Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

lagern, verb.

lagern verb.
mhd. legern, ahd. nicht nachgewiesen, nach mehreren bedeutungen des wortes lager und in verschiedener construction entwickelt.
1)
intransitiv, ein lager haben, sich bleibend irgendwo niederlegen, ruhen, von menschen und thieren; in der ältern sprache mit einem accusativ des ortes, nach entsprechenden praepositionen:
Cristus gebot und saget
dem volk, zu legern auf die ert.
H. Sachs 1, 69, 16 Gödeke;
jetzt mit dativ: räuber lagern am wege, im walde; der hund lagerte zu den füszen seines herrn;
zu meinen füszen lagerten sie (die schönen kinder),
das köpfchen gestützt auf meine knie.
H. Heine 15, 102.
mit unpersönlichem subject: dichte wolken lagerten in dem thale; undurchdringliche finsternis lagert über der erde; dann lagerte am morgen und abend dichter nebel auf der fluth. Freytag ahnen 2, 285; trübe stimmung lagert über ihm.
2)
von einem heere (lager 5) und seinem feldherrn: do er aber bei dem bestimpten turen hie hett so lang gelegert und ein legerstat gefestet und teber (wagenburg) gemacht. deutsche städtechr. 3, 44, 15; umb lägeren, circumsedere Dasyp.; lägeren, castra metari Schottel 1354;
dô vernam
der meister, daʒ die heiden stolz
gelegert hatten in ein holz.
livl. reimchron. 4480.
3)
gewöhnlicher aber steht in den bedeutungen 1 und 2 das verbum reflexiv: der engel des herrn lagert sich umb die her, so jn fürchten, und hilft jnen aus. ps. 34, 8; und er hies das volk sich lagern. Matth. 14, 19; er gebot dem volk, das sie sich auf die erden lagerten. Marc. 8, 6; schaffet das sich das volk lagere. Joh. 6, 10;
also denkend geht er fort
und gelanget an den ort
einer eiche; lagert sich
längelang in ihren schatten.
Gleim 3, 427;
ihr engel! ihr heiligen schaaren,
lagert euch umher, mich zu bewahren!
Göthe 12, 247;
mit örtlichem dativ:
wenn er nur nicht
den andern in die hände fällt, die sich
am wege lagern, wildes abenteuer
unedel zu begehn.
10, 230;
und wo grün von zweigen
junge main sich neigen,
lagert man am hügel sich.
Voss 4, 178;
und rohe horden lagern sich, verwildert
im langen krieg, auf dem verheerten boden.
Schiller Wallenstein, prolog v. 89;
da lies er die kamel sich lagern, auszen fur der stad, bei einem wasserbrun. 1 Mos. 24, 11; er hat nider gekniet, und sich gelagert wie ein lewe. 49, 9; Nineve wird er öde machen, dürr, wie ein wüste, das drinnen sich lagern werden allerlei thier unter den heiden. Zephanja 2, 14;
die tauben haben sich gelägert umb das dach.
Opitz 1, 156;
in grauem duft und blauer ferne lagern sich die gebirge von Sabina, Tivoli und Frascati majestätisch herum. Heinse Ardingh. 2, 6; wenn nicht der park mit dem abendschmuck sich vor das fenster gelagert hätte. J. Paul uns. loge 2, 113; (freuden und seufzer) wurden gröszer durch den nahen garten, worein sich der junius mit seiner abendpracht lagerte. Tit. 2, 152; welcher neugeborne tag war nun auf der erde und lagerte sich in das herrliche thal! kampanerthal 18; eine finstre falte des unmuths lagerte sich auf der denkenden stirn. Immermann Münchh. 1, 25;
was blickst du feierlich mich an?
und welche wolke lagert sich auf deiner stirn?
Platen 165;
da zog im vil volks zu und legerten sich zu feld zu den Husziten. d. städtechr. 1, 401, 12; daʒ sich unser gnedig herren die kurfürsten ... für ein slosz, genant Maschaw, legerten. 2, 38, 3; nach dem sich die wolke aufhub von der hütten, so zogen die kinder Israel, und an welchem ort die wolke bleib, da lagerten sich die kinder Israel. 4 Mos. 9, 17; Israel aber zoch aus den Philistern entgegen in den streit, und lagerten sich bei EbenEzer. 1 Sam. 4, 1; kam Sanherib der könig zu Assur, und zoch in Juda, und lagert sich fur die festen stedte. 2 chron. 32, 1; reuter werden sich lagern fur die thore. Jes. 22, 7; das sich das heer jenseid der bach gelagert hette. 1 Macc. 5, 39; Judas lagert sich bei Laisa mit drei tausent man. 9, 5; diese (kämpfer) lägerten sich bei sanct German. Aimon bog. b;
mitler zeit kam der Grecken heer
mit jren schiffen an den fahrt,
legerten sich am selben ort.
B. Waldis Esop 4, 20, 94.
