leiden verb
Fundstelle: Lfg. 4 (1879), Bd. VI (1885), Sp. 658, Z. 22
pati.
A.
Formelles und etymologisches.
1)
die altgermanischen dialekte besitzen ein wort für gehen, reisen, und namentlich zu schiffe fahren goth. ga-leiþan, alts. ags. lîđan, altnord. lîđa, welches auch im ahd. als lîdan, aber mit der völlig anderen bedeutung dulden bezeugt ist. dasz in der that dasselbe wort, und nicht ein verschiedenes mit nur formeller gleichheit vorliegt, ergeben nicht weniger die ahd. zusammensetzungen ga-lîdan, welches peregrinari, exire, cedere, abscedere u. ähnl. übersetzt (Graff 2, 179), und besonders ar-lîdan, welches sowol transire als pati heiszt (ebenda 178), als die natürlichkeit und das nahe liegende des begriffsüberganges nach germanischer vorstellung: wie das subst. elend (theil 3, 406 fg.) von dem begriffe des wohnens in der fremde in den des unglücks und der not übertrat, so gewann das verbum lîdan von der bedeutung des ziehens in ferne lande und über see die des übelbefindens, ertragens und duldens, und an diesem bedeutungsübergange mag eben so sehr das gefühl des heimwehs, wie die fährlichkeit der wanderung antheil haben. er tritt spät hervor: im goth. alts. ags. findet sich keine spur davon, im ahd. erscheint die neue bedeutung seit der 2. hälfte des 9. jahrh.; im mittelniederländischen wie im mittelniederdeutschen lîden geht die alte bedeutung gehen neben der neuen leiden einher; ebenso gewinnt das nordische lîđa erst in jüngerer zeit zu reisen den begriff leiden (Vigfusson 391ᵃ), und schwed. lida, dän. lide haben den einen wie den andern sinn. aber fries. lîtha heiszt wie ahd. lîdan nur leiden, das mhd. lîden gewöhnlich leiden, in mitteldeutschen quellen manchmal auch ziehen, gehen (Lexer handwb. 1, 1900).
2)
im ahd. zeigen die mehrsilbigen formen des präteritums wechsel des d zu t (lîdan, leid ich litt; aber litum wir litten, ga-litan gelitten), wie auch für das ags. die formen lîđan reisen, lâđ ich reiste, aber lidon wir reisten, liden, geliden gereist, angesetzt werden, wovon jedoch bis jetzt nur das particip bezeugt ist; als ursache dieses wechsels, welcher auch an anderen germanischen verben auftritt, sind uralte accentverhältnisse aufgewiesen worden, dergestalt, dasz vor der festheftung des accents auf der stammsilbe einst die germanischen mehrsilbigen präteritalformen auf der endung, die präsential- und einsilbigen präteritalformen auf der stammsilbe betont wurden, welches eine differenzierung des wurzelauslauts (hier ags. đ, ahd. d, dort ags. d, ahd. t) schuf, die auch nach durchdringung der eigenthümlich germanischen accentgesetze blieb (vergl. die ausführliche darlegung von Verner in Kuhns zeitschr. 23, 111 ff.). die fortsetzung der ahd. verhältnisse sehen wir in mhd. liten, geliten gegen lîden (das prät. leit beruht rücksichtlich seines t auf dem andern gesetz des übergangs einer media in eine tenuis im auslaute), und im nhd. litten, gelitten, gegen leiden. doch nicht durchaus; wie im altsächs. altnfr. der erwähnte wechsel gar nicht mehr auftritt (liđun wir zogen, gi-liđan vergangen wie lîđan reisen), so begegnet mhd. das part. geliden:
sît hât diu heilege cristenheit
geliden manec herzeleit.
Renner 4006;
und noch nhd. lidden litten, part. gelidden: da sie not lidden. weish. Sal. 11, 5; lidden auch drüber was sie leiden solten. Luther 8, 2ᵇ; das Christus ... mensch worden, gelidden, gestorben, begraben, auferstanden, gen himel gefaren ist. 259ᵇ; gelidden unter Pontio Pilato. 349ᵃ; haben wir allen mangel gelidden. Jer. 44, 18.
3)
dem mhd. präsens lîde ich leide, leit ich litt, stand im nhd., nach übergang des präsentialen î in ei, zunächst gegenüber leide, prät. leid, so im 16. jahrh.: das schiff war schon mitten auf dem meer und leid not von den wellen. Matth. 14, 24; und doch (Christus) nichts deste weniger leid, das man jn schlug. Luther 5, 389ᵃ;
was sich dann Moses darnach laid
in wüstung und auf wilder haid
von grobem volk bisz an sein endt,
würt inn der bibel wol erkendt.
Schwarzenberg 156ᵇ;
da ich eins abendts hatt gefast,
und leidt für hunger grosze pein.
E. Alberus 39;
mit der nebenform leide (wie sahe für sah u. a.): daʒ ers also gedulteklich leite. d. städtechr. 8, 69, 19; sie sahe jre söne alle sieben auf einen tag nach einander martern, und leide es mit groszer geduld. 2 Macc. 7, 20; aber schon nahm zu dieser zeit der singular des präteritums den ablaut des plurals an, und es entstand die form litt, die sich in der 2. hälfte des 16. jahrh. ausbreitet:
zaigt sy ain hembd von pluͦt was rot,
darinn der vatter litt den tod.
Schwarzenberg 147ᵃ;
wes Job in groszer duld erlit,
des seit erinnert auch hiemit.
156ᵇ;
und wie er litt sehr groszen schmerz.
Wackernagel kirchenl. 5, 1174, 24;
mit der nebenform litte, die noch im späteren 18. jh. gebraucht wird, so von Lessing im wechsel mit litt:
entschlusz ist vorsatz, that: und ich, ich litt,
ich litte blosz.
2, 284.
einer schwachen präteritalform leideten bedient sich einmal Schuppius: damit sie nicht hunger leideten. 745.
B.
Bedeutung und gebrauch.
I.
leiden, intransitiv.
1)
not, pein, plage durchmachen; so von der marter Christi:
du bist gesungen und geseit
daʒ lamp daʒ unser sünde treit,
daʒ dur uns leit
mit willen alze verre.
Haupts zeitschr. 4, 539, 70;
und er sprach zu jnen, mich hat herzlich verlanget dis osterlamb mit euch zu essen, ehe denn ich leide. Luc. 22, 15; das Christus muste leiden und auferstehen von den todten. apost. gesch. 17, 3; ich bin auch darumb geborn, leide und sterbe, das jr das leben in mir habt. Luther 8, 259ᵇ;
der (du) am creuz gelitten,
für uns hast gestritten.
Wackernagel kirchenl. 5, 989;
du hast dich bei uns eingestellt,
an unsrer statt zu leiden.
