Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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lüster, lüsterkeit

lüster, lüsterkeit,
s.lüstern, ↗lüsternheit.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1881), Bd. VI (1885), Sp. 1331, Z. 18.

lustern, verb.

lustern, verb.,
nebenform zu laustern, vergl. die ausführungen sp. 361 fg.; im sinne von lauern: also list man in den hystorien von einem wysen meister, der het ein sack mit gelt, und tag und nacht gieng im ein dieb darüm lusteren, der het im das selbig gelt gern gestolen. Keisersberg bilg. 196ᵇ; im sinne von raunen: murmurare lustern Dief. 372ᶜ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1881), Bd. VI (1885), Sp. 1331, Z. 19.

lustern, lüstern, verb.

lustern, lüstern, verb.,
ein verlangen haben; frequentativbildung zu dem verbum lusten, lüsten, und wie dieses in unpersönlicher und persönlicher fügung.
1)
unpersönlich, mich lüstert: sie (die Juden) lusterte also nach den fleischtöpfen Egypten. Harsdörfer lust- und lehrreiche gesch. 2, 352;
wir leben ohne zweck und plan
in stolzer freiheit von allen andern gesetzen
als, was uns lüstert, zu thun.
Wieland 5, 215 (verkl. Amor 1, 120);
uns lüstert, uns hungert schon lange nach euch.
Bürger 60ᵇ;
jetzt kommt, es lüstert mich nach speis und trank.
Körner 2, 50.
2)
persönlich, ich lüstere: der mensch lüsterte nach der kenntnis. Claudius 7, 112; wenn sie nach etwas lüsterte, das ihr die kinderfrau versagte, so schrie der kleine balg sich braun und blau. Musäus kinderkl. 116; das vieh ... hat sein ihm gewiesenes futter und lüstert nicht nach anderem. Immermann Münchh. 1, 183;
ihr vorwitz lüstert nicht nach unerlaubten gütern.
Haller schweiz. ged. 28 (später geändert spähet nicht auf unerlaubte güter);
indessen .. Vastola, die alles gleich verliert
so bald sies hat, nach neuen wünschen lüstert.
Wieland 18, 160;
ein junger handelsmann
von Halep, der die welt zu sehn gelüstert (hat),
und schiffbruch litt, und mit dem leben nur entrann.
23, 179 (Oberon 10, 26);
das subject ist ein körpertheil: das herz lüstert nach der welt ehre, pracht, reichthum, wollust und herrlichkeit und vermeinet, wann es solche dinge haben möchte, so wolt es recht glückselig und fröhlich sein. Scriver seelensch. (1684) 1136; lüstert und züngelt schon unten der mund nach dem braten. Tieck ges. nov. 7, 407;
es lüstert ihm
das auge.
Stolberg 4, 82;
schon lange lüstert uns der gaum,
aus seinem (des herbstes) korb zu naschen.
Voss 4, 197;
als anlustern: Sneewittchen lusterte den schönen apfel an. Grimm kinder- u. hausm. no. 53.
3)
lüstern ist mehr der neuern als der ältern sprache eigen, es erscheint zufrühest im 15. jahrh.: oblectari lustern ł liebhaben (neben lusten, begeren) Dief. 387ᵇ, und wird im 16. und 17. jahrh. meist nur im infinitiv und particip des präsens angetroffen: also begeben sich denn die prediger auf hohe ding, und richten sich nach dem lustern der zuhörer, und predigen was sie gerne hören. Luther tischr. 111ᵃ; zeigte ich meinen burschen das geld und machte ihre augen nach demselben lüsternd. Simpl. 1, 435 Kurz; ja ich getraute mir allbereit, zehen werbern .. solchen widerstand zu thun, dasz sie ausz tausenden in den krieg lusterenden kerlen keinen einzigen kriegen solten. 4, 336; dem lüstrenden fleisch. Simpl. 1 (1713) 26; ein haufen lüsternde huren-gedanken. 2 (1713) 389; solche auf seiner seithe wohl vollendete abentheuer verursacheten bei ihm allerhand lüsterende und anreizende gedanken. 3 (1684) 184; das doch des frauen volks von den lustrenden soldaten möchte verschonet werden. Harsdörfer lust- u. lehrreiche gesch. 1, 301; dargegen bleibet sie (die weltsucht) bei dem lüsternden und geizigen zur zehrung bis in die hölle. Butschky Patm. 102; lüsternde begier zu der unmäszigen überfüllung des magens. 350; der teufel hat denen lüsternden weibern gezeiget, wie sie sich mahlen, schminken .. sollen. 238; aber wenn jemand eine lüsternde schwangere frau sähe kohle, kreide, oder gar mist essen. Chr. Weise kl. leute 86. der infin. lüstern in späteren quellen:
sie schaut, und da sie so, wie aus sich selbst gerissen,
so unersättlich schaut, kommt sie ein lüstern an
den schönen schäfer gar — zu küssen.
Wieland 10, 152;
er dringt in sie. 'sei unbesorgt, mein lieber,
es ist ein lüstern nur, und geht vielleicht vorüber.'
ein lüstern? ich versteh! wie glücklich machtest du
mein alter noch!
22, 292 (Oberon 6, 79; erste ausgabe es ist nur ein gelust).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1881), Bd. VI (1885), Sp. 1331, Z. 25.

