als vor einer losen speise. Wieland in Mercks briefs. 1, 147; mir ekelt vor meinem manuscript so, wie vor einer losen speise. Hippel 14, 31; loses geld, solches das nicht gilt, keinen umlaufswert hat; und danach:
nicht werde durch die lose sühnung
der selbstgewählten abverdienung
das himmelreich gekauft!
Voss 5, 162;
in bezug auf worte und handlungen: jr rhümet ewer selb erwelet fasten seer hoch, aber es ist ein loses fasten, das ich wol möchte einem zerrissen und geflickten pelz vergleichen. Luther 6, 477ᵃ; was gelüstet aber den heiligen geist solch ding zu reden? es ist ein lose historien, menschlich zu reden. 4, 54ᵇ; wenn mans eben ansihet, sind es so lose fabeln, als hetten es eitel alte veteln gesagt. 59ᵇ; lasse nun dis einfeltige und schlechte historien sein, das keinen schein hat, das die veter in solchen losen werken einher gehen. 185ᵃ; das mag mir doch ja auch ein loser fauler grund sein. 321ᵃ; ist denn kein rat mehr bei den klugen? ist ihre weisheit so lose? Jer. 49, 7;
es ist nichts dran! sein lose mär!
es hat mir heint zu nacht getreumt.
B. Waldis Esop 4, 32, 36;
er will nicht mährchen über mährchen häufen,
die reizend unterhalten und zuletzt
wie lose worte nur verklingend täuschen.
Göthe 9, 112;
zum streit bin ich gekommen, zu losem schwatzen nicht.
Scheffel Ekkeh. 378 (Waltharilied).
4)
lose, nichtsnutzig, böse, sittenlos, von worten und handlungen; eine bedeutung, die sich der des mhd. lôs anschlieszt:
giht des diu herzogîn für prîs,
ob mîn bruoder mir mîn amîs
sleht durch ir lôsen rât?
Parz. 711, 19;
si sint mit lôsen worten palt,
ir triegen ist vil manicvalt.
Lichtenstein 645, 5;
sol ein weiser man so aufgeblasen wort reden, und seinen bauch so blehen mit losen reden? Hiob 15, 2; wöllen die lose wort kein ende haben? 16, 3; meide die ungeistliche lose geschwetz, und das gezenk der falsch berümpten kunst. 1 Tim. 6, 20; des ungeistlichen losen geschwetzes entschlahe dich. 2 Tim. 2, 16; der nicht lust hat zu loser lere. ps. 24, 4; ich hasse die da halten auf lose lere. 31, 7; (sie) verfüren mein volk mit jren lügen und losen teidingen. Jer. 23, 32; denn schlechte lose gewonheit zu artikel des glaubens machen, das ist gewisse abgötterei. Luther 6, 324ᵇ; gib mir den lohn, oder mein schäferstab und dein ohr sollen ein ding sein. uber solche lose wort unnützer buben klagt Hiob. Schuppius 169; die meisten lehnen sich gegen mich auf, und geben mir lose worte, wann ich, aus befehl des rahts, ihnen den gifttrunk überreiche. Hoffmannswaldau sterb. Socr. 147; und da habe er dem gegentheil die unkosten erstatten, auch oft wegen vergossener losen worte hauptsächlich in die büchse blasen müssen. Chr. Weise erzn. 94 Braune; bei einem herrn wolle mancher nicht ein loses wort einfressen, da er doch alle beförderung von ihm zu gewarten hätte. 96;
das jr nit denkt, es sei umb sunst
ein gdicht und losz betriegerei.
B. Waldis Esop 4, 66, 121;
wie man keinen klaget,
der nach losen händeln ringt,
und nach unglück selber jaget,
wenn ihn solches nun umbringt.
Soltau volksl. 521 (von 1692);
ein mann, der lose künste trieb,
comödien und verse schrieb,
er war, wie ich mit recht behaupte,
ein neuling und ein bösewicht.
Gellert 1, 19;
und jeder hieng der richter dann
ein loses wort für ihren hahnrei an.
Lessing 1, 120;
auch von den werkzeugen des sprechens: dieses weib hat eine lose zunge; einer rühmte sich, als wär er wegen seines losen mauls allenthalben im beruf. Chr. Weise erzn. 206 Braune; dein loses maul, dein böses gewissen verführen dich zu solchem geschwätz. Göthe 8, 246;
muszte sein vater doch auch, den euer vater begünstigt,
viel von losen mäulern erdulden, und falschen verklägern.
40, 153.
5)
lose, von dergleichen menschen, ebenso wie im mhd. lôs:
die valschen und die lôsen,
die die reht verbôsen
mit ir listen kunden.
Meier Helmbrecht 969;
nhd.: und AbiMelech bestellet da mit (mit dem gelde) lose leichtfertige menner, die jm nachfolgeten. richt. 9, 4; und es samleten sich zu jm lose leute. 11, 3; so sprach aber Simei da er fluchte, er aus, er aus du bluthund, du loser man. 2 Sam. 16, 7; und stellet zween loser buben fur jn, die da zeugen, und sprechen, du hast gott und dem könig gesegenet. 1 kön. 21, 10; zu schanden müssen sie werden, die losen verechter. ps. 25, 3; ein loser zeuge spottet des rechts, und der gottlosen mund verschlinget das unrecht. spr. Sal. 19, 28; du wollest deine magd nicht achten, wie ein lose weib. 1 Sam. 1, 16; und allerlei falsche zeugen gesucht, wie man noch solcher losen leute findet. Hennenberger preusz. landtafel (1595) 227; hie siehet man, was zu zeiten ein loser mensch für unlust anrichten könne. 230; Judas seye nie kein rechter jüde, sondern ein loser hallunke gewest. Ayrer proc. 2, 10; redlicher leute schelten, gilt für loser leute loben. Logau 1, 67, 70 überschrift; lose leut, welche fraszen, soffen, hurten, bubten, und solche dinge thäten, die gott endlich nicht durch menschliche, sondern mit eigenen händen strafte. Schuppius 141; unterdessen schreit der lose dieb (ein junge, welcher strafe bekommt), als steckte er an einem spiesze. Chr. Weise erzn. 147 Braune; der lose knecht, der er immer war. Kant 6, 387; schon von der schule her war er für einen losen buben bekannt. erwachsene mädchen führten klagen über seine frechheit, und die jungen des städtchens huldigten seinem erfinderischen kopfe. Schiller 706ᵇ;
man weiszt jhr teüfelswerk und trug,
die losen buͦben seind nicht werdt,
das man die zung mit jhn beschwärdt.
Fischart secten- u. kuttenstreit 279;
ich sprach: das seind losz kuttenflegel,
das sie Franciscum und sein regel
hie erst zuͦ eim zankeisen machen.
315;
ihr losen schelmen allgemein
treibet so grosze büberei.
L. Sandrub kurzweil 182;
so kom doch, herr, der losen schmaichler schar,
weil es zeit, auszzurotten.
Weckherlin 43;
gewisz wem eine stadt ist gänzlich anvertrauet,
und er den besten raht nicht zu ergreifen schauet,
rührt nur die zunge nicht aus bloszer furcht allein,
der dünkt mich ietzt und stets ein loser mensch zu sein.
Opitz 1, 170;
(wohl ihm) der sich getrost auf gott und sich selbst steifen kan,
und sehen unverwand den grimmen eifer an,
den an der losen welt der böse himmel übet.
Fleming 60;
lose buben können wol
unsern stein der allzeit stille lieget
werfen koth und schlammes voll.
v. Gersdorf bei Gryphius 1698 2, 499;
o Reineke, falscher verräther!
loses geschöpf!
Göthe 40, 29;
der könig
sprach das urtheil selber. da schwebte dem losen verbrecher,
als sie ihn fingen und banden, sein klägliches ende vor augen.