P. Gerhard 160, 88 Gödeke;
von not, gefahr, plage, widrigem irgend welcher art, das an den menschen heran tritt: weil der gottlose ubermut treibet, mus der elende leiden. ps. 10, 2; wo man leidet in des herren furcht, da ist reichthum, ehre und leben. spr. Sal. 22, 4; der arme mus leiden, und dazu danken. Sir. 13, 4; niemand aber unter euch leide als ein mörder oder dieb .. leidet er aber als ein christen, so scheme er sich nicht. 1 Petr. 4, 15. 16; hat dir doch der teufel verheiszen, er wölle dir einen stählin leib und seel geben, und solt nicht leiden wie andere verdampte. volksbuch von dr. Faust 115 Braune; o leb und leide. Göthe 8, 282; mit unerhörtem leichtsinn versäumen sie, sich auf den winter auf längere nächte vorzubereiten, und leiden deszhalb einen guten theil des jahres wie die hunde. 27, 190;
bistu doch uns verpflichtet, herr,
zu helfen, wenn wir leiden sehr
und werden hart geplaget.
Wackernagel kirchenl. 5, 339;
drumb schweig, leid, meid und vertrag,
dein unglück keinem menschen klag.
volksbuch von dr. Faust 111 Braune;
du .. fühlst was er, der arme flüchtling, leidet!
Göthe 9, 49;
möcht ich doch auch in der hitze nach solchem schauspiel so weit nicht
laufen und leiden! fürwahr, ich habe genug am erzählten.
40, 235;
der ich, wie sonst, in sonnenferne,
im stillen liebe, leide, lerne.
47, 212;
vom seelenschmerz:
also sprachen sie. Portia sah den göttlichen leiden;
konnte den bangen anblick nicht mehr ertragen.
Klopstock 4, 36;
von krankheit und ihren schmerzen: er liegt im bett und leidet sehr;
wofür seid ihr ein arzt? ihr kennt mein übel;
ihr solltet auch die mittel kennen, sie
auch schmackhaft machen, dasz ich nicht noch erst,
der leiden los zu sein, recht leiden müsse.
Göthe 9, 223;
und das part. leidend wird gern hierauf bezogen: er ist leidend, er ist noch immer leidend; der leidende musz die arznei nehmen und damit fortfahren, wie patient; wiewol es auch von anderer not stehen kann:
der vorsicht räthsel werdest du mir lösen
und rechnung halten mit dem leidenden.
Schiller resignation;
mit anderem als persönlichem subject: so ein glied leidet, so leiden alle glieder mit. 1 Cor. 12, 26; es war leicht zu sehen, dasz sein herz leiden müsse. Wieland 1, 369.
2)
zusätze mit präpositionen geben grund-, zweck- und artbestimmungen. es heiszt um eines willen leiden: ich mus umb deinen willen leiden. ps. 16, 2; wir leiden umb unser sünde willen. 2 Macc. 7, 32; was ist das fur ein rhum, so jr umb missethat willen streiche leidet? aber wenn jr umb wolthat willen leidet und erduldet, das ist gnade bei gott. 1 Petr. 2, 20; ob jr auch leidet umb gerechtigkeit willen, so seid jr doch selig. 3, 14; für einen leiden: nu frewe ich mich in meinem leiden, das ich fur euch leide. Col. 1, 24; sintemal auch Christus gelidden hat fur uns. 1 Petr. 2, 21; mit einem leiden: du .. hast mit gelidden wo mein vater gelidden hat. 1 kön. 2, 26; da leiden von meinen guten herrn und freunden gewisz unschuldig mit! Göthe 8, 135; durch die hitze musten wir leiden; unter dem regimente litt das land unsäglich; also wird auch des menschen son leiden müssen von jnen. Matth. 17, 12; von dem feinde haben wir viel gelitten; wir hatten vom durste zu leiden;
und da duftets wie vor alters,
da wir noch von liebe litten.
Göthe 5, 18;
an etwas leiden aber in bezug auf eine krankheit: er leidet an einem herzfehler; an der schwindsucht leiden; und danach: weil nu Christus im fleisch fur uns gelidden hat, so wapent euch auch mit demselbigen sinn, denn wer am fleisch leidet, der höret auf von sunden. 1 Petr. 4, 1; unsere zeit leidet an mancherlei übeln.
3)
leiden, in milderem sinne nur beeinträchtigt, benachtheiligt werden, abbruch erfahren an dem was einem sonst zukommt: der kurfürst .. sagte: es bleibet dabei, ich agnoscire nichts von dem, was mein verwalter Jerome inzwischen angeordnet hat. wer darunter leidet, mag sich an meinen verwalter halten. Immermann Münchh. 1, 15;
abbrechen, einziehn, sparen, will ich gern,
mir gern gefallen lassen; wenn es mich,
blos mich betrift; blos ich, und niemand sonst
darunter leidet.
Lessing 2, 237;
hier auch gern mit sächlichem subject: ihr verstand fängt an zu leiden. Gotter 3, 118, verliert die frühere klarheit;
der ruhm der wissenschaft musz oft darunter leiden.
Cronegk 2, 110;
sein geschäft musz leiden, wenn er den vergnügungen so nachgeht; sein ansehen, sein einflusz hat gelitten; ein so zartes geräth leidet durch häufigen gebrauch; der baum leidet, wenn er versetzt wird.
4)
leiden, etwas über sich geschehen lassen, gegensatz vonhandeln (no. 10, theil 4², 376) oder thun:
und so haltets auch, ihr hohen,
gegen gott wie der geringe,
thut und leidet, wie sichs findet,
bleibt nur immer guter dinge.
Göthe 5, 84;
verschieden von dulden (gegen unten II, 1): sie schien an allem theil zu nehmen, aber im grunde wirkte nichts auf sie. sie war mild gegen alles und konnte alles dulden ohne zu leiden. 26, 185; im particip leidend: von nun an ist leidender gehorsam das loos des volkes, und überhaupt aller, die nicht .. an der höchsten gewalt antheil haben. Wieland 28, 324; der romanenheld musz leidend, wenigstens nicht im hohen grade wirkend sein; von dem dramatischen verlangt man wirkung und that. Göthe 19, 181; wann der grammatiker eine schlechte sprache in der bibel finden kann; so darf der kunstrichter auch schlechte bilder darinn finden. der h. geist hat sich in beiden fällen nach dem leidenden subjecte gerichtet; und wann die offenbarung in den nordischen ländern geschehen wäre, so würde sie in einem ganz andern style und unter ganz andern bildern geschehen sein. Lessing 11, 128; haben wir nicht bedacht, dasz recht aus der leidenden verbindlichkeit entsteht, und dasz kein recht sein würde, wenn keine verbindlichkeit wäre? Hippel 6, 98. in der sprache der deutschen grammatiker: sagt man aber, ich werde geschlagen, ich ward geliebet, .. vernimt man .. dabei ein leiden, und darum wird das zeitwort leidender andeutung, oder leidender art, leidendes geschlechts, generis passivi. Schottel 546; die zeitwörter lassen von sich ableiten zwei mittelwörter, ein wirkendes und ein leidendes (participium formatur tam a verbo activo, quam passivo). 606; und seitdem oft.