lüstern, adj.

lüstern, adj.
appetens, avidus.
1)
das wort ist von Luther in der 1523 erschienenen übersetzung des alten testaments zuerst in die schriftsprache eingeführt worden, ohne zweifel aus der düringischen mundart. im 16. und selbst noch im 17. jahrh. selten verwendet, verbreitet es sich allgemein erst seit dem vorigen. der bildung nach rührt es zunächst an das bairische subst. der geluster das gelüst Schm. 1, 1526 Fromm., und wahrscheinlich ist die ältere form des adjectivs selbst auch lüster, das n erst später angetreten (wie schüchter, später schüchtern), wie wenigstens aus der bildung lüsterkeit (vgl. nachher unter lüsternheit) hervorgeht, während formen, die das bildungs-n vor einem flexions-n unterdrücken, nicht sicher dafür sprechen: indem ihre lüstern (für lüsternen) augen nach etwas ganz anderm sahen. Lessing 10, 99;
wer weisz, wie viel bereits in stillen flammen schwitzen,
und schon auf deinen kusz die lüstern mäuler spitzen?
Günther 764.
2)
lüstern, als attribut zu einem persönlichen substantiv, nach einem genusz begehrlich: da her die selbige stete heiszt, lustgreber, darumb, das man daselbs begrub das lüstern volk. 4 Mos. 11, 34; was thut ein vater, wenn seine töchter nicht mehr ruhig schlafen wollen? er giebt den lüsternen mädchen gute männer, und macht sie zu fruchtbaren müttern. Möser patr. phant. 1, 166;
spürt er unter dem chor
etwas zierliches aus;
der lüsterne knabe
er winkt mir ins haus.
Göthe 1, 33;
sie (die kellnerin) reicht dem lüsternen knappen
nicht mehr auf dem gange den trunk.
103;
es folgen zwölf lüsterne pfäffelein schon,
und pfeifen ein schandlied im kirchenton.
H. Heine 15, 31;
die, sagt man, hat ein lüsterner gesell
beschwatzt, dasz sie mit ihm entrinne.
Freiligrath dicht. 1, 130;
mit dem substantiv eines landstrichs, dessen bewohner gemeint sind:
beglücktes reich! der länder zier!
brach Phöbus aus; und alles lauschte:
es schwieg das lüsterne revier.
Uz 1, 6;
mit näherer bestimmung: gegen die bedrückungen eines unverständigen und nach ihrem kleinen erbgut lüsternen mollahs. Wieland 8, 334; substantivisch:
doch, was er sieht, benimmt
die hoffnung und den wunsch, was schöners zu erblicken,
und hemmt dem lüsternen den athem vor entzücken.
17, 229 (Idris 4, 34).
3)
lüstern, mit den verben sein, werden, machen.
a)
lüstern sein: ich halt, der teufel habe itzt fastnacht mit solchen vergeblichen schrecken, oder wird etwa kirmes in der hölle sein, dasz der teufel so lüstern ist mit larven. Luther br. 4, 618; die welt und vernünftige leut sind fürwitzig und lustern wie die Phariseer, wöllen immer wunderzeichen haben. Mathesius Luther 147ᵇ;
es nahen sich neugierige Nereiden
der prächtigen wohnung in der ewigen frische,
die jüngsten scheu und lüstern wie die fische.
Göthe 41, 63;
lüstern sein nach etwas, auf etwas: wachteln zur narung, nach welcher sie lüstern waren. weish. 16, 2; beschreibt man uns dieses volk als das geduldigste bei der arbeit, das unerschrockenste in gefahren, gleich lüstern nach reichthum und ehre. Schiller 783ᵇ; keinem kinde dadroben soll es an einer kirsche, an einem apfel fehlen, wornach sie mit recht so lüstern sind. Göthe 21, 97;
ich fühls, wie wenig ich nach ehre lüstern bin.
Gökingk 1, 162;
chor. mit was ernährst du so gepflegte magerkeit?
Phork. mit blute nicht, wonach du allzulüstern bist.
Göthe 41, 192;
mit zu und folgendem infinitiv, begierig etwas zu thun: aber das daraus solt folgen, das eitel brot im abendmal sei, das weren wir lüstern zu hören. Luther 3, 449ᵇ; Germanien ist unser, und Gallien lüstern, sein joch abzuwerfen. Schiller 778ᵇ;
der könig, der sich groszpapa begrüszen
zu hören eben noch nicht mächtig lüstern war.
Wieland 18, 127;
ihnen
verbarg ich es, weil ich nicht lüstern war,
mit eurer majestät um diese freiheit
vor meinem hofgesinde mich zu streiten.
Schiller don Carlos 4, 9;
ich bin lüstern,
ein wort mit diesem geist zu reden.
5, 9.
b)
lüstern werden: denn das pöbelvolk unter jnen war lüstern worden, und saszen und weineten .. und sprachen, wer wil uns fleisch zu essen geben? 4 Mos. 11, 4; und David ward lüstern, und sprach, wer wil mir zu trinken holen des wassers aus dem brun zu Bethlehem unter dem thor? 2 Sam. 23, 15; und sie wurden lüstern in der wüste. ps. 106, 14; hernach aber sahen sie auch ein newe art der vogel, da sie lüstern wurden, und umb niedliche speise baten. weish. Sal. 19, 11;
