Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

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lieb, adj.

lieb, adj.
dilectus, carus. goth. liubs; altnord. ljúfr (im dän. und schwed. ausgestorben); alts. altnfr. liof, niederl. lief, niederd. lêf; ags. leóf, altengl. leof, leef, lef, neuengl. lief, jetzt veraltet; fries. liaf; ahd. liub, liob, lieb, mhd. liep. genau entspricht kirchenslav. ljubŭ lieb, nächste verwandte des wortes sind lat. lubens, lubet, lubido, lubido, und das sanskr. lubh begehren, heftiges verlangen empfinden, lôbha gier, habsucht, verlangen (vgl. Fick², 175); so dasz die bedeutung von lieb aus der vorstellung des heftig verlangten, begehrten, erwachsen ist. die bedeutung ist zum theil von der stellung des wortes abhängig.
I.
lieb, attributiv.
1)
in vollster schärfe des begriffes, bezüglich einer person, der man seine innige zuneigung zugewendet hat, und wo das wort durch das particip geliebt ersetzt werden kann, wie in gewählter neuerer sprache auch oft geschieht: der liebe vater, die liebe mutter, liebe brüder, schwestern, kinder, freunde, bekannte; du bist mein lieber sohn, an dem ich wolgefallen habe. Marc. 1, 11 (goth. þu is sunus meins sa liuba); ich vermane euch, als meine lieben kinder. 1 Cor. 4, 14; Tychicus, der liebe bruder und getrewer diener und mitknecht in dem herrn. Col. 4, 7; auf das deine lieben freunde erlediget werden, hilf mit deiner rechten. ps. 108, 7; ob die lieben abgeschiedenen von uns wissen. Göthe 16, 83;
(es wird) der vergnügung sonnenstrahl
mir selbst und auch den lieben meinen ..
mit einem neuen glanze scheinen.
Brockes 1, 478;
wer weis, ward nicht durch seinen tod
der treusten frau ein lieber mann entrissen?
Gellert 1, 192;
auf diesz geschrei kam Doris wieder,
der lieben freundin beizustehn.
ebenda;
da liebe töchter, liebe söhne
des edlen vaters herz erfreun.
2, 75;
nicht ein geschmeide? nicht ein ring?
meine liebe buhle damit zu zieren.
Göthe 12, 193;
mit diesem zweiten pfeil durchschosz ich — euch,
wenn ich mein liebes kind getroffen hätte.
Schiller Tell 3, 3;
das liebe kind, der liebling der eltern: so schon das arm eschengrüdel eben das tut, das das lieb kind tut, so gefellt es doch der mutter nit als wol von im, also von dem das sie lieb hat. Keisersberg seelenpar. 187ᵇ;
ich merk doch gnugsam und empfind
das ich nicht mehr bin liebes kind (spricht ein sohn zur mutter).
Stephani geistl. action (1568) C 7ᵃ.
aber auch in freierer anwendung, das liebe kind bei jemand sein, sich liebes kind machen, vergl. unter kind theil 5, 717: fortzurennen ... aus einem geschäft, wo man es so gut mit ihm meinte und wo er liebes kind war in allen stuben. Freytag soll u. haben 2, 106;
denn heint liebs kind, morgen der rab,
also wirst du auch jetzt schabab.
Heros ird. pilgerer (1562) 35ᵇ;
sprichwörtlich: liebe kinder könnens nicht verderben, ubi amor dominatur, ibi judicium non potest esse rectum. Stieler 1156.
2)
in zärtlicher rede wird lieb auch zu dem gestellt, was zu geliebten personen in beziehung steht oder zu ihnen gehört, gliedmaszen, empfindungen, handlungen, örtlichkeiten u. s. w.: meine liebe heimath, das liebe vaterland; das lieb und angenäm vatterland, patria antiqua Maaler 270ᶜ; dem himmel sei dank, dasz ich endlich mein haus, mein liebes haus wieder sehe! Lessing 1, 490; jr treibt die weiber meines volks, aus jren lieben heusern. Micha 2, 9; o säsz ich zu ihren füszen in dem lieben vertraulichen zimmerchen. Göthe 16, 100; weihnachtsabend hältst du dieses papier in deiner hand, zitterst, und benetzest es mit deinen lieben thränen. 163; darunter (unter dem munde) wölbte sich ein liebes volles kinn. H. Heine 2, 208;
dein liebes bild,
so sanft, so mild,
führt mich an goldner kette.
Hölty 202 Halm;
da schwebt so licht dein liebes bild,
dein süszes bild mir vor.
Göthe 1, 110;
ist eine, die so lieben mund,
liebrunde wänglein hat?
19;
da du uns auf reich bebauter flur,
in dem schoose herrlicher natur,
manche leicht verhüllte spur
einer lieben seele zeigtest.
84;
dasz eine liebe hand den goldnen schmuck
aus ihren frischen, reichen ästen breche!
9, 150;
ich soll
mit meiner armbrust auf das liebe haupt
des eignen kindes zielen?
Schiller Tell 3, 3;
da seh ich deine lieben augen.
Uhland ged. 25;
aus liebem aug ein grüszen,
vom lieben mund ein küssen.
27;
und die lieben blauen sterne (augen)
schaun mich an so himmelgrosz.
H. Heine 1, 58;
wohin mein auge trifft
in dieser schrift,
sieht es, dasz sie nichts faszt,
als jenen namen, so lieb und so verhaszt.
Platen 9;
ich ehre dieses liebe feuer für einen lieberen gegenstand. Schiller Fiesko 1, 8;
die rosen (lieb) in deinem kranz
seind roht wie deiner lefzen glanz.
Weckherlin 390;
im sprichwort: lieber dreck stinket nicht, si quis amat cervam, cervam putat esse Minervam. Stieler 1156.
3)
in der anrede: ah, lieben brüder, thut nicht so ubel. 1 Mos. 19, 7; lieben herrn, wie lang sol meine ehre geschendet werden? ps. 4, 3; hoffet auf jn alle zeit, lieben leute. 62, 9; ehe der knabe rufen kan, lieber vater, liebe mutter. Jes. 8, 4; lieben kinder, lernet das maul halten. Sir. 23, 7; Jhesu lieber meister, erbarme dich unser. Luc. 17, 13; du hast mir das herz genomen, meine schwester liebe braut. hohel. 4, 9; unser lieber vater, der du bist im himmel. Simpl. 1, 31 Kurz; wol liebes kind, ich bin gehalten, dich um gottes willen besser zu unterrichten. 29; seht auf, lieber greis! Schiller räuber 2, 2; so lasz dich doch zu brei zusammen drucken, lieber herzensbruder Moriz! 2, 3; thu das, lieber Daniel, ich bitte dich drum. 5, 1;
lieber mein Uoly, volg guoten gsellen!
fastn. sp. 884, 1;
o liebe, liebe Adelheit!
so rief er sonder ende.
Hölty 29 Halm;
o vater! vater! lieber vater!
Schiller Tell 3, 3;
lieben freunde, es gab schönre zeiten,
als die unsern.
an die freunde;
ihr lieben holden musen!
Göthe 1, 26.
auch dinge werden in bewegter rede so angesprochen: lebe wohl, du lieber ofen, der alte Daniel nimmt schweren abschied von dir. Schiller räuber 5, 1; wie das eigne herz:
ich werd ihn sehn! o hoffe, liebes herz!
Göthe 3, 39;
nur stille, liebes herz!
42.
4)
häufig findet sich der superlativ gesetzt, um den adjectivbegriff zu verstärken: lebt wohl, liebste gemahlinn, lebt ewig wohl! Gellert 4, 272; liebste Mariane! (anfang eines briefes). 308; lasz dich umarmen, mein liebster freund! Lessing 1, 503; verzeihen sie, liebster vater. 507; liebstes kind, du weinest? Schiller räub. 1, 3; liebste liebe! (Fernando zu Stella). Göthe 10, 159;
got gnad dem liebsten herren mein.
Uhland volksl. 778;
du hast, o liebstes lieb, mein herz in deinem herzen.
Fleming 173.
vgl. dazu allerliebst: meine allerliebste frau!;
rîtest du nu hinnen,
der aller liebeste man?
minnes. frühl. 4, 36;
ir allerliebster diener mein!
Uhland volksl. 775.
5)
in schmeichelnder rede wird mit lieb auch das diminutivum des betreffenden substantivs verbunden (vgl. gramm. 3, 664):
dô was der magede hant
an ir vater kinne.   si bat in vil sêre.
si sprach: liebeʒ vaterlîn,   heiʒ in hie ze hove singen mêre.
Gudrun 386, 4;
dur got mich des bescheide,
liebeʒ müeterlîn.
minnes. 1, 151ᵇ Hagen;
swie du wilt, so wil ich sîn.
lache, liebeʒ frowelîn.
minnes. frühl. 6, 31;
o Annelein, liebstes Annelein mein,
hilf mir den wein ausztrinken!
Uhland volksl. 693;
lieb närrchen, ich halte dirs, wie ich gemeint.
Bürger 61ᵃ;
o Molly, lieb liebchen, was riethest du nun?
59ᵇ;
lieb liebchen, legs händchen aufs herze mein.
H. Heine 15, 44.
undecliniert und fast wie titel (vergl. nachher 6 a. e.): bei lieb Julchen recht gemächlich abschied zu nehmen. Fr. Müller 3, 9; für das diminutiv stet das adj. klein:
bist du beruhigt, liebe kleine seele? (Merkur zu Nymphe).
