letzen verb
Fundstelle: Lfg. 5 (1880), Bd. VI (1885), Sp. 802, Z. 23
impedire; laedere; oblectari. Die denominativbildung zu lasz (sp. 268) ist allen deutschen sprachen eigen, doch nur in der nächsten bedeutung lasz, d. i. zurückstehend machen, hinter bringen, hindern, abhalten: so goth. latjan; alts. altnfr. lettian, niederl. niederd. letten; ags. lettan, altengl. letten, engl. let; fries. letta; altnord. letja, im dän. und schwed. verschollen; ahd. lezjan, galezzan; erst das mhd. gewährt die zeugnisse dafür, dasz sich das verbum zu seiner so mannigfachen bedeutung auszubilden beginnt. dieselbe geht hier von zwei hauptrichtungen aus.
I.
letzen, zurückstehend machen, abhalten, hindern, hemmen; als einfaches wort über das 17. jahrh. hinaus in der schriftsprache nicht lebend, in der bedeutung 2 und 3 unten noch alemannisch: letzen, letzenen beschädigen, zunächst von einem körperlichen schaden Stalder 2, 168; woneben auch ein intransitives verbum geht: in Appenzell letza, mislich oder unglücklich ausfallen Tobler 296ᵇ; in Basel läze übel ausschlagen Seiler 189ᵃ.
1)
einen letzen, abhalten, hindern: eʒ sî daʒ in êhaft nôt leze. Schwabensp. 83 § 4; kumet aber iener dar nâch, und bereit (beweist), daʒ er sîn nie innen wurde, wâ sîn gût wêre, oder dâʒ in êhaft nôt gelezet habe: der rihter sol im sîniu zwei teil wider geben. 268 § 10;
er kœme wider, möhter, ê,
esn latzte in êhaftiu nôt,
siechtuom vancnüsse ode der tôt.
Iwein 2933;
davon die hailung nitt gehindert oder geletzet würt. H. Braunschweig chirurg. 13;
ordentlich nach der schnur gesetzt,
so das kein baum den andern letzt.
Wickram bilg. B 8ᵇ;
letzen an etwas, gegenüber mhd. einen eines dinges letzen (s. vorher die stelle aus Iwein):
die sich zuͦ disch duͦnt setzen
und andere an dem sitzen letzen.
Brant narrensch. 110ᵃ, 18.
2)
einen hintanbringen, schaden, schädigen, übeles zufügen, im allgemeinen sinne:
wie der slange in lazte
mit sînem valschen râte,
daʒ er dar ûʒ (aus dem paradiese) vil drâte
ze grôʒer swære muoste komen.
Silvester 3442;
es heiszt einen letzen: so einer etwan einen geletzt hat und in aber darnach vast lieb hat, so laszt der ander umb der liebe willen im die letzung nach. Keisersberg schif der pen. 29ᵃ;
das sie schüllen solch bischof ab setzen,
die hie ir arme schaf also letzen.
fastn. sp. 643, 19;
der schmeichelwort gibt in der güte,
und tregt doch gram, im herzen gram,
demselben gram ghört wider gram,
und ist wol werdt, das man jn letze,
sich jm feindtlich entgegen setze.
B. Waldis Esop 1, 32, 43;
den frieden namen beide theil an.
der solt nu ewig bleiben stahn,
forter solt keins das ander letzen.
38, 15;
wer einen wil fräventlich letzen,
der musz so viel entgegen setzen.
2, 48, 17;
o höchster gott, kein menschlich gwalt
noch fürwitz dich mag letzen!
Hans Salat s. 110 Bächtold;
sins schwagers wolt er warten mit heer,
den er keinswegs wöll letzen,
sunder stellen in gegenweer.
s. 214;
ich will hinfort verschaffen wol,
dasz dein zung niemandt letzen soll.
Sandrub kurzweil (1618) 126;
so stürzt der grosze gott auch alle die dich letzen.
A. Gryphius 1698 2, 433;
die letzen dich so wol, auf die du dich verlassen,
als die, an denen du ein offenbahres hassen
hast allezeit gespürt.
Rompler 90.
einen in, mit etwas letzen: das ein mensch seinen nechsten nit letz weder in worten noch mit werken. Keisersberg seelenpar. 56ᵇ;
wer dich einmal mit schaden letzt,
sich, dasz er dir nicht basz zusetzt.
