Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

siech, adj.

siech, adj.

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andauernd krank, hinkrankend. die gemeingerm. bezeichnung für 'krank', got. siuks; altn. sjúkr, schwed. sjuk, dän. syg; ags. séoc, engl. sick, vgl. Skeat 552ᵇ; altfries. siak, siek, sek, neufries. sjeack, sük Richthofen 1010ᵇ; alts. siok, siak, seok, mnd. sêk, zuweilen seik, mnl. siec, holl. ziek; ahd. sioh (die nebenformen s. unten), mhd. siech. zu derselben wurzel (s. unter siechen) gehören jedenfalls auch seuche (s. sp. 696 ff.), sucht, sochen, söcheln mit ihren ableitungen, vgl. Grimm gr. 2, 50. Fick³ 3, 325. die neuere forschung ist aber auch geneigt, zusammenhang mit schwach anzunehmen, sodasz dann eine doppelwurzel seuk - swek (indogerm. seug - seweg - sweg) anzunehmen wäre, so Noreen urg. lautl. 88. Uhlenbeck 127. Franck 1205 und zweifelnd Kluge⁶ 364ᵇ. 355ᵇ f. lautlich ist dagegen nichts einzuwenden, auch die bedeutung liesze sich leicht vermitteln, nur würde sich die bedeutungsentwicklung von schwach dann etwas anders gestalten als bei der ältern ansicht. (vgl. dieses, theil 9, 2148 ff. die von Dietrich zeitschr. f. d. alterth. 5, 214 versuchte zusammenstellung mit altn. svíkja, ahd. suîhhan ist ganz unhaltbar.) auszerhalb des germ. ist eine derartige wurzel nicht bekannt. die form bietet nur im ahd. stärkere schwankungen. hier haben die ältern oberd. quellen siuh, z. b. Musp. 15. Murb. hymnen 25, 6, 2 (dat. pl. siuchêm; auch die Freisinger Otfrid- handschr. setzt zweimal siuchemo, siuchon ein, während in den andern meist siech- steht (siechêr, -es, -ero, -un, daneben siaches, -an, siochemo; unflectierte form nicht belegt), s. Piper gloss. 412ᵃ. Tatian hat gewöhnlich sioh, vereinzelt seoh. in den spätahd. quellen (Notker, Williram) herrscht natürlich siech, sîech. s. die weitern belege bei Graff 6, 137—9. auffällig ist das vereinzelte uuaʒersouh, -sŏch, das kaum einen ablaut vorstellen wird, vgl. Grimm gr. 1³, 114, sowie zum ganzen Weigand 2, 710. mhd. siech, mitteld. sîch; alemannisch kommt auch seich vor (vgl. Weinhold al. gr. § 59): sie sin denne seich oder crang. Germ. 18, 188, 24. 189, 2. ebenso kölnisch, s. 5, b. bei Brun v. Schonebeck wechselt sêch (: blêch 543. 2606. 11635) mit sîch (sîchen : krîchen 2055. 2080). formen in glossen: egenus .. hd. siech, sich, kranck. Dief. gl. 196ᶜ; eger, egrus .. siech vel arm, siche, siec. ebenda; egrotus hd. syech, sieche, sich, sik, seck, kranck, zekich. 197ᵃ; seyk, unghesunt. nov. gl. 146ᵃ; infirmus .. syech. gl. 297ᵇ; languidus hd. siech, ain siecher; ein sich, such mensche. nd. zieck, eyn sek mynsche. 317ᵇ; seyk nov. gl. 227ᵇ; morbidus .. siech .. zieck. 367ᶜ. nhd. nur siech, früher auch sich geschrieben.mundartlich scheint siech nicht mehr sehr lebendig zu sein. die oberd. dialecte haben es zumeist erhalten, doch nur in besondern verwendungen, s. Stalder 2, 373. Hunziker 241. Seiler 268ᵇ. Schm. 2, 213 (siech, oberpfälz. sêich). Schöpf 673. cimbr. wb. 230ᵇ (sîch, siich, ammalato). in den mitteld. idiotiken ist es nirgends gebucht, dagegen setzt Lenz Handschuhsheimer dialect 65ᵇ dafür ausdrücklich krank ein. von den nd. führen es die meisten, besonders die ältern auf: sec Strodtmann 209, seek, siek, sük brem. wb. 4, 743, seek Dähnert 419ᵇ, sêk (blasz, bleich, von menschen mit kränklicher gesichtsfarbe) Danneil 191ᵃ, sêk, sü̂k ten Doornkaat Koolman 3, 171ᵃ, auch in Estland siech, nd. seek, siek Sallmann 28ᵃ. nach Frommann 4, 31 wäre es dagegen im plattdeutschen verloren. allgemein gebräuchlich scheint es jedenfalls nicht mehr zu sein. (in Holstein seek, seik statt sük nicht mehr gebräuchlich, s. nd. korrespondenzbl. 5, 69.) — über das substantivierte adj. s. 4 (b). adverbial kommt siech nicht vor, obwol die verbindung siech liegen (s. 5, c) sich für das heutige sprachgefühl dieser verwendung nähert.