Göthe 11, 314.
6)
die häufigkeit der verwendung von lieb bei bezeichnung und anrede läszt den sinn auch an schärfe einbüszen. in manchen fällen kann lieb selbst formelhaft und ohne dasz seine eigentliche bedeutung mehr gefühlt wird, stehen, so in der anrede lieber freund, lieber herr college, lieber mann, liebe frau u. s. w., je nach beziehungen und gemütsart des sprechenden; ja lieber mensch, wer bistu denn, das du mit gott rechten wilt? Röm. 9, 20 (μενοῦνγε, ὦ ἄνθρωπε, goth. þannu nu jai, manna); liebes kind, wer wieder sagt, dasz du eine närrinn bist, der hat es mit mir zu thun. Lessing 2, 174; ich betaure ihn, mein lieber vogt. 1, 324; ja, mein guter, lieber, alter herr, ich musz ihnen nur sagen .. 495; liebe leute, vgl. oben sp. 846;
nein, nein doch, lieber herr, das kömmt euch nicht
zu sinn ... (Tell zu Geszler).
Schiller Tell 3, 3;
und fast als theil des titels in ceremonieller redensart: wie geht es ihrer lieben frau gemahlin?; gestern wurde meine liebe frau von einem knaben glücklich entbunden, häufige zeitungsanzeige; unsere lieben gäste; wir empfangen heute lieben besuch; die frau mama, meine liebe frau muhme, darf sich über den überflusz der vernunft auch nicht beklagen. Gellert 3, 164; der liebe, liebe neffe, der wäre denn nun versorgt! (Selicour zum kammerdiener). Schiller parasit 1, 7;
erzählten, nach der mahlzeit,
am hellen tannenfeur,
dem lieben wirth und wirthin,
viel hundert ebentheur.
Hölty 9 Halm;
gott verzeihs meinem lieben mann,
er hat an mir nicht wohl gethan!
Göthe 12, 149;
ferner in mitleidiger wendung: er ist in die weite welt .. verläszt die liebe seele! gott verzeihs ihm! Göthe 10, 138; dann aber auch spöttisch: der liebe mensch tauret mich, wo er das frauenzimmer mit so tiefen reverenzen grüszen wird. Chr. Weise erzn. 36 Braune; sie werden krank, die lieben eigensinnigen weiberchen, wenn man nicht thut was sie haben wollen. Lessing 6, 6; das haben wir denn all den lieben Franzosen zu verdanken. Fr. Müller 1, 299; da gestand denn die liebe dienerschaft .. Göthe 30, 133;
denn sie bedienten sich der nacht
und knöbelten den lieben wirth im bette.
Gellert 1, 159;
und ungefähr nach einem halben jahre
lag dieser mann auch auf der bahre.
der liebe mann!
181.
7)
lieb in bezug auf wertgehaltene thiere oder auch dinge, wo ebenfalls die bedeutung weniger tief ist als oben bei 1: lieb und angenäm brief, tabellae blandae Maaler 270ᵈ; liebe briefe, litterae jucundae Stieler 1156; die gesundheit ist ein lieber schatz, sanitas gratus est thesaurus Steinbach 1, 1048; wann ich einen oder andern lieben hund hätte. Schuppius 743; meine liebe tenne, da ich auf dressche. Jes. 21, 10; wenigstens habe ich jetzt nicht den verdrusz ... dasz man mir eine liebe tasse zerbricht und es mir eine ganze zeit aus keiner andern schmecken will. Göthe 18, 320; bei der stelle eines lieben buches. 16, 115;
alle nymfen würden lachen,
und uns manchen schönen tanz,
manchen schönen, lieben kranz
in den bunten wiesen machen.
P. Fleming 496;
ein jüngling, welcher viel von einer stadt gehört,
in der der segen wohnen sollte,
entschlosz sich, dasz er sich da niederlassen wollte ..
er nahm die reise vor, und sah schon mit vergnügen
die liebe stadt auf einem berge liegen.
Gellert 1, 194;
(begab sichs dasz) sein gutes schwert herab ins wasser fiel,
und wie ers platschen hört, verläszt er stracks
die schöne frau, und läuft, sein liebes schwert
zu retten.
Wieland 18, 62;
in der engen verbindung lieb und werth (vgl. dieselbe auch unten III, 1): einer höchst lieb und werthen, aber auch schwer lastenden bürde entledigte ich mich gegen ende augusts. Göthe 31, 65. vergl. dazu etwas ist einem lieb unten III, 4, c.
8)
lieb in festen formeln, die auf dem grunde des kosens und schmeichelns erwachsen, und daher mit diminutiven zum theil wechseln, vergl. die ausführungen unter chen 5, theil 2, sp. 616.
a)
der liebe gott: wer deudsch kan, der weis wol, welch ein herzlich fein wort das ist, die liebe Maria, der liebe gott, der liebe keiser, der liebe fürst, der liebe man, das liebe kind. und ich weis nicht, ob man das wort liebe, auch so herzlich und gnugsam in lateinischer oder andern sprachen reden müge, das also dringe und klinge ins herz, wie es thut in unser sprache. Luther 5, 142ᵇ; dasz sie ... jhre seelen dem lieben getrewen gott zu trewen händen bevehlen sollen. Sandrub kurzweil (1618) 137; ein kerle, der den lieben gott danken solte, weil er ihn zu einem mannsbilde erschaffen. Chr. Weise erzn. 59 Braune; gieb dem lieben gott anleitung, wie er es einmahl mit dir machen soll. 177; der liebe gott ist gar zu gut, und lacht über einen solchen narren, wie du bist. Lessing 1, 414; verzeih euchs der liebe gott. 490; ich lasz es ein vorzug des lieben gottes sein, den willen für die that anzunehmen. 12, 505;
der liebe got sol ir walten!
Uhland volksl. 83;
ein blümlein auf der heiden
mit namen Wolgemut
lasz uns der lieb gott wachsen.
116;
wenne de leve got wil, so werde ick wedder kamen.
172;
der arm sprach: meine arme seel
ich meinem lieben gott bevehl.
Sandrub kurzweil 135;
dem lieben gotte weich nicht aus,
findst du ihn auf dem weg!
Schiller gang nach d. eisenhammer;
in anrede und ausruf:
das hilf uns, lieber herre got!
Uhland volksl. 826;
o lieber gott! lasz ihn (meinen tod) nicht ferne sein!
Gellert 1, 142;
erbarm dich, lieber gott!
Stolberg 1, 76;
lieber gott!
sprach Hans und sahe Töffeln an,
mein seel! ich werde kein soldat.
Hölty 39 Halm;
im superlativ:
liebster gott! die kinder stellen hier
ganz eigentlich erwachsne menschen für.
Brockes 2, 415;
ähnlich heiszt es der liebe vater im himmel; im ausruf: lieber himmlischer vater, was ist das für ein unglück!;
brüder — überm sternenzelt
musz ein lieber vater wohnen.
Schiller an die freude.
b)
der liebe heiland; das liebe christkind; die liebe mutter Maria; die lieben engel; mit den lieben engelein. Göthe 21, 8;
nu ist die strosze also breit
die uns zuͦ unserre frouwen treit,
in unserre lieben frouwen lant.
Uhland volksl. 825;
und unser lieben frauen
der traumet ir ein traum.
840;
wes ist das schöne kindelin?
es ist das liebe Jhesulin.
Luther 8, 358ᵃ;
Julie, das schönste kind,
schön, wie die lieben englein sind.
Hölty 142 Halm;
er ist von fleischbegierden rein,
wie die lieben herzengelein.
Göthe 13, 63;
im superlativ:
Jesus der liebste herre
der won uns alzeit pei!
Uhland volksl. 861;
auch Christi gliedmaszen werden formelhaft so zubenannt:
und legt sein lieben finger rein
dem toben in die ohren.
B. Ringwald ev. Dd 2ᵃ;
auch hast du mir mit keiner salb
mein liebes häupt begossen.
Bb 2ᵇ.
c)
die liebe bibel, das liebe gebet; andere, so von uns auszgangen, werfen newe klecker und schandmal in die liebe biblien. Mathes. Sar. 122ᵇ; und hetten sie noch zehenmal jr lieb gebett drüber gethan (über die speisen). Fischart bienk. 147ᵇ; ihr habt ja immer das liebe gebet über alle häuser hinausgeworfen. Schiller räuber 5, 1; ihr verachtet das liebe gebet so. ebenda;
das lieb gebet.
B. Ringwald laut. warh. 56;
die liebe schrift.
tr. Eck. D 4ᵃ;
die liebe kirche, niederd. de lewe kark Dähnert 219ᵃ; die liebe kirche hat schon neun verschiedene stücke von mir zu ihrem zierrathe. Gellert 3, 174; das liebe kreuz, pretiosa, utilissima, multum proficua crux Stieler 1156.
d)
lieb formelhaft zu den himmelskörpern gestellt: alle frohen geschöpfe singen aus gesträuchen und von bäumen der lieben sonne gute nacht zu. Fr. Müller 1, 4; wenn ich erwache, und die liebe sonne auf meinen blühenden bäumen leuchtet. Göthe 10, 149;
die lieben sternen gros und klein.
B. Ringwald tr. Eck. E 5ᵃ;
die schatten nehmen zu,
das licht eilt nach der ruh,
der abendstern, der liebe mond erwacht.
A. Gryphius 1698 1, 634;
o schande vor der lieben sonnen!
Günther 167;
wann mich, mit meinem harm vertraut,
zur stunde der gespenster,
der liebe, helle mond beschaut.