B. Waldis Esop 1, 26, 37;
sondern thet jn mit schelten letzen,
mit worten weidlich an jn setzen.
2, 83, 5;
wer einen schalk mit schalk wil letzen,
der musz ein auf die schiltwacht setzen.
4, 2, 195;
einen an etwas letzen: dasz ich unüberwunden an meinem aydt und ehren gelezt soll werden. W. Pirckhaimer entschuldigung vor dem rathe 1511 (in: zum andenken Pirckhaimers, Nürnb. 1828 s. 7); seit jr der erst gewesen so die züchtige fraw habt unterstanden an ihren ehren zu letzen. Galmy 273;
weil ich möcht werdn an ehrn geletzt.
H. Sachs 3, 1, 85ᵇ;
auch etwas letzen, beschädigen, angreifen: ir ougen mit solchem schyn lüchtend, das es glych wie die sunn die gesichten der anschauenden menschen theten letzen und bekrenken. Wyle translat., Lucrecia; fürwar ein höfliche antwort gegen dem menschen, der anderer abwesender leben letzet, begreift und beredet. Steinhöwel Esop (1569) 132ᵃ;
(schätze) dj nimmer letzt dieb, rost, noch schab.
Schwarzenberg 145ᵃ;
was ich vergisz und übereil,
das pässer (bessere), der basz hab di weil,
und ob ich indert hät gesetzt,
das waren christen glaiben letzt.
159ᵈ;
in allgemeiner frage:
die stadtmausz sprach: was kan das letzen? (wenn man auch einmal an der thür poltert)
da darf man sich nicht vor entsetzen.
B. Waldis Esop 1, 9, 63.
3)
namentlich vom zufügen eines körperlichen schadens, einer wunde, einen letzen, heute verletzen: dise dornen letzen ein lamm oder ein schaf, das under jnen sich weiden wil. Keisersberg narrensch. 190ᵈ; mönschen, die krank höubter haben, oder sunst in jren natürlichen geletzt sind. irrig schaf D 8ᵇ; der aber den andern letzet, sol vast ansehen das (das was) dick aus verdammung, todschlag oder ander verletzung kumpt, das der geletzt mit seinen erben zu armen tagen kumpt. dreieckecht spiegel Cc 2ᵃ; zuhand letzet der schlang das kind mit seiner gift, das es starbe. Steinhöwel Esop (1569) 64ᵃ; und letzet sich der jung also an einem nagel. S. Brant bei Steinhöwel 139; wann sein bruͦder lage auf der erden tödlich geletzt. Aimon bog. o 1; wann er ist gar khuͤn, und mag mit keinem eisen geletzt werden. q 2; hieb jm bei ein viertheil des schilts ab ... aber er letzet jn im fleisch nit. q 4; we mir ich bin on schleg geletzt worden. x; Bagoas ward gefangen, dann sein rosz ward im geletzt, das fiel jm auf sein schenkel, dasz er nicht fort kont. b. d. liebe 218ᵇ; (ich habe) mich also übel geletzt an einen dorn. Wickram rollw. 174, 13 Kurz; dasz er von solchem fall dermaszen geletzet, dasz jhn seine diener nach heimen führen muszten. Kirchhof wendunm. 15ᵇ; damit er nicht geletzet oder geschossen werde. Fronsperger kriegsb. 1, 42ᵇ; zu gleicher weisz wie ein wund von auszen an letzet: also ist auch die letzung der pestilenz. Paracels. opp. 1, 364 A;
durch schoʒ und auch durch platen
vil manger wart geletzet,
der haiden vil genetzet
wurden mit ir selbes pluͦt.
Suchenwirt 8, 167;
wirt der visch einst (einmal) vom angel gletzt.
B. Waldis Esop 2, 12, 87;
ein bawr der schrey, es (das kalb) möcht uns letzen,
wer wolt uns des ergetzen.
Ambras. liederb. no. 139, 151;
kein ritter lebt im lande,
der jhn mocht letzen auf seinem pferd.
225, 48;
Huttenus halt sich veste, ..
acht nit wer in thue letzen.
Soltau volksl. 260;
die büchsen theten krachen hart,
uns zu letzen damitte,
aber gott hielt in seiner hut
uns alle ausz genaden,
wir blieben frisch und wolgemuth.