wie reizend unser sultan ist!
wie schön er liegt! bald würd eins lüstern!
wer königin wär!
Wieland 18, 258;
lüstern werden nach etwas: die schiffsgesellen .. eilten, sich in der stadt nach den jüngsten und schönsten mädchen zu erkundigen: denn ihr patron, da er einmal nach dieser waare lüstern ward, sollte auch die beste finden und besitzen. Göthe 15, 149;
denn unser Seladon
begann in worten und geberden
eindringlicher, und nach dem minnelohn
zusehens lüsterner zu werden.
Wieland 21, 317.
c)
lüstern machen: um die augen anzuziehen und die neugier lüstern zu machen. Wieland 2, 38; war mein zelt voll des herrlichsten geruchs gebratenen und versengten schweinefettes, der mich sehr lüstern machte. Göthe 30, 103;
was auch der pöbel weisz, kann mich nicht lüstern machen.
ein philosophisch aug ergetzen hohe sachen.
Hagedorn 1, 17;
der reiz der unabhängigkeit, die reiche beute der geistlichen stifter muszte die regenten nach einer religionsveränderung lüstern machen. Schiller 879ᵇ;
einen mund, der so verführrisch lacht,
und wenn er lacht, nach küssen lüstern macht.
Wieland 10, 192;
wenn der besitz, der ruhig machen soll,
nach fremden gütern euch nicht lüstern machte.
Göthe 9, 144.
4)
lüstern, auch mit menschlichen organen und eigenschaften verbunden: ein lüsternes auge, ein lüsterner blick, ein lüsterner mund (vgl. die belege oben unter 1); ich denke nichts übles von der schönen frau, sie scheint anständig und behutsam genug, aber eine solche lüsterne eitelkeit opfert den umständen auch wohl etwas auf. Göthe 22, 73;
ich schaue schon der Themis söhne
durch deinen neüen glanz erweckt,
und voll von lüsterner begierde
nach gleichem lob und gleicher würde.
Drollinger 245;
der Grieche wendet oft sein lüstern auge
den fernen schätzen der barbaren zu.
Göthe 9, 95;
unnatürlich tritt die begier aus den ewigen schranken,
lüsterne willkühr vermischt, was die nothwendigkeit schied.
Schiller spazierg. im 1. druck, Horen 1795, 10. stück.
5)
lüstern, adverbial: o Mariane! mir, dem glücklichsten unter den männern, ist es wie einem bräutigam, der ahnungsvoll, welch eine neue welt sich in ihm und durch ihn entwickeln wird, auf den festlichen teppichen steht, und, während der heiligen ceremonien, sich gedankenvoll lüstern vor die geheimniszreichen vorhänge versetzt, woher ihm die lieblichkeit der liebe entgegen säuselt. Göthe 18, 96; ich befand mich in meines groszvaters garten, wo die reich mit pfirsichen gesegneten spaliere des enkels appetit gar lüstern ansprachen. 30, 163;
verrieth mein auge mich vielleicht,
das nach den rosen ihrer wangen
durch manchen umweg lüstern schleicht?
Uz 1, 19;
in wäldern hörten es (das lied) die nymphen wiederschallen,
und horchten lüstern auf dein lied!
89;
seht ihr ihn bei scherz und spielen
nach dem busen lüstern schielen:
das ist Amor, traut ihm nicht!
238;
die schönste der gestalten,
die mein blick so lüstern oft umirrt.
Bürger 100ᵇ;
freiheit! ruft die vernunft, freiheit! die wilde begierde,
von der heilgen natur ringen sie lüstern sich los.
Schiller spaziergang v. 142.
6)
lüstern, von worten, bildern u. ähnl., die lust, namentlich die geschlechtliche schildernd, und dadurch zu ihr reizend: also wahrscheinlich eine sammlung lüsterner späsze geben sie uns für eine feine unterhaltung? Göthe 15, 109; ein lüsternes gespräch, eine lüsterne erzählung sind mir unerträglich. denn sie stellen uns etwas gemeines, etwas das der rede und aufmerksamkeit nicht werth ist, als etwas besonderes, als etwas reizendes vor und erregen eine falsche begierde. 110; was sollen zweideutigkeiten und lüsterne albernheiten in dem munde dieses edlen mädchens? 19, 92; auch adverbial, die lüsternheit lockend:
die schlanke cypressengestalt
umschlieszt ein lüstern weiszes gewand.
H. Heine 15, 244.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1881), Bd. VI (1885), Sp. 1332, Z. 17.

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„lüstern“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/l%C3%BCstern>, abgerufen am 15.05.2021.

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