Hölty 170 Halm;
labt sich die liebe sonne nicht,
der mond sich nicht im meer?
Göthe 1, 186;
von der sonnenwärme:
sieh hin, der sonnen zier
geht wieder schön herfür,
bringt nach dem schlag und regen
den lieben warmen segen.
Gerhard 18, 40 Gödeke;
ferner von regen und wind: der liebe regen hat recht wolgethan, sagt der landmann nach einem fruchtbaren regen; (ich) befehl dem lieben winde die übrigen vergeben wort (des gegners). Luther 1, 48ᵃ.
e)
auch vom himmel selbst, mag er nur als himmelsgewölbe aufgefaszt werden: der liebe himmel lacht wieder blau; oder als sitz gottes und verhüllend für letzteren selbst genannt sein: das mag der liebe himmel wissen!; weisz der liebe himmel! Wieland an Merck 197.
f)
von dem was uns nährt, getreide, korn: das liebe getreide. Schweinichen 3, 223; jetzt geht alles mit seidnen schuhen und strümpfen durch dick und dünn, und das zu einer zeit, wo der liebe rocken kaum für geld zu haben ist. Möser patr. phant. 1, 371;
den weinstock und das liebe korn (behüte).
B. Ringwald ev. Aa 8ᵇ;
besonders das liebe brot, auch wenn das subst. für lebensunterhalt im allgemeinen steht, vgl. theil 2, 400. 401: dem mein herr aus barmherzigkeit das liebe brod gegeben hatte. Sturz 2, 208; wie diese gottvergessenen menschen das liebe brod .. sich an den kopf geworfen. Göthe 30, 177;
wie man gebraucht das liebe brod.
B. Ringwald laut. warh. 21;
schöpft wasser mit der hand, iszt liebes schwarzes brodt.
Opitz 1, 103;
der (bäcker) vermuthlich hat das geld,
das aus dem lieben brote fällt,
hineingebacken.
Gleim 3, 391;
das brot heiszt auch das liebe gut: (er wendet die eine tasche um) ist da eine dose? brodgrümel sind drinne; das liebe gut! Lessing 1, 330; da sehen sie nur .. welche schöne saure milch er sich zurecht gemacht hat, mit geriebenem brod und zucker und allem. das liebe gut! man musz es nun wegwerfen. Göthe 14, 302; ferner das liebe salz: darumb ist das liebe salz freilich, wie das liebe brod, eine gute creatur gottes. Matheṡ. Sar. 127ᵇ; das liebe wasser: doch brauche ich ganz und gar nichts, als liebes kaltes wasser. Lessing 12, 325; liebes getränke, lieber wein: ist das nicht eine thorheit bei uns Teutschen, dasz wir so unbarmherzig auf das liebe getränke loszgehn, als könten gottes gaben sonst nicht durchgebracht werden. Chr. Weise erzn. 151 Braune;
das liebe zehrlein wein
sieht anders mir nicht ausz als unser wetzestein
der muth und herze schärft.
Opitz 1, 104;
das liebe vieh:
fehlt euch eine frau,
welche sich wol auf das futter
und das liebe vieh versteht.
Chr. Weise überfl. ged. (1701) 442;
(der amtmann der) wies liebe vieh die bauern schund.
Hölty 37 Halm.
g)
von dem was mit unserm dasein zusammenhängt; besonders das liebe leben selbst: das jhnen jhr lieb leben darob bitter und schmäh worden. Garg. 214ᵃ; das liebe leben erhalten. westphäl. Robins. 78; dasz man sich aber selbst das liebe leben raube. Göthe 27, 230;
weil fortmehr nichts mehr ist, als nur das liebe leben.
Logau 1, 52, 10;
mein liebes leben enden
darf nur der herr der welt.
Bürger 56ᵃ;
und immer gehts den alten gang
das liebe lange leben lang.
Göthe 3, 175;
für sorgen sorgt das liebe leben.
5, 206;
der liebe kragen:
jener wolt seinen lieben kragen,
seinen bruder zu rechen, wagen.
mückenkr. 1, 557;
das liebe alter. Petr. 195ᵇ; das liebe blut: dasz das liebe blut nicht vor der zeit sich verdickte. Arnim nov. 3, 120; die liebe seele: (ich habe müssen) meine liebe seele in der feinde hand geben. Jer. 12, 7; und befehl euch meinen leib und leben, gott und der heiligen dreifaltigkeit meine liebe seele. Reuter v. Speir kriegsordn. s. 66;
sehe wir an sein seiten!
die ist auf getan:
do schullen die lieben sele
des morgens meien gan.
Uhland volksl. 882;
das liebe ich, vergl. theil 4², 2031; die ihr allerliebstes selbst als den einzigen beziehungspunct ihrer bemühungen vor augen haben. Kant 7, 405.
h)
von zeit, tag, nacht, woche, jahr, stunde u. s. w.: es sollen auch die redliche kriegsleut die liebe zeit nicht mit ungepürlichen spielen hinpringen. Reuter v. Speir 12; er habe die liebe zeit sehr übel angelegt. Schuppius 568;
du liebe zeit, du liebe welt
mit deinen raritäten,
dein hab und gut, dein ruhm und geld
geht all am ende flöten.
Burmann ged. 25;
liebe zeit, auch als ausruf, verhüllend für lieber gott:
nein, lieber mann, sei ruhig. liebe zeit!
was ist das für ein zänkisch leben heut.
Tieck Octavian 228;
zuletzt kam mir der liebe tag zu hülf. Simpl. 1, 24 Kurz;
und mit entzücken blick ich auf
so manchen lieben tag.
Göthe 1, 97;
dann rath ich eurer lüsternheit,
die liebe schöne tageszeit
und mir die weitre müh zu sparen.
12, 141;
wie schon mhd.:
ich möhte geleben mangen lieben tac.
minnes. frühl. 5, 38;
ich habe in der lieben nacht keine ruge. Jes. 21, 4; unter demselben (baume) habe ich manche liebe nacht gesessen. pers. rosenth. 6, 3;
als ich manche liebe nacht
mich mit wachen krank gemacht.
Gerhard 234, 80 Gödeke;
doch war er auf dem ball die liebe lange nacht.
Göthe 7, 102;
vergl. mittelniederländ.
daer laghen si twee verborghen
den lieven langhen nacht.
hor. belg. 2, no. 103, 3;
verfügte mich .. auf das geisz futter, auf welchem ich schliefe bisz an den lieben hellen morgen. Simpl. 3, 359 Kurz; manches liebe mal. Heynatz antibarb. 2, 374; ich habe mich manches liebes mal selbst in einer solchen lage der versuchung befunden. Münchhausens reisen 35;
dasz ich alle liebe morgen
schaue neue lieb und güt.
Gerhard 237, 63 Gödeke;
das liebe lange jahr war ein geburtstag nur.
P. Fleming 184;
im lieben, langen jahr.
Gotter 1, 71;
von den jahreszeiten: wenn doch erst das liebe frühjahr kommen wollte;
wer nu wölle meien gen
in diser lieben zeit.
Uhland volksl. 881;
im superlativ:
erleb ich den liebsten sommer,
so hebt sich ein groszer streit
vor den blümlein in der awe.
83.
i)
vom lande, der welt: sie verachteten das liebe land. ps. 106, 24; und dann auch von dieser seite zu hause zufrieden zu sein und mir und andern alle lust in die liebe weite welt zu benehmen. Göthe 27, 248;
denn der wunderlichsten richter
ist die liebe welt so voll.
3, 171.
k)
vom frieden: den lieben friede, des sich jederman frewet zu halten. stücke in Esther 1, 2;
es wil der liebe frid noch keines weges kommen.
Rompler 119.
l)
in andern verbindungen: indesz wäre es doch möglich, dasz einmal auch ein alter künstler, nach ihrer art zu reden, der liebe und den grazien weniger geopfert, und hier bei hundert meilen an die liebe liebe nicht gedacht hätte! Lessing 8, 237;
du sprichst ja wie Hans Liederlich,
der begehrt jede liebe blum für sich.
Göthe 12, 134;
in ganz verblasztem sinne:
wie krum steht mir der liebe mund,
mit welchem ich das recht gebrochn.
B. Ringwald tr. Eck. H 6ᵇ.
m)
in manchen formeln steht lieb geradezu ironisch, die liebe gewohnheit empfinden wir vielmehr als eine solche, die wir leise anklagen: natürlicher weise hat, wie überall, die liebe gewohnheit nach den ersten lebhaften bewegungen ihr recht behauptet. Göthe 43, 26; ebenso das liebe einerlei, der liebe brauch: eine aussicht in das ewige, liebe einerlei. Lessing 12, 366;
schon kommt, nach liebem brauch, ein trupp
visiten angezogen.
Gotter 1, 94;
die liebe noth: und wie die liebe noth gar zu grosz ward, liesz ich mich bei einem von adel in dienste ein. Chr. Weise 45 Braune; der arzt, der mit ihm seine liebe noth hat. Kant 10, 227;
ich hatte mit dem kind wohl meine liebe noth.
Göthe 12, 162;
das liebe geld, die lieben groschen: weil der schurk des lieben gelds nicht viel übrig hat. ped. schulfuchs 71; das liebe geld kann alles. Simrock sprichw. s. 171; wie wärs, dacht ich, wenn ihr .. um den lieben groschen recensiertet, wies wirklich mode ist? Schiller räuber 1, 2;
da er nun sah das liebe gelt.