II.
leiden, transitiv oder mit abhängigem satze.
1)
not, gefahr, widriges aller art durchmachen, zu ertragen haben; schon ahd. mhd. häufig: ih ne sundota unde leid uuiʒʒe. Notker ps. 68 (Hattemer 2, 234ᵃ); so lang er sô starkiu ding durch mih leit, irrisiones, flagella, crucem, mortem; uuie ih danne scule zuîvelan deheiner slahto arbeit durch sînen uuillon lîdan? Williram 43, 6;
(der esel) mag scadon harto lîdan,   ni kann inan bimîdan.
Otfrid 4, 5, 10;
selhes kumbers den sî leit,
des was ir lîp sô ungewon
daʒ sî verzagte dâ von.
Iwein 5788;
hie leit er den grimmen tôt.
Walther 15, 21;
frawen, wenn die den fluʒ leident. Megenberg 442, 7; da nu das ganze Egyptenland auch hunger leid. 1 Mos. 41, 55; so sol sie sieben tage unrein sein, so lange sie jre krankheit leidet. 3 Mos. 12, 2; und wirst gewalt und unrecht leiden müssen dein leben lang. 5 Mos. 28, 29; nach dem wir so lange unglück leiden. ps. 90, 15; die albern gehen durch, und leiden schaden. spr. Sal. 27, 12; und werden seine herrlichen hunger leiden, und sein pöbel durst leiden. Jes. 5, 13; herr ich leide not. 38, 14; haben wir allen mangel gelidden. Jer. 44, 18; das du .. groszen jamer leiden müssest. Hes. 22, 5; ich leide pein in dieser flammen. Luc. 16, 24; es ist besser freien, denn brunst leiden. 1 Cor. 7, 9; umb seines namen willen schmach leiden. ap. gesch. 5, 41; allerlei ungemach, fahr und not darüber leid (litt). Luther 6, 59ᵃ; darumb ich diese hellische wol verdiente straf und marter leiden, ewiglich verdampt sein musz. volksbuch von dr. Faust 39 Braune; hoffart will zwang leiden. Simrock sprichw. 255; eine niederlage leiden, accipere cladem. Steinbach 1, 1055; schiffbruch leiden, naufragium perpeti. ebenda; auch sicher glaubeten, dʒ sie im meere wären und schiffbruch leiden müsten. Philander 2 (1643) 228, vergl. dazu auch erleiden, was in allen angeführten fällen ebenso gut stehen kann, und den verbalbegriff noch kräftiger hervorhebt, als einfaches leiden;
und wesz gewalt würt boszhaft sein,
der leit gewaltig ewig pein.
Schwarzenberg 134ᵃ;
so last uns nun jhm dankbar sein,
weil er für uns liedt solche pein.
Sandrub kurzweil 63;
sonst müst ich leiden den ewigen todt.
Wackernagel kirchenl. 3, 1095;
der die ganze welt allein ziert,
schmucket und schön bekleidet,
mit tüchlein eingebunden wird,
ja frost und kälte leidet.
5, 667;
er macht behend   ein selges end
an alle dem, was fromme herzen leiden.
P. Gerhard 155, 56 Gödeke;
Johannes (der täufer) ist ein solcher mann,
den auch sein feind nicht tadlen kan,
noch (dennoch) musz er strikke leiden.
Rist sabb. seelenl. 17;
vieles leiden, viel leiden: der gerecht mus viel leiden. ps. 34, 20; wer viel leren mus, der mus viel leiden. pred. Sal. 1, 18; denn wir haben viel leiden müssen, sint der zeit, da wir uns wider die heiden gesetzt haben. 1 Macc. 1, 12; wie er müste hin gen Jerusalem gehen, und viel leiden. Matth. 16, 21;
was hab ich nicht getragen und gelitten
in dieser ehe unglücksvollem band!
Schiller Wallensteins tod 3, 3;
in verbindung mit dulden: aber was nennen sie ruhig sein? die hände in den schoosz legen? leiden, was man nicht sollte? dulden, was man nicht dürfte? Lessing 2, 186; wie auch ahd. mhd.: uuante ih sulehe arbeit unte sulehe persecutiones nune lîdon, so ih êdes in initio fidei doleta. Williram 41, 21;
swaʒ schaden mir von im geschiht,
den muoʒ ich lîden unde doln.
troj. krieg 6769.
der eigentliche sinn des verbums verblaszt theilweise, indem es nicht nur zu bösem, sondern auch zu gutem gestellt wird: namen sie es an, als die heiligen, beide guts und böses mit einander zu leiden. weish. Sal. 18, 9; die, mit denen du lieb und leid leiden muszt. Galmy 133; wie auch im mhd.:
durch die er lîden wolde
beidiu freude unde nôt.
Parz. 622, 20.
2)
leiden, in bezug auf widriges oder lästiges, mit der milderen bedeutung etwas sich gefallen lassen, zulassen: die jüngling erkennen ihre fehler und leiden ermahnen. Schuppius 762;
viel selbstgefühl und kühner muth, bei gott!
doch das war zu erwarten — stolz will ich
den Sapanier. ich mag es gerne leiden,
wenn auch der becher überschäumt.
Schiller Carlos 3, 10;
röslein sprach: ich steche dich,
dasz du ewig denkst an mich,
und ich wills nicht leiden.
Göthe 1, 17;
unpersönlich, mit dativ der person:
fürwar, es ist ein groszer tratz,
das ein new orden, erst erstanden,
den ältern orden so mit schanden
das brot darf vor dem maul abschneiden,
es ist den münchen kaum zu leiden.
Fischart dicht. 1, 85, 3258;
dann aber auch, mit mehr activem sinne, gestatten, erlauben; in negativen sätzen: das er nicht mehr leiden kondte ewern bösen wandel und grewel, die jr thetet. Jer. 44, 22; (seine gesellen, die ihn) monsiour Lælius titulireten, so er aber nicht leiden wolte. Philander 2 (1643) 201; das er kurzumb nicht leiden wolte. 203; wie kommt es, dasz die Calvinisten die bilder nicht wollen leiden in den kirchen, und können sie wol leiden auf der münz? Schuppius 47; nein, Carlos! es gehe wie es wolle, das kann, das werd ich nicht leiden. Göthe 10, 107; es wird nicht gelitten, non licitum est, non est ulli potestas hoc faciendi. Frisch 1, 601ᶜ;
warheit wolt jr nicht leiden.