sich lagern wider einen, gegen einen zu felde liegen: darnach zu wetertagen ym mayen verfieng sich kunig Karl, ein grosz her zu machen .. und legert sich bei Meinz enhalbe des Reins wider den erwelten von Swarzenburg, der pey Frankfurt lag. d. städtechron. 3, 278, 28; und die kinder Israel .. zogen hin, jnen entgegen, und lagerten sich gegen sie. 1 kön. 20, 27; kam Nebucad Nezar der könig zu Babel, mit aller seiner macht wider Jerusalem, und sie lagerten sich wider sie. 2 kön. 25, 1.
4)
ungewöhnlich ist das bild die schmerzen lagern sich, dolores remittunt Steinbach 1, 1012, kommen zur ruhe, legen sich.
5)
lagern (nach lager 13), aufgestapelt liegen, von waaren; nur intransitiv verwendet: die waaren lagern an einem trockenen orte; das hier aufgeführte gehölz lagert in den waldorten Rödderburg .. Gieszener anzeiger vom 14. mai 1871. auch nach lager 14: das bier musz erst noch länger lagern, ehe es verzapft werden kann; der wein lagert schon viele jahre; die keller waren zum theil in den felsen gesprengt, an einzelnen stellen ragte das ungeglättete gestein noch in die räume und man erkannte, wo die mauer auf dem stein gelagert war. Freytag handschr. 1, 85.
6)
bergmännisch heiszt sich lagern sich einlegen, zu bauen beginnen. Veith bergwörterb. 316.
7)
geologisch: gebirgsschichten lagern über einander, sind übereinander gelagert oder haben sich übereinander gelagert.
8)
landwirtschaftlich (vgl. unter lager 22): der roggen lagert fast überall, hat sich unter einwirkung der nässe nieder gelegt; das getreide hat sich gelagert.
9)
transitives lagern, zu lager bringen, niederlegen lassen, ist häufig: und treib Adam aus, und lagert fur den garten den cherubim mit einem bloszen hawenden schwert. 1 Mos. 3, 24; er thet ein kerner zurichten, und darauf die toten lägern. Aimon bog. x;
gleich als wär ich entblöszt von kleidungen oder ein bettler,
der nicht mäntel einmal und polster besäsz in der wohnung,
um sich selber bequem und besuchende gäste zu lagern!
Odyssee 3, 350.
gern in bezug auf das heer und seine führer: do legert er sein here und volk bei den enden des Norgee. d. städtechr. 3, 44, 7; do samelt er ein gar grosz her ausz allen landen .. und das samelt und legert er da (um Nürnberg) fünf wochen. 114, 9; wenn man reisen sol, so sollen die leviten die wonung (gottes) abnemen, wenn aber das heer zu lagern ist, sollen sie die wonung aufschlahen. 4 Mos. 1, 51; vor die ander (pforte) wardt gelägert der herzog von Burgundi. Aimon bog. e; alwo er seine leute lagerte. Heilman Thucyd. 572; ich hab .. das heer in Granadens plänen gelagert. Klinger theater 4, 119;
der ruf des krieges ist zu euch gekommen,
der, um den raub der schönsten frau zu rächen,
die ganze macht der fürsten Griechenlands
um Trojens mauern lagerte.
Göthe 9, 20.
von thieren: ich wil selbs meine schafe weiden, und ich wil sie lagern. Hes. 34, 15. von gegenständen: waaren lagern; die güter sind in einem trocknen raume gelagert worden; dazu ist in der kaufmannssprache gebildet einlagern, eine waare in ein lagerhaus bringen, auslagern, sie wieder heraus nehmen: (in Geestemünde ist) billigste lagerung (der waaren) ohne alle nebenkosten für ein- und auslagern. deutsche allgem. zeitung 1864 s. 2037ᶜ; eine büchse lagern, sie in die gehörige lage bringen: item darnach stet geschrieben, wie mans vor einem ietlichem tor gehandelt hat mit den groszen werken und gelegert igliche püchsen nach irem staten und zugehorung. d. städtechron. 2, 291, 2. bergmännisch das feld lagern, sonst es strecken, d. h. die lage und grösze des grubenfeldes bestimmen und der bergbehörde eine hierauf abzielende erklärung abgeben. Veith bergwörterb. 316.
10)
an transitives lagern ist angeschlossen das passivparticip gelagert, in einem lager befindlich, liegend, ruhend: die räuberbande gelagert auf der erde. Schiller räuber 4, 5;
pflicht- und gesetzlos steht er (der soldat) gegenüber
dem staat gelagert, den er schützen soll.
Piccol. 5, 1;
schön ist der friede! ein lieblicher knabe
liegt er gelagert am ruhigen bach.
braut von Messina v. 872;
ein kräftig bestandenes eichenwäldchen, unter welchem sich die erdgelagerte säue gütlich thaten. Immermann Münchh. 1, 148.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1877), Bd. VI (1885), Sp. 68, Z. 74.

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