63;
falsch und behende,
lose und tückisch kennen wir ihn.
151.
6)
bisweilen auch in einem abgeschwächteren sinne, von menschen, die niedrig stehen, etwa wie schnöde, verächtlich, erbärmlich: die kinder loser und verachter leute, die die geringsten im lande waren. Hiob 30, 8; die münch haben meinen bruder mit falschen worten hindergangen, dasz er den ritterlichen orden verschmähet hat, und ein loser münch worden ist. buch d. liebe 274ᵈ;
denn er (S. Peter) ein loser fischer war.
L. Sandrub kurzweil 69;
ich dörft dir wol den kreben schlagen
an deinen kopf, du loser pfaff.
74;
den die säu vor hörten nicht
wann er sie stall-ein getrieben,
der hat fürsten jetzt vernicht.
denn es gieng ein loser mann
ofters einen beszren an.
Logau 2, 244;
von gegenständen, in der anrede: o, ihr lose, boshafte gestirne! Schiller räuber 5, 2; und auszerhalb derselben:
hie disen losen leib (sprach sie) stich durch mit macht,
der disen wühterich in dise welt gebracht.
Weckherlin 801;
betrübt,
dasz an der losen leidigen wand,
nicht auch ein götterbildnis stand.
Göthe 2, 200;
in einer allgemeinen fügung, wie böse, übel:
Rosella, o du schöne rose,
ein wurm ist in dir; das ist lose!
Logau 3, 166, 65.
auch in der Oberpfalz heiszt los (für lose, wie bös für böse steht) übel, schlimm, schwer. Schm. 1, 1518 Fromm.; ebenso im Hanauschen los, comparativ löser, schlimm, übel. Vilmar 253.
7)
lose, in der bedeutung weiter gemildert, und nicht mehr in streng tadelndem sinne, mehr wie leichtfertig, zu schelmereien geneigt, durchtrieben: als er noch klein war, der vetter, da sei er ein loser schelm gewesen, da hätts geheiszen: der verdirbt nicht, der wird seinen weg schon machen! Schiller parasit 2, 7; der hausfreund hat viel gute freunde am Rhein auf und ab, .. unter andern ein paar lose. Hebel 3, 7; das lose volk hatte einen strohmann angefertigt. Scheffel Ekkeh. 153;
wohl dir! dein kleiner busen kennt
den flitterprunk der welt
und Amorn nicht, den losen gott,
der schlaue netze stellt.
Hölty 122 Halm;
hat, Aurora, dich auch Amor, der lose verführt?
Göthe 1, 278;
ein loser vogel kann auf einen eigentlichen vogel gehen: Amorn, den losesten aller vögel, zierten ein paar regenbogenfarbene schwingen. er .. ist unstreitig ein vogel! 14, 107;
und seht die schönen vögel,
sie stehen zum verkauf.
zuerst beseht den groszen,
den lustigen, den losen!
1, 43;
ich meint, es hab durchstrichen
ein loser vogel den hag.
Uhland ged. 227;
meist ist die bezeichnung auf menschen gewendet: o hätte ich das geld versoffen (anstatt es mit gesellen zu verspielen) ... so musz ich mit dürrem halse davon gehen, und habe nicht so viel darvon, dasz die losen vögel mir gedankt hätten. Chr. Weise erzn. 34 Braune; ich war immer ein loser vogel; der fakir, mein hofmeister, ... hatte seine liebe noth mit mir. Wieland 6, 212; bisweilen thut auch ein loser vogel dem visitator einen schabernack an. Hebel 3, 9;
den losesten vogel
scheucht er heute, der ihm gärtchen und nichte bestiehlt.
Göthe 1, 284;
ein loser streich, ein loser gedanke; wie oft hat ein nicht übel gemeinter loser einfall feindschaften erweckt und nachtheile befördert. Herder zerstr. bl. 2, 166;
spiele nur immer deine losen tänze,
flüchtiges dunstkind (irrwisch).
Stolberg 1, 1;
umkränzt von rosen, wunderlich umgaukelt
vom losen zauberspiel der amoretten.
Göthe 9, 131;
ein loses leben: wie viele ihrer dichter haben nicht in der jugend ein loses und rauschendes leben geführt. 26, 215;
ja, das war schon ein ander ding!
alles da lustiger, loser ging,
soff und spiel und mädels die menge!
Schiller Wallenst. lager, 6. auftr.
8)
lose endlich auf junge mädchen bezogen, wo nur noch das anmuthig-schelmische hervorgehoben wird, wie im mhd. lôs:
dô man si lopte alsô reine unde wîse,
senfte unde lôs;
dar umbe ich si noch prîse.
minnes. frühl. 122, 26;
nhd.: du loses kind, du hast mir mein herz genommen! Chr. Weise kl. leute 219; keinen seitensprung, lose! (Lady zu Luise). Schiller kab. u. liebe 4, 7;
allein je reizender die losen mädchen sind,
um desto weniger kann man ihr herz erwerben.
Gellert 1, 80;
euch, lose mädchen, hör ich sagen:
du bist ja alt, Anakreon.
Lessing 1, 69;
du trauest den losen,
sie lachen und stoszen
ganz freundlich den dolch in das herz uns hinein!
Stolberg 1, 123 (die mädchen);
und an diesem zauberfädchen,
das sich nicht zerreiszen läszt,
hält das liebe lose mädchen
mich so wider willen fest.
Göthe 1, 78;
ebenso auf ihre reize, ihr treiben:
(den jüngling) dem ihr loses auge lacht.
Zachariä poet. schriften 2, 291;
du sollst mir fein mit küssen
die losen lügen büszen.
Lessing 1, 52;
als Chloens lose hand
den blumenkranz um seine stirne wand.
Wieland 9, 102;
dort warfst du mir mit loser hand
die beeren in den mund.
Stolberg 1, 75;
das eitle flittermädchen
vergasz bei dir des fächerspiels,
des losen winks,
und aller ihrer mädchenkunst.
Voss 3, 39;
vgl. mhd.: ach herre got, wie rehte lôs,
sach ich von ir ein lachen.
minnes. 2, 21ᵇ Hagen;
auch mit mild tadelndem anklang:
o du loses leidigliebes mädchen,
sag mir an, womit hab ichs verschuldet ...
Göthe 2, 102.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1881), Bd. VI (1885), Sp. 1181, Z. 38.

lose, f.

lose, f.
mutterschwein; ein im Oberdeutschen altbezeugtes und noch lebendes wort: porca losa. voc. opt. 44, 86; losze, vulg. more, scroffa. voc. inc. theut. n 2ᵃ; porca ein losz, ein mor. Dasypod.; die loosz, porca, ein muͦterschwein, mor, scrofa. Maaler 275; noch jetzt bair. die lôs mutterschwein Schm. 1, 1516 Fromm.; schweiz. los, loos Stalder 2, 180. Tobler 304ᵇ; und als er von dannen gienge fand er ein losen mit fäckelin (lies färkelin) auf der waid. Steinhöwel (1487) 55; wie ein vertrunkne loos so voll wirdt, das sy spysz und trank von ir gibt. Diogenes E 3ᵇ; achtzehn färlin zu einer losz. Sebiz feldb. 132 am rande (im texte more); die loosen mögend zuͦ den äberen getriben werden, von anfangs hornungs bisz auf mitten merzen. Forer thierb. 144ᵇ; aber was geht uns die losz oder mor an, ein sau soll rosen riechen, die die bauren hinder die zäun setzen. Fischart bienk. 258ᵃ; wenn man den losen auswerfen und jnen gleich wie den camelen verschneiden wil, gibt man jnen in zweien tagen nichts zu fressen. Plinius von Heyden 228; die losz wird in ihrem laufe so wutend und grimmig dasz sie auch etwan menschen anfellt. 231; das der speck von einem verschnitnen schwein sei und nit von einer verschnitnen loosen. Seuter rossarzn. 112; als nun eben die losz oder saw im haus junge gemacht hatte. exil. melancholiae (Straszburg 1655) 556. übertragen auf ein unzüchtiges weib: von einer solchen alten, auszgemergelten losen. Zimmer. chron. 2, 148, 28;
hün zun teufel mit denen wusten losen!
die aim gueten gesellen an die stang henken die hosen.
