Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

lade, f.

lade, f.
arca, cista, kistenförmiger gröszerer oder kleinerer behälter, mhd. lade; die nicht belegte ahd. form würde hlada lauten, entsprechend dem zusammenhang des wortes mit laden, ahd. hladan onerare. das altnord. hlađa bezeichnet die scheune, engl. lathe die scheune und die drechselbank. lade ist meist (namentlich im sinne no. 1) gleichbedeutend mit truhe und kasten, und steht
1)
allgemein, behälter zum aufbewahren von kleidern, wäsche, schmuck u. ähnl.: die laden oder kästle, scrinium Maaler 259ᵃ; die paum (ahornbäume) wachsent gar grôʒ, .. und macht man guot taveln oder archen oder laden oder schrein dar auʒ. Megenberg 338, 16; umb ein laden zu den paniren. d. städtechron. 1, 261, 29; umb ein laden in die hintern stuͤben, do die schreiber pücher und ander dink einlegen sullen. 270, 16; do woltent sü es (das kind Moyses) nüt döten und wundent es in eine geheb lade und sattent die uf das wasser Nylus 8, 261, 1; und hie sihestu, das er von dem teglichen kleide und gürtel redet, nicht vom kleide, das im kasten ligt, oder vom gürtel, der in der laden ligt, sondern den er teglich tregt und anhat. Luther 3, 312ᵃ; wir heiszens (die arche) auf unsere sprach eigentlich einen kasten, oder eine lange laden. 4, 47ᵃ; die (weisze feder) hub ich fleiszig auf in meiner lade. Schweinichen 1, 45; rings um sie her standen bunt mit blumen bemalte laden und packen in leinwand, welche die ausstattung an gebild, betten, garn, wäsche und flachs enthielten. Immermann Münchh. 3, 13; die laden und verschlossene behältnüsse oder truhen, die ein knecht oder magd hat. Frisch 1, 563ᵃ;
(die hausfrau) füllet mit schätzen die duftenden laden.
Schiller glocke v. 127;
hierher bringe mir, frau, von den zierlichen laden (χηλόν) die beste.
Odyss. 8, 424;
aber die königin brachte die zierliche lade dem fremdling.
438;
kleidung liegt ja bereits in der schöngebildeten lade.
13, 10.
die lade hat einen deckel, wird geöffnet, aufgeschlagen, zugeschlagen, verschlossen: (er) schlägt nicht allein meine, sondern anderer laden mehr auf. Schweinichen 1, 45; ohne die antwort der braut abzuwarten, hatte das mädchen eine der laden aufgethan, und aus derselben den saubern neuen staat mit allem zubehör an bändern und krausen genommen. Immermann Münchh. 3, 14; befahl ihm das meinige in seine lade zu schlieszen. Felsenb. 2, 325;
geflügelt ist das glück und schwer zu binden:
nur in verschlossner lade wirds bewahrt.
Schiller 495ᵃ (braut v. Messina).
sprichwörtlich es ist ein zart nünnlein. er ist ausz der lad gewirkt (er ist wie ein ding, das immer sorgfältig nur in der lade bewahrt wird). S. Frank sprichw. 2, 34ᵃ, vergl. dazu unter lädlein; einen auf der lade haben, auf dem striche haben, aufsätzig gegen ihn sein: wenn irgend einige einander auf der lad haben. lebensg. eines bad. sold. 7; selbst meine mutter, die ich immer sehr liebte, bekam ich dadurch auf die lad. 16.
2)
lade, der behälter für eine leiche, sarg, vgl. todtenlade (Vilmar 234): des fridags 20 avent wart dat licham anders gecleit und in eine laide gelacht. d. städtechr. 12, 376, 13 (kölnisch, 15. jahrh.); also starb Joseph, da er war hundert und zehen jar alt, und sie salbeten jn, und legten jn in eine lade in Egypten. 1 Mos. 50, 26; wie sie den sarg hinunter lieszen ... dann die erste schaufel hinunter schollerte, und die ängstliche lade einen dumpfen ton wiedergab. Göthe 16, 179.
