Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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lipp, lippe, f. oder n.

lipp, lippe, f. oder n.
gerinnsel, dasselbe was lab sp. 3, vergl. auch käselipp theil 5, 254. das wort gehört aber nicht zu lab, sondern steht für lüpp, lüppe, s. d. es bedeutet das gerinnsel zum scheiden der milch: renne, lippe, coagulum. Dasyp.; lipp, coagulum. prompt. v. 1618 bei Schm. 1, 1497 Fromm.; nimb pfefferkümmel ein loth, lippen oder gerinsel von einem ziegenböcklein III loth. Tabernaem. 772; gerinsel oder lip. 278; die best renn oder lipp zu den käsen kumpt von den jungen geislin. Herr feldbau 153ᵃ; man lipt oder rennt die milch mit lamms- oder geisz- oder hasenlippe. Sebiz feldb. 100 (vergl. dazu hasenluppe theil 4², 539).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1880), Bd. VI (1885), Sp. 1054, Z. 18.

lippe, f.

lippe, f.
labium.
1)
dem oberdeutschen lefze (sp. 515) gegenüber geht durch die ältern nieder- und mitteldeutschen dialecte übereinstimmend das wort lippe, aus altem lip-ja, von gleichem stamme wie jenes (vgl. auch lappen lecken, schlürfen sp. 195 fg.) im bildungssuffix verschieden; zufrühest im ags. lippe aufzuweisen: roseis horrescunt labia labris andþrâchiađ lippan reádum smärum. glosse bei Haupt 9, 481ᵃ; altengl. lippe, pl. lippes, neuengl. lip; mittelniederdeutsch und mitteldeutsch labium lypp, lippe, liep, lib Dief. 314ᵃ; labium underlippe, labrum overlippe nov. gloss. 225ᵃ; wol prophetîrete von ûch Ysaias: dit volk mich êret mit den lyppen, aber ir herzce verre ist von mir. mitteldeutsche evang. übers., Matth. 15, in Haupts zeitschr. 9, 274, ebenso Behaims evang.-buch, Matth. 15, 7;
dâvon ouch umbesnittin
nâch hovelîchen sittin
mînes mundis lippen sîn (der rede ungewant).
Jeroschin 309 (vgl. 2 Mos. 6, 12);
niederl. lippe, labium, labrum, lippeken labellum Kilian; das dän. braucht lippe neben læbe, das schwed. läpp. littauisch entspricht lúpa lippe. nachdem Luther das seinem dialecte gemäsze wort in der bibelübersetzung oft angewendet hatte (dem Basler nachdrucker war es fremd, lippen durch lefzen erklärt Fromm. 6, 43ᵃ), drang es in der schriftsprache, und nach und nach selbst in oberdeutschen dialecten vor; nach anleitung der dichter erster schlesischer schule brauchen es schon in der 1. hälfte des 17. jh. auch oberdeutsche dichter, z. b. der Elsässer Rompler:
allein, wasz du versprichst, das mus
nicht härz-los nur ausz lippen gehen.
171;
den schon sp. 516 hervorgehobenen und durch die anwendung in bibel und dichtung sich erklärenden edleren klang des wortes bestätigt auch Fleming, wenn er lefze von thieren, lippe von menschen braucht:
seid nicht so unverständig,
wie gäul und mäuler sein, die eh nicht werden bändig,
als wenn ihr wildes maul ein scharfer zügel zwingt,
dasz ihnen blut und schaum durch beide lefzen dringt.
Fleming 18;
aber: erschein, erscheine bald in deiner groszen ehre,
eh mir der geist entwischt, der nicht herwieder zeucht,
wenn er uns einmahl nur durch beide lippen fleucht.
27.
2)
die beiden lippen des menschlichen mundes; in der dichterischen sprache wird auch der sing. für den plural gebraucht, wie einige der unten folgenden belege zeigen.
a)
gepriesen und durch vergleiche hervorgehoben werden die rothen lippen: deine lippen sind wie eine rosinfarbe schnur. hohel. 4, 3; seine lippen sind wie rosen, die mit flieszenden myrrhen triefen. 5, 13; (ein maler brauchte) lack, endig und lasur zu meinen corallen-rothen lippen. Simpl. 1, 72 Kurz;
deiner roten lippen ziehr.
Opitz 2, 188;
die wangen sind berill, die lippen ein rubin.
