Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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luge, f.

luge, f.
1)
in Tirol ist die lueg die saltnerhütte, d. i. auf hohen stecken ruhendes strohdächlein für die saltner. Schöpf 401.
2)
bairisch die lueg, weibsperson, die gerne lauert, gafft. Schm. 1, 1463.
3)
die neuere schriftsprache hat den versuch gemacht, ein fem. luge zu bilden; in rittergeschichten für visier: wenn der flamberg noch mal in die luge pfeift, so giebts ein luftloch, dasz die seel heraus fährt. Cramer Hasper a Spada 1, 83; bei Rückert wie das masc. lug, höhle:
da sah er durch des auges hohle luge
ins leere innre (eines schlangenbalgs).
Nal u. Damaj. 175.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1881), Bd. VI (1885), Sp. 1266, Z. 58.

lüge, f.

lüge, f.
mendacium.
1)
die alte sprache hatte für das wort eine doppelform: ahd. lugî und lugina (lugîn Notker ps. 24. 91, bei Hattemer 2, 85ᵃ. 333ᵇ), welche letztere form auch alts. als lugina, ags. als lygen, fries. als leine aus legene erscheint. beide setzen sich fort: jene mhd. als lüge, diese mhd. als lügene, lügen (eine mitteldeutsche, ans nd. rührende form ist logen fictitium Dief. 233ᵇ); sie übertragen sich auch ins nhd., wo sie bis ins 18. jahrh. neben einander hergehen, zu welcher zeit lüge in der schriftsprache das ausschlieszlich herschende wird, nachdem es vorher gegen lügen, welches Luther braucht, in der anwendung zurückgestanden hatte. lüge erscheint bis ins 17. jahrh. auch ohne umlaut: also leugt die luge yhr selbs und trifft untreüw yhren herren. Frank weltb. 147ᵇ; also behalf sich Avarus mit lugen. Simpl. 2, 155 Kurz; Fischart groszm. 5 kann darauf hin das wortspiel astrolugei für astrologei astrologie wagen; auch nur in der form lug, wo dann vom masc. lug nur das geschlecht trennt, so noch heute im Baselbiet d'lug lüge Seiler 195ᵃ;
darumb vernunft (vernunft) das grundet ein,
das disz ein tichte lug musz sein.
fastn. sp. 24, 26;
die form lügen geht in kleinen verschiedenheiten durch das 16. und 17. jahrh.; häufig bei oberdeutschen schriftstellern ohne umlaut als lugen, lugin: lugen, mendacium, nuga, nugacitas. voc. inc. theut. n 2ᵇ; mendacium ein lugen Dasyp.; ain vatter der lugin und der finsternus. Zimm. chr. 1, 426, 3; dieweil aber ... der Gabriel also an frischer lugin ergriffen. 2, 352, 9; auch finden sich diese form lugen oder die umgelautete lügen hart neben der oben aufgeführten lüge gebraucht: wo der mensch ein lügin aussprichet, so bedarf es darnach vierzig unwarheiten uf das er der ersten lügy mög ein gestalt machen. Keisersberg seelensp. 92ᵇ; dargegen schleicht die lugen von weitem umb den brei umbher und darf (bedarf) ein lüge alweg wol zehen, das sie war schein. S. Frank lob des göttl. worts 157ᵇ; das umgelautete lügen bei Luther und nach ihm bei den späteren schriftstellern: wo ein einige lügen im evangelio funden würde. 8, 25ᵃ; die lügen ist ein heszlicher schandfleck an einem menschen. Sir. 20, 26; wann diese .. eine lügen ausz der luft genommen (haben). Schuppius 632;
die wahrheit verdrückst du, die lügen
musz oberhand haben und siegen.
Gerhard 6, 15 Gödeke;
gib, dasz ferne von mir sei
lügen und abgötterei.
80, 9;
weitere beispiele im folgenden; im 18. jahrh. bedienen sich noch Lessing und andere dieser form: du wirst also hören, dasz das die wahrheit sei, was du für eine lügen gehalten hast. Lessing 3, 57; wenn Cardan die gründe für die wahrheit nicht geschwächt hat, so kann er doch der lügen farbe und leben gegeben .. haben. 4, 56; mit der ersten besten lügen, die dem knaben einfällt. 7, 206; eine grosze lügen. 9, 216;
beehre mich mit einer feinern lügen (: betriegen).