391 (von 1547);
zum andern gib ich euch dabei
dise gut wolriechente salben ..
dasz euch kein feür kan letzen noch brennen.
J. Ayrer 245ᵃ (1222, 10 Keller);
mit dem object des gliedes:
man schwur: aufs minste nicht sein heil und haupt zu letzen.
A. Gryphius 1698 1, 294;
etwas heraus letzen, durch verwundung heraus ziehen:
sie fangen doch oft selber auf
die plutägel mit grosem hauf,
und thun auf jre haut die setzen,
das sie das bös plut ausher letzen.
Fischart flöhhatz v. 244.
letzen ohne object: darumb als Christus sagt, aus jren früchten kennet sie, welche sind aber die früchte? stachel, spitzen, kratzen, reiszen, letzen, und kein gut wort oder werk. Luther 1, 71ᵃ; nu beschreibet Esa. 2 und 11 (vgl. Jes. 11, 9) die christliche kirche je on blutvergieszen, und spricht, sie werden jr schwert wandeln in pflugschar, ... und werden nicht tödten noch letzen, auf meinem heiligen berge. 428ᵇ;
sie (die minne) heilet unde letzet.
Keller altd. ged. s. 4, 32.
4)
letzen, auch körperlich angreifen auszerhalb einer verwundung, einen oder etwas herunterbringen, schwach machen: es werden aber auch die zän geletzet von solcher süszen kost und getränk. Ryff spiegel d. gesundheit 1574 93ᵇ;
grewszlicher ding han ich nie gesechen,
sein (des todes) anblick hat mich so gar geletzt,
das ich bin aller kraft entsetzt.
verse des 16. jahrh. bei Haupt 9, 345;
also casteit sich manches jar,
das er so sehr verfallen war, ..
und jm so runzlet war sein bauch,
von vielem fasten also gletzt,
man het ein messer drauf gewetzt.
B. Waldis Esop 4, 69, 19.
5)
letzen, von der verletzung des gemütes, der empfindung: welcher ein weib lieb hat, den hat sie nit lieb, dan wirt sie im minsten von im geletzt, so schendet und lestert sie in, sie wütet, sie wirt unsinnig und laufet hinweg. Steinhöwel Äsop (1569) 11ᵃ; die allein auf ubelreden, letzen, und verachten gericht sind. Paracels. opp. 1, 361 A;
wiewol mirs hönt und thet mich letzen (ein gestelltes ansinnen).
B. Waldis Esop 4, 27, 44;
so musz dich, wenn er (Christus) ruft und fragt, kein trauren letzen,
schläg, elend, band und schmach, du must schmerz, angst und pein,
wormit der teufel pocht, für lauter wollust schätzen.
A. Gryphius 1698 2, 431.
6)
letzen, strafen, sofern es durch schädigung an leib oder gut geschieht:
swelhe sich dâ wider setzen,
die sol man an lîbe und guote letzen
daʒ sis immer haben genuoc.
Neithard 102, 20;
ich sprich ein urteil hie mit recht,
dasz ein solcher sol sten in königs echt
und in aller frauen feintschaft.
sein insigel sol haben nimmer kraft,
und wo man in an der eren tafel wil leiden,
so sol man das tischtuoch enzwei schneiden
und sol in an die schanttafel setzen.
also sol man ein solchen letzen.
fastn. sp. 309, 18;
ein solch urtail wil ich setzen,
das man ainn an allem seim leib sol letzen,
der aim seim weib geet nach hofiern.
712, 17;
thu gott das urtheil klar heimsetzen,
der weisz den schmeher wol zu letzen.
H. Sachs 5, 7ᶜ.
7)
letzen, hintansetzen, verletzen, bezüglich etwas was sich gebührt, recht, gesetz: damit das göttliche, keiserliche recht nit geletzt, noch geringert werde. Reuter v. Speir kriegsordn. 41;
vor zorn min herz erzitteret seer.
der hat gletzt unsere majestat,
den tod er wol verschuldet hat.
trag. Joh. G 8;
eur gnad, unser höchster wolthater,
soll keinen zweifel an uns setzn,
dasz eur gebot wir solten letzn,
sonder wöllen den nachkommen.
J. Ayrer 1ᶜ (19, 26 Keller).
II.
letzen, zurückstehen machen, zum ende oder zum abschied bringen; eine später und nur im Hochdeutschen, hier aber reich entwickelte hauptbedeutung des verbums.