Fleming 154;
der liechte diamant blitzt, wie ihr antlitz thut:
der blutende rubin trinkt ihrer lippen blut.
648;
die farbe deiner wangen,
der roten lippen pracht
ist hin und ganz vergangen.
P. Gerhard 50, 18 Gödeke;
der lippen anmuth war den rosen,
den morgenrosen vorzuziehn.
Uz 1, 99;
wo süszer lippen rosen blühn.
133;
sieh meine lippen wie granaten.
Kotzebue dram. sp. 1, 25;
volle, hohe, feine, schmale lippen; holde, süsze, feuchte lippen: an eine wohlgebildete nase schlosz sich ein langer weiszer bart an, ohne die gefällige lippe zu bedecken. Göthe 18, 203;
der thau, der süsze thau, der auf den lippen schwebt,
der mark und bein erquickt.
Opitz 2, 218;
ihr hohen lippen ihr, die ihr so hoch geschwollen
von feuchter süsze seid.
Fleming 604;
spricht mit süszen lippen.
P. Gerhard 156, 39;
o welche rosen blühen auf den wangen!
die vollen lippen! welch ein kusz!
Uz 1, 274;
eh sie einen kusz auf holden lippen wagen.
2, 273;
blaue lippen hat der welkende körper, auch der frierende, der absterbende:
dein (einer alten jungfer) augen trutzen wohl den edelsten rubin,
und für den lippen musz ein türkis auch verbleichen.
Opitz 2, 219;
(als) jedermann mit rother nasenspitze
und blauen lippen heimwärts eilt.
Wieland 21, 282;
(ich) werd ihn (den becher) kosten mit zitternder
und blauer lippe, wenn des todes
hand mir ihn reichet in hehrer stunde.
Stolberg 2, 103;
bleiche, welke, schlaffe, hangende, dicke, wulstige lippen: er hat eine herabhangende lippe, homo est labio demisso Steinbach 1, 1059; die bleichen lippen eines leidenden:
die wunde brennt, die bleichen lippen beben.
Körner werke 1, 134;
mit wolken ist ihr auge stets umhangen,
und ihre lippen, ihre wangen
sind wie ein abgewelkter kranz.
Wieland 21, 363;
durstige lippen:
mit durstgen lippen wollen wir
an seinen (des kelches) blutgen rändern hangen!
Freiligrath dicht. 1, 150;
heisze, bebende lippen eines verlangenden:
von heiszen lippen losgerissen,
und doch entbrannt, sich länger noch zu küssen.
Gellert 1, 189;
meine heiszen lippen beben;
athme, Lyda, neues leben,
küsse wonne mir hinein!
Stolberg 1, 238;
(mit) bebenden lippen,
die sich zu matten, halbgeküszten küssen
kaum zu schlieszen vermögen.
242;
kalte lippen des todten:
es neigten jungfraun sich hernieder zu den todten;
ach, ob sie becher auch den kalten lippen boten,
sie weckten jene nicht!
Freiligrath dicht. 1, 108;
trunkne lippe eines begeisterten:
sie ist da! die begeistrung da!
heil mir! und reden kann die trunkne lippe!
81;
falsche, reine lippen eines sprechenden:
schilt auf die liebe nicht!
du wirst sie nur mit falschen lippen höhnen:
dein auge widerspricht.
Uz 1, 169;
die schönste sprache flieszt von ihren reinen lippen:
sie fliehn ein freches wort, gleich Icars bleichen klippen.
2, 322;
schwere lippen eines stammelnden:
er fordert stammelnd Chier-wein,
mit schweren lippen, starren wangen.
Hagedorn 3, 131;
leise lippe des gedämpft sprechenden, stumme lippe des sprachlosen:
ihm bebte nie von trunkner begeisterung
die stumme lippe!
Stolberg 1, 20;
dort werden lautre stimmen dich begrüszen;
mit leiser lippe lohnt die freundschaft hier.
Göthe 9, 121.
b)
es heiszt, in bezug auf die dienste der lippen beim sprechen, lachen und singen, die lippen regen, öffnen, aufthun, schlieszen, halten: denn Hanna redet in jrem herzen, allein jre lippen regeten sich, und jre stimme höret man nicht. 1 Sam. 1, 13; ich mus meine lippen aufthun und antworten. Hiob 32, 20; wie ich meine lippen hab aufgethan, und mein mund geredt hat in meiner not. ps. 66, 14; wer aber seine lippen helt, ist klug. spr. Sal. 10, 19;