L. Sandrub kurzweil 142;
nam also anstatt des gelts die liebe patientia an die hand (das geld war ihm in der herberge gestohlen worden, er merkt es erst unterwegs), und zogen unsers wegs fort. Kiechel 205;
verlachen sie die bunten seifenblasen
des lieben leeren erdentands.
Hölty 200 Halm.
n)
endlich steht lieb auch formelhaft von theilen der menschlichen gesellschaft; theils in ernster wendung: der lieben armut inn dieser theurung zu trost. P. Rebhun klag des armen mannes, titel; damit ja alles (aus dem kohlenmeiler) .. wenn es zu nutzen und frommen der lieben christenheit genugsam gedient, als asche von wäscherinnen und seifensiedern verbraucht werde. Göthe 21, 55; dasz der lieben obrigkeit ampt sei, die hurerei und ehbruch .. zu richten und zu strafen. L. Sandrub kurzweil 105; theils aber auch ironisch (vgl. oben m): unsere liebe goldne jugend schlägt die kostbare zeit todt;
und was das liebe junge volk betrifft,
das ist noch nie so naseweis gewesen.
Göthe 12, 213,
wo wiederum der gebrauch oben 6 a. e. einspielt; von einem einzelwesen: ja beinach ein jeder lieber catholischer hat den seinen (heiligen). Fischart bienk. 184ᵇ; in allitterierender verbindung mit leidig: dieses unerwartete fehlgeschick ist mir, bei dem übrigen was mich betrifft und bedrängt, höchst widerwärtig; ich wüszte nun keine liebe leidige seele mit der ich darüber conferiren möchte. Göthe an Zelter 769.
9)
lieb, in zärtlicher rede, von einem der geliebt zu werden verdient, der liebe erweckt (vgl. dazu unten III, 4, a): es ist ein lieber mensch, homo scitus, elegans, venustus est. Stieler 1156; tochter, du hast sehr recht. es ist ein lieber mann. Gellert 3, 30; ein liebes weibchen, mit der ich mich vertragen werde. Göthe 10, 139; ein braver lieber mann, dem man gut sein musz. 16, 59; auch die andern kinder, lauter liebe kinder, machten ihre sache sehr gut. H. Heine 2, 228;
wir lassen alle blumen stehn,
das liebe weibchen anzusehn.
Hölty 144 Halm;
jünglingsblicke taumelten voll feuer
nach dem reiz des lieben mädchens hin,
aber keiner, als ihr vielgetreuer,
rührte jemals ihren sinn.
60;
's ist eine der gröszten himmelsgaben,
so ein lieb ding im arm zu haben (ein schönes mädchen).
Göthe 12, 152;
und ironisch:
ein liebes weib ward krank.
Gellert 1, 66;
Cleant, ein lieber advocat.
158.
der bedeutung 9 reiht sich das verstärkte allerliebst ein, wenn es die höchste stufe des anmutigen ausdrückt (theil 1, 225).
10)
lieb, in den steigerungsgraden, wo der adjectivbegriff nach seiner stärke in vergleichung gesetzt wird (vgl. unten IV, 1—3).
a)
im comparativ: es lebt kein braverer und mir lieberer mann als P. Silius. Wieland übers. von Ciceros briefen 6, 114;
unter aller orte thieren
solte mir kein liebers sein
als desz Nathan schäfelein.
Logau 1, 152, 53;
und mit ausgelassener vergleichung: da ich mir keinen lieberen freund zu erkisen weis. Butschky kanzl. 22.
b)
im superlativ (verschieden von oben 4): dies hier ist mein liebstes kind; er war unter allen mein liebster freund; dasz einer von seinen liebsten freunden abgefallen und calvinisch worden sei. Simpl. 4, 242 Kurz; und mit weniger tiefe des begriffs, von dem was man nur am meisten gern hat oder am wertesten hält (vgl. oben 7): das spiel war seine liebste unterhaltung, bier sein liebstes getränk;
den liebsten bulen den ich han
der ist mit reifen bunden.
Uhland volksl. 584;
das glück, das seine liebsten gaben
sonst immer für die leute spart,
die von den gütern beszrer art
nicht gar zu viel bekommen haben.
Gellert 1, 83;
allbereits im flügelkleide
waren minnigliche fraun
meine liebste augenweide.
Hölty 152 Halm.
c)
auch die gleichheit der begriffsstärke in bezug auf mehrere wird hervorgehoben:
Geszler. und welcher (knabe) ists, den du am meisten liebst?
Tell. herr, beide sind sie mir gleich liebe kinder.
Schiller Tell 3, 3.
II.
lieb, substantivisch verwendet.
1)
als bezeichnung der liebe, die liebe, in der mehrzahl die lieben von verwandten, freunden, geliebten: ich beschwere euch töchter Jerusalem, das jr meine liebe nicht aufweckt noch reget, bis das jr selbs gefellet. hohel. 8, 4; meine lieben und freunde stehen gegen mir. ps. 38, 12; do er .. allein zuͦ seiner lieben hause ginge. Steinhöwel dec. 204, 24; zwei liebe, ein liebendes pärchen Schm. 1, 1415 Fromm.;
wenn sich ein paar liebe küssen.
P. Fleming 353;
ihre (des gestorbenen mädchens) lieben, voll des miszgeschickes,
denken nicht an pfänderspiel und tanz,
stehn am sarge, winden nassen blickes
ihrer freundin einen todtenkranz.
Hölty 59 Halm;
wenn sie dann
überschaute mit mutterblicken das häuflein der lieben.
Stolberg 1, 338;
und an jenem ufer drüben stehen
freund und lieben.
Göthe 2, 76;
für meine lieben liesz ich leib und blut.
12, 179;
am schwarzen kamin
da sitzet mein lieber.
Uhland ged. 30;
hab oft im kreise der lieben
im duftigen grase geruht.
Chamisso.
2)
in der anrede: lieber, lege dich zu meiner magd. 1 Mos. 16, 2; er sprach, lieber verlas uns nicht. 4 Mos. 10, 31; Delila sprach zu Simson, lieber sage mir, worin dein grosze kraft sei. richt. 16, 6; eins aber sei euch unverhalten, jr lieben. 2 Petr. 3, 8; jr lieben, lasset uns unternander liebhaben. 1 Joh. 4, 7; meine lieben, wir sind nu gottes kinder. 3, 2; esset, meine lieben, und trinket, meine freunde. hohel. 5, 1; mein lieber, folge nicht nach dem bösen. 3 Joh. 11; lieber! lieber! du warst lange weg. Göthe 10, 155; liebste liebe! (Fernando zu Stella). 159;
sich, lieber, was darfst von disem sagen?
fastn. sp. 40, 22;
do sprach ich zu ir ângever:
liebe, leg dich zu uns allen nider!
43, 28;
o ihr seligen zwei liebe!
Opitz 2, 92;
o lieber! mein lieber! was zaget dein sinn?
Bürger 34ᵃ;
o lieber, o süszer, dann weiszt du die wahl.
59ᵇ;
als theil eines titels, der fürst nennt seine beamten oder unterthanen liebe getreue!; der teufel ist ein betrieger, ein lügner, und ein mörder .. und die statisten sind seine liebe getreue. Schuppius 2;
ich grüsze die getreuen, lieben,
versammelt aus der näh und weite (spricht der kaiser).
Göthe 41, 8;
und also ihr getreuen, lieben,
willkommen aus der näh und ferne.
10;
in verblaszter bedeutung: also meinst du aber doch, menschchen, dasz die volle lache, in einem und demselben nu, nicht manchmal eben so durchschauern könne, als der grimmigste blick des wütherichs? ei, lieber! wie, wenn der teufel zu dir träte, und dich bei voller lache zum höllischen tanz aufforderte? Bürger 319;
liebe, lasz dich sein nit verdrieszen (die frau zur magd).
fastn. sp. 501, 30;
ach, lieben, helft im clagen dem armen (spricht ein böses weib im zorn gegen ihren mann).
47, 20;
und selbst: nein, mein lieber, daraus wird nichts! im tone herbster zurückweisung.
3)
im neutrum, etwas liebes, etwas was einem lieb ist:
kein sehnen konnt uns quälen,
nichts liebes war uns fern.
Uhland ged. 27;
ich möchte ihm gerne etwas liebes erweisen; einem liebes tuhn, beneficium alicui conferre, officiis ornare aliquem Stieler 1155;
freund, der du es herzlich bist,
lasz dir etwas liebes sagen.
Fleming 477;
so soll nicht sterben, wer je mir
wohnend im land allhier lieb ist und liebes erzeiget!
Odyss. 15, 359;
häufig in der verbindung liebes und gutes: von denen todten soll man nichts als alles liebs und gutes reden. Pistorius thes. par. 6, 50; lebe wohl, theures mutterhaus — hab so manch guts und liebs in dir genossen. Schiller räub. 5, 1; erzählte nicht selbst dein mann so viel liebes und gutes von ihm! Göthe 8, 22; liebes und treues:
sie hat an ihm viel liebs und treus gethan.
Göthe 12, 154;
über die verbindung liebes und leides vgl. die bemerkung unter leid 1, d sp. 655.
4)
etwas liebes kann auch ein liebchen meinen: dasz Solande diese nacht mit ihm vor ein haus gehen, in welchen er etwas liebes habe, und allda seine stimme und laute, nur ein einiges gesetze hören lassen möchte. polit. stockf. 262; es ist hier in st. Georg ein öffentliches haus, wo Biondello öfters aus- und eingeht; er mag da etwas liebes haben, ich weisz es nicht. Schiller 747ᵇ;
mancher noch mit heiszem kusse
an das herz was liebes presst.
