Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

landschaft, f.

landschaft, f.
landcomplex, zusammenhangender landstrich; ahd. lantscaf, alts. landscepi, ags. landscipe, mhd. lantschaft; territorium lantschaft Dief. 580ᵇ; in verschiedenem sinne.
1)
gegend, landcomplex in bezug auf lage und natürliche beschaffenheit: landschaft, gegne, ora, regio, landschaft die an dʒ meer stoszt, oder sunst an ein wasser, ora Maaler 261ᵈ;
er entziehet der landschaft ..
die feuchtigkeit so gar.
Weckherlin 232 (ps. 107, 38);
namentlich in neueren quellen mit rücksicht auf den eindruck, den eine solche gegend auf das auge macht: eine landschaft im leben (im gegensatz zu unten 2) ist allemal angenehmer und vollkommener anzusehen, wann ein regen vorüber ist, auch wann ein donnerwetter die luft zertheilet, dann da erscheinen die wolken in unersinnlich seltsamen formen und coloriten. Sandrart academie (1675) 1, 71; der weg an sich war meistentheils schlecht und steinig, doch zeigte uns jeder schritt eine landschaft, die eines gemähldes werth gewesen wäre. Göthe 16, 261; an der thüre empfing Charlotte ihren gemahl und liesz ihn dergestalt niedersitzen, dasz er durch thür und fenster die verschiedenen bilder, welche die landschaft gleichsam im rahmen zeigten, auf einen blick übersehen konnte. 17, 5; im süden zeigen sich die gipfel der berge bei Einsiedeln und Schwyz, jetzt schon stark beschneit, während die ganze landschaft noch grün ist. 43, 216;
und schaue vom waldichten berge
weit in die lachende landschaft dem sonnenwagen entgegen.
Zachariä tageszeiten (1757) s. 12;
sie sahen
angelangt sich auf des berges gipfel:
unter ihnen lag die weite landschaft
segenreich und unabsehlich lieblich.
Platen 232.
bildlich: die blüten-landschaft deines lebens. J. Paul mumien 3, 31.
2)
daher, und schon in alten quellen, die künstlerische bildliche darstellung einer solchen gegend: die landschaft in der tafel verguldet oder versilbret und glasiert, dornach es sich denn erhöischt. anz. des germ. mus. 1866 sp. 273 (in der vorschrift zur ausführung eines altarwerkes, Basel von 1518); dieselb feld (altarflügel) .. mit hymel und landschaft. ebenda. Es heiszt eine landschaft malen, zeichnen, radieren, skizzieren; gewöhnlich glaubt man, es sei etwas leichtes, landschaften zu zeichnen und zu mahlen. Hackert bei Göthe 37, 350; in der composition der landschaften ist hauptsächlich dahin zu sehen, dasz alles grandios sei. 362; einer landschaft von Roden aus Cassel ward in diesem fach der preis zuerkannt. Göthe 31, 142; eine heroische, eine idyllische landschaft. In freierem sinne, vom dichter: es sind auch die gestalten der vorzeit, die in seiner erinnerung aufwachen, und in die verödete landschaft ein künstliches leben bringen. Schiller 9, 739 Kurz; nur von ihm (Matthisson) wird es abhängen, jetzt endlich, nachdem er in bescheideneren kreisen seine schwingen versucht hat, einen höheren flug zu nehmen, in die anmuthigen formen seiner einbildungskraft und in die musik seiner sprache einen tiefen sinn einzukleiden, zu seinen landschaften nun auch figuren zu erfinden und auf diesen reizenden grund handelnde menschheit aufzutragen. 744. vgl. landschaftsdichter.
3)
landschaft, als ein sozial zusammenhängendes ganzes, gegend: regio, ein lantschaft, gegne Dasyp.; wart vergunt auf fürpet des wirdigen herrn des probstz zu Newnkirchen und anderen umbsessen der lantschaft do umb, ein steinen prücklein uber die Swobach machen zu lossen. Tucher baumeisterb. 315, 35; Charlotte benutzte nunmehr die schönen tage, um in der nachbarschaft ihre gegenbesuche zu enden, womit sie kaum fertig werden konnte, indem sich die ganze landschaft umher, einige wahrhaft theilnehmend, andere blosz der gewohnheit wegen, bisher fleiszig um sie bekümmert hatten. Göthe 17, 341; ihr habt urfehde geschworen, aber zu welcher zeit? da noch, gegen jetzt, die landschaft friedlich war. 42, 410; oder mehr in politischem sinne, district, bezirk: landtschaft, als weit ein statt oder herr zuͦ regieren und ze bieten hat, dioecesis, territorium Maaler 261ᵈ; er (ein graf von Würtemberg) hat also gehandlet, das man im (von seite des würtembergischen hauses) die landtschaff zu Hochen-Urach eingesetzt; da ist er die zeit seins lebens erhalten worden (ohne dasz ihm das regiment über die würtembergischen lande zugefallen). Zimm. chr. 3, 8, 34; die ortsstämme entsprechen ursprünglich einer eintheilung der landschaft in gauen und dörfer. Niebuhr 1, 341; wenn ein ort sich eine landschaft (distretto), städte und mancherlei ortschaften, gewonnen hatte. 