3)
behälter für kleinere gegenstände, z. b. für geld, geldlade: da nam der priester Joiada eine laden, und borte oben ein loch drein, und setzt sie zur rechten hand neben den altar, da man in das haus des herrn gehet, und die priester die an der schwelle hüteten, theten drein alles gelt, das zu des herrn haus gebracht ward. 2 kön. 12, 9;
seid nur ruhig, mein freund! so munkelt er; ehe wir nachsehn,
was für geld in die lad euch regnete.
Voss 2, 28;
für briefe, brieflade heiszt in Süddeutschland und der Schweiz der behälter, den die post für aufnahme der briefe auf den straszen anbringt, im norden briefkasten; bairisch die tabakslad, dose (Schm. 2, 1436 Fromm.).
4)
biblisch die lade des bundes (vgl. bundeslade), lade des herrn, lade gottes, lade des zeugnisses (2 Mos. 25, 22. 26, 33 u. ö.), in welcher die juden ihre gesetzestafeln aufbewahrten; und danach frei und dichterisch:
o fliesz uns ferner, quell der gnaden!
wir sammeln uns um freien herd;
wir bergen tief in heilger laden
die bundesworte fromm und werth.
M. v. Schenkendorf in Wackernagels leseb. 2 (1876) sp. 1537.
5)
lade, bei zünften und corporationen, der behälter ihrer urkunden, zunftbücher, ihrer kleinode und ihres vermögens, vergl. handwerkslade, zunftlade: seitdem .. die laden der gilden in den städten von den gerichts- und stadtarchiven wohlbedächtig abgesondert sind. Möser patr. phant. 107; die lade der handwerksgesellen, vgl. gesellenlade; die lade eines kirchspiels: der einzige privilegirte notarius des kirchspiels, .. in dessen hause zugleich der gemeine schrank oder die lade niedergesetzt, worin dasjenige, was vorgedacht ist, insbesondere aber das bankobuch nidergelegt werden könnte. ebenda 108; lade der freimaurer: wird es unsern verehrten meistern (vom stuhl) gefallen, mit diesem aufsatz in ihre lade alle dasjenige niederzulegen, was öffentlich über unsern freund (Wieland) erscheinen wird. Göthe 32, 267. zusammenkünfte der handwerkscorporationen werden vor offener lade gehalten: wenn du das erste mal vor offene lade kommst und der altgesell dich fragt. Schade handwerksleben in brauch, spruch u. lied (1856) s. 51; alle vier, bei manchen handwerken auch sechs wochen versammelten sich die gesellen unter vorsitz zweier meister .. in wolanständiger kleidung und haltung sich um den tisch setzend, auf dem die geöffnete lade stand, das archiv und die kasse der bruderschaft, gewissermaszen ihr allerheiligstes. 72. in freier anwendung: daher gibt es keinen köstlichern gesellschafter als einen professor, nämlich für professoren; und so ist ein jurist einer der besten unterhalter für — juristen; und so jeder vor der offnen lade seines gewerks. J. Paul nachdämm. 75. in die lade werden die beiträge der corporationsmitglieder gelegt: soll er, ehe und zuvorn von ihme der tuchladen eröffnet wird, in gemeine laden dreiszig reichs-thaler einzulegen schuldig sein. der stadt Leipzig ordn. (1701) 214; daher lade auch in gleicher bedeutung wie unser modernes kasse: bruderlade, knappschaftskasse Veith bergwörterb. 120; in Niederdeutschland sagt man armenlade, kirchenlade, witwenlade; in Bremen ist lade = sterbekasse (Brem. wb. 3, 2).
6)
die zusammenkunft einer zunft und die zunft selbst hiesz lade: zu éiner lade halten ward von verschiedenen handwerkern gesagt, die sich in éine corporation zusammenthaten; soll ein knappe, so er längstens um 10 uhr zu nachts nicht zu hause wäre, für jedes solches übertreten 15 kr. bei straf der laden, da er von dem meister dort angezeigt wurde, gestraft werden; zu dem ende der maister solch seines knappen übertreten bei der laden anzuzeigen gehalten sein soll. Augsb. weberordnung bei Birlinger schwäb., Augsb. wb. 303ᵃ.