eröffnete die lippe sich zu singen,
so flosz ein traurig lied von ihr herab.
Göthe 9, 118;
und als er die lippen eröffnet zum grusz.
Bürger 33ᵃ;
die lippen lösen, einem der sprechen soll, die lippen schlieszen, einem der zu schweigen hat; die lippen zähmen:
ich lob an dir, herr, die gerechtigkeit
bei voller schaar; zähm auch den mund
und lippen nicht.
Opitz psalmen s. 80;
welchem Phöbus die augen, die lippen Hermes gelöset.
Schiller das glück;
dasz ich schweige, verdrieszt dich? was soll ich reden? du merkest
auf der seufzer, des blicks leise beredsamkeit nicht.
eine göttin vermag der lippe siegel zu lösen.
Göthe 1, 371;
o sage, wenn dir ein verhängnis nicht
die lippe schlieszt, aus welchem unsrer stämme
du deine göttergleiche herkunft zählst.
9, 37;
aus den lippen gehen, entfahren, quellen, über die lippen kommen die worte: hat sie aber einen man, und hat ein gelübd auf jr, oder entferet jr aus jren lippen ein verbündnis uber jre seele. 4 Mos. 30, 7; aber was zu deinen lippen ausgangen ist, soltu halten. 5 Mos. 23, 23; als meine gedichte mir noch ans herz geknüpft waren, und nur selten über meine lippen kamen. Göthe 26, 289;
durch welche töne wälzt mein heiliger gesang ..
sich strömend fort und braust von meinen lippen!
Uz 1, 207;
bis einst ein dunkles ach! von seinen lippen stieg.
2, 202;
von allen lippen rauscht ein flieszend wortgepränge.
2, 164;
die süsze musik, welche der lipp entflosz.
Hölty 115 Halm;
dir lacht kein süszes mädchenlächeln,
strömet kein scherz von des freundes lippe!
106;
schwerer wird es nun mir, ein schönes geheimnis zu wahren;
ach, den lippen entquillt fülle des herzens so leicht!
Göthe 1, 291;
worte werden den lippen anvertraut, von den lippen gelockt, der schweigende ist herr über seine lippen: Marquis. wenn dir in gegenwart meiner frau so ein wort entführe. La Fleur. glauben sie nicht dasz ich herr über meine lippen bin? Göthe 14, 141;
o ich verstand ein jedes wort so gut,
das ich Lenoren von den lippen lockte!
9, 207;
was du mir künftig magst
zu hinterbringen haben, sprich es nie
mit sylben aus, vertrau es nie den lippen.
Schiller don Carlos 2, 4;
mit den lippen sprechen, ehren, rühmen: darumb das dis volk zu mir nahet mit seinem munde, und mit seinen lippen mich ehret. Jes. 29, 13;
doch gleichwol wird es (thörichtes wesen) hoch gerühmt
mit lippen der nachkommen.
P. Gerhard 189, 56 Gödeke;
wer hat von beiden recht? lasz sehn!
zwar, kurz besonnen, sprichst es du
mit deinen honigsüszen lippen
dem ersten ab, dem letzten zu.
Göckingk 2, 109;
der aufmerksame hängt an den lippen eines, die worte werden von den lippen gelesen: ich lese in deinen augen, auf deiner lippe, worte des himmels. Göthe 10, 181;
wann sich der christen volk an heilger stätte drängt,
und ihr begierig ohr an deinen lippen hängt!
Uz 2, 136;
worte, die man im begriff ist auszusprechen, schweben auf den lippen.
c)
in bezug auf die lippen beim athmen:
wer zählt die luft,
die durch die lippen dringt?
Fleming 404;
bei einnahme von speise und trank: es sei kein mensch würdig, an diese gläser jemals wieder eine lippe zu setzen. Göthe 18, 199;
was kümmert mich die ganze welt,
wenns liebe gläslein winkt,
und traubensaft, der mir gefällt,
an meiner lippe blinkt?
Hölty 189 Halm;
blutge tiegermahle netzen
eines gottes lippen nicht.
Schiller das eleus. fest;
sprichwörtlich sich die lippen verbrennen, von etwas zu heisz genossenem hergenommen, aber auf unbedachtes, schädliches sprechen gewendet:
wir wollen uns die lippen nicht verbrennen.
sie kommt, es sei nun was es sei,
noch wohl von selbst, und öffnet mir die pforte,
