Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

lüsternheit, f.

lüsternheit, f.
appetentia, appetitio. Steinbach 1, 1085; mit einer älteren nebenform lüsterkeit, die auf ein lüster für das adj. lüstern deutet (vgl. daselbst no. 1):
das fleisch ist lüstern nach der welt,
wie Simplicissimus fürstellt
an seinen eignen lüsterkeiten.
Simpl. 1 (1713) 50;
es ist eine eigenschaft der vernunft, dasz sie begierden nicht allein ohne einen darauf gerichteten naturtrieb, sondern sogar wider denselben erkünsteln kann, welche im anfang den namen der lüsternheit bekommen. Kant 4, 344; lüsternheit ist ein spiel mit dem zu genieszenden und mit dem genossenen. Göthe 56, 144;
sein glück für einen apfel geben,
o Adam, welche lüsternheit!
Lessing 1, 48;
hier fand der katze lüsternheit
beim nächsten nuszbaum nun, worauf sie sich gefreut.
128;
entpurpert liegt sie (die rose) da! der schmetterling,
der, als ihr reiz begann,
voll lüsternheit an ihrem busen hieng,
blickt ihren reiz kaum an.
Hölty 47 Halm;
die lüsternheit des kindes nach den kirschen und beeren. Göthe 20, 137;
dasz sie die lüsternheit bezwang, die wahl
des cabinets aufmerksamer zu prüfen.
Schiller don Carlos 3, 3;
lüsternheit der schwangern frauen, pica, malacia Steinbach 1, 1085;
es konnte leicht das leben
von einem erben gar bei dieser lüsternheit
gefährdet sein.
Wieland 22, 295 (Oberon 6, 84);
eigens auf geschlechtliches gewendet: heimlich klangen die töne der lüsternheit in ihrer seele. Göthe 19, 92; das element der lüsternheit, in dem er (Sterne) sich so zierlich und sinnig benimmt. 23, 282;
den irdschen trieb der lüsternheit
entsündigte des ehstands schuldigkeit.
Hagedorn 2, 105;
ein reifes mädchen lernt der geilsten Griechen tänze,
der stellung wissenschaft, der glieder fertigkeit,
und sinnt, voll ungeduld, in ihrem ersten lenze,
schon auf ein meisterstück der frühen lüsternheit.
3, 26;
schwer wars dem kältsten Josefssinn,
sie ohne lüsternheit und sehnsucht anzuschauen!
Wieland 23, 205 (Oberon 11, 8);
ein knie, das sich im wirbeltanz,
wie marmor, weisz, der lüsternheit entdeckte.
Gotter 1, 258;
dann rath ich eurer lüsternheit,
die liebe schöne tageszeit
und mir die weitre müh zu sparen.
Göthe 12, 141;
persönlich gefaszt:
hier gaukelten um ihn, in jugendlichen reihen,
der scherze reger schwarm, die sanften schmeicheleien,
die leichte hoffnung selbst, verhüllt in dünnem flohr,
betrug und lüsternheit und Amors ganzes chor.
Uz 2, 152;
mit dem stolze pflegt der sturz zu tändeln,
um das glück zu klammern sich der neid,
ihrem bruder tode zuzuspringen
offnen armes schwester lüsternheit.
Schiller phantasie an Laura;
lüsternheit, etwas nach dem man sich lüstern sehnt:
nimm hier
diesen spiegel! nur der reinen jungfrau,
deren innres nie geheimer vorwitz
nach verbotner lüsternheit bewegte,
wird ein bild aus ihm entgegentreten.
Platen 334.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1881), Bd. VI (1885), Sp. 1334, Z. 27.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
lügengebäude
Zitationshilfe
„lüsternheit“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/l%C3%BCsternheit>, abgerufen am 11.05.2021.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)