1)
siech ist die altgerm. bezeichnung für 'krank' überhaupt, und so noch im mhd. und im ältern nhd. (vgl. oben die glossen): siech, aegrotus, morbosus, morbidus. Dasypodius; siech, aegrotus, malade. Schottel 1416.
a)
dies zeigt sich in der zusammenstellung mit krank: siech, kranck, malade, debile Hulsius 298ᵃ; dat de ghesunden des arsten nicht en behoveden, mer de ghene, de seick unde kranck syn. Veghe 44, 35; unnd ging alswol zu gutem glucke usz, das unszer keiner krangk noch sich wart. Stolle thür. chron. 126 Hesse; der musz davon siech und kranck werden. Luther 7, 629, 26 Weim. ausg.; oder mit ungesund: morbosus, morbidus, siech, ungesund. Corvinus fons lat. 416ᵇ;
die siechen ungesunden muosen si verklagen.
Nibel. 268, 3.
b)
oder in der entgegensetzung zu gesund (vgl. Veghe unter a): ja sprechen sie wer siech ist der wer gern gesundt. Keisersberg narrensch. 76 (nach 85, l. 78)ᵇ;
ich was sich und bin gesunt.
Alsfeld. passionssp. 1682.
so das subst. in sprichwörtlichen redensarten: is't nig vör de seeken, so is't vör de sunden, von harten speisen. wat de seeke nig mag, dat mag de sunde. Schütze 4, 222;
die siechen und gesunden
haben ungleiche stunden.
Simrock sprichw. 9521. Wander 4, 556.
c)
so wird in älterer sprache siech auch von verwundeten gesagt: denselben wein kauften dann die sichen und wunt leut. städtechr. 2, 351, 1;
â wie siech er sînen vater vant!
der wunden er niuht genas
die ime slûch Pausanias.
Vorauer Alex. 548;
doe hine (Reinaert Brunen) sach ligghen al een bloet
ende siec ende onghesont.
Reinaert 933.
d)
häufiger wird siech in specieller anwendung auf aussätzige gebraucht: siech, aussetzig, ladre Hulsius 298ᵃ; siech, adj. [anticam. e pur' hoggidi in fiam. dinotava: ammalato, infermo, mà al presente, non disegna in lingua nostra massime nel suo semplice che] leproso (lebbroso) it. affetto ô attinto di malatia simile contagiosa ed incurabile. lat. leprosus. v. kranck etc. it. aussätzig etc. it. malsucht. Kramer dict. 2, 805ᶜ; siech, auszsätzig, leprosus Dentzler 2, 264ᵃ; siech, adj., s.seuche, wird am meisten von einer ansteckenden kranckheit, sonderlich vom aussatz gesagt. Frisch 2, 274ᵇ. die belege lassen die bedeutung nicht immer mit voller sicherheit erkennen; sie zeigen durchweg das substantivierte adj. (s. 4): wenne man den schern (maulwurf) prennet ze pulver und sprenget in mit aim weiʒen ains ais auf des siechen antlütz, daʒ ist guot für den auʒsetzel. Megenberg 160, 29; altes buten licht eyn kastelle vor dusser Oldenwick, unde dar sunt over proveners, besunderen de ungesunden lude unde de seken. d. städtechron. 16, 476, 11;
malâtes unde siechen
begunden dar kriechen
ân zal und âne ahte.
gute frau 2631;
er (Tristan) nam eins siechen klaffen.
