Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

luftig, lüftig, adj.

luftig, lüftig, adj.
luft habend; mhd. luftec und lüftec; das nhd. bevorzugt die unumgelautete form, doch findet sich lüftig, für welches beispiele im folgenden verstreut sind, nicht ungewöhnlich.
1)
luftig, zugluft, frische luft habend, von freier luft durchweht: luftig, aerosus, ventosus. voc. inc. theut. n 2ᵇ; luftig, luftiger natur und ardt, flabilis, perflabilis, ventosus, aetherius Maaler 275ᶜ; von gegenden: lüftiges land, regio ventosa, sehr lüftiger ort, ventosus locus. Stieler 1183; lüftiges land, regio frigida, aquilone pervia. ebenda (vgl. dazu unter luft 1, b sp. 1237); locus patulus et perflabilis, ein weiter und lüftiger ort, da die luft durchstreichen kan. Kirsch cornuc.; es wächst in hohen gebürgen und lüftigen gründen. Tabernaem. 1165; auf luftiger bergeshöhe. Scheffel Ekkeh. 73;
daʒ velt ist niender anderswâ
sô luftic und sô stille:
dâ von sô ist mîn wille
zuo dem waʒʒer wünneclîch.
Partenopier 10005;
vom gipfel, der krone der bäume: in dem gipfel der föhren drauszen ist ihre residenz, die luftige halle, in welcher ihr thron steht. Freytag soll u. haben 2, 172;
er stämmt sich an, hilft selbst dem weibchen auf,
und vom geduldgen kopf des guten alten narren
schwingt sich Rosette frisch zum lüftgen sitz hinauf,
wo ihrer, unterm laub, verstohlne freuden harren.
Wieland 22, 295 (Oberon 6, 84);
wo er wohnet, erhebt sich ein hain mit luftigen eichen.
suppl. 3, 11 (prüfung Abrahams 1, 78);
von weiten oder freien räumen: sie liesz nun den neuen freund in einen groszen lüftigen keller hineinsehen, wo der vorrath aufgehoben wird, damit die baumwolle nicht zu sehr austrockne. Göthe 23, 169;
einst klomm die luftgen schnecken (des münsterthurms)
ein musensohn heran.
Uhland ged. 301;
vom streichen des windes selbst: lüftiges windlein, aura flabilis Stieler 1183;
hör ich den kühlen wind in dem gepüsche prausen,
mit luftigem geräusch, und durch die bletter sausen.
Opitz 2, 152;
luftig, adverbial, frische luft durchlassend: was geschieht nun, wenn der regelmäszige holzstosz dicht und doch luftig geschichtet worden? Göthe 21, 54.
2)
luftig, im luftkreise über uns befindlich, wirkend, geschehend: aërius lüftig Alb.; aëreus .. lüftig, das im luft ist. Dasyp.; luftig, das im luft gemacht wirdt oder läbt, aerius Maaler 276ᶜ; aëreus, lüftig, in der luft schwebend Kirsch cornuc.;
der luftge kampf (zwischen sonne und nebel) war lange nicht vollendet.
Göthe 1, 4;
bei einer seiner luftigen promenaden (ein luftschiffer). Wieland 30, 139.
3)
luftig, aus luft bestehend, luftartig: aber als wir eʒ hie nemen, sô ist der gaist ain natürleich luftig dunst, dar an daʒ leben stêt. Megenberg 33, 4; seid ihr (menschen) denn nicht sämmtlich blos luftfarbenleute, und nicht einmal hölzerne, nur luftige marionetten, wie sie der buchhändler Nikolai in Berlin vor kurzem so lange um sich tanzen und reden sah, bis er ein hausschlachten dieser menschheit um sich her vornahm (er hatte visionen). J. Paul komet 3, 213; als adverb, wie luft:
der herzog tief im walde
am fusz der eiche sasz,
als singend an der halde
ein mägdlein beeren las:
erdbeeren kühl und duftig
bot sie dem greisen mann,
doch ihn umschwebte luftig
noch stets der töne bann.
Uhland ged. 374.
4)
luftig, von geisterhaften wesen, die sowol in der luft schweben, als selbst luftähnlich sind:
am hochgericht
tanzt um des rades spindel,
halb sichtbarlich bei mondenlicht,
ein luftiges gesindel.
Bürger 15ᵃ;
wie tanzte vor des lebens wagen
die luftige begleitung her:
die liebe mit dem süszen lohne,
das glück mit seinem goldnen kranz ...
Schiller die ideale;
mit leisem geflüster,
ihr lüftgen geschwister (feen),
zum grünenden saal!
Göthe 11, 64;
kommt herbei, ihr luftgen schwestern (elfen)!
Uhland ged. 308.
bei den malern heiszen luftige gegenstände oder figuren diejenigen, welche in der entfernung, und gleichsam in der luft schwebend vorgestellt werden. Jacobsson 2, 643ᵃ.
5)
dann von menschen, mit bezug auf ihre leichten, flinken bewegungen: springt von oben herunter, ... springt zu, ihr seid hübsch flink und lüftig. Fr. Müller 2, 111; nur geduld, soll bald leicht werden. will ihm die füsz ein wenig mit heuschreckenfett salben, dasz er lüftig springen soll. 1, 310; lustig und lüftig war der schulmeister ausgewandert. Siegfr. v. Lindenberg 1, 103;
