Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

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lecker, m.

lecker, m.
ursprünglich einer, der leckt, von lecken lambere hergenommen.
1)
zunächst ist lecker gleichbedeutend mit laffe (sp. 58), das von der gleichen vorstellung eines leckenden, naschenden kindes ausgeht; weswegen lecker auch so häufig mit jung verbunden erscheint: wann die jungen lecker und die jungen buben kummen also zu dem wegscheid, so laufen sie mer zu der linken seiten dann zu der rechten hand. Keisersberg evang. 1517 62ᵇ; du junger lecker, wilt du uns strafen? Luther tischr. 251ᵃ; sitzt der jung lecker auf dem esel, und laszt den alten vatter im kot her strampflen. S. Frank sprichw. 1, 83ᵇ; der jung unverstendig lecker. Kirchhof wendunm. 241ᵇ; unterhielt offentlich ein jungen lecker Innocentium, zu seiner schandlichen ... unkeuschheit. Fischart bienk. 212ᵃ; es ist noch ein junger lecker, admodum juvenis, sive lascivus est, saliendo et saltando incedit. Stieler 1104; ich sehe schon wie sie ihre freude haben werden, wenn sie beide in einem jahre so einen feinen jungen lecker und aufschieszling kriegen werden. Schoch stud. leb. D 4; wir wollens doch immer mit dem jungen lecker versuchen, weil der schelm so gute lust dazu hat. F; sind die jungen lecker nicht vorhanden. Chr. Weise comöd. 24; manche hoffet einen unbesonnenen, zumal jungen lecker durch mancherlei willfertigkeit zu fangen. pol. stockf., vorrede; ja wenn ich den jungen lecker mit in meine gewalt bekommen kann. Pierot 1, 249; es ist mehr als zu recht und billig, dasz man solchen jungen leckern .. mores lehrt. westph. Robins. 138; wo sich vor dergleichen junge lecker allerhand ergötzlichkeiten fanden. Felsenb. 2, 374; auch kleiner lecker: die kleinen lecker haben sich verlaufen. Chr. Weise comöd. 23; einen kleinen lecker hinter sich führen. A. Gryphius 1698 1, 863; und sonst mit beiwörtern, die auf die mutwillige jugend gehen: zween muhtwillige lecker. Kirchhof mil. discipl. 61.
2)
lecker, maulredner, verächtlicher schmeichler, schmarotzer, erlangt diesen sinn wol von den armen dienenden jungen her, die gegenüber ihren herren kriechend sind oder als possenreiszer dienen (vergl. dazu die bedeutungsänderung von schalk): lecker, parasitus, leccator. voc. inc. theut. m 2ᵇ; scurra, pueb o. leker, lecker, hofflecker Dief. 522ᵃ; scurro lecker ebenda; scurrus lecker ł nascher ebenda;
swelch edel kneht hât leckers amt,
und sich der unzuht niht enschamt.
K. v. Haslau jüngling 149;
der löuwe der bezeichenet uns den edelen man,
der wolf den armen herren, der die armen liute roubet offenbâr;
der hunt des leckers munt.
minnes. 3, 96, 5 Hagen.
daher als gelindes schimpfwort, wie etwa unser schlingel: Xantus ward bös und sprach: lecker, sag an, ist das éin mensch? Keisersberg brös. 2, 89ᵇ; ward zornig, und sprach zu ihm, wesz lachest du, lecker. E. Alberus 5ᵇ; lecker, was hastu mich zu lehren? 13ᵃ; jr lecker, das euch got vermaledei. Aimon bog. g; gee lecker, sprach der keiser. r 4; er sahe den Florens nicht darfür an, dasz er jhm den vogel solte bezahlen, und gedacht doch: was wiltu mit dem lecker anfahen, und sprach: ja du lecker, ich wil jhn verkäufen. buch d. liebe 7ᵈ; bei jhme hett er täglich ein jungen schüler zum famulo, einen verwegnen lecker, Christoph Wagner genannt. volksb. vom doctor Faust s. 24 Braune; ich rauf dir die haar aus, lecker, du. Lenz 1, 176; wohl freilich, du lecker, sagte die wirthin, ist etwas an der sache, ich würde es sonst nicht sagen. J. Gotthelf bilder u. sagen 4, 50;
lieber herr, so sein sie die feulsten lecker,
das ich ir arbeit nit pruft umb ein har.
fastn. sp. 81, 18;
der vorderste, der stürzt; und so
komm ich nun vor, und bleib auch vor bis in