Ulr. v. Türheim Tristan 2238.
weitere (zum theil nicht hierher gehörige) belege bei Lexer hwb. 2, 908. so noch angegeben bei Stalder 2, 373: siech, m. aussätziger.
e)
deutlicher tritt diese bedeutung in zusammensetzungen zu tage, so
aussiech
s. theil 1, 972, vgl. Schm. 2, 214;
feldsiech
s. theil 3, 1489, leprosus. voc. von 1618, s. Schm. 2, 214, vgl. auch Grimm gr. 2, 575: vier arm man, der was ainer ain veldsiech. d. städtechr. 5, 12, 30 (vgl. d. glossar: 'weil die aussätzigen auszerhalb der stadt in abgesonderten wohnungen lebten'); darumb soll er (der fisch, congruus, aal) den menschen auszsetzig oder veldtsiech machen. Ryff thierb. Alberti Magni S 1ᵃ. jetzt noch in Schweizer mundarten als scheltwort: der siech, fäldsiech Seiler 268ᵇ. Hunziker 241 ('bösartiger, hartnäckiger character'; hez siech! schwur und ausruf);
landsiech
die armen landsiechen in einer quelle v. 1558, s. Schm. 2, 214; vor allem
sondersiech
(nach Kramer dict. 2, 805ᶜ dagegen 'soggetto al morbo caduco. lat. sonticus'), s. daselbst und Schm. 2, 214. Stalder 2, 373. Schöpf 673. Klein 2, 182.
f)
die buchstäbliche meinung aller dieser compositionen ist natürlich 'mit einem unheilbaren, sich mittheilenden übel behaftet, und in abgesonderten krankenanstalten unterhalten'. Schm. 2, 214; es ist daher die beschränkung auf den aussatz nicht an sich notwendig und nicht in allen fällen sicher. auch das einfache siech wird öfter die etwas weitere bedeutung eines ansteckenden und daher getrennt lebenden kranken haben. (tirolisch der siech 'kranker im lazareth' Schöpf 673.)
g)
gewöhnlich aber hat sich die bedeutung von siech nach einer andern seite entwickelt. die heutige bedeutung definiert Campe: 'der gesundheit anhaltend ermangelnd, immerwährend kränklich, ohne eine bestimmte namhafte krankheit zu haben, nach deren hebung gesundheit wieder eintreten kann'. es bezeichnet also erstens den gleichmäszig andauernden zustand im gegensatz zur acuten, vorübergehenden erkrankung, zweitens zum unterschiede von bestimmten, localen krankheiten ein allgemeinleiden, einen schlechten gesundheitszustand überhaupt, der oft nicht sehr heftige symptome bietet, aber in der regel unheilbar (jedoch nicht ansteckend) ist. so mehr oder weniger deutlich schon in den ältern wörterbüchern: siech (der) kranck, ungsund, und zuͦ kranckheit geneigt, für und für siechig, morbidus Maaler 373ᶜ; languidus, schwach, siech. Corvinus fons lat. 348ᵇ; siech, adj. et adverb. idem fere quod süchtig, morbidus, languore confectus, longinquo morbo intabescens, gravis et periculosae valetudinis, variis, et tenacibus morbis conflictans, valetudine adversa correptus. Stieler 2016.
h)
zur geschichte dieser bedeutungen ist noch zu bemerken, dasz die ältere 'krank schlechthin' sich fast nur noch im ältesten nhd. (16. jahrh.) nachweisen läszt, für Kramer (s. unter d) ist sie bereits veraltet. die bei diesem bezeugte gebrauchsweise für einen ansteckenden kranken hat dagegen, neben der heutigen, noch Frisch 2, 274ᵈ, s. d, er fährt fort: item, von einer langwierigen kranckheit, vor alters von kranckheiten überhaupt, auch noch jetzt in einigen derivatis und compositis. — seit Adelung ist die bedeutung g die alleinherrschende.
2)
siech mit näherer bestimmung (meist in der allgemeinen bedeutung 'krank').
a)
siech gestattet gradbestimmung und steigerung:
wie möhtens immer siecher wesen?
Stricker kl. ged. 12, 236;
unt besprechet iuch dâ bî,
welher der siechist sî
under iu.
pf. Amis 854.
so auch:
unde wu vil seik de ebdische Gerborch were,
se gedachte doch wol an ores godes huses ere.
Eberhard reimchr. v. Gandersh. 1807;
ich will in dieser rinne sterben,
bin alt und siech genug dazu.
Chamisso 2, 238 Koch (der bettler);
es ist niemand so siech auff erden, er wolt gern dem todt entfliehen. buch der liebe 348ᵈ. s. auch Alex. unter 1, c.
b)
mit angabe des sitzes der krankheit (siech an): das ich sag von denen, die do nuͦr an etlichen teylen oder glidern, und nit am gantzen leib siech seind (qui partes aliquas corporis imbecilles habent). Khüffner Celsus 4ᵇ;
swer siech ist an den ougen.