Wackernagel kirchenl. 5, 363;
und keine völker, die das wort
vergessen, und nicht leiden,
die sollen (findend keinen hort)
der höllen straf vermeiden.
Weckherlin 33;
nicht meines herzens schwellendes gefühl,
das braust, den kleinsten flecken nicht zu leiden.
Göthe 9, 158;
im positiven satze, mit allgemeinem, verhüllenden object:
so'n volk (von jungen mädchen),
im finstern leiden sies (das liebeln), und wenn es tag wird,
so leugnen sies vor ihrem richter ab.
H. v. Kleist zerbroch. krug, 9. auftr.
3)
in demselben sinne mit einem sächlichen subject, welches durch das verbum ein gewisses persönliches leben empfängt, namentlich wenn der satz negativ oder zweifelnd ist, und dadurch verbot oder einwurf hervorhebt: die zeit hats nicht wollen leiden. Phil. 4, 10; so wolte er sich das glück, dergleichen angenehme visiten ins künftige mehr zu genieszen, ausbitten. wenn es die zeit leiden will, antwortete sie, so soll mirs allezeit angenehm sein. Salinde 29; die ehr, glaub und aug leiden keinen scherz. Frank spr. 2, 3ᵇ; man musz biszweilen etwas verduschen und verglimpfen, sonderlich in ehesachen, die keinen scherz leiden wöllen. Sandrub kurzweil (1618) 107; meine jetzige profession wil es nicht allerdings leiden. Schuppius s. 2; philosophie leidet in sich keine blose überredung. Kant 1, 398; dieser beweis ist unendlich deutlich und leidet keine ausflucht. 8, 139; ein .. erstaunen, dasz seine grosze idee von sich selbst und seine geringe meinung von menschen doch wohl einige ausnahmen leiden dürfte. Schiller 766ᵃ; sie hatte ein herz und wollte es nie wie ein todtes kapital in der brust leiden, sondern es sollte sich verzinsen und umlaufen. J. Paul Tit. 3, 191; in positiven sätzen wird durch das verbum öfter das blosze zulassen als das gestatten betont: wenn du unter den unweisen bist, so merke was die zeit leiden wil, aber unter den weisen magstu fortfaren. Sir. 27, 13; diese stelle leidet eine mehrfache auffassung, eine verschiedene erklärung; oder auch das vertragen: der fuhrmann fraget ihn (den wirth), wie viel das fuder (wein) köndte wasser leiden. exilium melanch. (1655) 527; ein sinn der selbst in den des einschlieszens, in sich enthaltens umschlagen kann: wir brauchen (mit einer allgemeinen erklärung) nicht vorlieb zu nehmen; denn die worte leiden groszen sinn, und das für kopf! und herz! Claudius 4, 99;
zwar dichter sind sonst nicht zu höhnen,
die reime leiden auch verstand.
Haller schweiz. ged. (1768) 106.
4)
leiden, gestatten, erlauben (no. 2) mit abhängigem satze statt des acc. der sache: für usz wolten sy nit liden, das ich dialecticam läsen. Th. Platter 100 Boos; und der herr wird recht richten und strafen, und nicht verziehen, noch die lenge leiden, bis er den unbarmherzigen die lenden zuschmettere. Sir. 35, 22; leide dasz ich dir erzehle, was ich gehört zu haben ingedenk bin. Schuppius 747; ich leide nicht, herr pastor, dasz ihr euch bemüht. Freytag ahnen 5, 125; da war natürlich, dasz die schloszpredigerin nicht leiden wollte, wenn ihr gast an die waschgefäsze trat. 142; statt dessen ungewöhnlich mit infinitiv und zu:
zürnend blickt er, winkt und litte
nicht zu enden.
Stolberg ged. (1779) 249.
5)
daran angeschlossen ist eine formel ich möchte leiden, gewöhnlich mit abhängigem satze, die von der bedeutung aus: es wäre mir genehm, recht, einen dringenden wunsch anzeigt: aber do wier wyt uszhi kammen, begägnet uns, das ich hette mögen liden, ich weri in der stadt bliben. Th. Platter 77 Boos; ich sagt: ich gsich woll, das des zangs (zankes) kein end will sin, ich möcht liden, man näm ein schuͦlmeister, der do täte alles, was sy welten. 102; sie sprach, es thet jr das haupt wehe, möchte wol leiden, dasz man sie ein wenig ruhen liesze. buch d. liebe 192ᶜ; du hast einen bösen mantel? ja, junker, sagt der bettler, ich möcht leiden ich hett einen bessern. wegkürzer 31; ich möcht leiden ich hett das kloster mit einander auf dise zilsatzung. Frey garteng. 38ᵇ; in Teno ist ein quell, dessen wasser sich unter keinen wein mengen läszt; und ich möchte leiden, dasz alle wässer dieser arten weren. Opitz 2, 289; hätten ihm gern mit freündlichem winken zu verstehen geben, dasz sie wohl leiden möchten, wo er hienüber zu ihnen kommen und kundschaft machen wolte. Philander 2 (1643) 210; Hypokritus möcht es, denk ich, wohl leiden, wenn wir alle krank wären, damit er desto mehr zu heilen hätte. Wieland 19, 247;
Pipin. groszmechtiger keiser, wie, wenn eur son ..
sich jetzo wider funden hett?
Alexander. vor freud das herz uns weinen thet
und möchten solches leiden wol.
J. Ayrer 290ᶜ (1450, 31 Keller).
6)
leiden, aushalten: werme reinen brunnen, daʒ er die hant darinne lîden künne. v. g. spise 14; und alles was das fewr leidet, solt jr durchs fewr lassen gehen, und reinigen, das mit dem sprengwasser entsündiget werde. aber alles was nicht fewr leidet, solt jr durchs wasser gehen lassen. 4 Mos. 31, 23; wie .. etliche alchimisten das kupfer also coloriren und ferben können, das es auch den strich helt und ein fewer oder zwei leiden kan. Mathesius Sar. 56ᵃ;
dasz sie nit trinken mehr,
dann jr natur wol leiden mag.
E. Alberus 44ᵇ;
der tag des herrn ist gros und seer erschrecklich, wer kan jn leiden? Joel 2, 11; die geister, dieweil sie den anblick der sonnen ... nit erdulden noch leiden können. volksbuch von dr. Faust 71 Braune; diesen frost können die inwohner von jugend auf leiden, ad patientiam hujus frigoris incolae hujus regni nati sunt. Frisch 1, 601ᶜ;
bring ein paar freunde mit; denn viele,
das, freilich, leidet nicht mein wein.
Gökingk 1, 202.
7)
einen oder etwas leiden, seine gemeinschaft oder anwesenheit zulassen, ertragen:
si half im inner zweinzec tagen,
daʒ man in allenthalben leit
und niemen durch die wunden meit.