sonntags aber entschallt den verödeten, langen gebäuden
frohe musik, es besucht sie die luftige jugend Amalfis.
Platen 121;
auch vom tanze:
und wenn ich sie denn fassen darf
im luftgen deutschen tanz,
das geht herum, das geht so scharf!
Göthe 1, 19;
und als er sie schwingt nun im luftigen reigen.
Uhland ged. 327.
6)
ein luftiger wagen, der leicht durch die lüfte fliegt:
kaum also dasz der ruf geschah,
so stand auf ihrem luftgen wagen
von schmetterlingen hergetragen
die göttin leibhaft vor mir da.
Wieland 9, 174;
der lüftge faeton fliegt, leicht und ohne schwanken,
sanft wie der schlaf, behender als gedanken
mit ihnen über land und meer.
23, 287 (Oberon 12, 67).
7)
luftig, der luft eingang und spielraum gewährend, die luft durchlassend: (das wasser) daʒ in hülzeinn rœrn von vörhem holz gelaitet wirt, ist aller pest, wan daʒ holz ist gar luftig. Megenberg 104, 5; von lockerer asche: diu vierd (eigenheit des feuers) ist, daʒ man eʒ behelt und beschirmt mit üeseln und mit luftigem aschen. 70, 17; in der neueren sprache gern von leichten kleidungsstücken und geweben:
ein luftig band.
Göthe 1, 82;
Gulpenheh, in ziemlich lüftigs leinen
kaum übers knie gehüllt.
Wieland 18, 286;
das töchterchen steht vor dem spiegel, ..
ordnet das luftige tuch mit bescheidenheit.
Voss Luise 2, 169;
bildlich, und mit beziehung auf unten no. 9:
siehe, da glaubt ich, im bilde, so manchen schwärmer zu schauen,
der sein luftig gespinnst mit der soliden natur
ewigem teppich vergleicht.
Göthe 2, 136;
adverbial, von einem der leichte kleidungsstücke zurückstreift, um mehr luft an sich zu lassen:
läuft emsig, wie ein wirth, der sich die mühe kürzt,
und, hurtiger zu sein, sich luftig aufgeschürzt.
Hagedorn 1, 26;
bei den seidenwirkern heiszt ein lüftiges blatt ein solches, dessen riedstäbe weiter auseinander stehn, wodurch das gewebe loser wird. Jacobsson 2, 643ᵃ; luftig in der arbeit gehen, heiszt es in demselben gewerbe, wenn durch eine vorrichtung die feinen kettenfäden mehr spielraum haben. 643ᵇ.
8)
luftig, vom schlafe, leicht, leise:
Gabriel sah ihn vor sich in süszem, luftigen schlafe.
Klopstock 3, 36 (Mess. 1, 534);
von der heiligsten der nächte eingewiegt in lüftgen schlaf,
lag der hirten stille schaar, Bethlehem in deinen heiden.
Cronegk 2, 174;
wie sie sang, so hab ich in meiner zärtlichen kindheit
öfters im luftigen schlaf die engel singen gehöret.
Wieland 3. suppl.-band s. 56 (prüfung Abrahams 2, 170).
9)
luftig, von dingen, leicht, gering, von so wenig halt und wesenheit wie luft (vgl. das. no. 7 sp. 1245): mancher hatte den seinen (nebengott) bei hof, zu welchem er alle zuflucht gestellet, der doch nur ein favorit und oft ein liederlicher bernheuter war, als sein anbeter selbst, weil seine lüftige gottheit nur auf des prinzen aprillenwetterischen gunst bestund. Simpl. 1, 83 Kurz; unbegreifliche dinge, von denen sich nur eine luftige möglichkeit denken läszt. Kant 10, 101; kleine luftige künste wollens nicht thun. Claudius 5, 57;
traun, wir hätten alsdann an dir, statt fülle des reichthums,
die uns nährt und erquickt, einen gar luftigen schatz.
Bürger 95ᵃ;
die luftigen hoffnungen zu rechtfertigen, die seit einigen wochen, gleich eben so vielen aerostatischen kügelchen, mit der fantasie der Pariser empor flattern. Wieland 30, 5.
10)
luftig, von menschen, leicht, mit geistigem und sittlichem hintergrunde (vgl. luft 9): die frauenzimmer stiegen ein, da stunden um die kutsche der junge W ... Selstadt und Audran, und ich. da ward aus dem schlage geplaudert mit den kerlgens, die freilich leicht und lüftig genug waren. der junge Göthe 3, 270; die liebe leidet keine theilung, mein luftiger marquis! Lenz 1, 236; für zwei luftige komödianten, die den Orest und Pylades sich einander abhören, muszte jeder beide halten. J. Paul flegelj. 1, 105.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1881), Bd. VI (1885), Sp. 1255, Z. 22.

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Zitationshilfe
„lüftig“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/l%C3%BCftig>, abgerufen am 27.10.2021.

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