Stricker kl. ged. 11, 202.
vgl. ferner 7, c.dafür auch zusammensetzungen:
hauptsiech
s. theil 4, 2, 630, mhd. houbetsiech Lexer handwb. 1, 1353. Grimm gramm. 2, 575, nd. hoved-seek brem. wb. 4, 743, mhd. lidesiech u. a.
c)
die ursache des siechseins oder die krankheit selbst, an der einer leidet, wird in der ältern sprache durch blosze casus angegeben, und zwar im alts. und ags. gewöhnlich im dativ (bennum, feorhbennum séoc, dagegen módes séoc Beowulf 1604; wundon siok Hel. 5755), s. Grimm gramm. 4, 751. 2, 620—622. dagegen im hd. im gen. oder, in neuerer zeit, mit von: wer von stanck siech wirt dem ist nicht müglich zuhelffen. Ortolf v. Bayrland 4ᵃ; ob ein mensch von andern dingen siech wirt also dz er unrayne und pöse kost geessen hat. 4ᵇ; wenn einer siech lyt eyner sölchen kranckheit, do sich nit zuͦ versehen ist das er uff kum. Keisersberg bilger 47ᵇ; und ist der mensch von uberiger hitz und feüchte das ist von uberigem plut siech so soltu mercken das seyn harm rott dick und trüb ist. versehung eines menschen 54ᵃ. ähnlich: di was sich von dem blute ('blutflüssig'). d. mystiker 1, 20, 31. s. auch 7, d.
d)
auch dafür häufig zusammensetzungen, wie
altersiech, fiebersiech
(theil 3, 1623). andere sind dagegen vielleicht erst nach den krankheitsnamen gebildet.
lustsiech
(der an der lustseuche leidet), s. theil 6, 1350: wie wir denn heutzutage viele lustsieche leichen haben, die kaum bis zum hineinlegen halten. Shakespeare Hamlet 5, 1. ähnlich ahd. waʒʒarsioh hydropicus, mânôdseoh lunaticus, diubilsiuh daemoniacus s. Graff 6, 138 f. Schm. 2, 214. Grimm gramm. 2, 575. nd. sugtenseek bettlägerig. brem. wb. 4, 743.
e)
andre zusammensetzungen geben die schwere der krankheit an:
bettsiech
so dasz man zu bett liegen musz, ahd. pettisiuh, bettisioh paralyticus Graff 6, 139. Schm. 2, 214;
ferchsiech
ags. feorhséoc, altn. fjo̜sjúkr, nhd. dafür
todsiech
Grimm gramm. 2, 575:
mein herr der ist kranck worden spat
und liget todt siech in dem beth.
H. Sachs 4, 1, 11ᶜ.
doch gewöhnlich getrennt: und do kaiser Theodosius nun die Teutschen .. stark angriff, .. ward er urbäring (plötzlich) pis auf den tod siech, gehies im niemant das leben. Aventin chron. 1, 1081, 29. —
vgl. auch nd. pippel-seek brem. wb. 4, 743.
3)
attributives siech, so
a)
gewöhnlich von menschen: die siechen menschen truͦg man ein teil hinauff in die kirchen. d. städtechron. 1, 471, 17; herr Tristrant, der siech man, empfieng sy. Tristrant u. Isalde 69, 3 Pfaff; die xxxvii. narrenschar ist, siech narren. Keisersberg narrensch. 85 (77)ᶜ;
wôr men de rôden vôrde
unde sêke lûde mede rôrde,
de worden hêl unde sunt.
van d. holte des hill. cruzes 456;
in ihren adern flieszt ein unverfälscht geblüte,
darinn kein erblich gift von siechen vätern schleicht.
Haller ged.¹⁰ 28 (alpen 158);
gleich schlich zu seinem glücke
ein siecher alter vor ihr haus.
Gellert bei Adelung;
braune damen — rabenschwarzen haares,
schwergeplagt mit einem siechen mann.
Schiller 1, 192;
aus Rom gekommen, wird ein siecher greise,
ein armer Lazarus, den ruf erheben.
Chamisso 2, 216 Koch (proph. des Nostrad.);
sprichwörtlich:
siecher arzât, armer wîssag, leider gast die sint unwert.