J. Kerner lyr. ged. (1847) s. 171;
jemand liebes aber ist eine geliebte person im allgemeinen: und wie ich wieder im zimmer war, da dachte ich, wenn mich jemand liebes dorthin bestellt hätte. Bettine 1, 81.
5)
substantives lieb gesteigert:
kein lieber auf erd ward nie geboren,
und die mir bas gefelt.
Ambraser liederb. 169, 28;
namentlich findet sich das neutrum liebes (no. 3) gern in den steigerungsgraden. im comparativ: es ist nichts liebers auf erden, denn ein züchtig weib. Sir. 26, 19; ein schöne fraw erfrewet jren man, und ein man hat nichts liebers. 36, 24; nach dem unser vater von hinnen geschieden, .. ist uns nichts liebers, denn das friede in unserm reich sei. 2 Macc. 11, 23; als ich frequentirte, habe ich nichts libres studiret, als von der libe. Butschky Patm. 457; die theologi fliehen oftmals für der ehr. allein sie haben nichts liebers, als dasz man sie mit der ehr jage. Schuppius 241; es ist nichts liebers als kindes kind. Pistorius thes. par. 10, 6; du findest doch nichts schöneres und lieberes als mich. Göthe 17, 187;
weist du, schœne frouwe,
waʒ dir ein ritter enbôt?
verholne sînen dienest.
im wart liebers nie niet.
minnes. frühl. 14, 6;
nichts liebers ist auf erden,
als frauen-lieb, wems kan werden.
Pistorius thes. par. 9, 80;
du (lilie) bist mir zwar ein schönes bild
von mancher jungfrau, rein und mild:
doch weisz ich noch was liebers.
Göthe 1, 191;
im superlativ: Agamemnon, der dir sein liebstes zum altar brachte. Göthe 57, 28;
gott der pflegets so zu machen,
reiszt oft unser liebstes hin.
Fleming 322.
6)
der superlativ der liebste, die liebste kann bezeichnen
a)
einen freund, eine freundin, in der mehrzahl freunde oder auch verwandte: grüszet Epenetum, meinen liebesten. Röm. 16, 5; seitdem ihr die phantasien den kopf verrückt haben, traut sie niemanden, hält alle ihre freunde und liebsten, sogar ihren mann, für schattenbilder. Göthe 11, 44; allein des weibes glück ist eng gebunden, .. und wenn zerstörung ihr haus ergreift, führt sie aus rauchenden trümmern, durchs blut erschlagener liebsten, ein überwinder fort. 57, 28;
hier stehn die verweinten alten (denen tochter und enkel gestorben),
beider herzen sind zerstückt,
und durch éinen hieb gespalten;
zwei der liebsten sind entzückt (entrissen).
zwei der liebsten aller lieben,
kind und kindskind sind geblieben.
Fleming 335;
schliesze (kirchhof) fest den schwarzen grund!
denn sein anblick macht mir bange,
ob er keines aus dem bund
meiner liebsten abverlange.
Uhland ged. 34.
b)
einen geliebten, eine geliebte, mit dem oder der ein festes liebesverhältnis besteht: absonderlich war ihm diesz zuwider, dasz er seine liebste so lange verlassen müste, mit welcher er sich, nach der gewonheit aller reichen erben, verplempert hatte. Chr. Weise erzn. 8 Braune; im zwölften jahre dachte ich, es wäre eine schande, wann ich keine liebste hätte. 43; schwarze haare, wie sie auch die liebste des Anakreons haben sollte. Winkelmann 5, 179; so wie eine liebste an dem ufer des meeres ihren abfahrenden liebhaber ... mit bethränten augen verfolget. 6, 357; also ist es weiter nichts, als dasz sich einer in des andern seine liebste verliebt hat? Lessing 1, 460; wie er um mich besorgt ist! so nur mensch, nur freund, nur liebster. Göthe 8, 194;
(blumen) drausz manch verliebtes herz
zurüst ein sträuszelein,
damit in liebesschmerz
verehr den liebsten sein.
Zinkgref bei Opitz (1624) 210,
siehst du schon den liebsten stehen,
den dir Amor hat vertraut.
Fleming 157;
ich auch würd auf meiner pfeifen
ein erfreutes liedlein greifen,
wenn ich in der liebsten schosz
alles kummers würde losz.
496;
so ists der schönste brief, den je ein herzensdieb
von eurer art an seine liebste schrieb.
Wieland 23, 221 (Oberon 11, 35);
auf, mädchen, erscheine; dein liebster ist da!
Stolberg 1, 425;
ihr felsen, ihr bäume,
entdeckt mir die liebste.
Göthe 1, 41;
nun verlass ich diese hütte,
meiner liebsten aufenthalt.
46;
der liebsten band und schleife rauben.
48;
trink, o jüngling! heilges glücke
taglang aus der liebsten blicke.
50;
lebe wohl! und manche klippe
fährt dein liebster noch vorbei.
61;
sein herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll
wie bei der liebsten grusz.
186;
wenn auf beschwerlichen reisen ein jüngling zur liebsten sich windet,
hab er diesz büchlein; es ist reizend und tröstlich zugleich;
und erwartet dereinst ein mädchen den liebsten, sie halte
dieses büchlein, und nur, kommt er, so werfe sies weg.
369;
meine liebste wollt ich heut beschleichen.
2, 105;
dein liebster flieht den tanz.
7, 5;
wie schön und wie herrlich, nun sicher einmal
im herzen des liebsten regieren!
10, 289;
du hörest meine stimme, wendest nicht
dein angesicht nach deiner liebsten um?
320;
sie liesz mich zwar, in sanct Andreas nacht,
den künftgen liebsten leiblich sehen.
12, 51;
auch im munde einer, die wol liebt, aber nicht wieder geliebt wird:
der liebste schläft. sei ruhig, pochend herz,
erzittre nicht! (Adelma von Kalaf).
Schiller Turandot 4, 10;
in der anrede:
liebste, die dus warlich bist.
Fleming 491;
ohne dich, liebste, was wären die feste?
Göthe 1, 29;
liebster, komm, ihn einzufangen.
57;
nur noch ein letzter liebeskuss
sei, liebster, dein und mein genusz.
Bürger 53ᵃ;
in der verstärkung der, die allerliebste:
er weckt uns mit seinem gesange
von dem allerliebsten mein.
Uhland volksl. 164;
alde! ich sol mich scheiden
von der allerliebsten mein.
165;
vergl. auch herzallerliebste theil 4², 1224.
c)
einen ehemann, eine ehefrau: ferner sagte er, diejenige so hernach geritten käme, wäre seine liebste. ich fragte ihn, ob er denn keine frau hätte. er lachte und sprach, diese wäre seine frau, sei aber nicht mehr der brauch, dasz man sie anders als liebste heiszete. liebster und liebste hätten einen bessern adelichern klang. Simpl. 1684 3, 730; es war aber noch nit tag, da kam seine liebste, und bat mich, dasz ich bei der generalität eine supplicat. in ihren namen eingeben, und dʒ beste für ihren mann reden wolt. Schuppius 231; kamen sie bei einem priester in das losament, und funden einen vornehmen cavallier, der sich mit seiner liebste etliche stunden zuvor eben in selbigem hause einquartieret hatte. Chr. Weise erzn. 15 Braune;
so schieszt Ismenen auch, da diesz ihr liebster spricht,
das blut den augenblick in ihr sonst blasz gesicht ...
drauf fieng sie zitternd an: ich, mann! ich, deine frau,
ich sag es noch einmal, der hecht war gar zu blau.
Gellert 1, 56;
als titel: frau muhme, reden sie doch ihren herrn liebsten zu. 3, 270; was macht denn ihre frau liebste, herr schwager? 404; empfehlen sie mich .. dem herrn Dennstädt und seiner frau liebste. Lessing 12, 55. vgl. eheliebste, eheliebster theil 3, 45. jetzt höchstens noch im munde ganz alter leute.
III.
lieb, als prädicatives adjectiv; in gewissen formeln.
1)
einen lieb haben (in der älteren sprache gewöhnlicher als einen lieben, vergl. unten lieben II im eingange), etwas lieb haben (vgl. dazu auch unter haben theil 4², 64):
si ist mîn ôsterlîcher tac,
und hâns in mînem herzen liep.
minnes. frühl. 170, 20;
er vant ouch ze der selben zît
den edelen leich Tristanden,
den man in allen landen
sô lieben und sô werden hât,
die wîle und disiu werlt gestât.
Trist. 482, 9.
nhd. ist die flexion des adjectivs, die schon mhd. selten, ganz gewichen: wilt du on zouberei einen menschen darzu bringen, das er dich lieb hab, so hab du in vor lieb. Keisersberg seelenp. 5ᵃ; nim Isaac deinen einigen son, den du lieb hast. 1 Mos. 22, 1; und sein herz hieng an jr, und hatte die dirne lieb. 34, 3; und schafft recht dem waisen und widwen, und hat die frembdlingen lieb. 5 Mos. 10, 18; das er (gott) erfare, ob jr jn von ganzem herzen, und von ganzer seelen, lieb habt. 13, 3; da weinet Simsons weib fur jm, und sprach, du bist mir gram und hast mich nicht lieb. richt. 14, 16; und Jonathan fuhr weiter und schwur David, so lieb hatte er jn, denn er hatte jn so lieb als seine seele. 1 Sam. 20, 17; einen frölichen geber hat gott lieb. 2 Cor. 9, 7 (goth. hlasana giband frijôþ guþ); so ein fraw will von ihrem mann oder bulen seer lieb gehabt sein, so soll sie ihm zu essen geben katzenkraut. der kunkel evangelia (1557); mein freund, ich habe ihn vom herzen lieb. Chr. Weise erzn. 152 Braune; armer mann, haben sie mich denn auch noch lieb? Gellert 3, 405;
was frauen und junkfrauen fur in gat
die müssen in von ganzem herzen lieb haben.
fastn. sp. 764, 13;
mit ausgelassenem verbum:
bedenk, wie lieb dich dein gemahl.