1)
enden, aufhören lassen, transitiv und reflexiv:
anevanc vil kumbers, wie wart der geletzet!
Wolfram Tit. 170, 2;
wan eteswenne kumt diu zît
daʒ diu windesbrût gelît
unt sich letzet der regen unt der snê,
sô rihtet sin der rôr als ê.
Haupts ztschr. 7, 381, 39;
ein areweih hoch ob in schwebt,
der wart sich auf das bisemsecklin (mit köstlichen steinen) sezen;
es sach als ein tierlein das lebt.
der ar begreifs; do wart sich ir freud lezen.
Gödeke u. Tittmann liederb. 333, 104;
disz leg darüber, wann es den schmerzen gar fast letzet. H. Braunschweig chir. 77; zu ende bringen, von einer auslegung: ehe wir die letzten wort Davids letzen, und ans ende bringen. Luther 8, 149ᵇ; selbst intransitiv, zu ende kommen:
swie diu minne letzet,
ir anegenge ist heiʒ.
minnes. 2, 240ᵃ Hagen.
2)
letzen, abschied nehmen:
es musz geschieden sein, jetzt musz es sein geletzet.
v. Birken Guelfis 123;
wie spielten nicht die flammen
der brüderlichen treu uns beiden um den mund,
auf dem das lebewohl schon reise-fertig stund.
hier brach die freundschaft aus, hier gieng es an ein letzen,
die wehmuth mehrte sich.
Günther 1025.
sich letzen, sich verabschieden:
ich wil mich von ir letzen
und scheiden von der süeʒen.
H. v. Laber jagd 682;
gedenk der wort,
damit ich mich thet letzen.
Ambr. liederb. no. 22, 12;
reflexiv auch, namentlich in der fügung sich mit einem letzen, von der gegenseitigen abschiedsbegrüszung: (herz. Johann Friedrich) der sich noch nicht für sechsz tagen zuvor mit jm geletzt hatte, und nach Coburg gezogen war. Luther tischr. 345ᵇ; ihr stöckenknechte, lasset sie (Susanna) so lange wieder los, damit sie sich mit den jhrigen erst letzen möge. H. J. v. Braunschweig s. 189; als nun der ritter ganz bereit (zur abreise), alle die so an dem hof waren, freundtlich gesegnet, sich mit jedermann letzet und sonderlich mit seinen widersächern. buch d. liebe 63ᵈ;
ich bin nicht in der frömbd erbärmlich umgekommen,
ich starb in ruh bei dir, hab abschied noch genommen,
und mich mit dir geletzt bisz an mein sanftes end.
Rompler 121;
geh, mein theurer! es letzen vielleicht sich unsere freunde
auch ohne thränen mit dir.
Klopstock 1, 20 (v. 1747);
wie einander umarmend bei einem schleunigen marsche
an den ecken der straszen die krieger und mägde sich letzen.
Zachariä 1, 259;
diesz letzen verläuft in die bedeutung noch einmal sehen, noch einmal begrüszen (vor einer reise, vor dem tode oder ähnl.): ich erwarte des herrn hofraths ankunft, um eine nothfahrt nach Preuszen zu thun, werde aber mich noch vorher mit ihnen in Riga letzen. Hamann 3, 368; am 26. v. m. kam der jüngste Lindner hier an, seine 82 jährige mutter zu letzen. 6, 320.
3)
das letzen geschieht oft in feierlicher weise durch verabreichung eines trunkes, eines mahles oder eines schmauses: letzen, valefacere. voc. inc. theut. m 4ᵃ, wofür valefacere die leccze (d. i. letze) schenke Dief. nov. gloss. 376ᵃ; darum einen letzen, ihn zum abschiede durch speise und trank erquicken: er versprach ihnen zugleich, sie vor der abfahrt in seinem palaste mit speise zu letzen. Beckers weltgesch. 1, 297; sich letzen:
er (ein kaufmann, der fortreisen will) sprach: ich wil mich letzen;
und hieʒ dar tragen guoten wîn.