Marner XV, 225 Strauch, vgl. d. anm.
b)
auch mit collectivbegriffen: am 12. september langte der kaiser hier an, wo er und sein sieches heer die freundlichste aufnahme fanden. Giesebrecht kaiserzeit 5, 554;
der stutzer siecher schwarm
lag um sie her.
Göttinger musenalm. 1777, 155.
c)
ferner: samo mit den gûoten salbon gehêilet uuerdent dîe gekniston unte dîe sîechon lîchamon. Williram 70, 10; er schleppte sich eine weile mit siechem körper in dürftigkeit hin. Göthe 48, 47;
leit suochet trôstes rât
und siecher lîp den arzât.
krone 5335;
so warnt euch die natur: flieht übermäsz'gen trunk!
es folgt ein siecher leib, und schmerz und unordnung.
Lichtwer 169;
sieh deinen siechen leib, der laster werkstatt, an.
218.
d)
die einzelnen glieder werden als siech bezeichnet (vgl. 2, b): Lyâ, diu ander swester, bediutet des ûʒern menschen leben, wan diu was siecher ougen. Eckhart 329, 9; wenne si ainem in sein siecheu augen sehent, sô werdent oft plâtern dar inn. Megenberg 9, 30; sieches herz s. unter 7, e.so auch: ist es nicht ungerecht einen menschen um seiner siechen aussenseite willen zu verdammen? auch im elendesten Aesopischen krüppel kann eine grose liebenswürdige seele ... glänzen. Schiller 2, 53 (räuber 1, 3 schauspiel).
4)
sehr gewöhnlich wird siech substantivisch gebraucht, der sieche = der sieche mann oder mensch.
a)
so schon alts.: siakoro ne uuîsoda endi im ira nôdthurti ne gaf. Wadstein 16, 28 (beichtsp.), im Heliand immer sioko man u. ähnl., nur:
reht sô hie sia gihôrda thuo
seggian fan sô siokon.
3977.
b)
mnd. de sêke: alle seken sterven nicht und alle beclageden henget men nicht. quelle bei Schiller-Lübben 4, 175ᵇ; item dar staet to Jermude clene husekens, dar de seken (aussätzigen?) ynne wonen. seebuch 14, 18;
de seiken men ungerne laven
wolde, noch de doden graven.
d. städtechron. 7, 3, 13;
dô he (David) scholde vôr den sêken rîden,
dô slôch ût den rôden tô den sulven tîden
eine sôticheit dâr he in deme berge was
dat he al sîner sûke nas
unde sunt was an sînen lêden.
van d. holte des hill. cruzes 493 (dafür 481 ein krank minsche).
c)
ahd. heilet siohhe thie in iru sint. Tat. 44, 7; in thên lag mihil menigî seohhoro. 88, 1; thô antuurtita imo the seocho. 2; uuas sum siochêr, Lazarus fon Bethaniu. 135, 1;
thie siechûn quâmun alle   thô zemo âbande.
Otfrid 3, 14, 55.
d)
während im ahd. das subst. sich formell nicht vom adj. unterscheidet, prägt sich im mhd. die substantivierung in der durchgängigen schwachen flexion aus. es heiszt also nicht nur der sieche, die siechen, sondern auch ein sieche, pl. siechen (ohne artikel): oder (wenn) ein sieche von grôʒem siechtuome gesunt würde. Berthold v. Regensburg 1, 196, 9; eʒ (bibergeil) ist auch nütz den die hend pidment von der krankheit der âdern. sô man wein wellt mit dem pipergail und sich der siech dâ mit salbt. Megenberg 127, 16; geit man eʒ (wolfsherz) in trinken den hinvallenden läuten, die epilensiam habent, eʒ hilft si, ist daʒ der siech dâ nâch niht unkäuscht. 148, 18; almachtiger und ebiger gat, der traurigen trost, ... der siechen gesund. Germania 18, 354; do die siechen lagen. d. städtechron. 1, 411, 18;
ich sach, daʒ ein sieche verboten waʒʒer tranc.
minnes. frühl. 137, 8;
eʒ lâgen ûf der strâʒe
siechen âne mâʒe.
Gregorius 3774;
dîn helfe kan geliutern
wol trüeben sin den siechen.
gold. schmiede 1333;
wen sprichet; 'dô der siech genas,
dô was er, der er ouch ê was'.