123, 14.
auch im bairischen ist los schimpfname, wodurch eine weibsperson unreinlich gescholten wird (Schm. a. a. o.); im alemannischen bezeichnet es eine weibsperson von säuischer lebensart, physisch und moralisch, und in Zürich hat sich dazu das verbum losen, loosen, der weiblichen ehrbarkeit zuwider handeln, sich unflätig betragen, herausgebildet (Stalder).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1881), Bd. VI (1885), Sp. 1186, Z. 18.

löse, f.

löse, f.
lösung;
1)
in der rechtssprache Niederdeutschlands wiederauslösung eines verpfändeten gutes. Lexer mhd. handwb. 1, 1957; aufkündigung eines kapitals oder eines gemieteten hauses. brem. wb. 3, 87: die zinsen, oder das damit verknüpfte recht des gläubigers, das anlehn zu lösen, ist durchaus dem eigenthum und der freiheit zuwider. ein krieg, ein miswachs .. können tausend eigenthümer nöthigen, sich zu verschulden. beruhet es nun in der wahl der gläubiger, den unbequemsten zeitpunkt zur löse zu nehmen: so musz er sich alle ihre güter zum nachtheil des staats zueignen. Möser patr. phant. 2, 97; genug, die löse oder das anlehn auf zinsen musz bei landeigenthümern schlechterdings aufhören. 102; er soll es seinem gläubiger ein halb jahr vorher sagen, wenn er ihn bezahlen will; er soll erwarten und allezeit fertig sein, wenn der gläubiger ihm eine halbjährige löse thut. 103 (und noch öfters bei demselben).
2)
lösegeschenk, weihgeschenk: der dreifus, welchen die Griechen als eine löse von der persischen beute nach Delphi geschenkt. Heilman Thucyd. 149 (ἀκροθίνιον b. 1, cap. 132).
3)
in örtlichem sinne: löse ein abzugs- oder abwässerungsgraben ('in einigen gegenden'). Jacobsson 6, 472ᵃ; die löse, das ort ze underst im schiff, da sich aller wuͦst und unflat oder wasser hinzeucht und versamlet, sentina. Maaler 274ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1881), Bd. VI (1885), Sp. 1186, Z. 52.

losen, verb.

losen, verb.
das los gebrauchen, mhd. lôʒen, von los, mhd. lôʒ sors sp. 1153 gebildet, im ahd. noch nicht nachzuweisen, wo starkes hlioʒan (vgl. ebenda) sortiri ausdrückt. es steht intransitiv und transitiv.
1)
intransitiv,
a)
das loos werfen oder ziehen: loszen sortiri. voc. inc. theut. n 2ᵃ; loszen, das losz ziehen oder werfen, ducere sortem, sortiri, mittere sortem Maaler 274ᶜ; mit der präp. mit (einem), um (etwas), oder mit abhängigem satze: losze nu drumb sie aus zuteilen unter Israel. Jos. 13, 6; thue ein stück nach dem andern heraus, und darfest nicht drumb loszen, welches erst eraus solle. Hes. 24, 6; und einer sprach zum andern, kompt, wir wollen loszen, das wir erfaren, umb welchs willen es uns so ubel gehe, und da sie loszeten, trafs Jonam. Jon. 1, 7; da sprachen sie unternander, laszet uns den (rock) nicht zuteilen (zertheilen), sondern darumb loszen, wes er sein soll. Joh. 19, 24; mit etlichen loszen, das losz werfen, wölcher under jnen etwas werde haben, sortiri aliquibus. Maaler 274ᵈ; um eine erbschaft losen, revocare hereditatem ad sortem. Stieler 1181; um gesellen im spiele losen, sortiri partes in ludo. ebenda; missethäter lassen losen, welcher sterben soll, sortione in aliquos animadvertere. Frisch 1, 623ᵇ; weil beide parteien darinnen (in dem Plautusschen stücke) um die Casina loszen. Lessing 3, 25; das fleisch gibt wintervorrath für uns zweibeide; ums fell losen wir. Scheffel Ekkeh. 337. in bildern:
dem, der mit der hoffnung loszt,
ist das kleinod oft bescheret.
Günther 98;
du aber jetzt mein ander leben,
mein licht, mein Daphnis und mein trost!
dem mich des himmels hand gegeben,
mit der dein wunsch geloost.
350.
bei der aushebung von soldaten wird das losen angewendet; daher sich zum soldaten losen, sich frei losen.
b)
ein geschick vorher verkünden, weiszagen:
ir lôʒen unde ir wîssagen
erfüllet wurden ûf ein ort.
troj. krieg 23390;
(die Franken) haben auch grosze acht wie die xij tag (zwischen weihnachten und dreikönigen) wittern oder loszen, also soll ein yeder monat wittern. S. Frank weltb. 50ᵇ; etwar ab wol loszen, für ein guͦt loszzeichen aufnemmen, accipere omen. Maaler 274ᶜ; und auch transitiv (wie unten 2): ausz einsi worten loszen guͦts oder bösz, weissagen glück oder unglück, ominari. ebenda; anno domini 1104 hat man gesehen blut usz dem brot flüszen ... und nach verglichnusz der alten römischen historien was etwan usz solchen wunderzeichen gevolgt, ward gelooset, es wurd ein inländischer burgerlicher landtkrieg und blutvergieszen bedüten. Tschudy 1, 45ᵃ.
c)
losen, ein spiel:
sitz oft ob eim spil, heist das losen,
das frasz mir wol wammes und hosen.
H. Sachs 5, 357ᵇ;
ein spil ich klag,
das heiszet man das losen,
galt mantel und auch hosen.
Mittler d. volksl. 857 (von 1593);
es ist wol nicht das von Dasypodius gemeinte: micare digitis, mit den fingeren spielen, oder loszen, ist ein kurzweil und spil gewesen bei den alten, da man die finger aufstrecket, und lasset den anderen rahten wie vil iren sint.
2)
transitiv, durchs los bestimmen, auslosen, verlosen: solche sieger waren wir einst auch, da wir, nachdem durch das blut der zwanzig centurione der bund gemacht war, die beute vor der schlacht losten. Klopstock 9, 254; die künftigen sieger hatten die weiber der besiegten schon unter sich gelost. 12, 293; sie würden aus freier neigung sogleich drei anwalde losen, und sie ihnen, soweit sie nur kommen könnten, entgegen gehen lassen. 395; vergl. mhd.:
si (die minne) kan ir meisterschaft ungelîche lôʒen:
ir last ist ûf mich einen gar gelœtet,
und lât si frî die schœnen.
H. v. Laber jagd 675.
durchs los erlangen: sortilegus, eigentlich der so durchs losz etwas sortet, schrotet, loset, liset oder abnimmet. Fischart in Bodins magor. daemonomania (1591) 55;
mag Fortuna sich erbosen,
selbst will ich mein glück mir losen
in dem wein.
Arndt ged. (1840) 323.
vgl. erloszen theil 3, 907.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1881), Bd. VI (1885), Sp. 1187, Z. 32.

losen, verb.

