Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

löwe, m.

löwe, m.
leo.
1)
über die herausbildung der heutigen form aus älteren vergl. unter leu sp. 875 fg. die dort angeführte form leb auch noch anderswo:
er sei fraidiger, dan ein per,
sterker, denn der leb mag gesein.
fastn. sp. 447, 18;
die schreibung löwen im reime auf geben:
wir wolln uns wehrn wie die löwen,
die auf ein schwachs vieh nichts geben.
J. Ayrer 17ᵈ (103, 15 Keller).
2)
zusammengenannt wird der löwe (könig der thiere, vergl. 5, 1700, in der fabel oft verherrlicht) als gewaltiges raubthier mit dem bär, dem tiger: es kam ein lewe und ein beer, und trug ein schaf weg von der herde. 1 Sam. 17, 34; man kan löwen und bären zähmen, warum nicht auch böse buben? Pistorius thes. par. 2, 98;
am fusz der wüsten Parther felder
schlug könig löw und meister bär
den richtstuhl auf.
Lichtwer fab. 1, 13;
wo ist
der stärkre? löwe, tieger, wolf und bär
stehn fertig, sich mit ihm zu messen.
Gleim 6, 56;
sandige wüsten, die löwen und tieger durchirren.
Stolberg 1, 192;
aber auch mit dem lamm, als symbol eines allgemeinen weltfriedens:
bei dem löwen weidet das lamm, es wiegt sich die taube
mit dem falken auf wankendem zweig im säuselnden wipfel.
391.
gegenüber stehen sich der löwe als der tapfere und der fuchs, als der listige: was der löwe nicht kann, das kann der fuchs (list geht vor tapferkeit). Simrock sprichw. 351; löwe und reh als mutvoll und feige:
wer ist sie ... die der schlachten glück
auf einmal wendet und ein schüchtern heer
von feigen rehn in löwen umgewandelt?
Schiller jungfrau 2, 5.
3)
hervorgehoben werden die stimme, mähne, die stärke, kühnheit, groszmuth, die raubgier des löwen: der leuuo so er zucchet unde fore gîtigi ruhet. Notker ps. 21 (bei Hattemer 2, 78ᵇ); sihe, da kam ein junger lewe brüllend jm entgegen. richt. 14, 5; ein brüllender und reiszender lewe. ps. 22, 14; was ist sterker denn der lewe? richt. 14, 18; der lew mechtig unter den thieren, und keret nicht umb fur jemand. spr. Sal. 30, 30; es mangelte deiner allmechtigen hand nicht ... uber sie zu schicken menge der beeren, oder freidige lewen. weish. 11, 18; wie viel einmal mit brüllen unsers löwens die thier desz ackers erschreckt haben. Schuppius 724; wenn der löwe brüllt, so zittert der wald. Simrock sprichw. 352;
dem stiere gab natur die hörner, ..
dem löwen seinen weiten rachen.
Gleim 2, 279;
rund um erschallt
von dem gebrüll der weite wald;
der edle löw ist sieger!
3, 209;
daher in vergleichen: so würde jedermann verzagt werden, der auch sonst ein krieger ist, und ein herz hat, wie ein lewe. 2 Sam. 17, 10; der teufel gehet umb her, wie ein brüllender lewe, und suchet, welchen er verschlinde. 1 Petr. 5, 8; wie ein hungeriger brüllender löw gehet er herum. Schuppius 162; Deutschland war in gefahr, seine freiheit zu verlieren: Friederich II, gleich einem alten, aber noch nicht muthlosen löwen, entfernte die gefahr. Gleim 4, 20;
lernet denn und werdet klüger:
löwen lehren tapfer streiten.
1, 18;
in welchen balg kann sich sein geist nicht hüllen!
er zischt, er pfeift, er kann wie löwen brüllen.
3, 12;
sie fochten, wie löwen, im blutigen krieg.
Stolberg 1, 300;
seine thränen
gaben mir des löwen stärke.
Herder z. litt. 5, 142 (Cid 36);
des löwen gänge, seine kriegs- und raubzüge:
Konr. du kennst die gänge, die wir Staufer gehn.
Galv. es sind des löwen gänge.
Uhland ged. 181.
4)
menschen selbst werden löwen genannt, vornehmlich an tapferkeit und kriegsmut hervorragende: Juda ist ein junger lewe. 1 Mos. 49, 9; wenn diese löwen im gefechte hier am krankenbett eine geduld, eine selbstverleugnung, eine barmherzigkeit üben, die selbst das glänzendste heldenverdienst verdunkelt. Schiller 1106ᵇ; die Gothen schickten ihre knaben lieber in keine schule, damit sie löwen blieben. J. Paul Tit. 2, 10; nun erhob sich der alte löwe (Napoleon) in seiner vormaligen kraft. Beckers weltg. 14, 384; (die französischen könige) die immer weit mehr als andere fürsten durch das heilige öl von Rheims geschmeidigt worden, immer mehr fuchs als löwe waren. H. Heine 9, 39;
du, Heinrich, warest ein soldat,
du fochtest königlich!
wir sahen alle, that vor that,
du junger löw, auf dich!
Gleim 4, 20;
herrlich kleidet sie euch, des kreuzes furchtbare rüstung,