ges. abent. 2, 221, 56;
sich letzen, von mehreren, sich noch einmal vor dem abschiede schmausend vergnügen: wie er aber von Constanz ie abschaiden oder villeucht lenger nit verharren kunte, do wolt er sich mit dem grafen zum nachtessen letzen, was beschach, zugleich auch wie zum schlaftrunk. Zimm. chron. 4, 179, 12; es kamen die drei grafen .. zu Antdorf widerum zusamen, do letzten sie sich mit einandern; dann graf Bernhart fure .. nach Cölln, so raist graf Phillips von Hanow in Hollant und Selant. 394, 34; zu Sagen haben sich i. f. g. mit dem gemeldten fräulein aus Holstein und den holsteinischen gesandten geletzet, welches denn mit guten räuschen beschahe. Schweinichen 3, 47; und letzten sich die herrn mit einander mit guten räuschen. 52; ursache haben, uns nochmals mit einander zu letzen. Salinde 272; sich erfreuen, ohne dasz an schmaus gedacht wird: denn diese zeit über wolte sie sich noch mit ihren eltern letzen. polit. stockf. 343.
4)
sich letzen verliert die beziehung auf einen abschied, und heiszt nur noch sich laben, sich erquicken, in welchem sinne es der sprache des 18. jahrh. namentlich durch häufige verwendung bei Klopstock geläufig gemacht wird; es ist bis heute gehobener rede eigen.
a)
es wird dabei noch immer an speise und trank gedacht: nachdem sie sich gnugsam geletzet, bedankte sich die compagnie vor erzeigte höflichkeit. unwürd. doct. 647; herr und frau, noch junge leute, beeiferten sich uns gütlich zu thun; wir genossen des köstlichsten Moselweins, an dem sich mein gefährte .. besonders erquickte ... kaum hatten wir uns getrocknet und geletzt, als es in mir schon wieder zu treiben anfing und ich fortzueilen begehrte. Göthe 30, 179;
(er sah) drei städte zu éiner um wasser
ziehn, und sich dürftig letzen!
Klopstock 5, 48;
Joses freuete sich der erndter freuden, wenn ihnen
endlich der abend lächelt, und sie in der kühlung sich letzen.
353;
an Bremer austern, bis man satt,
an Rheinwein, bis man wankt, sich letzen.
Gökingk 3, 229;
bildlich: sterben? ich, die eben erst zu dir zurück kommt! sich kaum mit den ersten tropfen letzt aus dem tiefen wonnebecher der wiederkehr. Klopstock 10, 255;
könnt ich, zufriedenheit, an deinen honigwaben
mich immer letzen!
Gökingk 1, 151.
b)
ohne bezug auf speise und trank, sich vergnügen: sie letzten sich blos an den guten skribenten beider religionen und wurden proselyten derselben, höchstens nur in den kurzen augenblicken der poetischen begeisterung und träumerei. J. Paul teuf. pap. 1, 126;
jener mag der heller schonen,
der bei seinem gold und schätzen
tolle sich zu kränken pflegt,
und nicht satt zu bette legt:
ich wil weil ich kan mich letzen.
Opitz 2, 207;
wann du dich wirst nach lust ergetzen,
und fröhlich letzen.
3, 166;
wir wollen uns anitzt, dieweil wir können, letzen,
und weils uns ist vergünt, mit ihrer gunst ergetzen.
Fleming 53;
und ihr (der weisheit) triumph ist, wo sie kann,
das herz durch die vernunft zu letzen,
und sich an dieser jagd zu hetzen.
Gotter 1, 441;
auch in edlerem sinne, sich erquicken, sich erfreuen: ich fühlte mich schon in ihren armen, und letzte mich für die lange abwesenheit recht herzlich. Göthe 14, 61; die eltern, die sich gern an ihm letzen möchten, müssen ihn selbst wegtreiben. 30, 138; (ich) habe mich in nachtdämmer gelezt und denke an dich. an Lavater 157;
Dorinde kömmt und zwar allein.
sie wird sich noch einmal am bilde letzen wollen.
Gellert 1, 286;
auch wenn sie (die dichtkunst) nacht wird, flieht der genusz doch nicht
vor ihren donnern! feuriger letzt er sich!
Klopstock 2, 25;
bei der vorzeit edlen, ihr gastfreund,
will ich mich laben; will mich mit meiner tage genossen
letzen an allem, was einst die seel uns erhob,
allem, was jetzt theuer und heilig uns ist.
7, 8;
ich .. letzte mich, wie vor alter zeit,
wieder an des thales wirklichkeit.
