Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

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langen, verb.

langen, verb.,
in mehrfacher bedeutung.
1)
lang werden, von tag und nacht gebraucht:
nu ist der küele winder gar zergangen;
diu naht ist kurz, der tac beginnet langen.
Neidhart 24, 14;
eʒ tuot sanfte ein lieplîch umbevâhen
zwein gelieben, sît diu naht sô langet.
G. v. Neifen 14, 27,
to paeschen (zu ostern) geit die vasten ausz,
so langen uns die tage.
Uhland volksl. 86;
eben dieses ist die ursache, warum die kälte erst gegen den hornung kommet, wenn der tag schon wieder zunimmet und die sonne wärmer zu scheinen beginnet, so dasz man auch schon vor alten zeiten diesen reim gemacht:
wenn der tag beginnt zu langen,
kommt die kälte herbei gegangen.
Chr. Wolff vernünft. ged. von d. würkungen der natur 321.
2)
sich erstrecken, reichen, räumlich: der paum wirt gar hôch und langet über ander paum. Megenberg 314, 1; deine macht ist gros, und reicht an den himel, und deine gewalt langet bis an der welt ende. Dan. 4, 19; der dritte (heerhaufe) wand sich auf die strasze, die da langet an das tal Zeboim. 1 Sam. 13, 18; bisz an etwas langen, ruͤren und anstoszen, pertinere. Maaler 362ᵈ; es langt von dem kopfe bis zum hintern, a capite ad podicem pertingit. Steinbach 1, 972; oder zeitlich: denn Agar heiszet in Arabia der berg Sina, und langet bis gen Jerusalem, das zu dieser zeit ist (συστοιχεῖ δὲ τῇ νῦν Ἱερουσαλήμ). Gal. 4, 25; meine offenbarung langet bis in die 3 königreiche. J. Böhme Aurora (Stuttg. 1835) 104; hier auch vergleichend: Jacob sprach zu Pharao (auf die frage nach seinem alter), die zeit meiner walfart ist hundert und dreiszig jar, wenig und böse ist die zeit meines lebens, und langet nicht an die zeit meiner veter in jrer walfart. 1 Mos. 47, 9.
3)
abstract, von dingen, die zu einer person in beziehung kommen (wofür in der modernen sprache gelangen; vergl. auch unten no. 5): alle werk geschehen durch gott, wie sie aber an uns langen, dasselbige zu erforschen, ist uns befohlen. Paracelsus opp. 1, 86 C; namentlich auch von bitten und fragen, die jemand vorgelegt werden: alsdann soll der hauptmann samt den räthen des gezirks, darinn die obgemeldten handlungen und vollstreckungen geschehen solten, solches anfänglich an unser regiment, cammergericht .. langen lassen. erklärung des landfriedens zu Nürnberg 1522, art. 23; an eine gemeine reichsversammlung langen .. lassen. ebenda; so sich begeben, dasz merkliche sachen fürfallen würden, das heil. reich höchlich betreffend, dasz alsdann ein käyserl. statthalter, samt den regimentsräthen, römischer käyserl. mayestät .. solchs verkündigen, und nicht destminder an die sechs churfürsten .. langen lassen sollen. reichsabsch. zu Eszlingen 1526, eingang; dictator der öberst magistrat, an den all sach langet und sich endet. Frank weltb. 75ᵃ;
gar oft langt an jn mein beger,
das er mich lies zuͦ schuͦlen gon.
Wickram pilger L 3, bl. 39;
dann auch von personen, die solche bitte vorlegen: Friderich mir deine krankheit zu wissen thet, .. mit groszem bitten an mich langend, dʒ ich dich in deiner schweren krankheit heimsuchen und trösten wolt. Galmy 34; wo aber Galmy der ritter etwas der unehren an mich muten oder langen wolt. buch d. liebe 46ᵇ.
4)
ferner von dingen, die sich nach einem ziele hin erstrecken, gereichen: weil denn solcher narren wüten langet zur vertilgung christlichs glaubens. Luther 2, 190ᵇ; alles was Christus in seinem reich wirkt, langet dahin, das er die leute rechtschaffen mache. 4, 88ᵃ; denn es langet dem heiligen evangelio und uns allen zu groszer schmach. br. 2, 439; weil es i. f. g. allerseits zum besten langete. Schweinichen 2, 58; und sie begriffen jetzt, wohin es langen könne, dasz sie ihre aussage wieder hatten bestätigen müssen. Pestalozzi Lienh. u. Gertr. (Trogen 1831) 2, 131.