Weckherlin 352;
der herr ist gerecht und hat gerechtigkeit lieb. ps. 11, 7; der herr hat das recht lieb. 37, 28; wer die weisheit lieb hat der höret gerne zu. Sir. 3, 32; wer geld lieb hat, der bleibet nicht on sünde. 31, 5; wer sein leben lieb hat, der wirds verlieren. Joh. 12, 25;
den seine brüder han ermordt,
weil er lieb hat das göttlich wort.
L. Sandrub kurzweil 182.
in weniger ausgeprägter bedeutung, nur wie gern haben: die apfelbäum haben den harn vast lieb, darumb soll man sie oft damit begieszen. Herr feldbau 81ᵃ; in der formel lieb und werth haben, lieb und hold haben: ein ding wärd und lieb haben, carum et antiquum habere Maaler 270ᵈ; ich für meine person hatte sie (die bibel) lieb und werth. Göthe 25, 96;
sô swerent mir des einen eit ..
daʒ ir niht verkebsent mich
und ir mich hânt liep unde wert.
troj. krieg 9111;
der hab syn frow ouch lieb und holt.
Brant narrensch. 32, 19;
er het mich lieb, er het mich wert.
Uhland volksl. 101;
sie ist die jüngst und wol gethan
und hat auch hie den allereltsten man,
den sie allein hat lieb und wert.
fastn. sp. 676, 35;
ich hab mein tag gehört,
was einer hab gar lieb und werth,
führt der teufel am ersten hin.
Sandrub 154.
für das prädicative adj. steht aber auch das adv.: mhd.
ich wæn dem doch sîn herze iht stê
gein ir alsam daʒ mîne stât
und wæns ouch iht sô liebe hât
als ichs in mînem herzen hân.
Lichtenstein frauend. 6, 32;
im nhd. nicht mehr vom adjectiv zu unterscheiden, aber nach der ähnlichkeit von einem gerne haben vorauszusetzen, wie denn beides auch verbunden wird: wie habt jr das eitel so lieb, und die lügen so gerne? ps. 4, 3. in den steigerungsgraden ist die adjectivform vor der adverbform gewichen, s. unten IV no. 6. vgl. auch das zusammengerückte liebhaben. Für lieb haben steht lieb halten: ein diener der seinen herren lieb halt, amantior domini famulus Maaler 272ᵃ;
und wer ein stäten buͦlen hat.
der halt in lieb zumaszen!
Uhland volksl. 97.
2)
einen oder etwas lieb gewinnen:
ich wart an ir nie valsches inne,
sît ich si sô liep gewan.
minnes. frühl. 50, 14;
sie wart sein weib, und gewan sie lieb. 1 Mos. 24, 67; und der könig gewan Esther lieb uber alle weiber. Esther 2, 17; also hatten wir herzenslust an euch, .. darumb, das wir euch lieb haben gewonnen. 1 Thess. 2, 8; Demas hat mich verlassen, und diese welt lieb gewonnen. 2 Tim. 4, 10; und gedacht mir sie zur braut nemen, denn ich hab jre schöne lieb gewonnen. weish. Sal. 8, 2; es wird mir immer so wohl ums herz, wenn ich höre, dasz einer von meinen freunden ein hübsches mädel lieb gewinnt. Hölty 248 Halm;
die werden dich all lieb gewinnen,
das sie on dich nicht leben künnen.
grobianus 1568 H 4ᵇ (b. 2, cap. 5);
sieh den mann,
den dies weib hier lieb gewann.
Stolberg 1, 169;
da sah den jüngling eine muse blühen,
gewann ihn lieb.
Gotter 1, 3.
dafür auch lieb bekommen, vgl. unter bekommen 6, g theil 2 sp. 1427.
3)
einen lieb behalten, gern in briefschlüssen: behalten sie mich lieb. Rabener briefe s. 92; behalten sie mich lieb und denken sie zuweilen an ihre kleine schülerin. 98.
4)
lieb sein, in verschiedener fügung und bedeutung.
a)
einfaches einer, etwas ist lieb, beliebt, wird geliebt: was schön ist, das ist lieb. Lehmann 168; in der verbindung lieb und werth (vergl. auch oben III, 1): ein kluger man ist lieb und werd bei fürsten. Sir. 20, 29; wer bei fürsten sich helt, das er lieb und werd ist, der kan viel böses verkomen. 30; statt des localen zusatzes ein dativ (verschieden von unten b): gott lieb und angenäm, diis charus ipsis Maaler 271ᵃ; lieb sein, von einer frau, gratam, jucundam esse:
Trulla hatte sich geschmückt, trat dem manne gegen über,
fragte wie sie jhm gefiele? nackend, sprach er, bistu lieber.
Logau 2, 134, 80.
in traulicher rede der neuern sprache, und mit entschiedener herzlicher betonung, empfängt hier lieb die bedeutung dessen was liebe einflöszt, was man lieben musz (oben I, 9): sie ist gar zu lieb, ich musz mich erklären. Göthe 7, 126; und wenn er zu mir kommt, wie er so lieb ist, so gut! 8, 193; wenn sie sie nur sehn! sie ist so lieb! 10, 133; recht lieb wären sie, wenn sie zu mittag bei mir essen wollten. an frau v. Stein 2, 20;
mein schatz ist lieb und gut.
Göthe 1, 204;
mit sächlichem subject: wie grosz! wie lieb! (von einer feurig vorgetragenen empfindung). 10, 146;
doch — alles was dazu mich trieb,
gott! war so gut! ach war so lieb!
12, 188;
an die bedeutung gut heranrührend:
mit allen schelmen-augen
ich schelmereien trieb,
und leichte lust zu saugen,
war jede lippe lieb.
57, 250;
in ähnlichen verbindungen: er (der vogel) thut gar zu lieb! Göthe 16, 122; ich sah ihn nie so sanft und lieb. Klinger 1, 21.
b)
einer ist mir lieb, ich empfinde liebe für ihn:
ich sage dir, waʒ mir wirret:
der mir ist liep, dem bin ich leit.
Walther 64, 21;
swie liep si mir von herzen sî.
66, 13;
einem träffenlich lieb sein, von einem häftig geliebt werden, in amore esse alicui Maaler 270ᵈ; Stella! Stella! wie lieb du mir bist! Göthe 10, 147; gestand ich dir nicht in den ersten tagen meiner vollen liebe zu dir alle kleinen leidenschaften, die je mein herz gerührt hatten? und war ich dir darum nicht lieber? 157;
der die gerechtigkeit als reichs-genossin küsst,
der unschuld lieb und hold, der bosheit schädlich (feind) ist.
Günther 963;
nun hr. bruder es ist genug, wir müssen auch an unsere reise gedenken, und wo ich ihm lieb bin, halte derselbe mich nicht länger auf. unwürd. doctor 175; spöttisch:
sie ist mir lieb auf einem zan;
fellt er mir ausz, sie musz dervon.
fastn. sp. 632, 12.
c)
etwas ist mir lieb: du kommst schon? das ist mir lieb; ich? ihren brief zerreiszen? nimmermehr folge ich ihnen darinne: darzu ist er mir viel zu lieb. Rabener briefe 135; bei allem beschwöre ich sie, was ihnen auf der welt lieb ist. Lessing 1, 486; was allen menschen lieb und angenehm ist, quod omnibus hominibus gratum et acceptum est. Steinbach 1, 1048;
dern lôst in niht, eʒ was im liep.
Iwein 4687;
als lieb euch ewer leben (sei).
Weckherlin 144;
sowie der mensch sich des auges
köstlichen apfel bewahrt, der vor allen gliedern ihm lieb ist.
Göthe 40, 242;
in knapper fügung mit unterdrückung des verbums:
möcht ich wohl durch goldne thüren
dich in einen garten führen,
gern besucht und lieb den frauen.
Platen 14.
in einer frage höflichen entgegenkommens: Thomas. guten tag, mein schönes kind. Bätely. groszen dank. wär ihm was lieb? Thomas. ein glas milch oder wein, jungfer, wäre mir eine rechte erquickung. Göthe 11, 16.
d)
mit einem folgenden infinitive oder abhängigem satze: es ist mir lieb, lieber könig Agrippa, das ich mich heute fur dir verantworten sol. ap. gesch. 26, 2; es ist mir lieb, einen alten guten freund gesund wieder zu sehen. aber es ist mir nicht lieb, dasz das erste, was ich ihm sagen musz, eine abschlägliche antwort sein soll. Lessing 1, 505; es würde mir lieb sein, wenn ein jeder bundesbruder ein oder zwei seiner gedichte abschriebe und mir zukommen liesze. Hölty 216 Halm; dasz sich graf Friz verliebt hat, ist mir herzlich lieb. 248;
mir wär es lieb, ihr wähltet mich zum austrag.
