Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

lebtag, lebetag, m.

lebtag, lebetag, m.
tag, zeit des lebens; unterschieden von dem neueren lebenstag (sp. 454), welches wort den zeitbegriff vereinzelt, während lebtag ihn zusammenfaszt. Es steht
1)
im sing. in der bedeutung leben, lebenszeit: vita lebtag. voc. bei Schm. 1, 1408 Fromm.; by der vrouwen lebetage. Kulm. recht 4, 31 s. 112;
du ganz tödliches herz-leid,
dadurch geendet wirt mein trostzeit und mein lebtag.
Weckherlin 641;
doch auch im plur.: also teilit man deʒ menschen lebtage in vier. daʒ erste ist die kintheit, iugent, manheit unde daʒ alter. Meinauer naturlehre 9; bei seinen lebtagen. Frankf. ref. 4, 6, 18; bei lebtagen desz testirers. § 23;
und wöllen keern unser leben
in ain wiltnüs, darinnen wöll wir pleiben
und wöllen unser lebtag darinn vertreiben.
fastn. sp. 719, 13.
2)
aus der zeitlichen bedeutung in die thätliche übergehend, im sinne von leben, lebensfristung:
dîn tôt was unser leptac.
passionsspiel in der Germ. 8, 292;
mit betonung der leiblichen seite des lebens, unterhalt:
die (brust einer hindin) souc der knabe,
und hete sîne genist dar abe
unde den lebetagen sîn.
K. v. Würzburg troj. kr. 541.
in der heutigen alemannischen mundart hat das wort auf grund dieser bedeutungen ausgedehnte verwendung gewonnen: der lebtig (aus lebtag) lebenstage, lebenszeit, lärm, unruhe, si hend e lebtig mittenand, viel gelärm Stalder 2, 162; im Baselbiet der läptig, lebensschicksale, leben, en erbärmlige läptig; lebensweise in bezug auf essen, trinken und arbeit, e guete läptig; lärm, aufregung. Seiler 184.
3)
am häufigsten, und heute in der schriftsprache noch einzig, in festen zeitlichen formeln, accusativen und genitiven.
a)
der acc. des singulars in:
der seinen lebtag nichts gethan.
Weckherlin 813;
ungewis, ob der des sing. oder des plur. in der gewöhnlichen formel mein lebtag, die aus meinen lebtag oder aus meine lebtage gekürzt sein kann, ebenso dein, sein lebtag: all mein läbtag, alle zeit meines läbens. Maaler 260ᵃ; der neüwe münch sich fast geistlich stellet, als hett er den orden sein lebtag getragen. Galmy 293; alle die guten werk, die ein mensch solt sein lebtag thun können. Fischart bienk. 95ᵇ; der habe hoch und theuer geschworen, er habe sein lebetag kein weibesbild berühret. Schuppius 75; als wann er mich sein lebtag nit gesehen hätte. 114; der sein lebtag bei seiner mutter schmanttöpfen gesessen. 264; mit welchem ich mein lebtag nicht ein wort geredet habe. 788; ich wollte, ich hätte mein lebtag nicht rechnen gelernt. Klinger 1, 152; das hab ich mein lebtag nicht gehört. Göthe 42, 42;
mein lebtag denk ich dran, wie ich nach Wien
vor sieben jahren kam.
Schiller Piccol. 1, 2;
das werd ich wohl mein lebtag nicht verwinden.
4, 6.
entschieden der plural: was kriegt der mensch von aller seiner erbeit .. denn alle seine lebtage schmerzen mit gremen und leid? pred. Sal. 2, 23; ich werd mich schewen all mein lebetage fur solcher betrübnis meiner seelen. Jes. 38, 15; also hast du dein lebtage gethan. Jer. 22, 21; einen man, dem es sein lebtage nicht gelinget. 30; der bessert sich sein lebtage nicht. Sir. 23, 20; ich bin mein lebtage ein feind und verfolger der jesuiten ... gewesen. Schuppius 503; ich habe mein lebtage nicht gewuszt, dasz ich so artig bin. Weisze kom. opern 2, 109; du hast dein lebetage wohl kein wahrhaftiger wort geredet. pers. rosenth. 1, 35; der sein lebetage ihren (der wespe) stachel nicht empfunden. 5, 18; der musz sein lebtage keinen reichen vetter gehabt haben. Rabener 2, 160; den neuen schloszflügel ... den er vielleicht sein lebtage nicht bewohnt. Göthe 15, 22; aus dem saufaus wird sein lebtage nichts. Kotzebue dram. spiele 3, 367; ich sagte die wunderlichsten dinge, die sie ihr lebtage nicht gehört haben mochte. Göthe 16, 214;
ein irrlicht heiszts, kein irrwisch nicht;
so spricht man ja mein lebetage.
Gellert 1, 275;
das sie meine wort hören, und lernen mich fürchten alle jr lebetag. 5 Mos. 4, 10; alle ewr lebtage. 6, 2; auf das uns wolgehe alle unser lebtage. 24; laszt euch mein greuwlich end euwer lebtag ein fürbildt und erjnnerung sein. volksbuch von doctor Faust 116 Braune.
b)
der gen. plur. in meiner, deiner, seiner lebtage u. s. w.: und wenn er (der wein) nicht so gut ist, dasz er einem bis in die fingerspitzen wohl thut, so will ich meiner lebtage mit den gänsen trinken! Wieland 11, 213; im Aargau: e so eine han-i ietz au miner läbtige no ni gha. Fromm. 5, 257; im Baselbiet miner, diner, siner, irer läptig (bei meinen u. s. w. lebzeiten). Seiler 184; ebenso bairisch: meiner, deiner, seiner, irer lebtag. Schm. 1, 1408 Fromm.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1879), Bd. VI (1885), Sp. 469, Z. 77.

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Zitationshilfe
„lebtag“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/lebtag>, abgerufen am 19.10.2021.

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