5)
langen, von personen, an ein ziel kommen, gelangen; rein örtlich: vom müller geführt langten Charlotte und der hauptmann auf einem bequemern pfade herunter. Göthe 17, 84; bildlich:
der will ist zwar ein reisemann, der da und dort hin wil:
spannt ihm nicht für gelegenheit, so langt er nicht ans ziel.
Logau 2, 223, 75.
6)
langen, nach etwas die arme ausstrecken, greifen; mit verschiedenen praepositionen: nach dem püpple (der mutterbrust) langen oder greifen. Maaler 262ᶜ; das thut mir herzlich leid, mein herr, erwiederte sie und langte nach ihrem nadelküssen. Thümmel 3, 371;
dern darf deheine sorge haben,
daʒ in der hagen iht ange,
so er nâch den bluomen lange.
Trist. 453, 36;
vil schu fielln jhn von den stangen,
darnach mochten sie nit mehr langen,
dann zu fliehen ward jhn sehr jach.
J. Ayrer 426ᵈ (2143, 17 Keller);
(eine rose) die man mit lust an nas und lippen preszt,
doch bald, indem der busch mit zwanzig frischern pranget,
sie fallen läszt und nach der nächsten langet.
Wieland 21, 165;
nach sonnen langt ich und nach sternen,
die ich erschuf in meinem traum.
Rückert ges. ged. 1, 340;
auf etwas langen:
denn nichts ist, drauf nicht der, von welchem alles hanget,
mit seiner gegenwart und augenmerkung langet.
Opitz Grotius' wahrh. s. 298;
in etwas langen: in die schissel langen, manum admovere patinae Steinbach 1, 972;
mit eines baumes ast, als einer langen stangen,
mit welcher er gar weit kunt in das wasser langen.
D. v. d. Werder Ariost 1, 25, 2;
mit personificiertem subject:
an des mondes stillem leuchten
aus dem feuchten
thränenduft,
soll sie sehn, wie meine bangen
wünsche langen
in die luft.
Rückert ges. ged. 1, 405;
an etwas langen: er langte an die mütze, bereit sie abzuziehen. Auerbach dorfgesch. 1, 152.
7)
langen, transitiv gebraucht, etwas was im bereiche des ausgestreckten armes liegt, sich herzu holen:
diu schif so nâhen wâren,   daʒ sis mit der hant
mit scheften mohten langen   bî in an dem grieʒe.
Gudrun 859, 3;
nach solchem gebet, trat sie zu der seulen oben am bette, und langet das schwert, das daran hieng. Judith 13, 7; wann sie auf der leiter ein büchsen langet. Garg. 77ᵇ; wenn ich meinen hut von der wand gelangt hatte. Thümmel 6, 420;
die deck (vom bette) ist mir entgangen,
ich wolt sie gern wider langen.
Ambras. liederb. no. 112, 24;
lange den tiegel vom bord, und, Hedewig, reiche die butter.
Voss 1, 166;
sie nun langte die mühle herab vom gesimse des schornsteins.
2, 281;
wer faul ist, gras zu mähn,
soll uns und ihnen schön
das heu mit gabelstangen
zur bodenluke langen.
305;
kann sie (die sandalen) nicht langen,
kann sie nicht holen.
Rückert 286;
und langt mit ihrer weiszen hand
die harfe von der felsenwand.
Zedlitz waldfräulein.
auch allgemeiner sich herzu holen, ohne dasz man dabei an den ausgestreckten arm denkt: langet aus seinem secklin ein stücklin von der lebbern. Tob. 8, 2; zuletzt er (vermeinend die malzeit wer all geschehen) sein messer besteckt, und wie der hauszknecht ein essen krebs auftruge, wider langte. Kirchhof wendunm. 187ᵇ; sie solten absteigen, die kalte küche und flaschenfutter hervorlangen. Schuppius 314; meine abwesenheit konnte nicht lange gedauert haben, denn ich hatte nicht einmal nöthig, mein licht zu putzen, als ich es aus dem kamin langte. Thümmel 3, 160; das fräulein .. geht und langt geld aus ihrer schatulle. Lessing 1, 568;
langt die pasteten, bringt die fladen,
wolt jhr gest zu holzöpfeln laden? (schreit der gast).
so musz der herr mit schand bestehn,
und was er guts hat, holen gehn.