Göthe 47, 165;
vom herzen (vgl. dazu herz 9, b, theil 4², sp. 1220):
letze dich, verzagtes herz!
14, 47;
vom auge:
mein auge wird sich wol
an den belügern letzen.
Opitz psalmen s. 177.
c)
selbst in rücksicht auf verderben und rache: warum an den schandgesellen mich schmieden, der sich am schaden weidet und an verderben sich letzt? Göthe 12, 233; sie ... sollen mich ins gefängnis schleppen. aber von seinem leichname weg, von der stätte weg, wo ich mich in seinem blute werde geletzt haben. 10, 115; undankbare, die mich verräth! ich will mich dafür an dir letzen. Fr. Müller 3, 107; bair. sich letzen an einem, 'zuletzt noch sein mütchen an ihm kühlen'. Schm. 1, 1546 Fromm.
5)
statt des reflexiven pronomens steht der theil des menschen, der besonders gelabt wird: sein herz zu letzen, ein siegel seinem wiederkehrenden glauben aufzudrücken, nahm er das halstuch aus der vorigen tasche. Göthe 18, 113;
wer seinen muth will letzen
mit schneller jagt und hetzen,
der stehet auf mit dir (der morgenröte).
Opitz 2, 210;
besser flöchtet ihr sie (die blumen)
gleich in kränze; so letzt all des geruches duft
jeden athmenden zug.
Klopstock 2, 53;
und suchtest, deinen geist zu letzen,
(ja nicht aus augenlust!) der jüngsten mädchen kreis.
Gotter 1, 245;
im arm, der ihn erhielt, hätt er sein herz geletzt.
2, 71;
auch dein geruch wird sich ergetzen,
dann wirst du deinen gaumen letzen,
und dann entzückt sich dein gefühl.
Göthe 12, 75;
die welt mit ihren schätzen,
mit allem überflusz
soll nur dein auge letzen;
für andre der genusz!
Uhland ged. 42.
ganz vereinzelt ist den durst letzen für den durstenden gaumen letzen:
pflückst aus dem überflusz
des waldgebüsches dir
gelegne speise, letzest
den leichten durst am silberquell.
Göthe 2, 78.
6)
einen letzen, erquicken, erfrischen, von genossenen dingen; das mittel ist als subject gedacht:
wenn am abend
rauschender winterkohl
sie geletzt hat.
Klopstock 1, 259;
dann, dann letzt mich die rebe mit ihm in dem reiche des vaters!
6, 200;
hinschaun soll ihn nur ergetzen,
wann sein schiff herum sich dreht,
nur der süsze duft ihn letzen,
den der west vom ufer weht.
Bürger 45ᵃ;
da tranken die kinder,
und die wöchnerin trank, mit den töchtern, so trank auch der richter.
alle waren geletzt, und lobten das herrliche wasser.
Göthe 40, 312;
wenn deine quelle mich geletzt.
Freiligrath dicht. 1, 169;
wird mir auch honig von den bäumen träufen?
frisch in den wald! umduftet mich, ihr ranken,
und letzet mich!
176;
in höherem sinne:
dasz die hoffnung
seiner eigenen auferstehung den wankenden letze.
Klopstock 5, 202;
und welch himmlisch labsal wird
nach dem todesschlaf mich letzen!
7, 304.
von einem erquickung spendenden thiere:
meine ziege, die nährt und letzt mich.
Platen 16.
7)
endlich einen letzen, mit persönlichem subject:
natur ist rings so liebebang,
ich will dich letzen mit flöt und sang.
Göthe 13, 84;
du aber wirst an deinen herd dich setzen,
und deine gattin mit der ferne bildern,
und mit den wundern deiner züge letzen.
Freiligrath dicht. 1, 180;
in die bedeutung nähren rührend:
er, den an jungfräulicher brust
die jüngste der Kamönen letzte.
Gotter 1, 334;
meine kinder! göttin, du wirst sie letzen!
du gehst in eines reichen haus,
ihn in contribution zu setzen,
und ich trag ihnen brod heraus.
Göthe 13, 148;
mit dem gekörn will ich den kibitz letzen,
es aus der luke streun, wenn er im flug
herschwirrt, mir auf die schulter sich zu setzen.
A. v. Droste-Hülshoff ged. (1873) 35.
Zitationshilfe
„letzen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/letzen>, abgerufen am 23.10.2019.

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