und giebt um rath und that mir noch die besten worte.
Wieland 21, 364.
d)
die dichter heben in manigfachster weise den antheil der lippen beim kusse hervor: und neues, wärmeres, glühenderes leben will ich von seinen lippen trinken! Göthe 10, 172; auch ihre lippen mit dem warmen weichen munde zu berühren. Gutzkow ritter v. geiste 6, 164;
der verliebten lippen schmätze
zweier herz-vertrauten schätze,
wenn sich mund mit munde schlägt.
Fleming 178;
da ich desz lebens süszes wesen
von ihren lippen durfte lesen.
498;
mit den thüren von korall,
da Kupido hat den saal,
spielte sie ein liebes spiel.
meine lippen warn ihr ziel.
521;
so oft ihr mund, zu dem er seufzend eilte,
kusz, scherz und schwur mit seinen lippen theilte.
Hagedorn 2, 110;
aus lippen soll man liebe saugen.
3, 102;
sanft, wie des liebenden
kusz von lippe zu lippe schwebt!
Stolberg 1, 127;
blickte zärtlich mich an, küszte mit engelskusz
meine lippen.
Hölty 77 Halm;
ein feuerkusz, der von der lippe zittert.
200;
hand in hand! und lipp auf lippe!
liebes mädchen, bleibe treu!
Göthe 1, 61;
es küszt sich so süsze die lippe der zweiten,
als kaum sich die lippe der ersten geküszt.
71;
nicht zu liebeln leis mit augen,
sondern fest uns anzusaugen
an geliebte lippen.
140;
kusz erkläng an seinen lippen.
171;
ach, geliebte noch éinen (kusz)! die neidischen lüfte des morgens
nahmen den ersten sogleich mir von den lippen hinweg.
306.
e)
die lippen bei der äuszerung menschlicher gemütsbewegung; sie werden gebissen, genagt bei unterdrücktem zorn, bei ungeduld, wie bei verhaltenem lachen: die lippen bies er bald ein, bald lies er sie wieder ausz. Chr. Weise erzn. 32 Braune; haltet an das feuer, und beiszt in die lippen, wenn die ungeduld den muth aufschwellet, bis die stimme der führer euch fortreisze! Klinger 2, 159; so entsteht eine unruhe in mir .. ich beisze in die lippen. Göthe 16, 201; wie er die unterlippe zwischen die zähne klemmt! Schiller räuber 2, 3;
zwar bätte sich Zerbin die lippen fast zerbissen,
und lächelnd zog den mund der paladin sogar.
Wieland 17, 108 (Idris 2, 68);
stumm war ich sitzen geblieben, und bisz die glühende lippe,
halb aus schalkheit und lust, halb aus begierde, mir wund!
Göthe 1, 282;
da nagten sich Here und Pallas Athene die lippen (vor erbitterung).
Bürger 212ᵇ (Ilias 4, 20);
also sprach er, und jene, gesammt auf die lippen sich beiszend,
staunten Telemachos an, wie entschlossenes muths er geredet.
Odyss. 1, 382,
ὥς ἔφαθ'. οἱ δ' ἄρα πάντες ὀδὰξ ἐν χείλεσι φύντες,
Τηλέμαχον θαύμαζον, ὃ θαρσαλέως ἀγόρευε.
ich hob die hand, ich bisz die lippen.
Freiligrath dicht. 2, 140;
bei durst oder begier werden die lippen geleckt:
hui! denk ich, hier giebts wein! vor sehnsucht und vergnügen
leckt meine dürre zunge schon
die lippen, die dem fasz mit ihrem durste drohn.
Uz 2, 264;
aha, du fängst schon an die lippen abzulecken.
Göthe 12, 113;
die lippen wässern nach etwas:
wie schade, wär es nur ein schönes luftgesicht,
wornach er uns die lippen wässern machte!
Wieland 9, 67.
im unmut wirft man die lippen auf, schürzt man die lippen: er warf die lippe auf und trommelte mit den fingern. Immermann Münchh. 1, 144; dabei sah er zornig aus, seine lippen schürzte ein erhabener unmuth. 3, 39.
f)
lippe, mit der zunge zusammengestellt:
dasz, bruder, dir dein todt schon vor den lippen lebte,
und dein verhauchter geist dir auf der zungen schwebte,
und wolte nun hindurch.
Fleming 205;
o stall, dasz du nicht lippen,
dasz du doch nicht zungen hast,
dasz du selbsten köntest singen
von den wundersahmen dingen.
296;
dasz unsre sinnen