die stadt; wo aber Ibrahim, der lecker,
die gassen besser kennt.
Lessing 2, 331;
das abenteur war freilich ärgerlich;
allein was halfs, dem lecker nachzulaufen?
Wieland 22, 162 (Oberon 4, 30).
3)
dann aber auch schärfer = schurke, schuft (vergl. einen ähnlichen übergang bei bube theil 2, 458—461):
der lecker uns gelogen hât,
der uns da seite mære ...
K. v. Würzburg Part. 4454 Bartsch;
leccator, lecker Dief. 322ᵃ; nebulo lecker 377ᵇ; trufator gecke, teuscher, lecker, leicher 599ᶜ; läcker, betrieger, nebulo, nequam Maaler 260ᵃ; so thut auch dieser schendlicher lecker Paulus tertius. Luther 8, 209ᵃ; verrätherische lecker, wer bewegt euch, dasz jr diesen mannlichen ritter also schelmisch überfallet. Amadis 66; schnöden lecker, grosze dorheit habt jr gethan. Aimon bog. l 4; ich wolte dir jetzunder mit dem stecken die rippen und den kopf entzwei schlagen, du böser lecker. b. d. liebe 8ᵃ; und sitzet also bei dem heillosen lecker. 9ᵃ; er ist ein loser lecker, insignis nequam est. Stieler 1104;
o duo alter verfluechter lecker!
fastn. sp. 865, 30;
ein loser lecker und schalk bist du.
J. Ayrer 67ᵇ (348, 27 Keller).
in verbindung mit bube: du lecker bub und schalk, ich sol dir lonen nach deinem verdienen. Steinhöwel Bocc. (1535) 132ᵃ; es sein hie viel lecker, buben, verräter, und täuscher. A. v. Eybe Menech. 97ᵇ; er wer ein buͦb und lecker. Ulensp. s. 4 Lappenb.; da jnen (ihn) Rulandt fur keinen buben oder lecker, sondern für den besten ritter der ganzen welt berümen thet. Aimon bog. p 3; du hast gschäft ghan wie ein buͦb und läker, der du bist. Th. Platter s. 84 Boos; ward der vatter laut schreien: aus, du lecker, du buͦb. Wickram rollw. 163, 24 Kurz; ein lecker und bub. Frey garteng. 54; sehet diesen argen buben, dieser arge lecker hat mein weib schenden wöllen. buch d. liebe 181ᵈ;
der schnod pub, der schalk und lecker
hat mir verthan wiesen und ecker.
fastn. sp. 481, 11.
in verbindung mit dieb:
du wirst darumbe erhangen
als ein lecker und ein diep.
Eracl. 937;
schreit, dasz es jedermann hört, he du böszwicht, he du lecker, he he, hab ich dich uberkommen, du jungfrawdieb. buch d. liebe 228ᵇ.
4)
erst in der neuern sprache ist lecker in dem einfachen sinne eines leckenden bezeugt, in compositen wie tellerlecker, topflecker, honiglecker, speichellecker; jungferlecker, mulierarius, ganeo cincinnatus, quos impudentes vocant fotzenlecker, quasi dicas cunnilingos. Stieler 1105; dintenlecker, spottname für einen schriftsteller, vergl. theil 2, sp. 1182: wir seind beede getreue dinten-lecker und studier-mitgenossen. Abele künstl. unordn. 1, 88.
5)
lecker, verächtlicher name für die zunge. Schm. 1, 1433 Fromm.; niederd. Schambach 121ᵇ; bei den jägern heiszt aber ohne diesen beisinn die zunge des hirsches so: graser, lecker, weidmesser, des hirsches zunge Jacobsson 2, 147ᵃ. lecker, lappenschnecke, ist auch der name der schnecke strombus gigas. Nemnich 4, 1386.
6)
lecker, mit beziehung auf das folgende adjectiv, ein leckerhafter mensch: der lecker hat sich mit zu viel süszigkeiten den magen verdorben; nichts will ihm mehr schmecken. Lessing 7, 146;
der lecker einst! jetzt fastet er am tische.
Gotter 1, 78;
von einer frau:
nicht also, frau sünderinn!
frau liederlich! frau lecker!
Bürger 48ᵇ.
7)
endlich auch die leckerhaftigkeit selbst: niederd. dâr steit mi de lekker na, darauf bin ich verleckert, das hätte ich gern. brem. wb. 3, 51, ebenso Schütze 3, 24; nichts als doppeln, toll und voll sein haben wir gelernet und unsre hufen wollens nicht mehr austragen und der lecker sticht uns gleichwol darnach. Pape bettel und garteteufel (Magdeburg 1586) G 6ᵃ. vgl. dazu leckern 3.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1879), Bd. VI (1885), Sp. 482, Z. 7.