Göthe 9, 164;
mir, für mich selbst,
wär es so lieb, nicht da sein, als zu leben
in furcht vor einem wesen wie ich selbst.
Shakesp. Jul. Cäsar 1, 2.
e)
in andern formeln: alsdann wird uns der urheber (der christlichen religion) erst lieb und werth, und alle nachricht, die sich auf ihn bezieht, wird heilig. Göthe 23, 149; dieses jahr musz mir in der erinnerung, schöner resultate wegen, immer lieb und theuer bleiben. 32, 42; manches in diesem einfachen leben zwischen haus und flur erschien ihm lieb und begehrungswerth. Freytag handschr. 1, 113.
f)
auch hier steht in der alten sprache mit gleicher berechtigung die adverbialform (vergl. oben 1) im wechsel mit der adjectiven, theils allein, theils in der allitterierenden formel lieb oder leid sein, vgl. dazu gramm. 4, 927: mhd.
daʒ was ir beide liebe und leide.
Gudr. 644, 4;
mir ist liebe, mir ist leide.
Leutold von Seven 265, 17 Wackernagel;
gegen: dô rieten sîne vriunde,   eʒ liep oder leit
sîner muoter wære,   daʒ er die schœne meit
in sînen willen bræhte.
Gudrun 1025, 1;
eʒ sî dir liep, es sî dir leit,
du muost in dîniu wâpenkleit.
Lichtenstein frauend. 310, 9.
die formel ist auch im ältern nhd. noch beliebt, ein unterschied zwischen adverb- und adjectivform tritt aber nun nicht mehr auf: es were jnen lieb oder leidt. Aimon bog. g; das jm die Franzosen, es wer jn lieb oder leidt, weichen musten. bog. n; es wer seinen feinden lieb oder leidt. f 3; also muͦszt die guͦt alt muͦter .. zu jres mannes gesten sitzen und ein guͦten muͦt haben, es wer jr lieb oder leid. Wickram rollw. 77, 21 Kurz; solchen rhum und ehre habe ich, .. es sei dem teufel und allen seinen schuppen lieb oder leid. Luther 6, 9ᵃ. für die steigerungsgrade ist die adverbialform durchgedrungen, wie die formel am liebsten lehrt, vgl. unten IV no. 8.
IV.
lieb, adverbial.
1)
in der neueren sprache selten, der bedeutung des adjects I, 2, oben sp. 896 angeschlossen:
da staunt mich an gar seltsamlich,
so lieb, so weh, so inniglich (die schöne maid).
H. Heine 15, 28;
dort klang es lieb und lieber,
und wogt es hin und her.
110.
2)
sonst steht, gegenüber einem allerdings ausgedehnteren gebrauche des mhd. adv. liebe, im nhd. der positiv des adverbs nur noch in vergleichungssätzen, nach so oder eben so, für das gewöhnliche gerne: und möcht einer so lieb einen weg durch hecken und püsch brechen, als seine (Carlstadts) bücher durchlesen. Luther 3, 50ᵃ; dasz ich .. fast so lieb wolte von dem Türken gefangen sein, als in solcher qvalität zu hofe leben. Chr. Weise erzn. 174 Braune; ich sehe nicht, warum sie nicht eben so lieb mich, als eine andre heurathen wollen. Rabener werke 3, 225;
Verona prangt mehr nicht mit desz Catullus gaben;
sie wolte mich so lieb als ihn zum kinde haben.
Opitz 2, 423.
3)
der comparativ lieber in vergleichungssätzen, wenn als oder denn folgt, wo er häufig den nicht mehr gebräuchlichen comparativ von gerne ersetzt:
sol ich dar umbe ersterben,
daʒ tuon ich lieber danne ich lebe.
Engelhard 5909;
du redest lieber böses denn gutes, und falsch denn recht. ps. 52, 5; ich wil lieber der thür hüten in meines gottes hause, denn lange wonen in der gottlosen hütten. 84, 11; werden lieber tod denn lebendig sein wollen. Jer. 8, 3; lieber ein narr, als hungers gestorben. Chr. Weise erzn. 45 Braune; ich habe lieber nüchtern händel, als in voller weise. 152; ich wolte lieber salz und brod essen, als einen gemesteten ochsen mit unrecht. 153; lieber bestie, als so ein mensch! Lessing 1, 515; lieber betteln gegangen, als so mit sich handeln lassen! 12, 393; lieber, dasz sie (die signatur) mit fleisz weggelassen, als zur hälfte vergessen zu sein scheint. 200;
zauberische augen! sie erblickten
nie die morgenröthe,
hiengen lieber an der goldnen weste,
als an frühlingsblumen.
Hölty 53 Halm.
der nachsatz durch ehe eingeleitet: er verhungert lieber, ehe er bettelt;
so scheint es doch, dem allen ungeachtet,
als ob wir lieber,
eh wir auf solche art den schöpfer ehren sollten,
uns unsrer eignen lust berauben wollten.
Brockes 2, 266;
in den verbindungen je länger, je lieber, je eher, je lieber, beispiele theil 4², 2282.
4)
lieber in vergleichungssätzen, ohne dasz der vergleich ausdrücklich angegeben wird:
si möhten lieber anderswâ
an der stunde sîn gelegen.
Engelhard 3286;
(ein jüngling soll) sich halten, als der nicht viel wisse, und lieber schweige. Sir. 32, 12; ich wolte aber lieber, alle menschen weren wie ich. 1 Cor. 7, 7; allein als Hatzfeld hinter uns drein war, und wir bei Zerbst stehen musten, da wer ich lieber im qvartier vor Rochelle gewesen. Chr. Weise erzn. 41 Braune; meine freunde hätten mich gern befördert, aber ich hätte lieber einen dienst gehabt, da ich ... in sechs tagen kaum eine stunde arbeiten dörfen. 45; ich ginge freilich tausendmal lieber nach Hamburg. Hölty 231 Halm;
entziehst dich meinen armen,
als wolltest du mich lieber ganz verstoszen?
Schiller braut von Messina v. 1798;
keinen reimer wird man finden,
der sich nicht den besten hielte,
keinen fiedler, der nicht lieber
eigne melodieen spielte.
Göthe 5, 95;
was? nicht ein schaustück? kein geschmeid?
was jeder handwerksbursch im grund des säckels spart,
zum angedenken aufbewahrt,
und lieber hungert, lieber bettelt!
12, 152;
verstärkt viel lieber: man sagt viel lieber gleich weg Lieszgen (statt jungfer Lieschen). Chr. Weise erzn. 130 Braune; warumb er .. seine kinder viel lieber privatim unterweisen liesze. 88;
sol ich disen sumer lanc
bekumbert sîn mit kinden,
sô wær ich vil lieber tôt!
G. v. Neifen 52, 9;
ich weisz mir ein feine weberin,
vil lieber wär sie ein müllerin
so fern auf jener aue.
Uhland volksl. 692.
in ermahnungs- und betrachtungssätzen, wo lieber auf den zu bewirkenden entschlusz einer fremden persönlichkeit hinzielt: aber die hohenpriester reizeten das volk, das er jnen viel lieber den Barrabam los gebe. Marc. 15, 11; der zeitliche todt ist von niemanden, sonderlich von einem christen-menschen zu fürchten, sondern lieber zu wünschen, den solcher ein ende unsers jammers .. ist. Schuppius 781; was nützt dieser müsziggang? arbeite lieber!
5)
die formel lieber gar (vergl. dazu auch 4¹, sp. 1329), die wir jetzt verwundernd oder auch abweisend im täglichen leben brauchen, und in der gar im sinne von gänzlich oder vollends steht, scheint mit solchen ermahnungs- und betrachtungssätzen am meisten innern zusammenhang zu haben, obschon er uns nicht mehr recht zum bewustsein kommt. wenn z. b. auf die erzählung unser freund N. hat heute einen schlaganfall gehabt, der ausruf der verwunderung lieber gar! folgt, so liegt darin die dunkle beziehung auf ein noch gröszeres unglück, das man von ihm hätte erzählen können, und eine ironische abwehr, es wäre etwa wie erzähle lieber gar, er sei gestorben, oder ähnliches; oder wenn der hausherr auf das urlaubsgesuch eines angestellten, auf einen tag fortgehen zu dürfen, abweisend antwortet: lieber gar! so steht ebenfalls im hintergrunde das ironische sag doch lieber gar eine woche o. ähnl.; Parm. ferner will ich deinem vater sagen, was ich glaube, dasz du wünschest — Phil. und was ist das? Parm. je eher, je lieber wieder bei ihm zu sein. deine kindliche sehnsucht, deine bange ungeduld — Phil. mein heimweh lieber gar. schalk! warte, ich will dich anders denken lehren! Lessing 2, 101. durchsichtiger ist die ironie bei einfachem lieber in abweisenden sätzen, die in eine frage gekleidet sind: 'borgen sie mir hundert mark'. warum nicht lieber gleich tausend?; Ferd. ich würde ihnen nicht zur ehe rathen, frau muhme, da ich weis, dasz sie in sechzig in. fr. Richardinn. warum nicht lieber in achtzig? ich musz am besten wissen, wie alt ich bin. Gellert 3, 211.