grobianus (1568) F 2ᵃ (b. 2, cap. 1);
in vielen fügungen aber nicht mehr wie reichen, geben:
ir habet eʒ umbe sus entphangen,
umbe sus sult ir eʒ langen.
st. Ulrichs leben 767 (= gratis accepistis, gratis date);
dasz ich es (das dorf Bora) gen. Nicoln von Geiszla und dessen mennlichen rechten ... erben verleihen, langen und reichen wolte. Haltaus 1193 (von 1587); das sie .. jm ein frisch hemb lange. Garg. 73ᵇ; als er einmahl einem armen ein allmosen langet. Zinkgref apophth. 2, 22; zu diesem geschäft .. liesz der obrist leutenant wein und confect langen, weil er ein trefflicher zechbruder und es ohn das nach dem nachtessen war. Simpl. 1, 332 Kurz; einem die hand langen, manum alicui porrigere, er langt dir die bücher, libros tibi praebet Steinbach 1, 972; lang den richtwein,
die richter haben sich gesetzt,
wer den andern hat verletzt,
lang dem andern das detzlin,
und bring jhm drei gesetzlin.
Garg. 94ᵇ;
Bonna hat zu allen schlössern, schlüssel an dem gürtel hangen,
nur zu dem, dasz jhr am nützten, musz der nachbar einen langen.
Logau 2, 219, 54;
eins langen, in derber rede für einen schlag versetzen: der (edelmann) verstehts unrecht, und langt mir eines mit seinem säbel über den rechten arm. Chr. Weise erzn. 73; die hand langen, die hand reichen zur unterstützung, einem helfen, vergl. das zusammengerückte handlangen theil 4², 400: unser gott hat seine creaturen gleich als in ein heerspitzen verordnet, das jmmer eine der andern die hand langen und jre kraft mehren oder schwechen könne. Mathesius Sar. 119ᵃ; etwas zur hand langen, etwas unterstützend reichen: gleich tagelöhnern die materialien herbeizuschaffen, und sie den arbeitern zur hand zu langen. Göthe 29, 199. mit unterdrücktem object: lang her für tausent teufel, lang her (nämlich wein). Garg. 85ᵇ; es gehe wie es wolle so heiszt es bawer lang heraus. Lehmann 57; der wirth musz zu essen langen, hospitem decet cibum apponere hospiti. Steinbach 1, 972. — Schweizerisch (im Baselbiet) heiszt langen überhaupt holen. Stalder 2, 156; im düringischen wird es selbst verhüllend für stehlen gebraucht: er hat dem bauren seine schweine gelangt, rustici porcos clam abstulit. Stieler 1067; oder für gewaltsam fortnehmen: sihe, da ich die wort schreib, kam mir botschaft von Salza, wie das volk den amptman herzog Jörgens vom schlos langen wollen, umb des willen, das er drei hab wollen heimlich umbbringen. Luther 3, 133ᵃ.
8)
unpersönliches es langt, reicht aus, ist genug, in der rede des täglichen lebens häufig, während auslangen (theil 1, 901) mehr der gewählteren eigen ist, schlieszt sich zunächst an die oben 5 gegebene bedeutung an: das geld langte nicht, pecunia non sufficiebat. Steinbach 1, 972; die unkosten langen nicht zu einem so groszen bau, hi sumtus non sufficiunt ad tantam molem. ebenda; denn μεν blosz durch zwar gegeben, will nicht langen. Lessing 10, 64; auch persönlich:
und dann — liegt auch so viel nicht dran, wie weit
wir damit langen bei den generalen.
Schiller Piccol. 3, 1.
die angegebene berührung mit der bedeutung 5 oben zeigt sich in einigen verbindungen besonders deutlich: keiner langet dahin, dasz er den zu machenden aufwand belohne. Heyne briefe an J. v. Müller 68 (= reicht so weit aus); er liesz hier die pädagogischen kunstgärtner so lange mit gieszkannen, inokuliermessern und gartenscheeren um ihn laufen, bis sie an den hohen schlanken palmbaum voll sagomark und schirmstacheln mit ihren kannen und scheeren nicht mehr langen konnten. J. Paul Tit. 1, 3 (= zureichen).
9)
langen, im sinne von verlangen, von dem sinnlichen begriffe des armausstreckens, greifens (oben 6) ausgehend: ich will nach dem altfränkischen sprüchwort sagen: wer hangt, der langt! Simpl. 4, 15, vgl. unter hangen II, 5, g, theil 4², 447;
freudvoll
und leidvoll,
gedankenvoll sein;
langen
und bangen
in schwebender pein.