lecker, adj.

lecker, adj.
1)
was zu lecken ist, köstlich, von vorzüglichem wolgeschmack, mhd. lecker: so mache zuom jüngesten ein klein lecker köstelîn. altdeutsches kochb. bei Haupt 5, 14; einem hungrigen, heiszhungrigen menschen einen leckern bissen dicht vors maul zu halten. Ebert bei Lessing 13, 173; man füttert ihn mit leckern speisen fast zu tode. Göthe 57, 231;
geh nun hin, und würge dir tauben, und hohle dir ferner
papageien zum leckernen (so) frühstück, nun seis dir erlaubet!
Zachariä Murner in der hölle (1757) s. 14;
der apfel ist dein!
das leckere wuchs nicht für prinzen allein.
Bürger 33ᵃ;
ja freilich, bei einem kindtaufschmause
wär solch ein hahn ein leckres stück.
Kotzebue dram. sp. 1, 285;
nun schien die kost, so hart, so schmal,
ihm lecker, weich und gut.
Fr. Kind gedichte;
adverbial:
und sie erhoben die hände zum lecker bereiteten mahle.
Odyssee 1, 149 u. öfter.
in bezug auf den reiz, den solche speisen üben, appetitreizend, appetitlich: der wunderliche geruch, den so mancherlei spezereien durcheinander aushauchten, hatte so eine leckere wirkung auf mich, dasz ich niemals versäumte, so oft ich in der nähe war, mich wenigstens an der eröffneten atmosphäre zu weiden. Göthe 18, 22. niederdeutsch heiszt es übertragen en lekkere deeren, ein niedliches mädchen. Schütze 3, 24.
2)
jünger erst von menschen, die solche speisen lieben: lecker, delicatus, lautus, cupedipeta Frisch 1, 592ᶜ; lecker sein, cibos delicatiores amare, delicatum esse. ebenda;
ein weib, so jung, so schön und säuberlich,
dasz selbst der leckerste der prasser
es schmausen möcht aus salz und wasser.
Bürger 90ᵃ;
lecker leben, opipare vivere Frisch a. a. o.; sich lecker halten:
frau Schnipsen hatte korn im stroh,
und hielt sich weidlich lecker;
sie lebt in dulci jubilo.
Bürger 48ᵃ.
3)
übertragen, wählerisch in bezug auf andere sinnenreize und geistige nahrung: wir, die wir von den spöttern armselige scribenten betitelt werden, haben auch bei unsern feinden den ruhm, dasz wir nicht lecker sind. Liscov 49; etwas vorbringen, so die leckere und verwöhnte welt vor läppisch hält. ebenda; dasz alle bemühung, den beifall unserer leckern gelehrten zu erhalten, vergeblich sei. 76; die schaar der leckern und naseweisen schreiber verdoppelte ihre wuth. 80; in ansehung der schriften, die heraus kommen, bin ich überdem von natur so wenig lecker, als jemand in der welt. 105; je leckerer, je verdrieszlicher, je miszvergnügter mit sich selbst wird er. 543; die gelehrten sind, wenn sie gegen andere schreiben, in der wahl ihrer gegner ungemein lecker. 582; ich glaube, er meint, gott sei in verfertigung der ersten menschen eben so lecker gewesen, als unsere fürsten in ihren werbungen, welche wollen, dasz alle ihre soldaten von gleicher länge sein sollen. 702.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1879), Bd. VI (1885), Sp. 483, Z. 63.

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Zitationshilfe
„lecker“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/lecker>, abgerufen am 05.07.2020.

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