losen, verb.
horchen, hören; ahd. hlosên, hlosôn, losên, mhd. losen; ein wort, der neueren schriftsprache gänzlich unbekannt, und von jeher nur auf oberdeutsches gebiet eingeschränkt. schriftwerke, die hier entstanden sind, brauchen es im 16. jahrh. noch häufig, im 17. jahrh. wenigstens noch hie und da; seitdem hat es sich ganz in die mundarten zurück gezogen, wo es indes noch ein kräftiges leben führt (unten no. 7). das verbum steht in verschiedener fügung.
1)
absolut, hören, aufmerken was vorgetragen wird: so stunden sie da, losen eben als ein esel der zuloset eim der die luten oder uf der harpfen schlieg. Keisersberg narrensch. 192ᵃ; gewöhnlich als aufforderung verwendet: los, los, dir Cherea musz ich etwas sagen. Terentius deutsch (1499) 46ᵇ; losent, herr! der narr sagt warlich von Bern. Schade sat. u. pasqu. 3, 216, 18; sprach zu seinen gesellen: losend, losend, gott ich hör ein trümmel. Kirchhof wendunm. (1602) 1, 405;
darumb merk eben uff und losz.
P. Gengenbach Nollh. 349;
groszmächtiger fürst hör und losz,
ich verkünd dir ding, sind worlich grosz.
479;
nun los und schwige jederman.
J. Funkelin in Tittmanns schausp. des 16. jahrh. 1, 177, 123;
drumb losent wytter, ist min bitt.
trag. Joh. A 6;
in der imperativform losa (vergl. dazu die formen horcha und höra theil 4², sp. 1802. 1810): losa, ist ein wort dardurch wir aufmerkung begärend desse mit dem wir denn reden, ehodum Maaler 274ᶜ; ach losa, nit betöb von einer sach mich oft. Terent. deutsch (1499) 97ᵃ; selbst als aufforderung an mehrere: losa, losa, trinket ehe euch der Bachus tringt. Garg. 90ᵇ; vergl. mhd.:
legent an der êren wât,
swâ nu liep bi liebe gât,
den gît meige süeʒen rât:
losâ, losâ, wie die vogele singent!
minnes. 1, 25ᵇ Hagen.
2)
mit dativ der person oder sache, einem losen, zuhören, aufmerksamkeit schenken, gewöhnlich mit dem beisinne des folgens: und sagt im sovil, dasz im der ochs losen began und sprach zu im: was du wollest, sei dir erlaupt. d. städtechr. 5, 229, 20; losend dem gottswort: denn das wirt üch allein widerum zerecht bringen. Zwingli in Wackernagels leseb. 3, 1, 262; dem volge und losz. S. Frank chronica vorrede a 3ᵇ; dieweil man euch ewerem blawen dunst loset und glaubet. Paracels. opp. 1, 62 A; losen mir, jhr humoristen. 583 B; solch findt man etwan fantasten, mit denen man ein ganz jar zuͦ schaffen hett, so man jnen losete. Wickram rollw. 33, 4 Kurz; eim losen, mit jm lassen reden, colloquium alicui dare, dare alicui aures, aurem accomodare alicui Maaler 274ᶜ;
Adam, diewyl du gloset hast
der stimm dins wybs und gessen hast
vom boum, darvon ich dir gebot u. s. w.
Rüff spyl v. d. erschaffung Adams u. Heva D 5ᵃ;
ohne jenen beisinn, und in mischung mit der fügung unten no. 4:
ich bin da gstanden an eim ort,
dem jungherrn gloszt auf seine wort.
Berchtoldus red. s. 21.
3)
losen, mit accusativ, etwas hören, ist selten:
hie mugt ir grôʒ wunder losen,
daʒ im der kocke (ein schiff) widerfuor,
als mir diu âventiure swuor.
Parz. 58, 14;
der abt stuͦnd sunder an eim ort,
sagt zuͦ seim vettern losz ein wort,
lieber sag mir, wo kumpst yetz her?
Wickram pilger T 3, bl. 71.
4)
losen auf einen oder etwas, aufmerken (vergl. auflosen theil 1, 688):
los uf min sackpfifen eben!
N. Manuel 16, 76 Bächtold;
sein hörnlein tet er (der jäger) blasen;
sein lieb under einer stauden sasz,
tet auf den jeger losen.
Uhland volksl. 239;
mit dem beisinne des acht habens oder folgens:
so lost er uff dein prophety,
die du am himmel hast gesehen.
P. Gengenbach Nollh. 1311 Gödeke.
5)
losen, mit abhängigem satze: darumb prediget man dir, das du losest, was man sag. Keisersberg evang. (1517) 126ᵃ; los guter gsell, wie es mir gangen ist. Pauli schimpf (1546) 16;
darumb söllend wir gar fliszig losen,
was der bapst welle von uns han.
N. Manuel 64, 859 Bächtold;
herren und gsellen, losen was wir wellen
üch hie erzellen.
J. Kolrosz in Wackernagels leseb. 2², 25;
losz was ich dir hie sage.
P. Gengenbach alt eidgnosz 345;
loszt wie die trummel schindert.
Fadingerlied (1626) in Görres' hist.-pol. bl. 33, 952.
6)
losen, heimlich horchen: vor der thüren losen, auscultare ab ostio Maaler 274ᶜ; lag da etlich tag still zu losen, wie der gemein mann gesinnet wäre. Tschudi 1, 235; Achimenes fande die thür beschlossen, ... gieng an die thür zu losen, hörete wol, dasz jemandts darinnen weinete. b. d. liebe 211ᵃ; die hunde bellen mich an (sagt ein vagabund), die schergen losen und lauren auf mich. Abele gerichtsh. (1684) 1, 434.
7)
losen lebt jetzt noch im bairischen sprachgebiete, als losen und lusen, sowie in der weiterbildung lusnen (die zu ags. hlosnian auscultare tritt, vgl. auch unten losnen), und nicht nur in der bedeutung horchen, sondern auch zuwarten, nachsinnend, unentschlossen, betroffen sein. Schm. 1, 1515; tirol. losen, horchen, leise ins ohr flüstern Schöpf 398; kärntn. lousen, hören, horchen, aufmerken Lexer 181; im lusernischen lôsen hören, horchen, messe lôsen messe hören Zingerle 41ᵇ; ähnlich in Ober- und Niederöstreich u. s. w.; ferner im Egerlande luesen horchen, lauschen Fromm. 6, 173; in Nürnberg:
dâu lûs i in mein gärtle
af 's prîdiläuten hêi (hin).
1, 145;
schwäbisch losen aufhorchen, gehör geben Schmid 362; schweizerisch losen, hören, horchen, mit löszeln, listig, auf eine feine art aufmerken Stalder 2, 181; so wär es zlose i dr predig, es düechs, es möcht all tag e seligi ghöre. J. Gotthelf schuldenb. 88; loset was ich euch will sagen! die glocke die hat zwei uhr geschlagen, und gelt, wir müssen jetzt aufs ried? Pestalozzi Lienh. u. Gertr. 3, 212;
loset, was i euch will sage!
d'glocke het zehni gschlage.
Hebel 1, 157;
ebenso endlich im ganzen Elsasz.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1881), Bd. VI (1885), Sp. 1188, Z. 27.

losen, verb.

losen, verb.
los werden, mhd. lôsen; in verschiedenem sinne.
1)
sich eines dinges entäuszern, einbüszen, begegnet, wie schon mhd. als ge-lôsen, mit dem gen.: vertoppelt aber her (der knecht) sînes selbes (des herren) gût oder verseczet erʒ oder zu swilcher wîs ers gelôset mit sîme willen. Sachsenspiegel 3, 6, 2; mit acc.: darum man solche pferde (die würme haben) gern wider geloset. Colerus hausb. 275; daher die folgende participialform in reflexiver fügung jedenfalls auch zu gelosen und nicht zu einfachem losen gehört:
sind grosze kinder grosze sorgen,
so ists ja besser heut als morgen,
dasz ihr euch ihrer habt gelost.