447; die ächte, edle, grosze plebes beginnt durch die bildung einer landschaft aus latinischen ortschaften. 452; Niebuhr hatte .. eifersucht für die ehre seiner landschaft. kl. schr. 1, 7; im gegensatz zu einer stadt, die den politischen mittelpunkt eines solchen territoriums bildet, so die landschaft Basel gegen die stadt Basel, Basellandschaft gegen Baselstadt; die stad Ptolemais und die landschaft so dazu gehört, gebe ich dem tempel zu Jerusalem. 1 Macc. 10, 39.
4)
der modernen sprache fremd geworden ist landschaft in weiterem sinne, gleich land 6, sp. 93: provincia ein lantschaft Dief. 468ᶜ; und der könig .. macht jn (Daniel) zum fürsten uber das ganze land Babel .. und Daniel bat vom könige, das er uber die lantschaften zu Babel setzen möchte Sadrach, Mesach, AbedNego, und er, Daniel, bleib bei dem könige zu hofe. Dan. 2, 49; wil ich jnen landtschaft und herschaften gnuͦg geben. Aimon bog. B 2; wann sie warent höchlich jre weiber, kinder und landschaft zu sehen begierig. ebenda; da riehten sie jr (der fürstin), sie solt desz königs anschlag und weisem raht (den ritter zu heiraten) folgen, denn sie eines solchen ritters wol nottürftig wer, deszgleichen auch jhre landschaft. buch d. liebe 270ᵃ; wann vorzeiten in der ersten christlichen kirchen, die kirchen-ämpter zu bestellen waren, so hat man es in allen landschaften also gehalten, dasz etliche bischofe und etliche vorstehere seind zusammen kommen, und haben tüchtige personen erwehlet. Schuppius 643; dann ein colonia oder pflanzung der landschaften ist nicht ungleich der pflanzung der wäld, in welcher vor 20 jahren nichts von dem einkommen oder nutzen zu gedenken ist (es ist die rede von der gründung eines neuen staates, auf einer überseeischen insel). 715; derowegen solt du in einer jedwedern freien oder andern kunst, wenigst ein fürtrefflichen bestellen, der wird ein ganze insul oder landschaft mit nachfolger oder discipulis leichtlich einfüllen. 717.
5)
landschaft, die bewohner einer solchen (no. 3. 4): anno 1121 zohe keyser Henrich hin die von Menz zu strafen, verlegt jn allen zuͦgang auf dem Rein, verbot der lantschaft nit in die statt zu füren. S. Frank germ. chron. (1538) 169ᵇ; die landtschaft daselbs isset nit brodt, sonder reisz, fisch und nusz. weltb. 197ᵃ.
6)
landschaft, die vertreter eines territoriums oder eines landes: landschaft, ordines provinciales una congregati Haltaus 1179; was also für gut angesehen, dasselbige folgends auf einem andern landtage der sämtlichen landschaft vermelden. Möser patr. phant. 4, 215 (aus einem landtagsabschiede von 1555); die ganze lantschaft, edel und unedl, als die bei ainander was auf dem hofrecht des suntags nach sand Martins tag .. ze Botzen. zeitschr. für Tirol und Vorarlberg 3, 156 (landtagsabsch. von 1420); und so ain gemaine landschaft ainem landfürsten ain landsteur zuesagt ze geben. weisth. 6, 179 (Tegernsee, ende des 15. jahrh.); noch heute: am 27. d. m. trat die landschaft des herzogthums (Altenburg) zur fortsetzung ihrer berathungen zusammen. Frankfurter journ. vom 5. nov. 1873. In Mecklenburg heiszt landschaft die vertretung der städte auf dem landtage, im gegensatz zur ritterschaft, den adlichen vertretern; umgekehrt war im mhd. lantschaft die gesamtheit der vornehmen, der landherren, im gegensatz zu volc:
nu daʒ der dritte tac dô wart,
dô kom al diu lantschaft
und volkes ein sô michel kraft,
daʒ daʒ stat bî dem mer
alleʒ bevangen was mit her.
Trist. 164, 23.
7)
landschaft, name eines provinziellen creditinstitutes der adlichen landbesitzer in der provinz Schlesien: die landschaft der provinz war damals ein groszes creditinstitut der rittergutsbesitzer, welches capitalien zur ersten hypothek auf rittergüter auslieh. Freytag soll u. haben 1, 30.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1877), Bd. VI (1885), Sp. 131, Z. 26.

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Zitationshilfe
„landschaft“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/landschaft>, abgerufen am 08.08.2020.

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