Trist. 201, 5;
darnach kumpt, das eins das ander leidet, sein gebresten treit und seine laster und unvollkommenheiten leidet. Keisersberg seelenp. 3ᵇ; du must leren die andern leiden, das musz sein, anderst komest du nit zufriden. 61ᵇ; ein verkeret herz mus von mir weichen, den bösen leide ich nicht. ps. 101, 4; die gemeinschaft derer freunde, so meine mängel und gebrechen tugend heiszen, ... mag ich nicht gerne leiden. pers. rosenth. 4, 12; der von den spieltischen oder kaperbretern zurückgekehrte Bouverot, den jetzt Liane seit den neuesten nachrichten nur schaudernd litt. J. Paul Tit. 3, 83; er musz sie (die frau) doch einen weg wie den andern um sich leiden. Chr. Weise erzn. 17;
da wir das flüchtge wild in büschen leiden können;
wer würde thoren auch nicht ihren platz vergönnen?
Cronegk 2, 101;
danach gern haben, lieb haben: es mag nieman zweien herren gedienen, eintweders er muͦsz den einen hassen und den andern liebhaben, oder einen leiden den andern verschmehen. spiegel menschl. behaltnusz 1492 190ᵃ; einen leiden können oder mögen, einen gern haben, etwas nicht leiden können, nicht ertragen können, einen widerwillen davor haben: kam ein pfaff (zu) dem grafen, der jhn wol leiden mochte. Kirchhof wendunm. 448; so hette er seiner noch darzu gespottet, welches die geister oder teufel nit leiden können. volksbuch von dr. Faust 101; schwefel können die läuse nicht leiden. Coler hausb. 221; den bäpstischen lehrern ... die alles besser leiden können denn die bibel. L. Sandrub kurzweil (1618) 52; sie (die Russen) mögen weder orgel noch andere musicalische instrumente in ihren kirchen leiden. Olearius pers. reisebeschr. 1, 58; seine mitgenossen, die er nicht wohl leiden kann. Kant 4, 297; er kann die allzu höflichen damen eben so wenig leiden, als die allzu groben wirthe. Lessing 1, 537; sie werden mich leiden können — vielleicht liebgewinnen. Gotter 3, 84; so fühle ich immer für und mit Charlotten, wenn jemand mit dem stuhle schaukelt, weil sie das in den tod nicht leiden kann. Göthe 17, 261; mich konnte er gar gern leiden. 24, 251; eine gewisse art von drolligem humor, den man leiden mag. 43, 119;
was unrecht, das sprichst du mit freuden,
was recht ist, das kannst du nicht leiden.
P. Gerhard 5, 14 Gödeke;
unrecht kanstu nicht leiden,
drumb must dich lassen neiden,
ein heüchler bistu nicht.
Philander 2 (1643) 224;
wolte auch den geist nit mehr bei jm sehen oder leiden. volksb. von dr. Faust 109 Braune; dasz ihr solche leut, solche prediger so gern umb euch leiden möget. Schuppius s. 88; er kan ihn nicht vor augen leiden, oculi ejus eum ferre non possunt. Frisch 1, 601ᶜ; gute menschen, ... die einen edeln, freien nachbar neben sich leiden konnten. Göthe 8, 111;
so konnt er von allem, was einem menschen glich,
nur seinen narren und affen um sich leiden.
Wieland 4, 49 (n. Amadis 2, 37).
8)
das part. gelitten, als gesellschafter angenommen: um sich an den königl. und churfürstlichen höfen, an welchen er gelitten war, nicht in misgunst zu setzen. Lessing 11, 45; Marenholz konnte nicht gelitten sein, weil er fräulein von Ungnaden geheirathet hatte. Wiarda ostfries. gesch. 5, 9; bei dem fürsten Enno Ludwig war er sehr gelitten. 207;
zween freunde gleicher art, bei mädchen wohl gelitten.
Hagedorn 2, 94;
das seltne glück, bei allen frauenzimmern
gelitten sein.
Gökingk 2, 190;
wir sehen uns nicht nur gelitten,
sogar wir sehn uns hochgeehrt.
Göthe 11, 342.
9)
unpersönliches leiden, mit acc. der person, mundartlich zunächst oberdeutsch: bair. es leidet mich nicht, in kann nicht bleiben, ich habe keine ruhe Schm. 1, 1440 Fromm.; schweizerisch s litt mi nimm lenger do, ich halte es nicht mehr aus. Seiler 190ᵃ; jetzt aber auch schriftdeutsch: es leidet mich nicht an einem orte; es litt ihn nicht im zimmer, er muste hinaus ins freie; den doctor aber litt es nicht lange zuzusehen, er zog seinen rock aus und stieg in die öffnung. Freytag handschr. 3, 334.
III.
leiden, reflexiv.
1)
sich leiden, von personen, zufrühest in dem bloszen sinne warten erscheinend:
dârumb sô lît dich vor der tür.
Diocletian 1859;
moht ab ich dir erwerben,
daʒ ich dir beneme dîn leit,
dar zuo wær ich dir bereit;
iedoch lît dich ein wîle.
8734;
gewöhnlich aber sich fügen in unbequemes oder widriges, sich ergeben, sich geduldig, still verhalten (vergl. sich dulden 2, 1507, sich gedulden 4¹, 2048, wo erklärung des sich).
a)
einfach: sie wolten zwingen, da prediget ich dawider, darumb mus ich mich leiden. Luther 4, 36ᵇ; doch hat der heilige geist etliche erhalten, die andern haben sich müssen leiden. 174ᵇ; ob du must trawren und leid tragen, und teglich sehen, das dein herz betrübt, so leide dich. 5, 352ᵇ; wie lange sol ich bei euch sein? wie lange sol ich mich mit euch leiden? Marc. 9, 19; leide dich als ein guter streiter Jhesu Christi. 2 Tim. 2, 3; da muͦsz sich oft weib und kind leiden. S. Frank laster h 4ᵃ; leid dich gast, sonst bist ein last. sprichw. (1541) 1, 61ᵃ; doch leid ich mich gären, nuͦr das ich mechte bliben und das handwärch lernen. Th. Platter 52 Boos; fasz dir ein herz, muszt dich ein wenig leiden. buch d. liebe 188ᵇ; der münch kam zuͦ der tochter und begreif jr den fuͦsz mit dem (eingetretenen) dorn, darvon sich die tochter ein wenig übel gehuͦbe; aber die muͦter .. schreie der dochter zuͦ: leid dich, mein liebs kind, so wirt dir geholfen. Wickram rollw. 31, 1; also kam es nach und nach dahin, dasz ich mich je länger je mehr leiden muste. Simpl. 3, 44 Kurz;
nun leid dich, mein domine,
bis das das wetter ubergeh.