P. Fleming 349.
2)
losen, los werden, frei werden, herauskommen:
das haupt gekränzt mit jungen rosen,
die eben aus den knospen losen.
Tieck 4, 131.
3)
in der sprache der jäger, die losung (s. d.) von sich geben: weil der wolf, um seinen heiszhunger zu befriedigen, ohne unterschied alles, was ihm vorkömmt, verschlinget, so speiet er oft und loset noch öfter als er sich anfüllet. Heppe jagdlust (1783) 1, 365.
4)
die bedeutungen des mhd. lôsen arglistig sein, auch schmeichlerisch sein (mhd. wb. 1, 1035ᵃ), die sich an mhd. lôs, das spätere lose (sp. 1181 fgg.) ansetzen, sind nhd. erstorben.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1881), Bd. VI (1885), Sp. 1189, Z. 62.

lösen, verb.

lösen, verb.
los machen; wie das ihm zu grunde liegende adjectiv ein gemeingermanisches wort: goth. lausjan; altnord. leysa; alts. altnfr. lôsian, lôsan; ags. lŷsan; fries. lêsa; ahd. lôsan, mhd. lœsen (prät. lôste, welcher rückumlaut nach dem mhd. bis auf spuren verschwindet, vgl. Jes. 52, 3 unten unter 4). es hat sich im hochdeutschen, wie auch in den verwandten neueren dialekten, in reicher bedeutung entwickelt.
1)
lösen, aus fesseln, gefangenschaft, noth; mit allgemeinem, aber persönlich gedachten object: und wil dir des himelreichs schlüssel geben, alles was du auf erden binden wirst, sol auch im himel gebunden sein, und alles was du auf erden lösen wirst, sol auch im himel los sein. Matth. 16, 19; einen lösen: invoca me in die tribulationis, et eruam te .. und harê mih ana, so dir nôt sî, unde danne lôse ih dih. Notker ps. 49 (Hattemer 2, 176ᵇ);
dô si (die gebundene Lunete) sich missetrôste
daʒ si nû niemen lôste,
dô kom ir helfære.
Iwein 5162;
denn wo sind sie nu, die zu Christo sprachen, er hoffet auf gott, der löse jn nu, hat er lust zu jm? Luther 3, 236ᵇ; der herr löset die gefangenen. ps. 146, 8; in der neueren sprache ganz ungewöhnlich: löset meinen (gefangenen und verurtheilten) sohn, gebt ihn mir zurück! Klinger 1, 345, weil hier das schon im ahd. mhd. häufige erlösen (theil 3, 906 fg.) platz gegriffen hat. bergmännisch arbeiter lösen, ablösen. Veith bergwb. 329.
2)
lösen, frei machen, entledigen, auch mit angabe wovon, durch die präp. von oder aus vermittelt, in welchem falle wol auch ein kräftigeres los lösen (sp. 1168) eintritt: du lôsest den uuênegen mennischen ... fone derô tiefalô handen. Notker ps. 34 (Hattemer 2, 118ᵃ);
nu lôste got der rîche
den phaffen von der selben nôt.
pf. Amis 306;
der öberst heubtman ... löset jn (Paulus) von den banden. ap. gesch. 22, 30; solt aber nicht gelöset werden ... diese, die doch Abrahams tochter ist, von diesem bande, welche Satanas gebunden hatte? Luc. 13, 16; lösete mich aus der dienstbahrkeit. pers. rosenth. 2, 27; um die herren von der unterhaltung (die lästig ward) zu lösen. Freytag handschr. 1, 148;
di frumen löszt er (der tod) ausz der not.
Schwarzenberg 151ᵃ;
tag, der von dem erde-klumpfen und der laster last uns löst.
Logau 2, 199, 24;
der du mich von dem joch
der feinde lösest.
Stolberg 14, 291;
so lös ihn von den banden jenes fluchs.
Göthe 9, 59;
man musz sich freunde verschaffen!
denn durch sie vergibt man die sünden und löset die völker
aus dem banne.
40, 141,
wie niederd.:
unde loset dat volk ût deme ban.
Reineke fuchs 4219.
3)
statt der präp. steht nach älterer weise der genitiv: sô ist her der gewere gelôset mit rechte. Sachsensp. 2, 24, 2; vor einer feierlichen versammlung in Brüssel löste er die generalstaaten ihres eides. Schiller 787ᵃ;
als nun beide gelöst der mächtigen bande sich fühlten.
Odyssee 8, 360.
4)
lösen, einen durch opfer an geld oder gut befreien, loskaufen: Johannes von Dalmatia .. der loset vil manig tusent gevanger lute mit der cristenheit schatz. d. städtechr. 8, 21, 17; (der papst) fuͦr do durch Frangrich und loste vil gefangen. 9, 540, 7; die erste geburt vom esel soltu lösen mit einem schaf, wo du es aber nicht lösest, so brich jm das genick, aber alle erste menschengeburt unter deinen kindern soltu lösen. 2 Mos. 13, 13; man sol kein verbantes verkaufen, noch lösen, das jemand dem herrn verbannet, von allem das sein ist, es sei menschen, vieh, oder erbacker, denn alles verbante ist das allerheiligst dem herrn. man sol auch keinen verbanten menschen lösen, sondern er sol des todes sterben. 3 Mos. 27, 28. 29; also spricht der herr, jr seid umb sonst verkauft, jr solt auch on gelt geloset werden. Jes. 52, 3 (variante erlöset); wiewol aber Simon wol merket, das eitel betrug war, schaffet er dennoch, das dem Tryphon das gelt und die kinder geschickt wurden, das das volk nicht uber jn klagte, Jonathas hette derhalben müssen umbkomen, das er jn nicht hette lösen wollen. 1 Macc. 13, 18; rechtssprichwort das guth löset seinen mann, praedium redimit sive liberat suum dominum. Pistorius thes. par. 10, 22;
mit reichem golde löst er den geliebten sohn.
Schiller jungfrau 2, 7;
siehe, dein sohn ist jetzo gelöset, o greis, wie du wünschtest.
Ilias 24, 599;
rücksichtlich einer schuld im wirtshause, vgl. dazu auslösen 3, theil 1, 912:
auf montag sie auf Enszhaim zugen
und fortan jr nachtläger schlugen
bei den aidgnossen zu Mülhausen,
die sie mit fräuden da behauszten,
löszten sie kostfrei von dem wirt.
Fischart glückh. schiff 1035.
5)
lösen, in bezug auf thiere, losbinden: löset nicht ein jglicher unter euch seinen ochsen oder esel von der krippen am sabbath, und füret jn zur trenke? Luc. 13, 15;
auf, noch nicht den geschirren entspannt die stampfenden rosse! ..
aber, nachdem wir die herzen des traurigen grames erleichtert,
lösen wir unser gespann.
Ilias 23, 11;
lösen, die hunde, bei den jägern, für losmachen, emittere, feris immittere Frisch 1, 622ᵇ.
6)
lösen, mit sächlichem object, etwas fesselndes oder festsitzendes abthun, wegnehmen, stärker auch los lösen (sp. 1168), in manigfachen verbindungen.
a)
bande, ketten, fesseln lösen: mhd.
als er gestuont von rosse, da lôste er im (dem gebundenen
bären) diu bant
von fuoʒe und ouch von munde.
Nib. 899, 1;
nhd. unglücklicher, ich löse deine bande
zum zeichen eines schmerzlichern geschicks.
Göthe 9, 43;
und löset ... des nachtkleids rosabänder.
Gotter 1, 93;
(die männer) durch die wir gerettet,
als der geist in der kluft uns gekettet.
sie lösten die fesseln, sie machten uns frei.
Körner werke 2, 207;
häufig bildlich: nun haben sie .. die bande der verschwiegenheit gelöst. Göthe 19, 85;
du, der vater, kannst allein
alles bösen bande lösen.