Hagedorn 1, 103;
heute ist sie noch in der formel lügen strafen vorhanden, wo lügen ein verdunkelter gen. sg. ist, vgl. nachher no. 4. Der plur. dieses lügen ist im 16. jahrh. bei Oberdeutschen lügenen, ohne umlaut lugenen (wie noch jetzt bairisch lugnen neben lugen Schm. 1, 1461 Fromm.): ich sprich zum vierden, das ein jetliche und alle lügnen bös sind und sünd. Keisersberg christl. kunigin dd 2ᵃ; wie sie dann iren luginen maisterlichen ein art und ein ansehen geben kunden. Zimm. chron. 4, 143, 10; sonst und namentlich später unterscheidet er sich von der singularform, sowie von der pluralform von lüge nicht.
2)
die lüge ist der wahrheit entgegengesetzt (beispiele auch oben unter 1): das man umb seinen willen solt die warheit schweigen, und unter der lügen stecken lassen. Luther 6, 9ᵇ; die gottes warheit haben verwandelt in die lügen. Röm. 1, 25; der mag zeugen und sagen, ob es die wahrheit, oder eine grobe lügen sei? Schuppius 630; er ist an der wahrheit, wir seind an der lügen. Schottel 1137ᵇ;
sie, die uns im finstern richten,
lügen an die wahrheit dichten.
Stolberg 1, 86;
an deiner sprache rüge
du schärfer nichts, denn lüge,
die wahrheit sei ihr hort!
Uhland ged. 75;
es heiszt eine offenbare, grobe, freche, handgreifliche, bare, leere, abscheuliche lüge: leute ... die solche offenberliche, wissentliche lügen nicht als gottes wort anbeten. Luther 5, 163ᵃ; ja, wenn solche sorge jr ernst und nicht eitel erstunken, faule, grobe lügen waren. 6, 321ᵇ; seinen erlogenen, erstunkenen lügen. 482ᵃ; die lügen ist ja so greiflich, als die vorige. 8, 23ᵇ; wie grob diese lügen sei, darf keines beweisens. 24ᵃ; von einer sonderlichen schendlichen groszen lügen. 29ᵃ; dannenhero ihre majestät bewogen worden, gegenwertiges edict zu publiciren, darinnen sie die obgemeldte thier (d. h. nachrichten von fabellesen) vor offentliche lügen, fabeln, und eitel poetische gedicht erkennen und declariren. Schuppius 570; derbe, grobe lügen, merum, prodigiosum, turpe mendacium, nugae ineptae, alias unverschämte lügen, impostura impudens Stieler 1149; für eine beschimpfung, die er nicht allein mit einer gleichen, sondern auch noch mit boszhaften lügen rächen müsse. Lessing 3, 442; und auf diese weise zog sie alle völker der erde an sich, und lehrte den einen die schlichten, und den gelehrten unter ihnen die erschrecklichen lügen. Eichendorff Lucanor 149; die schreckliche lüge aber, die voll tödtlichen betrugs, ist die, wo einer um zu täuschen, heuchlerisch die wahrheit spricht. 150; die leere lüge und kleinliche absichtlichkeit. Rumohr nov. 1, 88;
dann du ein rechte lüg hast gsaget
und fälschlich dise frau verklaget.
P. Rebhun Susanna 5, 4, v. 321;
lügen!
verdammenswerthe lügen! ich beschwör es.
Schiller don Carlos 3, 4;
hast du es dem thorschreiber gesagt, Johann, dasz er künftig seine schläfrigen augen besser aufsperren und die lügen, unter gottes geleite, ich meine die frachtbriefe der kaufleute, nicht so blindlings für wahrheiten halten solle? Möser patr. phant. 1, 174 (lügen unter gottes geleite heiszen hier die frachtbriefe, weil sie nach der eingangsformel sende anbei unter gottes geleite ein verzeichnis des übersendeten folgen lieszen, das in hinblick auf den zoll nicht immer richtig war).
