Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

langsam, adj. und adv.

langsam, adj. und adv.
tardus, serus; tarde, sero.
1)
das ahd. adj. langsam, eine weiterbildung des einfachen lang in zeitlichem sinne, bedeutet longus, prolixus, diuturnus, mit dem adverb. langsamo dudum, ebenso das alts. langsam, adverb. langsamo longum, ags. longsum prolixus, diuturnus. daneben geht ahd. und mhd. ein ursprüngliches langseini, lancseine, häufiger langseimi, lancseime lange zögernd, tardus, das in der mhd. zeit auch zu lancseim, lancsême, lancsæm ausartet; und beide wörter, der form und dem sinne nach so nahe stehend, gehen derart in einander über, dasz zunächst im ahd. das adjectiv langseimi und das adverb langseimo, wiewol selten, im sinne des alten langsam, langsamo verwendet werden (Graff 2, 229), während im mhd. lancseime nach und nach untergeht und dafür langsam eintritt, das die bedeutung von lancseime annimmt, und seine ursprüngliche daneben ausklingen läszt: es heiszt noch diutinus langsam Dief. 188ᶜ; langsam diuturnus. voc. inc. theut. m 1ᵃ; aber auch nunmehr morosus langsam (neben lanckseme), morose langsam (neben langsem) Dief. 368ᵇ; piger langsam 434ᵃ; successivus langsam, lantsem 563ᵇ; tardus fule, langsamer, lencsam, lanszem vel spaed 573ᶜ; tarde langsam, lantsam, langseme ebenda; langsam tardus, morosus, serus. voc. inc. theut. m 1ᵃ; und diese letzteren bedeutungen sind wenigstens seit dem 16. jahrh. die herschenden: langsam, tardus, piger, lentus, serus, murcus, brutus, segnis, Murgiso Dasyp.; langsam, träg, der etwas langsam und träglich ze handen nimpt und angreift, cunctabundus, cessator, impromptus, iners, lentus, segnis, tardus, frigidus homo, tardiusculus, serus Maaler 262ᶜ.
2)
indes ist die alte bedeutung von langsam selbst bis ins vorige jahrhundert vereinzelt nachzuweisen, indem es ganz wie zeitliches lange verwendet wird:
ach! so verzeih der that, die ich an dir verübt,
indem ich dich jüngsthin so langsam aufgehalten.
Günther 1053;
mit dem nebensinne des drückenden, wie im einfachen lange sp. 159:
Astarte fand unendlich viel behagen
an nächten dieser art; indessen manchem freund
der augenblick — dem könig anzusagen,
wie seine königin mit ihrem schönen freund
die nächte braucht, — unendlich langsam scheint.
Wieland 10, 288 (Kombab. 583).
3)
sie scheint auch noch durch, wenn langsam im sinne von spät, im gegensatz zu frühe oder bald, verwendet wird: das er auch dester langsamer schlafen gangen, dester fruͤer aufgestanden. Schwarzenberg vorr. ijᵃ; denn ich allezeit der langsämste nieder und der frühest auf sein müssen. Schweinichen 2, 291; alsdann soll der schultheisz sampt den richtern anfahen zu acht uhren, nit langsamer oder früer. Reuter v. Speir 39; damit ihre majestät nicht eher oder langsamer sich auf den audienz-stuhl setzte, bisz die gesandten vorhanden. pers. reisebeschr. 1, 7; denn bald, oder langsam, mus man doch disen weg (zum tode) wandern. Butschky kanzl. 871; weh solchen herzen, denen das zeitliche so wohl smeckt! si werden es am ende, aber zu langsam, swer empfinden. 733;
wer wird hernach, mein lieb, wer wird hernach dich preisen,
wann disz mein irrdin fasz dann wird die würme speisen?
drumb komm, o schöne, komm, eh es zu langsam ist,
komm, lasz uns gehn den weg, den ich mir auserkiest.
Opitz 2, 172.
4)
heute heiszt uns langsam das, was in bewegung oder fortgang zögert, gegensatz von geschwind oder schnell.
a)