wir noch brauchen können
und händ und füsze, zung und lippen regen,
das haben wir zu danken seinem segen.
P. Gerhard 107, 13 Gödeke.
g)
lippen, in lebendigem ausdrucke für den menschen selbst, insofern er mit den lippen etwas vollbringt (vergl. ähnliches bei fusz, theil 4¹, 999; bei hand theil 4², 358 fg.; kopf theil 5, 1765 fg.). so die lippen beim reden, lachen, singen: bis dein mund vol lachens werde, und deine lippen vol jauchzens. Hiob 8, 21; deine lippen sollen dir antworten. 15, 6; meine lippen sollen nichts unrechts reden, und mein zunge sol keinen betrug sagen. 27, 4; behüte deine zunge fur bösem, und deine lippen, das sie nicht falsch reden. ps. 34, 14; meine lippen preisen dich. 63, 4; meine lippen und meine seele, die du erlöset hast, sind fröhlich, und lobsingen dir. 71, 23; ich erinnere mich recht wohl, dasz dir der name Eduard besser gefiel, wie er denn auch von angenehmen lippen ausgesprochen einen besonders guten klang hat. Göthe 17, 29;
du liebst, und willst es doch nicht wagen,
es deiner schönen zu gestehn;
was deine lippen ihr nicht sagen,
soll sie in deinen augen sehn.
Gellert 1, 76;
gezwungnes lachen rauscht von lippen, die betrügen.
Uz 2, 38;
ich will mit offnem ohr auf deine worte hören,
wenn, was dein antlitz lehrt, mich deine lippen lehren.
ebenda;
wenn ihrer lippen ach! dein lüstern ohr entzücket.
176;
desz freuet meine seele sich
und meine lippe preiset dich.
Bürger 12ᵇ;
o wie sprach ich so gerne zum volk die rührenden reden,
die du, voller gehalt, kindlichen lippen vertraut!
Göthe 1, 319;
die heilge lippe tönt ein wildes lied.
9, 82;
verwünschung war die stimme meiner seele,
die sprache meiner lippe fluch.
10, 22;
indes die schwarzen geister in der gruft
der falschen brust, der lügenhaften lippe,
wohl ausgedachte qualen zubereiten.
248;
beim schweigen:
müssen schon die lippen schweigen;
sie denkt doch: der bleibt mein eigen.
Fleming 506;
beim athmen, seufzen, rauchen, trinken:
schmauchten mich nur ihre lippen
als ein paffchen krolltoback!
Hölty 207 Halm;
wann schläfrig die lippen
beim göttermahl nippen.
Matthisson ged. 109;
seufzer, die den lippen leis entfliehn.
122;
dasz seine lippe stumm den brand des ostens schlürft.
Freiligrath dicht. 2, 119;
beim küssen:
doch Gismund wird auf einmal kühn,
als man ihm heimlich kund gemachet,
wie diese lippen, die ihn fliehn,
sehr oft den Guido angelachet.
Hagedorn 2, 90.
3)
lippe, bei thieren: ein pferd soll dünne und zarte lippen haben; fast alle fische haben keine lippen, jedoch findet man sie bei labrus und sparus. Nemnich 3, 282. auch bei insecten werden lippen angenommen.
4)
lippe, an blüten: labium die lippe der blumenkrone, die lippe des kelches; sie wird in die obere und untere lippe abgetheilt. Nemnich a. a. o.
5)
lippe, in der anatomie, was früher lefze, vgl. sp. 517, no. 5; labia, die vordere und hintere lippe des muttermundes. ebenda.
6)
lippen, die beiden wundränder: ich möchte den argwohn nicht gern auf mich laden, dasz ich die lippen einer wunde, die man so gern sich schlieszen sähe, aufs neue klaffen zu machen gesucht. Lessing 8, 415.
7)
lippe, bei den orgelbauern, was lefze 7.
8)
im schiffbau werden die an klampen befindlichen zähne, die eine lippenförmige gestalt haben, lippen genannt; ebenso die enden zweier zusammengefügter hölzer; gerade oder rechte lippen, wenn jedes der beiden zusammengefügten enden zwei rechte lippen hat; eine verlorne lippe, wenn das ende schräg geschnitten, so dasz es einen spitzen winkel bekommt. Campe.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1880), Bd. VI (1885), Sp. 1054, Z. 32.