3)
lüge mit verben; es heiszt eine lüge sagen, reden, ausstreuen, predigen, stiften, pflanzen, thun: falscher zeuge, der frech lügen redet. spr. Sal. 6, 19; ein falscher zeuge redet dürstiglich lügen. 14, 5; die stolzen ertichten lügen über mich. ps. 119, 69; deinen freunden, welchen du lügen predigest. Jer. 20, 6; weil jr das predigt, da nichts aus wird, und lügen weiszagt. Hes. 13, 8; alle die lieb haben und thun die lügen. offenb. 22, 15; stifte nicht lügen wider deinen bruder, noch wider deinen freund. Sir. 7, 13; in den herzen der menschen, welches ein herberg der ungefälschten reinen warheit sein soll, einige lügen zu pflanzen. Schuppius 570; die lügen widerlegen, diluere, refellere, coarguere falsa Stieler 1149; eine lüge erdenken, struere mendacium Frisch 1, 627ᵇ; eine lüge ausbrüten, salubre struere mendacium Steinbach 1, 1069; sie (die regentschaft) streute lügen über den herzog aus. Hauff Lichtenstein 3, cap. 1, s. 8;
fürwar ich dir nit glauben sol.
der mantel stund der junkfrau wol;
und wiltu lüg auf den mantel sagen,
darümb wil ich dir es nit vertragen.
fastn. sp. 669, 5;
ihr sagtet keine lüge.
Gökingk 3, 87;
mit lügen umgehen, sich der lügen fleiszigen, schämen, lügen glauben u. ähnl.: so du doch mit lügen umbgehest. Jes. 57, 11; wie habt jr das eitel so lieb, und die lügen so gerne? ps. 4, 3; sie .. vleiszigen sich der lügen, geben gute wort, aber im herzen fluchen sie. 62, 5; es scheme sich vater und mutter der hurerei. ein fürst und herr, der lügen. Sir. 41, 21; in der lügen stecken bleiben, convinci mendaciorum, den lügen glauben beimessen, moveri mendaciis. Stieler 1149; er hänket an alle seine reden eine kleine lügen an, omnia mendaciunculis aspergit. ebenda; einem eine lüge auf den hals bürden, onerare aliquem mendaciis. Steinbach 1, 1069; einen auf der lüge ergreifen, mendacii aliquem manifesto prehendere modo. ebenda;
(ihr schelmen) thut gelt und gutt von leuten rauben,
wenn sie thun ewren lügen glauben.
L. Sandrub kurzweil (1618) 182;
o ihr, die
einer lüge noch je keiner vermochte zu zeihn.
Stolberg 1, 334;
o, die ihr hier
mich schreckenvoll umsteht, an meinem schmerz
die blicke weidend, lernt die lügen kennen,
womit die träume uns, die seher täuschen!
glaube noch éiner an der götter mund!
Schiller braut von Mess. v. 2333.
4)
namentlich in der formel einen lügen strafen, einem eine lüge vorhalten, aufrücken; die umschreibung des hier stehenden genitivs sg. lügen durch eine präposition beleuchtet die der alten sprache gemäsze fügung: das mir erleubt sei, jn umb ein lügen zu strafen. Eck bei Luther 1, 162ᵇ; sonst wird nur selten zu gröszerer deutlichkeit der genitiv durch artikel oder pronomen bestimmt: ich .. antwortete: ich hätte niemals mein wort gebrochen, und ich wollte das mit der ganzen kraft meines lebens behaupten, und wenn er oder ein anderer wieder solche ungerechte worte gegen mich brauchte, so würde ich ihn auf alle fälle der lügen strafen. Göthe 34, 320;
ich straf indesz
euch keiner lüge.
Lessing 2, 357;
von alters her steht gewöhnlich die formel ohne artikel (sogar als zusammenrückung, vergl. unten das verbum lügenstrafen, lügstrafen): wer wil mich lügen strafen, und beweren, das meine rede nichts sei? Hiob 24, 25; weil er sie lügen strafen ... wolte. gespenst 213; ist das erlaubt, dasz ihr vater selbst mich lügen straft und den schelmen in schutz nimmt? Schiller parasit 3, 11;
dich straf ich lügen.
Wallensteins tod 1, 3;
leugn es dasz der feind
in deinem herzen ist, und straf mich lügen!
jungfrau von Orl. 4, 11;
auch in freierer anwendung, so dasz die anschuldigung der lüge ohne worte verstanden ist:
du zeuchst als jungfer auf, und meinst uns zu betriegen;
dein kind spricht noch kein wort, und straft dich dennoch lügen.