Göthe 8, 232.
10)
die ganz unbestimmte vorstellung der längenerstreckung, die in langen liegt, läszt schon in der älteren sprache das wort lieber mit näher bestimmenden präfixen erscheinen: ahd. gilt einfaches langên (wie alts. langôn, ags. langian, engl. long, altnord. langa) nur für verlangen, sich sehnen, die sinnlichere bedeutung erscheint in galangôn sich erstrecken, reichen, woneben auch bilangên verlangen ausdrückt (Graff 2, 223. 224); mhd. sind die präfigierten belangen, erlangen, gelangen, verlangen häufiger als das einfache verbum; nhd. haben sich zu den angeführten festen verbindungen noch eine reihe losere gesellt, die alle beliebter sind als bloszes langen, weil sie die richtung des begriffes schärfer fassen; vgl.ablangen, ↗anlangen, ↗auflangen, auslangen, einlangen, herlangen, hinlangen, hervorlangen, zulangen u. a.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1877), Bd. VI (1885), Sp. 168, Z. 47.

längen, verb.

längen, verb.
lang machen, ahd. lengan (gilengan, arlengan), mhd. lengen.
1)
im örtlichen sinne:
sîn (gottes) hœhe diu ist dir ze hôch,
sîn wîte ze breit, sîn grunt ze tief, sîn lenge sich dir lenget.
minnes. 2, 236ᵃ, 2 Hagen;
die pindarische ode nennet man, wann der ersten strophen, oder dem ersten reimschlusse (welchen man ordnen, längen und kürzen kan nach belieben) folgen musz eine andere ganz gleiche strofe oder reimschlusz. Schottel 978;
auf, rege dich, Prometheus, länge dir
die fesseln.
Herder z. litt. 6, 155.
in der technischen sprache manigfach: längen, beim bäcker, den teig mit dem längeholz walzen und in die länge ausdehnen; beim metallarbeiter, das metall mit dem hammer in die länge strecken; in der landwirtschaft in Düringen, einen acker in die länge theilen, was seitens der anstöszer geschieht, wenn keine grenzsteine vorhanden sind; in der schifffahrt, das tauwerk, wenn es angezogen ist, los lassen. Jacobsson 2, 557ᵇ; im bergbau längen, auch ausfahren, auslängen, zum zweck der herstellung eines in mehr oder weniger horizontaler richtung geführten grubenbaues (eines stollens, einer strecke) das gestein auf eine gewisse länge aushauen, herausschlagen, auch überhaupt einen derartigen bau herstellen, ihn weiter führen, forttreiben; ferner behufs untersuchung einer lagerstätte, eines feldes in denselben eine strecke, einen stollen treiben. Veith bergwb. 319. 30; in der küche, die brühe längen, sie dünner machen.
2)
zeitlich: êre vater und mûter, sô lengest du dîn leben ûf der erde. Schwabensp. 16, 5; des zweiten montags nach dem geschwornen montag sol man das jargedinge zu Rumersheim besitzen, die hern mogen ine kurzen oder lengen nach irem gevallen. weisth. 3, 830 (von 1550); ihr scheffen und höfer seid fort gefragt, ob der hobsherr nicht macht habe das gericht zu lengen und zu kurzen nach wolgefallen. 6, 605 (17. jahrh.);
wie lustic und wie lobesam
er dô dar inne wære,
daʒ wære sagebære,
wan daʒ ab ichʒ niht lengen wil.
der rede würde al ze vil ..
Trist. 166, 11.
reflexiv: während der winterlichen zeit, wo die abende und nächte sich bei den Hyperboräern fast zu sehr längen. Arndt leben 48.
3)
längen für intransitives langen (no. 1); von den tagen: bis die sonne höher stieg, die tage längeten. Gotthelf schuldenb. 158;
wenn die tage längen,
fangen sie an zu strengen.
Simrock sprichw. 546;
von der zeitdauer überhaupt:
erdenbaw kan übel längen,
drein sich wind und wasser mengen.
Logau 3, 146, 56.
In Kärnten steht lengin auch für langen 7: leng mer's holz her! Lexer 172; auch in der Schweiz.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1877), Bd. VI (1885), Sp. 171, Z. 42.

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Zitationshilfe
„langen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/langen>, abgerufen am 08.08.2020.

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