Boner 22, 1;
der gûte meister Volkwîn
vernam und andere brûdere sîn
von einem orden geistlîch,
der wêre gerecht und êrlîch
zû dem dûtschen hûse irhaben,
daʒ sie die siechen solden laben.
livländ. reimchron. 1852;
sante Ottmar und sante Elisabeth,
die armen siechen güetlich tet.
Konr. Dangkrotzheim 340;
die sichen werden nu gesunt.
Alsfeld. passionssp. 854.
e)
nhd. der sieche: item adi 13 abrill in Spital den armen siechen in Spital ieedem 1 D. Tucher haushaltb. s. 109 Loose; wenig siechen leget er die hende auff. Marc. 6, 5; den siechen kummet an dise zeichen. Braunschweig chir. 3ᵃ; im siechenhaus .. befanden sich acht bis zehn männer und ebenso viele weiber, unheilbar, die siechen geheiszen. Birlinger volksth. 2, s. 296; im ältesten nhd. zuweilen apocopiert der siech: heiszt er (der arzt) sy das bluͤt lassen, so wil der siech in dz bad gon. Keisersberg narrensch. 76 (nr. 85, richtig 78)ᵃ. zuweilen auch noch bei neuern autoren (nicht gut):
dank' lieber deinem gott,
wann dieser siech erlegen!
Reithard sagen aus der Schweiz 253.
ein sieche ist nhd. kaum noch möglich, auch siechen (ohne artikel) ist seit langem veraltet, findet sich aber noch in älterer sprache: und salbeten viel siechen mit ole. Marc. 6, 13.
f)
der sieche, aussätzige, s. 1, d.als schimpfwort, s. 1, e; so auch mittelschwäbisch sīach in allerlei verbindungen: huarasīach, böllagr sīach (heulender tropf), dommr sīach, auch scherzhaft im gespräch mit vertrauten mallafiz-sīach, nixagar sīach u. a., Baierns mundarten 1, 58.
5)
prädicatives siech.
a)
siech werden, erkranken, corripi morbo Dasypodius: dusse keiser Hinrik wart sek in dem holte, dat heit de Horst. d. städtechron. 7, 96, 18; es ist vil sicher (sicherer) das ein mensch also hütte das er icht siech werde, denn das er siech werde und im helffen müsse. Ortolf von Bayrland 4ᵃ; Anthiochus des königes sun Seleucius von Syra wz entzünt in der liebe und begir seiner stieffmuͦtter. so ser daz er siech ward und sich dem tode neyget. Heinrich von Muglein Valer. Maximus 75ᶜ; das alle die inn der statt viehe unnd leut siech wurden. Carbach Liv. 65ᵃ; ein guete teutsche meil von Paris ward er siech und starb. Aventin chron. 2, 105, 11; sant Heinrich .. ward siech zu Babenberg und starb alda. 285, 21.
b)
siech sein, dolere, aegrotare, male valere. Dasypodius:
dâr nist neoman siuh.
Musp. 15;
dat der buschof seich ware
unde dat hei ze sente Gereoin lage.
Hagen boich v. Colne 1594;
de sô lange hadde sek gewesen.
van d. holte des hill. cruzes 500.
c)
dafür gern siech liegen: umme das her siche lag, unde mir von ym keyne antwort werden mochte. Magdeb. fragen 2, 2, 10; s. auch Keisersberg bilger 47ᵇ unter 2, c. so auch:
swelich sache lange siech liget
und deheiner erzenîe pfliget,
der ist sterben wæge.
Stricker kl. ged. 12, 255.
d)
anderes: so ists mit dem reichen auch, den gott siech macht. Syrach 30, 20;
wankt' ich nicht siech umher?
Klopstock 2, 124.
6)
siech bezeichnet zunächst einen krankhaften zustand des menschlichen leibes. doch wird es häufig über diese ursprüngliche verwendung hinaus gebraucht.
a)
von thieren findet es sich in älterer sprache manchmal, jetzt kaum noch: ist under ainr ganzen hert oder in dem stall ain kämel, daʒ siech ist. Megenberg 124, 18; daʒ siech schâf macht diu andern leiht siech. 154, 23 f.; sô der ochs übrig siech wirt, sô stirbt er snell. 159, 34; wan .. im ain ochs oder ain rosz siech wär. tirol. weisth. 2, 296, 40; gute und sieche vische, s. Scherz-Oberlin 1497; es were auch gar gut, das man inn die weier liesse frisch Peterlinkraut werffen, dann dises kraut macht die sieche fisch lustig. Sebiz feldb. 467;
eines zîtes daʒ beschach,
daʒ ein wîg ze sîner muoter sprach
und klagte ir bitterlîche nôt,
wand er was siech unz ûf den tôt.