wenn ihr, löwen der schlacht, Akkon und Rhodus beschützt.
Schiller die Johanniter;
drauf nachdem sie gefleht zu Zeus, des erhabenen, tochter,
gingen sie schnell, zween löwen an muth, im nächtlichen dunkel,
über gemord und leichen hinweg, durch waffen und blut hin.
Ilias 10, 297 (ὥστε λέοντε δύω);
hei, wie der löwe Ulrich so grimmig tobt und würgt!
Uhland ged. 368;
und der gefallene tapfere feind, der nicht mehr zu fürchten ist, heiszt der todte löwe: gierig untersuchte er das bluttriefende gesicht (Colignys), und da er der that gewisz war, stiesz er — den todten löwen — mit einem fusztritt von sich. Schiller 1075ᵃ; vergl. die sprichwörter: ist der löwe todt, so rauft ihn auch der hase beim bart. den todten löwen kann jeder hase an der mähne zupfen. mancher rauft den todten löwen beim bart, der ihn lebend nicht ansehen durfte. Simrock sprichw. 351. In der bibelsprache löwe auch von raubsüchtigen und blutgierigen menschen: jre fürsten sind unter jnen brüllende lewen, und jre richter wolfe am abend, die nichts lassen bis auf den morgen uberbleiben. Zephanja 3, 3; sei nicht ein lew in deinem hause, und nicht ein wüterich gegen dein gesinde. Sir. 4, 35, und danach Mathesius Syr. 1, 22ᵃ.
5)
auch der geistig, künstlerisch hervorragende heiszt ein löwe: diese zeitschrift hegt einen blinden groll gegen Liszt, und um indirekt diesen löwen zu stacheln, lobt sie das kleine kaninchen. H. Heine 11, 332; wenn aber ferner der in der gesellschaft hervorragend gefeierte und hier tonangebende ein löwe genannt wird, so ist diesz nachahmung eines englischen, später auch französischen sprachgebrauchs: er ist der löwe des tages, nach dem englischen lion of the day, franz. lion du jour; Vieuxtemps, der als einer der löwen der musikalischen saison betrachtet wurde. H. Heine 11, 333; Mendelssohn .. war das geopferte lamm der saison, während Rossini der musikalische löwe war, dessen süszes gebrüll noch immer forttönt. 363; reiche leute, oder auch die 'löwen' der soiréen, übergeben der sammelnden gräfin oder herzogin gern ein hundertfrankenbillet und werden dafür mit einem freundlichen lächeln ... beglückt. A. Ebeling neue bilder aus d. mod. Paris (1869) 2, 31.
6)
löwe als wappenthier; unter vielen anderen auch der republik Venedig, nach der alten löwenstatue auf dem Marcusplatze:
wir sahn den Marcuslöwen
zum fernen strand entführen.
Platen 38;
als bild auf der kriegsfahne:
gleichgültig unterm doppeladler fechtend,
wie unterm löwen und den lilien.
Schiller Piccol. 1, 2;
daher als bild für Venedig selbst (vergl. die lilie für Frankreich sp. 1023):
die lilg wirt do ganz nider tretten,
mit scharpfen dornen uszgejetten,
dar nach die lilg solt wol verstan,
hangen dem groszen adler an,
dardurch der löw grosz not muͦsz liden.
P. Gengenbach Nollhart 682;
ferner im aushängeschild der bäcker, sowie der apotheken: apotheke zum goldnen löwen, zum rothen löwen; vorzüglich aber der gasthäuser, die gleicherweise genannt werden, gemeinhin aber der rothe löwe, der goldne löwe, der löwe kurzhin heiszen: genosz dann und wann im löwen abends eine flasche wein und einen halben vierling käs. Hebel 3, 140; als der vogt in den rothen löwen zurückgekommen war. 87;
so sprach, unter dem thore des hauses sitzend am markte,
wohlbehaglich, zur frau der wirth zum goldenen löwen.
Göthe 40, 234;
und doch waren die unsern (häuser) gleich nach dem brande die schönsten,
die apotheke zum engel, so wie der goldene löwe.
262.
7)
löwe, das sternbild: der grosze löwe, leo, ist das fünfte gestirne in dem thierkreis. mathem. lex. 1, 812; löwe, der kleine, ist ein neues gestirn zwischen dem groszen bären und groszen löwen. 813.
8)
löwe, in der alchimie, vgl. leu.
9)
löwe, von andern thiergattungen, vgl. ameisenlöwe, seelöwe.
10)
löwe, eine art kegelschnecken, conus leoninus, löwentute. Nemnich 2, 1185.
11)
löwe, vomitus:
mir ligt der wein auch noch im kropf,
mich stiesz nechtn an das kellergschosz,
zwen löwen nach einander gosz.
H. Sachs 3, 2, 5ᵃ (vgl. 3, 1, 144ᵇ).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1881), Bd. VI (1885), Sp. 1215, Z. 44.

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Zitationshilfe
„löwe“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/l%C3%B6we>, abgerufen am 17.10.2021.

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