Fischart dicht. 1, 135, 61 Kurz;
meine seele, sei zufrieden! wann du gleich noch auf der erden
vielerseiten angehalten wirst von trübsal und beschwerden,
leide dich und sei getreu!
Brandt bericht vom leben Taubmanns 87;
mit verwandten begriffen zusammengestellt: wird aber ein krieg daraus, so mus ich mich abermal leiden, sampt den meinen, und gewarten, was unser gott hierin rahten und richten wird. Luther 5, 275ᵃ; habt geduld ein zeitlang, und leidet euch, bis der landsfürst in der sache spreche. 331ᵇ; die christen aber müssen sich leiden, verfolget werden, in thürmen sitzen. tischr. 24ᵇ; do huͤtten sich die armen paurn, die müssen sich leiden und herhaben. S. Frank chron. 217ᵇ; mein kind, wiltu gottes diener sein, so schicke dich zur anfechtung, halte feste und leide dich. Mathes. Syrach 1, 7ᵇ; Joseph drücket und leidet sich in seinem dienst. 126ᵇ; es sollen auch die armen leut kein verdriesz daran haben, sondern sich leiden und gedulden. Fronsperger kriegsb. 1, 128ᵃ; so würde er bei den jüden und christen veracht und müste sich leiden, schmücken und trücken. Ayrer proc. 2, 10;
leidt dich ein kleins und hab geduld.
G. Gotthard zerstör. Trojas (Solothurn 1598) act 3.
die fügung ist noch jetzt alemannisch: Hans Joggi begriff das wohl und litt sich bestmöglichst, aber es that ihm doch weh. J. Gotthelf schuldenb. 371; immer hat sich der mann gelitten und hat gemieden. Felder sonderl. 2, 272.
b)
mit präpositionen: sich mit einem leiden, geduld mit einem haben, sich mit einem vertragen: do sprach ich den meister frintlich an, er sölte sich mit mier leiden. Th. Platter 52 Boos; mit nachbaurn soll man sich leiden. Agr. spr. 47ᵇ; wo reisz oder fuszknecht bei einander in einem läger liegen würden, so sollen (sie) sich mit einander leiden. Fronsperger kriegsb. 3, 26ᵇ; bei, unter, über, von etwas sich leiden: die so Christum bekennen und darüber sich leiden müssen. Luther 5, 9ᵃ; die unter den tyrannen sich leiden müssen. 6, 337ᵃ; ich muste mich einsmahls ebenmässig von meinem wirth darunter deszhalber gewaltig leiden, er zog mir ein jedes wort aus dem maul durch die hechel. Simpl. 4, 389 Kurz;
gewisses, wie gering es sei,
das nemm an, und leid dich dabei,
dasz dirs nicht geh wie jenem hundt.
E. Alberus 84ᵇ;
eur lieb sei noch auf meiner seitn,
die wissen, was ich mich musz leidn
von der Römer aufrührischen rott.
J. Ayrer 85ᵈ (438, 17 Keller);
mit einem genitiv: ist mein unterthänige bitt, i. k. f. g. wollten ihm mit derselben pfarre begnaden ... er wäre viel bessers werth, aber weil sonst nichts vorhanden, musz er sich der noth so lange leiden, bis besser wird. Luther br. 3, 223.
2)
sich leiden, auch mit schärferer bedeutung, in schaden kommen, not leiden: nun hatten sich etliche knecht in der kirchen versäumt, da man das pulver anzündt, ... und hett sie das pulver auch ereilt, die müsten sich auch jämmerlich im feuer leiden, nit weisz ich, ob sie todt oder lebendig sein blieben. Götz v. Berl. 42;
ich (spricht der november) mach es allenthalben kalt,
des musz sich leiden hart der walt.
H. Sachs 1, 319ᵇ;
weil sich wald und felder leiden,
nirgends finden schutz und trost
für der kält und strengem ost.
S. Dach 2ᵇ;
unser hof hat solche gicht, da von händen und von füszen
sich die nerven, nicht von nerven händ und füsze leiden müssen.
Logau 2, 5, 9;
belustigst du dich dan mit vilmal-näuem kleid,
so kan dein armer leib vil plagen nicht vermeiden,
und bleibt das sprichwort wahr: die hohfart mus sich leiden.
Rompler 213;
zum dritten, kompt dieser text Luce, .. der mus sich leiden, und sind noch heutiges tages nicht eines, wie sie denselbigen gnug martern und radbrechen wollen. Luther 3, 494ᵃ.
3)
aber auch sich halten, in einem zustande halten, ohne dasz widriges oder not betont wird: hie werden die gelübt aufgehebt, hie den münchen freiheit geben aus den orden zu gehen, hie ist frei der ehelich stand den geistlichen, .. hie mus sich der ehelich stand leiden, der in verbotem grad oder sonst, ein mangel hat. Luther 1, 297ᵃ; sich behelfen: ich hab mich wol vj oder vij jar mit jm gelitten, ja so wol, dasz ich weisz was er für ein gsell ist. Frey gartenges. 34 (cap. 20); das mensch (unsere tochter) ist gleichwol schon vorlängst mannbar gewest und hat, dir zu gehorsamen, etliche heirath ausgeschlagen, sich auch bei uns viel mehr als eine magd gelitten und ihr bestes gethan. Simpl. 3, 319 Kurz.
4)
etwas leidet sich, schickt sich, fügt sich, reimt sich zusammen: darumb wil sichs in keinen weg leiden, das wir sicher und stolz in unserm thun wolten sein. Luther 1, 5ᵇ; das man die, so da recht gleubten, künde auf ein ort sondern. ich wolt es wol lengst gerne gethan haben, aber es hat sich nicht wöllen leiden, denn es noch nicht gnug gepredigt und getrieben ist. 3, 158ᵇ; es wil sich nicht leiden, das unser heubt Christus am creuz stirbt und dornen kronen tregt, und wir solten mit eitel lust und freuden one alles leiden selig werden. 390ᵇ; wenn nu hie die praedicatio identica wil drein reden, es könne weder in der schrift noch vernunft sich leiden, das zweierlei wesen ein ding sei. 485ᵇ; denn es leidet sich nicht, das jemand mit leuten umbgehe, und nicht offenbare, was jnen dienet zur seelen seligkeit. 4, 80ᵃ; darumb wird sichs nicht leiden, das einerlei wort, als da binden, solt heiszen zugleich gebieten und sünde behalten. 5, 218ᵇ; solchs leret auch die vernunft selbs, das es sich nicht leidet, zween ungleichen herrn zu gleich dienen. 418ᵃ; weil nu solche grewliche irrthum die lere vom glauben und reich Christi ganz verfinstert haben, wil es sich in keinen weg leiden, das man dazu solte still schweigen. 6, 526ᵃ; dasz man sie unberufen und unverhört verjagen sollte, will sich nicht leiden. br. 2, 258; darnach sichs hat mit rath guter freunde leiden wollen. 4, 533; so vil ... sich in den kirchen leiden und gezimmen wil. Mathesius Sar. 27ᵃ;
davon (von heimlicher kunst) wolt er jhm offenbaren,
was er meint, was sich leiden wolt.
froschmäus. J 6ᵇ (b. 1, 2, 6).
sich leiden mit etwas: denn es wöllen und können sich nicht mit einander leiden, gnade und werk, glauben und gesetz, eins mus allein da sein, so fern es das gewissen betrifft. Luther 3, 260ᵇ; darumb leidet sich das ewangelium nicht mit menschen leren. 4, 69ᵇ.