Boner 22, 10;
ein wolf was siech; dô er genas,
er was ein wolf als er ê was.
35.
so auch: wer aver siecheʒ und slemmigeʒ fläsch und verworfenʒ, oder daʒ nicht zeitig wer, slecht. tir. weisth. 4, 382, 32.
b)
von pflanzen selten und mehr in freier übertragung: brich immer der siechen pflanze üppige blumen ab, damit die andern voller reifen! J. Paul Titan 2, 60. im bilde:
o nacht des mitleids und der güte,
die auf Judäa niedersank,
als einst der menschheit sieche blüte
den frischen tau des himmels trank!
Lenau 2, 232 Koch (Savon. 527).
7)
oft wird siech auf seelische zustände u. ähnl. übertragen.
a)
so besonders in bezug auf verzehrende liebessehnsucht, doch hauptsächlich in älterer sprache:
ich junge, und tuot si daʒ,
und wirt mir gernden siechen seneder sühte baʒ.
Walther v. d. Vogelweide 54, 36;
min varbe ist blech,
ich bin von minne sech.
Brun v. Schonebeck 543;
der stutzer siecher schwarm, s. 3, b. vgl. auch unten d.
b)
in geistlicher sprechweise von der krankheit der sünde: dise welt die foller krancken und siechen ist der sünden. Keisersberg narrensch. 116ᵈ;
wer trostet uns ab wir sin sech
von sunden und an gnaden blech?
Brun v. Schonebeck 2606;
wer nert uns armen sichen,
di von suche der sunden kume krichen?
2080.
c)
auch sonst in mannigfacher übertragung, mit nähern bestimmungen. siech an etwas (vgl. 2, b): der an der sêle siech ist. Berthold v. Regensburg 1, 510, 24;
ir sît manlîcher êren schiech,
und an der werdekeit sô siech.
Parz. 316, 14;
dîn trôst den siechen heilet,
der an der sêle ist ungesunt.
gold. schmiede 1328
das ganze haus wird dich am körper krank,
allein nicht siech an deiner seele glauben.
Göckingk 2, 10.
vgl. mhd. sêlesiech (?) Grimm gramm. 2, 575. Lexer handwb. 2, 865, ahd. muotsieh (neuuirdo ih muôtsiêh iro ubeli, non infirmabor Notker ps. 25, 1). mhd. in ähnlichem sinne auch der genitiv (krank aus mangel an etwas):
der mich freude siechen
mit sîner kunst ernerte.
Hartmann v. Aue 2. büchlein 48;
des lîhte ein vreuden siecher man
wider hôhen muot gewan.
Willehalm 155, 5;
sie ist, von der ich muoʒ genesen
oder lônes siech belîben   ân sie von allen wîben.
Mauritius u. Reamunt 471.
d)
sonst bezeichnet der genitiv die ursache der krankheit (vgl. 2, c):
owê, ich lasters sieche, owê,
wie wê mir mîn laster tuot.
Ulr. v. Türheim Tristan 3230;
böser geselschafft würt der mann siech. Wickram irr reitend bilger 24ᵇ (am rande). siech der sünden, s. Keisersberg unter b. dafür von:
daʒ ich sich bin von der minne.
Brun v. Schonebeck 583 (vgl. unter a und b).
so auch in zusammensetzung liebe(s)siech, s. th. 6, 949. 955, mhd. minnesiech, senesiech (Grimm a. a. o.); ferner modesiech, s. th. 6, 2446. eine andre richtung, die wol durch die bedeutungsentwicklung des subst. sucht beeinfluszt ist, nehmen die bei Schmeller 2, 214 angeführten adj. bluetsiech blutgierig, êrensiech ambitiosus, gall-, geld-, spielsiech (-süchtig).
e)
mit nicht persönlichem substantiv, sieches herz: daher beschlosz er ,... seine mutter zu rufen und ihr müdes sieches herz wenigstens mit einer freudenblume zu stärken. J. Paul Hesp. 4, 150.
f)
häufiger wird siech mit bezeichnungen von eigenschaften oder thätigkeiten verbunden: sie .. hielten ungestümme für kraft .. und krampfhaft sieche geduld für festigkeit. Dya Na Sore 2, 295; wahre staatskunst kann sich in keiner rühmlicheren probe versuchen, und sieche, gekünstelte politik hat keine schlimmere zu fürchten. Schiller 7, 61;
die freundschaft
ist wahr und kühn — die sieche majestät
hält ihren fürchterlichen stral nicht aus.