7)
niederd. ist lade eine gesellschaft, gelag, mit verdächtigem nebensinne, dat is en rechte lade, eine unrechtliche, liederliche, versoffene gesellschaft. Schütze 3, 4; in gleichem sinne scheint das folgende gebraucht zu sein:
ich hab aber des ouch nit vergessen
dasz du selb bist by der laden gsessen,
im selben huornhus mee dann zehen jar.
fastn. sp. 866, 24.
ebenso steht auflage (theil 1, 680 no. 5).
8)
lade, im technischen und hausgebrauch von dingen die in der form ähnlichkeit mit einer lade haben.
a)
lade, die bettstatt, bettlade; im tisch ist eine tischlade, schublade eingelassen; der küchenschrank hat eine pfeffer-, gewürzlade; die kutsche eine kutschlade. in Kärnten heiszt der mund figürlich proatlaͦde. Lexer 171.
b)
bei den gewerken: maurer haben eine kalklade; buchbinder eine heftlade; spitzenklöpplerinnen eine klöppellade; nadler eine knie- oder schenkellade; die drehlade, zur herstellung kleinerer lehmformen für den eisengusz; die windlade der orgel; die lade an der flachsbreche; lade des webstuhls, ein beweglicher holzrahmen: von diesem (weberbaum) laufen etwa drei viertelellen lang die fäden durch das blatt in der lade sowohl als durch die flügel des geschirrs. Göthe 23, 63; die schönheit des gewebes hängt vom gleichen auftreten des webegeschirrs ab, vom gleichen schlag der lade. 65; lade des kammsetzers, das hölzerne mit horn überzogene gestelle eines kammes der wollkämmer, worin die langen zähne desselben stecken. Jacobsson 2, 544ᵇ.
c)
die schalen des rasiermessers scheinen im folgenden gemeint: aber die krummen (instrumenta separatoria) die seindt wie reiszhaken, als die schererknecht wol wissen, die laden an schermesser damit von ain ander zuͦ reiszen. H. Braunschweig chirurg. (1539) 43.
d)
laden, die durch riegel verbundenen hölzer, zwischen denen die pochstempel gehen.
e)
lade, ein holz, das an den stöckelkiel des göpels gestemmt wird, dasz er nicht weichen kann.
f)
lade, das gestell des ackerhakens, hakenpflugs.
g)
lade, gieszlade, ein offner viereckiger rahmen, in welchem in der eisengieszerei beim kasten- oder ladengusse der formsand eingeschlossen ist; auch formkasten.
h)
lade, hebelade, winde zum heben von baumstämmen u. dgl.
i)
lade am geschütz: lade, worauf ein stück geschütz liegt, laffette. Frisch 1, 563ᵃ; lade, schaft eines rohrs, le fust d'une harquebouse. Schottel 1353 (als masc., wegen verwechselung des geschlechts vergl. unten laden 2, sp. 40); vier steinbüchsen mit iren kamern und laden wol beslagen. urk. des 15. jahrh. im anz. des germ. mus. 1857 sp. 247. vgl. ladenbüchse.
9)
lade, der kiefer, worin die zähne stehen, kinnlade: die laden, darinnen die zeene stehen. Corvinus 1, 590ᵃ;
dasz aus des kiefers fester lade
man zähne hebet sonder schade, ..
ist auch ein groszes glück.
Brockes 2, 421.
10)
bei den pferden heiszt lade die grosze lücke zwischen den backen- und vorderzähnen: sie (die pferde) bekommen überall 6 vorder- oder rabzähne und 6 backen- oder stockzähne, die männlichen auch eckzähne in der groszen lücke oder sogenannten lade, zwischen den vorder- und stockzähnen, in welchem raum das gebisz oder die querstange des zaums, ihren platz hat. Oken 7, 1236; zu erkennen wenn das pferd geschwür im munde oder beschädigte laden hat. Pinter pferdschatz 432.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1877), Bd. VI (1885), Sp. 36, Z. 44.

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Zitationshilfe
„lade“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/lade>, abgerufen am 28.10.2021.

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