5)
es musz sich leiden, es musz gut sein, in einer antwort auf die frage nach dem befinden: Nero. aber sihe, dort kompt Fidelis her, zu dem wil ich gehen .. wie stehet es, Fidelis? Fid. es mus sich leiden. H. J. v. Braunschweig 369.
leiden verb.
Fundstelle: Lfg. 4 (1879), Bd. VI (1885), Sp. 668, Z. 31
ableitung vom adj. und subst. leid, in verschiedenem sinne; vergl. dazu entleiden, erleiden, verleiden.
1)
transitiv, leid, verhaszt machen, verleiden: was man den weibern understadt zu leiden, darnach verlanget sie erst. Wickram rollw. 152, 25 Kurz;
swer êlîche liute einander leidet,
sîn selbes sêle er von gote scheidet.
Renner 12972;
viel lieber wolt ich leiden den todt,
das ich dich herzlieb mus meiden,
gleich heut als ferd, auf dieser erd,
und der mir liebt, den las ich mir nicht leiden.
Ambras. liederb. no. 179, 24;
durch vergeltung, reue über gethanes hervorrufen:
frisch auf mit tausent freuden
wers mit der feder kan!
wir wellen manchem laiden
was er uns hat getan.
Uhland volksl. 685.
2)
zu leide thun:
mein Jupiter beschützt
mir jedes haar, was kann mir Juno leiden?
Schiller Semele v. 275.
3)
in leid bringen, wegen eines vergehens bei gericht anzeigen, schweizerisch: swer offenlîch vür den râte gât unde iemanne durch muotwillen beklagt ald leidet durch vîgenschafte. Schaffhauser richtebrief von 1291 herausg. von Joh. Meyer (1857) 46; wer auch das ettwar by sölichen friedbrüchen wäre und das nit leidete in den nechsten acht oder vierzechen tagen ungevarlichen einem aman oder sinem statthalter, derselbig so nit leiden und das kundtlich wurd, der sol mit glycher straf gestraft werden als der thäter und fridbrüchig selbs, von deszwegen, das er syn eid und eer übersehen und nüt gleidet hat. Osenbrüggen rechtsalt. a. d. Schweiz 2, 59 (Zug, von 1566); leiden, bei einer gesetzlichen behörde klagen Stalder 2, 165.
4)
intransitiv, leid sein, leid werden: es möchte sich begeben, dasz sie dir so vil laiden wurd, als sie dir yetzundt liebet. Wirsung Calixstus c. 4;
den vogelînen trûren leidet.
minnes. 1, 26ᵃ Hagen;
die zunge trewe scheidet,
das lieb dem lieben leidet.
B. Waldis Esop 2, 11, 88;
was einem liebt, das leidt dem andern. Schottel 1141; bair. es wird di net loadtn (dir nicht leid thun). Schm. 1, 1438 Fromm.; sich etwas leiden lassen, leid sein lassen, von etwas abstehen:
herr, die kremerei laszt euch laiden!
fastn. sp. 480, 8;
darümb so laszt euch trauren laiden!
734, 24. 745, 18;
leiden, in leid umschlagen:
ich muͦʒ der werlde ain urlaup han,
wenn eʒ wil an ain schaiden gan,
elleu freude muͦʒ mir sere laiden.
Uhland volksl. 854.
5)
schweiz. leiden, seine trauer an den tag legen. Stalder 2, 165.
leiden n
Fundstelle: Lfg. 4 (1879), Bd. VI (1885), Sp. 666, Z. 40
der substantiv gesetzte infinitiv des vorigen verbums.
1)
vergl. leiden I, 1 und II, 1, not, plage, trübsal u. s. w., die von einem durchgemacht wird; zufrühest im sing., und vorzugsweise von der marter Christi gebraucht: vor gotz gebürte und lyden hettent die bösen geiste me gewaltes denne ignote. d. städtechr. 8, 272, 5; von Cristus liden und urstende. 337, 27;
sîn lîden und sîn bittern tôt
und al sîner wunden smerzen
wil ich tragen stetiglich
in grunde mînes herzen.
Wackernagel kirchenl. 2, 722 (15. jahrh.);
wie auch später und bis heute: sermon von der betrachtung des heiligen leidens Christi. Luther 1, 167ᵃ; unser leiden ist Christi leiden nirgend gleich. tischr. 350ᵃ; auf Christi thun und leiden uns allein verlassen. Scriver seelensch. (1738) 1, 235ᵇ: ich bin heute mit der christlichen gemeine hingegangen, mich an des herrn leiden und tod zu erinnern. der junge Göthe 1, 239;
durch das bitter leiden sein
half er uns aus der hellen pein.
Luther 8, 363ᵃ;
herr, stärke mich dein leiden zu bedenken.
Gellert 2, 197;
sprichwörtlich: er sieht aus wie das leiden Christi, höchst elend; über den schwur bei demselben vergl. unten 4. ferner von der ewigen pein des menschen: tregt der pœs gaist ... die korherren, pfarrer, münich und ander gaistleich flaischleich läut in daʒ êwig leiden. Megenberg 197, 21; und von irdischer trübsal aller art: umbe dise hochfart wart got erzürnet und sante zuͦ Davit einen propheten genant Gad, das ime der seite von driger hande lyden und plogen, under den solte Davit eins erwelen, weles er wolte. d. städtechron. 8, 269, 25; das alles ist ein recht creuz der kinder gottes, so mus ir leiden gethan sein, das sie unterliegen und unrecht dazu haben müssen. Luther 3, 238ᵇ; ich habe wol gesehen das leiden meines volks, das in Egypten ist. apost. gesch. 7, 34; nu frewe ich mich in meinem leiden, das ich fur euch leide. Col. 1, 24;
durch leiden, schmach in diser welt
mögen wir baldt zukommen.
Wackernagel kirchenl. 2, 304;
tröst uns in not und leiden.
4, 1073;
gib uns geduld in leidens zeit.
Luther 8, 362ᵃ;
sing nach betrübtem leiden
gott, deinem herrn, mit freuden!
P. Gerhard 17, 3 Gödeke;
ich sollte nicht, wenn leiden dieser erden,
wenn kreuz mich trifft, gelasznes herzens werden?