Gleim 2, 182;
die strengen bande
sind nun gelöst; du bist den deinen wieder,
du heilige, geschenkt.
Göthe 9, 96;
zuvörderst lös ich in des fürsten namen
das schwache band, das dich zu fesseln schien.
208;
bis ich das antlitz dessen endlich schaue,
der mir die bande löst auf immerdar.
Schiller M. Stuart 3, 1;
klage weine, trauer wache,
löst geschick das band der liebe,
aber lösens mörderhiebe,
welch ein trost, wo nicht die rache?
Platen 63.
daher, mit anknüpfung an solche bilder, eine verbindlichkeit, einen contract, eine verlobung lösen: zu dem zwange zurückrufen, den die schwärmerei so rasch gelöst hatte. Klinger 5, 321; durch seinen (des goldnen hahns) besitz ist die mir verhaszte vermählung gelöst. 10, 80;
so löse das verhältnis, das dich drückt;
bei den gärtnern rinde vom baume lösen, zum oculieren; lösen inserere arbores Apherdian. bei Frisch 1, 622ᵇ; mörtel von der mauer lösen; den umschlag von einem buche lösen; das siegel eines briefes lösen, ihn aufmachen; siegel lösen auch bildlich: das siegel der verschwiegenheit lösen;
mächtig lösten wir der dinge siegel;
zu der wahrheit lichtem sonnenhügel
schwang sich unser flügel.
Schiller geheimnis der reminiscenz;
den jungfräulichen gürtel lösen, die jungfrau zum weibe machen:
purpurbraun umstand das gewoge sie rings wie ein bergwall,
hergekrümmt, und verbarg den gott und die sterbliche jungfrau;
schmeichelnd löst er den gürtel.
Odyss. 11, 245,
λῦσε δὲ παρθενίην ζώνην;
den gürtel der jungfrau lösen. Klinger 2, 237.
b)
einen schusz lösen, aus dem rohre abfeuern; und metonymisch ein geschütz lösen, kanonen lösen; ich lösete das pistol auf einen. Lessing 1, 307; die soldaten lösen das gewehr, milites bombardas explodunt. Steinbach 1, 1077; das wasser lösen, verhüllender ausdruck für mingere.
c)
die zunge lösen, bei vögeln, die sprechen lernen sollen, das zungenband durchschneiden: wenn man ihnen (den elstern) die zunge gelöset, so lernen sie die ihnen vorgesagte worte, wie ein papagey nachsprechen. öcon. lex. (1731) 572; auch von menschen gesagt: ihr war die zunge mit fleisz gelöst worden (sie hatte ein gutes mundwerk). wegkürzer 89ᵇ; daher die teutschen hebammen noch recht thun, das sie den kindern die zung mit wein lösen, und hernach allzeit die billerlein mit wein steifen, dann disz macht, das sie beim wein so beredt sein. Garg. 46ᵃ; gott sei dank, dasz mir der zufall die zunge löst. Göthe 7, 142;
man wird ihm, seh ich wohl, die zunge lösen müssen.
106;
mit gröszrer gnade konntest du mich nicht,
o herr, beglücken, als indem du mir
in diesem augenblick die zunge lösest.
9, 251;
wie ist, o sohn, dir die zunge gelöst, die schon dir im munde
lange jahre gestockt, und nur sich dürftig bewegte!
40, 282;
mein königlicher herr! ich hab dein ohr
verschont, solang noch rath und hülfe war,
doch endlich löst die nothdurft mir die zunge.
Schiller jungfrau 1, 2;
auch den mund lösen:
gewisz nun löst er seinen frevelmund.
Stolberg 14, 236;
es löset scherzend die muse,
Amor löset, der schalk, mir den verschlossenen mund.
Göthe 1, 291.
d)
lösen, etwas verwickeltes, einen festgeknüpften knoten, vielfach bildlich:
er rühmt sich zweier flammen! knüpft und löst
die knoten hin und wieder, und gewinnt
mit solchen künsten solche herzen!
Göthe 9, 188;
das alles wird durch briefe nicht gethan;
die gegenwart löst diese knoten bald.
210;
etwas verworrenes, verwirrtes: das gefühl .. das einen thätigen mann freudig aufrichtet, wenn er das verworrene zu lösen, das entworrene zu genieszen hoffen darf. Göthe 22, 76;
o könnt ich ihm noch eine botschaft bringen,
die alles löste was uns jetzt verwirrt.
9, 66;
(ich) verwirrte unklug, was du lösen wolltest.
139;
dies geheimnis ..
doch, wie sichs auch entwirren mag und lösen.
Schiller jungfrau 5, 7.
e)
da rätsel, schwierige fragen, widersprüche, verwickelungen des lebens u. ähnl. als knoten gedacht werden (vgl. th. 5, 1504 fgg.), so werden sie gelöst:
mhd. Klingsor, ich lœse dir die knoten.
minnes. 2, 9ᵇ Hagen;
nhd. die buchstaben ohne sinn sind kindliche geheimschrift .. diese hier ist leicht zu lösen. Freytag handschr. 1, 15; des alten Möngal ankunft hatte alle zweifel gelöst, ob der feind herannahe. Scheffel Ekkeh. 179;
des traums verständnis löste mir ein mönch.
Schiller braut von Mess. v. 1346;
und könnt ihr mir diese drei fragen nicht lösen,
so seid ihr die längste zeit abt hier gewesen.
Bürger 66ᵇ;
(unsere todten) vermögen nicht den nimmergestorbenen
das räthsel mensch zu lösen!
Stolberg 2, 77;
nicht ihres lebens räthsel sollst du lösen.
Körner werke 2, 12;
dein fürstlich dasein löst den knoten
seiner verworrenen lebensrätsel.
Platen 107;
thätigkeit löst rätsel und baut der menschheit
schönstes werk.
115;
eine ahnung lösen, die als nicht ohne weiteres verständlich genommen wird:
wenn ich mir die stille ahnung löse,
die aus deinem (einer strasze) riesengange spricht.
Körner werke 2, 103.
f)
lösen, das herz, die seele, von etwas das als drückendes oder beengendes gedacht wird:
er wird dein herze lösen
von der so schweren last.
P. Gerhard 187, 77 Gödeke;
mein alles hängt, mein leben, mein geschick
an meiner worte, meiner thränen kraft!
löst mir das herz, dasz ich das eure rühre!
Schiller M. Stuart 3, 4;
lösest endlich auch einmal
meine seele ganz.
Göthe 1, 111;
gott löst die seele, von den fesseln des erdenlebens: löse meine seele nun. der junge Göthe 2, 378 (lasz meine seele nun 196); vgl. dazu die stelle Klinger 7, 142 unten no. 7.
g)
lösen, was die seele bedrückt oder gefangen hält: willst du dich von mir trennen? ... löse diesz finstre schweigen! Klinger 2, 390;
und lasz mich weilen, wo du weilst, mich erst
in thränen lösen diese bangigkeit
und mein erleichtert herz dem troste weihen.
Göthe 9, 367;
schon ist der schmerz in thränen mir zerflossen,
das nahe ziel löst sanft den bittern traum.
Körner werke 2, 13;
wenn eure schmach die völker lösten.
Uhland ged. 92;
fürwahr! ein mächtger wohlklang musz es sein,
der meiner seele tiefen miszton lösen (soll).
Ludwig 125;
die sünde lösen, absolvere, remittere peccata. Frisch 1, 622ᵇ; auch zweifel lösen, was sich wieder mit oben e berührt:
komm, ich löse
die neu erregten zweifel deiner brust.
Göthe 9, 133;
der zweifel, der euch das gewissen drückt,
vergönnt, dasz ich mit sachter hand ihn löse.
Uhland Ludwig 133.