lüppe, luppe, f.

lüppe, luppe, f.
coagulum: coagulum rennen, käszrennen, lüppe Dasypod. (an anderer stelle lippe); lebbe, libbe, luppe, coagulum Stieler 1099; von der lupp aus dem hasenmagen werden die käse blau. Hohberg 2, 277ᵃ (vergl. dazu hasenlupp); die käshärten oder lupp zu machen, wäscht man einen kälbern-magen .. ebenda; ein einiger löffel von lupp kan scheiden in die 100 maasz milch. Scheuchzer 1, 34; lusernisch lupp, neutr., lab Zingerle 41ᵇ. Das wort, öfter in der form lipp, lippe (sp. 1054) erscheinend, ist das ahd. chesiluppa coagulum Graff 2, 77, mhd. kæse-luppe, kæse-lüppe, und gehört zum ahd. neutr. luppi succus lethiferus, goth. lubja-leisei φαρμακεία, ags. lyb fascinum, venenum, plur. lybbu (cus-lybbu) käselab Leo gloss. 654, 46, altnord. lyf arznei, alles als scharfer saft gedacht. etymologische verwandtschaft zu lab (sp. 3) und leber (sp. 460) scheint aber ausgeschlossen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1881), Bd. VI (1885), Sp. 1312, Z. 27.

luppe, f.

luppe, f.
1)
in den eisenhütten ein aus zwei oder mehr stücken zusammengeschmolzener klumpen eisen. Jacobsson 2, 647ᵇ. es ist das franz. loupe in gleichem sinne Littré 2, 350ᵃ. vgl. unten luppenfeuer.
2)
ein vergröszerungsglas, ebendaher übernommen, gewöhnlicher in der form lupe, s. d.:
dems vom auge fiel wie schuppen,
seit du mich von fern erblicktest
durch der liebe goldne luppen.
Platen 198.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1881), Bd. VI (1885), Sp. 1312, Z. 42.

luppe, f.

luppe, f.
eine hündin. Nemnich; canis foemina, auch scortum salacissimum, capraena, mulier ardentissimae libidinis. Stieler 1088. schles. lûpe hündin, hund. Weinhold 55ᵇ. ein niederdeutsches luppe bündel heu Schütze 3, 58, liegt wol gänzlich fern.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1881), Bd. VI (1885), Sp. 1312, Z. 51.

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Zitationshilfe
„lüppe“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/l%C3%BCppe>, abgerufen am 12.05.2021.

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