von lebenden wesen, ihrem gebahren und handeln: ein langsamer mensch; er ist ein langsamer kerl, ignavissimus est homo. Stieler 1067; ein langsamer kopf, ingenium tardum Steinbach 1, 971; ein langsamer gang, tardus gressus. ebenda; langsames und mattes vieh, tarda et languida pecus. ebenda; darumb hastu ein kalt verzagt und langsam herz. Cyrill 28ᵇ; in das klaghausz kan sie (die welt) niemandt bringen, und ob mans gleich .. darein schrecket, so geschichts doch mit unlust, mit langsamer handt. S. Frank paradoxa 100ᵇ; ein gemach und langsam wort, spissum verbum Maaler 262ᶜ; langsame hoffnung, die nit grad und fürsich gon wil, spes lenta, langsamer glaub, wenn man nit leichtlich glaubt, was man sagt, sonder betrachtet vorhin eigentlich, ob es zuͦ glauben seye oder nit, fides cunctata. ebenda; der langsame zorn (im gegensatz des jähzorns). Butschky Patm. 137; eine langsame eroberung der stadt, lenta urbis expugnatio Steinbach; zittern sie ... vor später reue, vor den langsamen gerichten gottes! Gotter 3, 67; die langen langsamen qualen eines gemüths. Göthe 14, 179; sprichwörtlich langsam hat bald feierabend. Schottel 1120ᵃ;
langsam rath,
schnell sei die that.
S. Frank sprichw. 2, 119ᵃ
(cunctatio in consiliis, celeritas in opere); es heiszt langsam sein in etwas, zu etwas: langsam in wiedervergeltung der wohlthaten, tardus in remunerandis beneficiis, langsam im reden, lentus in dicendo Steinbach 1, 971; ein mensch eines groben verstandes und langsam ze lernen, homo tardus Maaler 262ᶜ; ein jglicher mensch sei schnel zu hören, langsam aber zu reden, und langsam zum zorn. Jacobi 1, 19;
o möchtest du, wenn dir die menge lorbern flicht,
dem ächten kenner nicht misfallen,
der ohne schalkheit prüft, zum tadel langsam ist.
Wieland 17, 15 (Idris 1, 9);
langsame gnad, wenn einer langsam ist seinem freund in der not ze hilf ze kommen, gratia pigra. Maaler 262ᶜ.
b)
von dingen, die so eine belebung empfangen: ein langsames feuer, was langsam brennt; die speise musz bei langsamem feuer gekocht werden; die spanische perücke, welche wenigstens 15 stockwerke von locken mit langsamen wellen auf den rücken herabfallen läszt. Adelung 4, 161; langsames kunstfeuer, eine art feuerwerk Jacobsson 6, 417ᵃ; die aerarien von belang gleichen den schwammigen bechern aus epheuholz, die man sonst als langsame filtrierhüte gebrauchte. J. Paul erklär. der holzschnitte 147.
5)
am häufigsten steht langsam adverbial: daʒ daʒ ertreich (bei einem erdbeben) gêt wackelnd sam ein schef lanksam. Megenberg 108, 7; da wir aber langsam schifften. ap. gesch. 27, 7; langsam und gemach gon wie ein hinkender, gressus cunctari Maaler 262ᶜ; gott kommt langsam, aber wol. Schottel 1119ᵇ; wer langsam gibt, gibt weniger, minus dat, qui tarde dat. Stieler 1067; langsam geht man auch weit. Lehmann 73; ein retardirender bruder, mit dem ich nachfahren sollte, welcher seine geschäfte erst mit der gröszten gelassenheit, ich weisz nicht ob mit schadenfreude, langsamst vollendete. Göthe 48, 38; die langsam niederschwebende (sich absenkende) brücke. J. Paul Tit. 2, 50;
wie mit geists gewalt
hebet die gestalt
lang und langsam sich im bett empor.
Göthe 1, 248.
6)
einigemal rührt das adverb an den sinn niemals: wer so wil predigen oder regiren, das er sich leszt müde und ungedültig machen, und in einen winkel jagen, der wird langsam den leuten helfen. Luther 5, 355ᵃ; langsam kriegt der hund braten zu fressen, raro canes assaturis vescuntur. Stieler 1067; ich werde dir langsam drüm zu fusze fallen, nunquam tibi supplex ero. ebenda;
wenn man in fodert zu der arbeit,
so ist er albeg lanksam bereit.
fastn. sp. 516, 20.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1877), Bd. VI (1885), Sp. 179, Z. 16.

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Zitationshilfe
„langsam“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/langsam>, abgerufen am 03.08.2020.

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