Gellert 2, 199;
zum troste jedem leiden.
Rückert liebesfrühl. 4, 1;
von krankheit: herr, erbarm dich uber meinen son, denn er ist monsüchtig, und hat ein schweres leiden. Matth. 17, 15; das heimliche leiden kann morbus venereus sein, vergl. unter heimlich theil 4², 876;
wir .. fanden die kranken und alten,
die zu haus und im bett schon kaum ihr dauerndes leiden
trügen, hier auf dem boden, beschädigt, ächzen und jammern.
Göthe 40, 240;
und von herzensschmerz:
mein herz tregt heimlichs leiden,
wiewol ich oft frölich bin.
Uhland volksl. 129;
ich warte, bis sie kömmt, erklär ich doch mein leiden.
Rost schäferged. 129;
auch in mehr abgeschwächtem sinne, etwas böses, drückendes: item Karle der künig von Frangrich hette vil lidens mit sinen sünen. d. städtechr. 8, 412, 14; heute sehr gewöhnlich: es ist ein wahres leiden, dasz er immer zu spät kommt; lehrer bei diesen kindern zu sein, ist ein leiden; das ist mir ein leiden, hoc me angit, torquet, pungit, exercet. Stieler 1136.
2)
anders leiden im gegensatze zu thun, vgl. dazu das verbum leiden I, 4: das wird ... aller klöster thun und leiden nicht aufhalten oder hindern können. Mathesius Sar. 89ᵃ;
doch zwei herzen fühlen, gegenseits gewogen,
nicht des thuns und leidens unterschied.
Rückert liebesfrühl. 3, 68.
3)
der plur. leiden ist erst späterer sprache eigen: die leiden des jungen Werthers. der junge Göthe 3, 233; der schlaf ist ein gutes heilmittel für die leiden der jugend. Scheffel Ekkeh. s. 322;
schon von dem ersten bericht so groszer leiden gerühret.
Göthe 40, 241;
wenn der menschheit leiden euch umfangen.
Schiller das ideal u. das leben;
freund, höre fremde leiden an,
und lerne deine leichter tragen.
die berühmte frau;
im gegensatz zu freuden:
in ewgem wechsel wiegt ein wohl das weh
und schnelle leiden unsre freuden auf.
Göthe 9, 346;
ist wohl der ein würdiger mann, der, im glück und im unglück,
sich nur allein bedenkt, und leiden und freuden zu theilen
nicht verstehet?
40, 249;
sklavenketten sind der erde leiden;
öfters, ach, zerreiszt sie nur der tod!
blumenkränzen gleichen ihre freuden,
die ein westhauch zu entblättern droht.
Matthisson ged. (1794) 121;
auch im gegensatze zu thaten, vgl. dazu vorher no. 2:
ach! unsre thaten selbst, so gut als unsre leiden,
sie hemmen unsres lebens gang.
Göthe 12, 40.
4)
beim leiden Christi wird geschworen und geflucht:
(man) schwert bei dem heiling gottes nam, ..
bei seinem leiden, wunden und schmerzen.
H. Sachs 1, 44 (1, 190, 22 Keller);
das sacrament flucht man bei pfunden,
dein (Christi) marter, leiden rücken sie dir auf,
sie fluchen, schweren gottes tauf.
Conrad Hase vom lauf der welt (16. jh.);
dasz in bocks leiden schend! Schade sat. u. pasqu. 2, 67, 33; und von da aus tritt leiden nachdrücklich oder verstärkend im 16. und 17. jahrh. vor adjective und adverbien (Schm. 1, 1441 Fromm.; vgl. einen ähnlichen vorgang bei leichnam oben sp. 627 fg. no. 6 und bei marter); manchmal in verbindung mit marter: und lies sich so marter leiden wol an. Spangenberg jagteufel (1560) J 3ᵇ (in einer aufzählung von jägerflüchen); öfter allein: dein blut ist leiden schwarz gewesen (beim aderlasz). Paracelsus opp. 1, 720 B; es hat jhm leiden wohl gethan. Garg. 86ᵇ; er hat jm leiden recht gethan. 89ᵃ; es müssen leiden lange bäwm sein, lenger dann die dannen. Katziporus C 6ᶜ; ein setzer ... trunk leiden gern Schwabacher bier. M 3ᵃ; wenn man aber alle huren solte die Thonaw hinab schicken, wurden denn die weiber leiden theuwer werden. wegkürzer 35; du soltest selbst wol gedenken, wie es sich so leiden übel gereimet hette. Frey gartenges. 56; (bauern) mit denen sie (die reiter) leiden übel umgiengen. Simpl. 1, 47 Kurz; hätte mancher medicus des Würsungs oder Offenbachs arzney buch nicht, er stünde leiden übel. Schuppius 538;
sag an, du leiden loser mann.
H. Sachs 3, 3, 69ᵇ;
o wie ein leiden loser mann.
4, 3, 36ᵃ;
ihr seit ein leiden feiner gsell.
J. Ayrer fastn. sp. 10ᶜ (2384, 30 Keller);
er het kein schneider sollen wern,
dann er sitzt so leiden ungern.
86ᵇ (2772, 13);
es ist ein leiden loser kund
ausz Frankreich geschickt in Burgund,
der kneckelt, prest und quelt die leut.
129ᵈ (2984, 25);
der grobianisch stiefelwischer
in den blinden lermen unfug,
zu mir mit der kratzbürst einschlug, ..
er traf gewisz und leiden schwer.
froschmäus. Pp 8ᵇ (3, 1, 8);
und gfalt sanct Martin leiden wol,
wann man sein vogel also ehrt.
ganszkönig G 8ᵃ;
sie richten sich fleiszig zu,
mit leichten schmalen schu,
mit hohen pantoflelen,
das sein die leiden fro.
Adrian mittheil. 371 (v. 1600);
heut ist sein (des Bacchus) und dein fest. es stünde leiden kahl,
wenn du ihn lüdest nicht auf disz dein frölichs mahl.
Fleming 37;
aann steht leiden auch mit substantiven, eine menge, einen haufen anzeigend: wenn dann ir mir volgen wöllet, wölten wir reich werden und gelts leiden überkomen. Schade sat. u. pasqu. 3, 109, 3; und selbst als eine anerkennende bezeichnung von menschen: die magdt empfindt des pulvers, schreiet, mein leiden gesell, lasz nit nach, lasz nit nach. Katziporus Z 2ᵃ; zu Schwabach war ein leiden compan, der war ein setzer. M 3ᵃ.
ehestandsfreuden, leiden
Fundstelle: Lfg. 1 (1859), Bd. III (1862), Sp. 50, Z. 19
Zitationshilfe
„leiden“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/leiden>, abgerufen am 20.05.2019.

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