Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

lanze, f.

lanze, f.
lancea.
1)
das altfranz. lance, lanche, provenz. lansa, span. lanza, das auf lat., vielleicht aber schon aus gallischem oder germanischem munde entlehntes lancea zurückgeht (vgl. Diez wb. der rom. spr. 1, 242), wird, nicht vor dem 12. jahrh., mit andern rittermäszigen ausdrücken, herübergenommen, als selteneres und elegantes wort im sinne des älteren sper, und mit diesem wechselnd; vergl.
dô gab man mir ein ander sper.
Lichtenstein 263, 9,
und nachher: aldâ traf in diu lanze mîn.
20;
im (Partonopier) wart ein scharpfiu lanze
geboten in die rehte hant.
Parton. 5224,
gegen Partonopier sîn sper dô brach.
5277;
alhie vlouc sper unde sper,
ros unde ros, man unde man
sô vîentlîche einander an,
daʒ dâ vil michel schade ergie ...
swes ieman mit dem swerte
oder mit der lanzen gerte,
daʒ hæte er dâ, daʒ vander.
Trist. 473, 34. 474, 2;
und aus der gleichheit der bedeutung entspringt das compositum lantsper lancea (für lanz-sper) Dief. 317ᵃ. die lanze war eine ritterliche turnierwaffe: lanze, lancea, hasta equitum. im turniren und sonsten führten sie nur die ritter, kein knecht durfte damit bewaffnet sein. quelle bei Frisch 1, 576ᶜ; aber in der spätern technischen sprache der ritterlichen übungen wird sie zunächst nicht mehr genannt (dafür spiesz oder sper: ein todkranker begunt zu schreien, als ob er mit einem spies, des er vil gepflegen, uf der ban wer, und nach solichem geschrai redet er vast ernstlich: du boser veint, du hast nichts an mir, und will dich mit disem sper uberwünden. Wilw. v. Schaumburg 56); bis auf die adelichen ringelrennen des 17. und 18. jh., wo wieder mit der lanze von bestimmter form gestochen wird (Eggers kriegslex. 2, 27). in der gewöhnlichen sprache erhält sich das wort: lantzen, lancea, .i. quasi cuspis. voc. inc. theut. m 1ᵇ; lancea, ein langer spiesz, ein lantz. Dasyp. (über die im 16. jh. aufkommende umdeutung des landsknechts in lanzknecht vgl. sp. 137), bald nun mit speer oder spiesz identificiert, bald ihm entgegengesetzt: da sprach der herr zu Josua, recke aus die lanzen in deiner hand gegen Ai. Jos. 8, 18; und glenzet beide, spies und lanzen. Hiob 39, 23; den hamer achtet er wie stoppeln, er spottet der bebenden lanzen. 41, 20; wenn auch in dürftiger verwendung, die erst einem häufigeren gebrauch seit der 2. hälfte des 18. jahrh. weicht, wo die lanze als ritterliche waffe oft genannt wird: ich bin so stolz als einer, desz lanze feindesblut geröthet hat. Klopstock 9, 191; diese lanze, blinkt sie dir genug? 231; meine lanze will ich haben! H. v. Kleist Käthch. von Heilbr. 4, 1;
und warfen die lanzen auf ihn!
Klopstock 9, 195;
da die lanzen noch flogen, die schwerter noch blinkten.
205
und statt der antwort liefen alle stracks
den bäumen zu, wo ihre lanzen hingen, und
die knappen bei den hohen rossen standen.
Wieland 18, 15 (Geron der adeliche);
als ich (beim turniere) um deine lanze jüngst
den eichenkranz dir wand.
Stolberg ged. (1779) 77;
und dann eröffneten die schranken sich;
da stampften pferde, glänzten helm und schilde,
da drängten sich die knappen, da erklang
trompetenschall, und lanzen krachten splitternd.
Göthe 9, 136;
und die zehen mohrenritter
hat ein wilder schreck gefaszt;
schild und lanze weggeworfen,
fliehn sie über berg und thal.
Uhland ged. 261;
jener hub sich in den bügeln,
wuthvoll seine lanze schwingend.
277;
die lanze nahm er in die hand
und thät den schild aufraffen.
341;
die lanze wird dann auch antiken helden beigelegt:
und den göttergleichen Sarpedon enttrugen die edeln
streitgenossen der schlacht. hart quält ihn der nachgeschleppte
lange speer. denn keiner bemerkt und bedachte vor eile,
ihm zum gang aus dem schenkel die eschene lanze zu ziehen.
Bürger 229ᵃ;
rasch dann schwang und entsandt er die weithinschattende lanze,
sieh, und er traf dem Eupeithes des helms erzwangige kuppel,
und nicht hemmete solche den speer, durch stürmte das erz ihn.
Odyss. 24, 522.
Es heiszt eine lanze brechen (vgl.lanzenkrach jüng. Tit. 2723), aber in der technischen sprache hiesz es vielmehr sper brechen, später stangen brechen, spiesz brechen (letzteres in obscöner übertragung Zimm. chron. 2, 123, 8): der den höchsten preisz uber die schranken zu stechen mit neün und vierzig stangen die er gebrochen erlangt het. anfang ursprung und herkommen des thurnirs (Siemern 1530) bl. 170ᵃ;
nû wer möhte diu sper
elliu bereiten her
diu mîn her Îwein dâ brach?
Iwein 3736;
in erreit ûfme gevilde
Dodines der wilde
und brach ûf im sîn sper.
4697;
erst seit dem 17. jahrh. lanze brechen: ritterspiel, waren: in hohen zeugen stechen, uber die schranken stechen. lanzen brechen. spiesz brechen. Philander 2 (1643) 417; auch bildlich eine lanze mit jemand brechen, sich mit ihm in streit einlassen;
um einer Lais gunst sah ich gebrochne lanzen.
Gotter 1, 303;
und keiner brach
so zierlich eine lanze.
Wieland 18, 306;
die lanze einlegen, unter dem arme fest anlegen:
beide legten ihre lanzen ein,
bedeckten mit dem schilde sich, und rennten
die rosse spornend auf einander los.
15;
mit eingelegter lanze sprengt
der alte gegen ihn.
Stolberg ged. (1779) 83;
auch bildlich für jemand eine lanze einlegen, vertheidigend, schützend; in der alten sprache sagte man sper under slahen:
mit ganzer kunst si diu sper
under diu arme sluogen.
Wigalois 171, 6;
erst später einlegen: jedoch hauptman Nienenan, der legt die glän (lanze) ein, und rannt inn vollem ritt dem mönch auf die brust. Garg. 254ᶜ. lanze in einem obscönen bilde:
bemüh dich die schleudernde lanze zu senken,
ihr christlicher blutdurst begehrt sich zu tränken.
Günther 930.
2)
lanze, der die lanze führende, mittellat. lancea (Ducange-Hentschel s. v.); der ritterliche held:
in dem wilden kriegestanze
brach die schönste heldenlanze,
Preuszen, euer general.
M. v. Schenkendorf.
3)
in der modernen kriegskunst wird die spieszwaffe, die die ulanen führen, lanze genannt; die krieger selbst daher auchlanzenreiter.
4)
lanze, bei den wallfischfängern, ein spiesz zum fangen der wallfische und walrosse. Frisch 1, 576ᶜ.
5)
bei den jägern ein kleiner spiesz mit langem leicht zu lösenden stiele, bei der saujagd gebraucht. Jacobsson 2, 558ᵃ.
6)
bei den bildhauern ein plattes auf einer seite rund zulaufendes werkzeug, dessen sie sich zum modellieren in thon und wachs bedienen. ebenda.
7)
lanze, das eiserne stäbchen, welches in den thönernen bombenformen angebracht wird und dieselbe frei in der luft hält, wenn die bombe gegossen wird. Eggers kriegslex. 2, 28.
8)
auch eine art ladeschaufeln zu kanonen, die lanzenförmig gebildet sind, nennt man lanzen. ebenda.
9)
lanze, das aderlaszeisen, sonst lanzette: ich habe auch nie keinen mit einem messer, lanzen oder anderen instrumenten aufgethan. Würz pract. der wundarzn. 181.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1877), Bd. VI (1885), Sp. 188, Z. 19.

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Zitationshilfe
„lanze“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/lanze>, abgerufen am 15.08.2020.

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