7)
in allen diesen bedeutungen (no. 6) kann lösen von jeder art des losmachens stehen, und wird auch in bezug auf gewaltsames verfahren angewendet (vgl. oben b): ich will mit begieriger hand glied von glied, ader von ader, nerve von nerve lösen, und das kleinste derselben auch da noch nicht aufhören zu schneiden und zu brennen, wenn es schon nichts mehr sein wird, als ein empfindungsloses aas. Lessing 2, 31; kaum war die feder von dem köpfchen des goldnen hahnes gelöset (durch abschneiden). Klinger 10, 88;
die knoten vieler worte löst das schwert
gar leicht und schnell.
Göthe 9, 196;
doch neigt sich allerdings der neuere sprachgebrauch dazu, mit lösen den nebensinn des sanften oder allmählichen zu verknüpfen und es in gegensatz zu reiszen, brechen u. ähnl. zu bringen: dort stirbt ein redlicher hausvater auf einem zerlumpten bette, und das geheul seiner verzweifelnden kinder tönet durch sein schweres röcheln, zerbricht sein herz, bevor der ihm nahe stehende würger des lebens es sanfter löst. Klinger 7, 142;
in einem augenblicke soll entstehn,
was jahre lang bereitet werden sollte,
in einem augenblick gehoben sein,
was mühe kaum in jahren lösen könnte.
Göthe 9, 189;
zerreiszen soll das band der alten liebe,
nicht sanft sich lösen.
Schiller Wallenst. tod 3, 22.
8)
anknüpfend an letzteren gebrauch steht lösen bezüglich eines zum zerfallen oder zergehen gebrachten gegenstandes (wie auflösen 1, th. 1, 688): der holzwurm thut seine arbeit im dienste der natur, er löst was abgelebt ist, in seine elemente. Freytag handschr. 3, 131; von etwas festem oder starrem, das zu flüssigem zergeht: das salz im wasser, den zucker in der milch lösen; das wachs wird in der wärme gelöst; der thee löste den schleim von der brust;
wie schnee, den weder ein fusztritt
niedergestampft, noch gelöset der thauende athem des südwinds.
Voss;
bildlich: diese stimmen, diese töne ..
jede kraft in meinem busen
lösen sie in weichem sehnen,
schmelzen sie in wehmuthsthränen!
Schiller jungfrau 4, 1.
9)
lösen etwas verfallenes oder verpfändetes durch eine leistung, ein opfer frei machen (vgl. oben 4), wofür sonst auch auslösen (theil 1, 912), ablösen (1, 75).
a)
sein leben, seine seele lösen: so sol er geben sein leben zu lösen, was man jm auf legt. 2 Mos. 21, 30; was kan der mensch geben, damit er seine seele wider löse? Matth. 16, 26; sie lud ihre schätze ein, den leichnam (ihres sohnes) zu lösen. da sie nun hörte, er lebe, und was über ihn beschlossen sei (dasz er sterben solle), so bringt sie kleinodien, sein leben zu lösen. Klinger 1, 338.
b)
ein pfand lösen; ein verpfändetes gut lösen; wenn dein bruder verarmet und verkeuft dir seine habe, und sein nehester freund kompt zu jm, das ers löse, so sol ers lösen, was sein bruder verkauft hat. 3 Mos. 25, 25; wenn jemand sein haus heiliget, das dem herrn heilig sei, das sol der priester schetzen, .. so es aber der, so es geheiliget hat, wil lösen, so sol er den fünften teil des gelds, uber das es geschetzt ist, darauf geben, so sols sein werden. 27, 15; als ihm churfürst Friedrich der vierdte .. verwiese, das er seine silberne schilt ... versetzt hette, antwort er: eur churf. gn. machen mich nur 14 tag lang zu jhrem cammermeister, so will ich sie schon wider lösen. Zinkgref apophth. 1, 391; etwas an sich lösen, verpfändetes durch auslösung an sich bringen: das baurengut, darauf meine braut geboren worden, lösete ich .. ganz an mich. Simpl. 2, 35 Kurz.
c)
lösen, bezüglich eines wortes, eines gelübdes, das man als verpfändet denkt: F. bekümmere dich nur um dein gelübde! O. zweifelst du, dasz ichs lösen werde? Gotter 3, 474;
wir wollen unsern schwur hier lösen, oder sterben.
2, 371;
den groszen eid, den alle könige
der christenheit geloben, lös ich morgen.
Schiller Carlos 1, 6;
sie will nur ihre eigenliebe retten,
nur ihre ehre vor dem divan lösen.
Turandot 4, 9.
d)
lösen, bezüglich einer abgabe an die obrigkeit: unde swaʒ ein ûʒman in der mark kouft, der sol eʒ der stat verstiuren, ie von dem pfunde vier haller. und ein burger hât gewalt daʒ selbe ze lœsen in dem næhsten mânot nâch dem koufe umbe daʒ selbe gelt. statuten von Dinkelsbühl bei Haupt 7, 98; so were es dennoch tausent mal besser, das kein christen mensch den ablasz löset oder begeret. Luther 1, 46ᵇ; indessen ward mir angerathen, zum richter zu gehen und über das alles ein protokoll zu lösen. Hippel lebensl. 4, 202; es geht nach Göttingen .. ich habe hier schon meinen abschied gelöst. J. Grimm an Laszberg, Germ. 13, 369;
es ist kein kilchli nit so klein,
so alt wüest, ruͦszig noch unrein,
dasz man den ablasz möge fryen,
denn dasz sie stond und all tag schryen:
lösend den ablasz! lösend den ablasz!
N. Manuel 78, 1240 Bächtold.
bildlich: so hatte herr doctor Gärtner, dieser achtungswerthe veteran unter Deutschlands botanikern, durch die theilnahme an der wetterauischen flora längst schon seinen meisterbrief gelöst. Göthe 43, 377, meisterschaft erworben, sich als meister ausgewiesen.
e)
auch sonst durch zahlung an sich bringen: er löste ein billet zum schnellzuge; ein billet ins theater lösen; bei weinkäufen: das sy die losunge, so sy uszer erbern lüten win lösent, nit erberlich noch redelich bezalent. Basler rechtsqu. 1, 127 (von 1441).
f)
biblischer ausdruck ist die zeit lösen, nach dem neutestamentlichen ἐξαγοράζεσθαι τὸν καιρόν, in der vulgata tempus redimere: löset (variante mit abwesenheit des umlauts nach mitteldeutscher art loset) die zeit. Col. 4, 5, ebenso Ephes. 5, 16 (später in schicket euch in die zeit geändert, goth. þata mêl usbugjandans); ist, das sich der bilger etwan zu lang in der herberg sompt oder einen tag still liget, so thut er dieselb verloren zeit lösen und ist darnach dester schneller eilen. Keisersberg pred. 44ᵃ; lösent die zeit, wann die tage seind bös. 44ᵇ.
10)
geld lösen, durch verkauf einer waare an sich bringen: ainer, der 100 fl. gelöst hett. d. städtechr. 5, 114, 28; da kamen der Ochsenfuesz und der Köschinger zu im, als er zu Münichen fail hett, und geselten sich zusamen zu dem abenteurer und rieten im, er solt gen Freisingen ziehen, da wurd er gelt lösen von den pfaffen und von den korherren. 308, 16; Nicanor aber gedacht, er wolt aus den gefangenen Jüden das geld lösen, das der könig den Römern jerlich geben muste, .. darumb schicket er als bald in die stedte am meer hin und wider und lies ausrufen, wie er die Jüden verkeufen wolt, neunzig Jüden umb einen centner. 2 Macc. 8, 11; wenn einer den Juden wolte speck verkaufen, der würde wenig geld lösen. Schuppius 658; da er gerne obst asz, .. so bekam eine obsthändlerin daselbst manchen schönen batzen von ihm zu lösen. Hebel 2, 115;
und lost mich auch enweng (ein wenig) gelts pei euch lösen.
fastn. sp. 791, 16;
doch hab ich ein guldin aus eiern gelöst.