5, 1, 60 (dom Karlos 2, 9).
g)
aber auch dinge und sachen werden in ähnlicher übertragung als siech bezeichnet: der hof ist mit heutigem tage siech geworden — auch er wird hinterher verderben und sterben. Anzengruber³ 3, 334;
bleich war und grau die erde, wie
ein greis; der sonne scheinen
siech.
Freiligrath⁵ 2, 68 (d. letzte mensch);
wahrheit liebt einfalt. die gerechte sache
hat künstlich schlauer wendung nicht vonnöthen,
sie selbst ist ihre schutzwehr. nur die schlimme,
siech in sich selbst, braucht die arznei des witzes.
Schiller 6, 141 (Phöniz. 2, 4).
8)
in andern fügungen hat siech nicht den inhalt seiner bedeutung geändert, sondern die beziehung derselben verschoben.
a)
so besonders mit zeitangaben: sieche tage, an denen jemand krank ist (vgl. siechtag): und niemand mache sich rechnung auf diese beruhigung, der den rath der religion in seinen siechen tagen nicht hört. Gellert 5, 75; ach die schreckensscenen hatten ihren zarten leib zu sehr erschüttert. siech waren ihre übrigen tage. Klinger 4, 41. so auch: nach einer siechen nacht raffte er sich wild, aber leichenweisz wieder auf. J. Paul leben Fibels 49.
b)
ähnlich sieches leben: der tod ist besser denn ein siech leben, oder stete kranckheit. Syrach 30, 17;
sie leben, gebückt, gekrümmt, eisgrau,
starräugig, noch kaum ihr sieches leben.
Klopstock 1, 263;
wozu noch länger tragen
des siechen lebens lastendes gewicht,
an thaten leer, seitdem mich Jovis blitz geschlagen!
Schiller 6, 377 (zerstör. Trojas 110).
c)
mit unbestimmterer beziehung sieches frühjahr u. ähnl.: der fürst hielt sich im siechen frühjahr aus zwei gründen wieder vom zipperlein besessen. J. Paul Hesp. 3, 112; es läszt sich also schlieszen dasz diese witterung geherrscht hatte, als 322 seuche und theurung plagten, und 343, da im folgenden jahr nach einem siechen sommer mangel eintrat. Niebuhr 2, 586, vgl. 9.
d)
ganz vereinzelt mit ortsbezeichnungen:
nû beschirme [uns got] alle
vor der siechen helle ...
unde mache uns an der sêle gesunt.
Karajan sprachdenkm. 44, 1.
so auch sieches bett für siech(en)bett:
was kan den hohen mutt bewegen
und auff ein siches bette legen?
Gryphius verl. gespenst 2, v. 275 (s. 69 Palm).
e)
ähnlich der sieche schmerz, schmerz, den die krankheit verursacht:
Levin. wie? hat der siche schmertz so wenig abgenommen?
Sulpic. der glider schmertz nimmt ab, die hertzens-wunde zu.
1, 136 (s. 49).
hier läge es nahe, in der sieche den genitiv des substantivs zu sehen, doch führt die setzung der groszen buchstaben auf das adj., und wenn diese vielleicht nicht unbedingt zuverlässig ist, so rät doch hier die genaue analogie der vorhergehenden stelle, an dieser auffassung fest zu halten.
9)
zuweilen steht siech in activem sinne, 'krankmachend'. ähnlich schon in 8, c. d; deutlich ausgeprägt ist diese bedeutung in wendungen wie sieche luft (wobei allerdings zugleich auch 'verdorbene luft' verstanden wird, vgl. auch siechlüftig): jn wer jr elendt zuͦ hertzen gangen, das sie inn eynen siechen lufft zuͦ Rom wonen. Carbach Livius 73ᵇ;
wenn sich der bange stanck bey heissem tag erhebet,
und durch die schwere lufft mit siechen dünsten schwebet.
A. Gryphius 1, 317.
ferner:
(der krieg,) der, als der sieche krebs, noch immer um sich zährt
und nicht vergnüget ist, bisz iedes glid verdirbet.
Rompler v. Löwenhalt 118.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 838, Z. 56.

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Zitationshilfe
„landsiech“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/landsiech>, abgerufen am 08.08.2020.

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