A. Gryphius 1698 2, 466;
und mit sächlichem subject: in gegenwart von tausenden, deren blicke und mienen ihn lügen straften. Wieland 7, 103; nicht, dasz er nach der weise des hofs seine lippen eine knechtschaft bekennen liesz, die das stolze herz lügen strafte. Schiller 793ᵇ; so strafte auch hier der erfolg die erwartung lügen. 1000ᵃ; wie viel habe ich um dich gelitten! sagte Marie, und ihre wangen straften sie nicht lügen. Hauff Lichtenstein 2, cap. 8, s. 75.
5)
die lüge wird einem netze, bande, gespinnste verglichen: das gespinnst der lüge umstrickt den besten. Schiller parasit 5, 8;
von dieser lügen schlau gewebten banden
ward unser redlich herz umstrickt.
zerstörung von Troja v. 33;
edle herrscherin! das netz der lüge,
so beginnt er, spinnt um deines auges
ewige klarheit ihre falschen schleier.
Platen 336;
wie sie sonst gesponnen, geschmiedet wird: die, wie ein spinn, ausz jnen selbst liegen, und lügen spinnen, spricht mann: es ist sein eigen gespunst, gemächt, art, baw, gedicht. Agr. spr. 15ᵃ;
o weh der lüge! sie befreiet nicht,
wie jedes andre wahrgesprochne wort,
die brust; sie macht uns nicht getrost; sie ängstet
den, der sie heimlich schmiedet.
Göthe 9, 63.
vgl. lügenschmied.
6)
sprichwörtliches. er wirt von einer lügen nit rot. Agr. spr. 35ᵃ; einer lügen gebürt ein backenschlag (maulstreich). 200ᵃ; einer lügen ein gestalt geben. er kan ein lügen wol staffieren. 47ᵃ; und nachdem ich diese meine lügen wol füttern konte, zumalen auch mit schwören bekräftigte, ward mir festiglich geglaubt. Simpl. 1, 395 Kurz; hüte dich vor der that, der lügen wird wol rath (innocenti nocere nequit mendacium). Pistorius thes. par. 1, 59; lüge ist die erste staffel zum galgen. sag eine lüge, so hörst du die wahrheit. Simrock sprichw. 354; es gehen viel lügen in einen sack. wenn die lüge kalt wird, so stinkt sie. lügen und lawinen wachsen immer. hätt ihn die erste lüge erstickt, er wäre schon längst todt. 355;
groszen herren, fremden und alten
pflegt man lüge für gut zu halten.
354;
ihr wiszt, dasz einen nicht gleich jede lüge würget.
Bürger 110ᵃ;
mit einer personification des wortes verbunden: die lügen hat kurze füsze und kurze flügel, wodurch sie sich nicht hoch aufschwingen kann. polit. colica 259; welche personification auch auszerhalb sprichwörtlicher wendung auftritt: zu mancher zeit regt sich in mir fast krampfhaft das gelüste, mit kühner hand der alten lüge den heiligenschein vom kopf zu reiszen. H. Heine 13, 108.
7)
im gegensatze zu dem gewöhnlichen gebrauche von lüge, der das wissentliche und absichtliche der unwahrheit einschlieszt, heiszt lüge auch ein unabsichtlicher irrthum: Ptolomeus hat hie gefält und ein lugin gesaget. Frank weltb., vorr.; auch wahn, einbildung, nicht durch worte erregt (vgl. lügen 8):
am damme steht ein wilder strauch,
o, schmählich hat der mich betrogen!
rührt ihn der wind, so mein ich auch
was liebes komme hergezogen!
mit jedem schritt weisz er zu gehn,
sich anzuformen alle züge;
so mag er denn am hange stehn,
ein werth phantom, geliebte lüge.
A. v. Droste-Hülshoff ged. 112.
8)
lügen heiszen im Lusernischen weisze flecken an den fingernägeln. so viele flecke einer hat, so oft hat er gelogen. Zingerle lusern. wb. 78.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1881), Bd. VI (1885), Sp. 1266, Z. 69.

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lumpenleute lügengeist
Zitationshilfe
„lüge“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/l%C3%BCge>, abgerufen am 30.11.2021.

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