N. Manuel 73, 1123 Bächtold;
seim abt hat er gestoln das gelt
und mirs darnach zu lösen gebn.
J. Ayrer fastn. sp. 101ᶜ (2847, 19 Keller);
dacht er hett können lösen gelt,
der anschlag aber war gefehlt.
Sandrub kurzweil 200;
und danach streiche lösen, hiebe einnehmen, empfangen: ob aber etlich so ungewunnen gytig sind, .. dasz sy für und für mit frömden herren machen, das gelt nemen, und der frommen kind (schweizerische söldner) die streich zu lösen schicken wöltind. Zwingli in Wackernagels leseb. 3, 1, 260; streich lösen, geschlagen sein, verbera ferre, plagas dare, plagas accipere Maaler 274ᵈ;
was sol ich dir hie geben zebuͦs,
das du mich stoszest mit dem fuͦsz?
ich mein du losist gerne streich.
Mone schausp. d. mitt. 2, 346;
gelt, wenn so ein musje von sich da und dort und dort und hier schon herumbeholfen hat, wenn er, der henker weisz, was alles? gelöst hat, schmeckts meinem guten schlucker freilich, einmal auf süsz wasser zu graben. Schiller kabale u. liebe 1, 1; hier wird gelöst soviel wie bekommen, aufgelesen heiszen sollen, unter versteckter hindeutung auf krankheiten.
11)
nur niederdeutsch ist lösen, ein kapital kündigen, vergl. oben löse 1 sp. 1186: die zinsen, oder das damit verknüpfte recht des gläubigers, das anlehn zu lösen, ist durchaus dem eigenthum und der freiheit zuwider. Möser patr. phant. 2, 96; dasz sofort jedes kapital, wenn es gelöset wird, bezahlet werden solle. 101; der landmann, dem bei dieser art des anlehns nie ein kapital gelöset .. wird. 106.
12)
bergmännisch lagerstätten, bergwerke, baue lösen, die wasser aus denselben ableiten und frische wetter (zum athmen taugliche luft) zuführen. Veith bergwb. 329.
13)
häufig steht lösen reflexiv, mit persönlichem wie sächlichem subject, welches letztere dadurch ein gewisses persönliches leben empfängt.
a)
mit persönlichem subject: sich ausz dem strick lösen, und flux darvon machen, oder entlaufen, explicare se laqueis, exuere se ex laqueis Maaler 274ᵈ; Almerine löste sich leise aus seinen armen. Klinger 4, 140; gern im sinne sich durch eine zahlung frei machen, von einer verpflichtung loskaufen (vgl. oben 4): so seine selbs hand (dessen der sich verkauft hat) so viel erwirbt, so sol er sich lösen. 3 Mos. 25, 49; wollen jhm das fähnlein ins losament nicht tragen lassen, er habe sich dann zuvor von jhnen gelöset, das ist, eine verehrung geben oder zu geben verheiszen. Kirchhof mil. disc. 75; da sie (Maria im tempel) sich gelöst nach dem gesetz Moysis. Ayrer proc. 2, 10; sich lösen, weil man das geschenk am namenstage das angebinde nennet, so heiszt das, was man dagegen thut, sich lösen, natalitia dare Frisch 1, 622ᵇ, vgl. dazu angebinde theil 1, 338; (sendungen zu geburtstagen), üm sich wiederum zu lösen, und das gutte gemüthe gegen einander so viel mehr zu befestigen. Butschky Patmos 50; sich durch eine handlung von einer pflicht losmachen:
kommt zu euch, Tell, steht auf, ihr habt euch männlich
gelöst, und frei könnt ihr nach hause gehn.
Schiller Tell 3, 3;
die örter, so sich mit angebottener brandtschatzung ... nit lösen wollen, in brandt zu stecken. Kirchhof mil. disc. 120.
b)
mit sächlichem subject; von fesseln, banden, von etwas fest sitzendem: der kalk löst sich von der mauer; die tapete hat sich von der wand gelöst; die fesseln lösten sich, der gefangene war frei; bildlich:
nichts heiliges ist mehr, es lösen
sich alle bande frommer scheu.
Schiller glocke v. 369;
mag der welten band
sich lösen!
M. Stuart 3, 6;
von der zunge: so löste sich meine zunge und nach und nach manches vom herzen, was man sonst nicht leicht wieder ausspricht. Bettine briefe 1, 172; von knoten, rätseln:
wie sich
der knoten, der so oft mir bange machte,
nun von sich selber löset!
Lessing 2, 336;
es lösten sich mit diesem einzgen wort
die räthsel alle meines dunkeln wesens.
Schiller Demetrius 1, v. 250;
vom leben: eher soll sich mein leben von mir lösen, als ich ihn von diesem eide. Klinger 1, 420; schmerzlos löse sich ihr leben. 2, 236; vom fluche:
es löset sich der fluch, mir sagts das herz.
Göthe 9, 60;
so löset sich der fluch.
96;
von anderem, was lastet:
gott ist und bleibet treu,
hilft, dasz sich bei uns löse
der krieg und sein geschrei.
P. Gerhard 95, 24 Gödeke;
oder was in seelischer beziehung zusammen hält:
grundgesetze lösen sich auf der festesten staaten,
und es löst der besitz sich los vom alten besitzer,
freund sich los vom freund; so löst sich liebe von liebe.
Göthe 40, 335;
in den fällen, wo (vgl. oben 8) ein zergehen in einzelbestandtheile gemeint ist: die kleinen schaumwellen, in welche der strom sich löste. Freytag ahnen 5, 249; oder ein zergehen, zerflieszen: salz löst sich im wasser; das harz hat sich im spiritus gelöst; auf körper- und seelenzustände gewendet, wo ein übergang vom starren zum linden stattfindet: der schleim, der auf der brust sasz, löste sich; der athem ging frei aus seiner brust, die erstarrung löste sich. Klinger 6, 45; da lösten sich die herzen aller anwesenden (sie wurden weich). 10, 192; seine sorge löste sich in lebhafte freude. Arnim kronenw. 1, 223;
diesz angstgefühl, ich hoffe, wird sich lösen.
Göthe 9, 335;
in milder wehmuth wird dein schmerz sich lösen.
Schiller braut v. Mess. v. 2697;
als dein herz am kühnsten ziel des strebens
kalt und blutend auf der wahlstatt lag.
sterbend löste sich der sturm des lebens,
sterbend löste sich der harfe schlag.
Körner werke 1, 115;
ein neuer glaube wird ins leben treten;
es löst die nacht der völker sich in klarheit.
2, 114;
doch sanft umfing sie der schlummer;
und sie entschlief hinsinkend, es lösten sich alle gelenke.
Odyss. 4, 794,
nach dem griech.: λύθεν δέ οἱ ἅψεα πάντα.
14)
sich lösen, von thieren, die losung von sich geben: die hunde lösen sich oder haben sich gelöst, desgleichen das wildpret, das ist ihre notdurft verrichtet. Heppe leithund (1751) 41;
da heulte der wolf und schrie so gewaltig,
dasz er blut zu speien begann, es brach ihm vor schmerzen
über und über der schweisz durch seine zotten, er löste
sich vor angst.
Göthe 40, 221;
das heiszt auch nur lösen: der hirsch .. hat gelöset, das ist, sich erleichtert. Becher jägercabinet 880. vergl. dazu losen 3, sp. 1189.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1881), Bd. VI (1885), Sp. 1190, Z. 4.

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Zitationshilfe
„löse“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/l%C3%B6se>, abgerufen am 27.10.2021.

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