6)
die superlativform des adverbs ersetzt die verbindung am liebsten, die eigentlich am liebsten ort, an liebster stelle sagen will, vergl. oben unter am theil 1, 276 und gramm. 3, 106: ich will gerne sterben, ich will gerne leben, sie erwehle nur, welches sie mir am liebsten gönnen will. Chr. Weise erzn. 59 Braune; drumb gleich wie iener blinde bettelman nirgend lieber gieng, als wo er von dem volke gedränget und gedruckt ward: also fahren auch solche verliebte herzen am liebsten, wo die ecksteine und die qvergassen am gemeinsten sind. 191; ich gehöre nicht zu dem hasengeschlechte, das nirgends am liebsten ist, als wo es geheckt ward. Heinse Ardingh. 2, 287; wie die herrschaften es sich am liebsten einrichteten, so sei es ihm auch recht und angenehm. Immermann Münchh. 3, 42; der lieben jungfer Judith habe ich etwas zu vertrauen, was ich am liebsten sage, wenn dieselbe im hause vor mir sitzt. Freytag ahnen 5, 128;
unter abgelegnen sträuchen,
wo so manche nymphe lacht,
sah ich sie (die liebesgötter) am liebsten schleichen.
Uz 1, 73;
am liebsten betracht ich die sterne,
die schienen, wenn ich ging zu ihr.
Eichendorff taugenichts s. 78.
7)
die steigerungsformen des adverbs in verbindung mit haben, vgl. oben III, 1: (Jacob) hatte Rahel lieber denn Lea. 1 Mos. 29, 30; Israel aber hatte Joseph lieber denn alle seine kinder. 37, 3; wenn man .. die klugheit lieber hat, denn alle güter. spr. Sal. 4, 7; ich hatte sie (die weisheit) lieber denn gesunden und schönen leib. weish. Sal. 7, 10; habt sie desto lieber, umb jres werks willen. 1 Thess. 5, 13;
si wolte in verre lieber haben
danne ir kint, daʒ si gebar.
troj. krieg 574;
sy förchte, es wer alls umb sus,
er hette ander lieber und hold.
fastn. sp. 876, 13;
dafür lieber lieben:
und die frau amtmannin
wird dich noch lieber lieben.
Göckingk 3, 25.
für den einfachen superlativ steht die verbindung am liebsten (vergl. oben 6): er hatte ihn am liebsten unter allen seinen verwandten; selten zum liebsten: was einer zum liebsten hat, führt einem der teufel zum ersten hin. Simpl. 3, 24 Kurz.
8)
ebenso in verbindung mit sein (vergl. oben III, 4, f); ohne persönlichen dativ: in einem fruchtbaren, und mit kindern angefülten hausz, ist biszweilen zu sehen, dasz einer oder der ander ausz den älteren höher geschätzt wird, und ausz den jüngern lieber ist, aber in mitlen vielleicht etliche vergessen bleiben. Schuppius 773; mit unterdrücktem verb: je lieber kind, je schärfer ruthe. Chr. Weise erzn. 209 Braune; mit persönlichem dativ: das gesetze deines mundes ist mir lieber, denn viel tausent stück golt und silber. ps. 119, 27; wol und recht thun, ist dem herrn lieber, denn opfer. spr. Sal. 21, 3; mein freund, ich habe ihn von herzen lieb, doch ist mirs lieber, er wird mein feind, als dasz ich soll sein narr werden. Chr. Weise erzn. 152 Braune; meine gesundheit ist mir lieber als seine. ebenda;
frouwe, ich hân ein wîp,
diu ist mir lieber danne der lîp.
Parz. 94, 6;
im superlativ am liebsten: er ist mir am liebsten unter meinen bekannten;
wir übergeben ihm, als einen wackern mann,
was uns am liebsten ist. führ er sie treulich an;
er siehts, es sind zwei muntre knaben.
Gellert 1, 27;
wir unterlassen, wie das kind,
die dinge, die wir wenig schätzen,
um die zu thun, die uns am liebsten sind.
289;
gegen den mhd. brauch:
liep und lieber des enmein ich niht:
du bist aller liebest, daʒ ich meine.
Walther 42, 28.
9)
eine schmeichelform in der anrede lieber! im sinne von quaeso, sodes, wird (vgl. Schm. 1, 1415 Fromm.) als gegensatz von leider (sp. 673), und folglich als comparativ genommen, was freilich nicht mehr als vermutung ist: lieber, ich bitt dich, quaeso Maaler 271ᵈ; auch in der form lieber meine, ich bitt dich darumb, ein wort lieb ze kosen oder ze ermanen, sodes. 272ᵃ; lieber meine, sag mir, ist ers? ich bitt dich darumb, ist ers? obsecro an is est? ebenda; und auch spöttisch: lieber ja, â ja hindersich, ita vero, sane vero, scilicet ebenda (als spottwort); lieber amabo Stieler 1156. in der anrede an einzelne personen männlichen geschlechts fällt dieses lieber mit dem oben II, 2 sp. 903 zusammen, hebt sich dagegen hervor in der anrede an personen weiblichen geschlechts und an mehrere; in bezug auf frauen: lieber so sage doch du seist meine schwester. 1 Mos. 12, 13; er aber sprach zu jr, lieber, gib mir ein wenig wassers zu trinken. richter 4, 9;
Tarpoia, lieber, zeig mir doch an,
was hast du hie krigt für ein mann? (eine geraubte Sabienerin wird angeredet).
Ayrer 17ᶜ (101, 27 Keller);
in bezug auf mehrere: er sprach zu jnen, höret, lieber, was mir doch getreumet hat. 1 Mos. 37, 6; und er sprach zu den leuten zu Sucoth, lieber, gebt dem volk das unter mir ist etlich brot. richter 8, 5; lieber, singet uns ein lied von Zion. ps. 137, 3; der ander aber ruft noch fester und sprach, lieber, möget ihr nicht ein wenig beiten, ich will mit gehn. Kirchhof wendunm. (1602) 1, 411; auch weichet die grösze unserer heutigen leute, der grösze der alten ganz und gar nicht ... und lieber, wer wolte läugnen, dasz nit hier in dieser unserer versammlung dergleichen auch solten gefunden werden, die da über 4 elen oder cubit grosz. Schuppius 777.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1880), Bd. VI (1885), Sp. 896, Z. 17.

lieb, n.

lieb, n.,
das neutrum des vorigen adj., in zwiefachem sinne.
1)
das was einem lieb ist, erfreuendes, angenehmes, wertgehaltenes:
der ungetriwe wâfenô
rüefet, swenne ein liep geschiht
sînem friunde und er daʒ siht.
Parz. 675, 19;
wie vertuon wir unser leben
âne lieb und âne guot!
Trist. 310, 3;
auch in liebkosen, eigentlich etwas erfreuendes plaudern (s. d.), und in liebäugeln, etwas angenehmes durch äugeln kundthun; ferner in festen formeln.
a)
lieb und leid, und genitivisch liebes und leides, vgl. die beispiele oben sp. 654. 655: der sich erfrewet in seinem wolreden, der wirt im selbigen auch beleidigt. also bleibt kein lieb ohn leid. Paracelsus opp. 1, 656 A; das ungestümme anhalten der herzoglichen stätte, welche jhren gefangenen herren mit lieb oder leid wieder ledig haben wollen. Phil. Lugd. 3, 140;
rehtiu witze ist sælekeit;
liep wirt selten âne leit.
Freidank 85, 17;
in lieb und leid (doch vgl. dazu auch unten unter liebe 7, a):
seidt uns getreu in lieb und leid,
in krigen, wie in fridens zeit.
J. Ayrer 28ᵈ (157, 28 Keller);
sein diener, die in lieb und leidt
zu jhm treulich gesetzt haben.
134ᵈ (676, 31);
weil got ihm lieb in lieb und leid.
Weckherlin 145.
b)
zu lieb (vgl. auch zu liebe unter liebe 7, b): es ist ein heillosz essen und kompt niemands zu lieb oder nutz. Fronsperger kriegsb. 1, 128ᵃ; zu lieb werden, angenehm werden, so dasz man sich eines dinges erfreut: (die bäurin) überkam hund, die dem fuchsen die hennen nit lieszen zu lieb werden, sondern steubten so oft drob, bisz er zu letzst den tod an den hennen frasz. S. Frank sprichw. 2, 29ᵇ; herr, mein mann hat von mir seine notturft gehabt, und jhm darzu gefallen habe, was sol ich nun mit dem thun, das jhm uber wirdt, sol ichs under die hunde werfen, ist es nicht besser und basz gethan, ich vergünne das und werde mit einem solchen einem edlen jungen mann zu lieb und willen? Bocc. (1580) 2, 16ᵃ; nach langem bedenken, und von groszer lieb desz sons bezwungen, sich schickt den son zu lieb werden (ihm seinen willen zu thun). 1, 300ᵃ; und ich euch mit dem nicht mag zu lieb werden. 302ᵇ. in Appenzell z'lieb (etwas thun) sich die mühe geben. Tobler 298ᵇ.
c)
für lieb (etwas nehmen), als etwas angenehmes: es muͦsz ein nachbaur mit dem anderen ein brand fewr für lieb nemen. Frank sprichw. 2, 36ᵃ (erklärt: mit nachbaurn sol man auch etwas leiden und nachgeben); dasz die von ihm wieder aufgenommene allg. deutsche bibl. für lieb genommen was eine andere gelehrte zeitschrift abgewiesen hatte. Fichte Nicolais leben 91; auch vor lieb: bittend dieses wenige vor lieb und mit dem gemüt aufzunehmen. Schuppius 784; er wolle, was gott an essen und trinken beschehren wird, vor lib und willen nehmen. Butschky kanzl. 912; wir müssen so vor lieb nehmen, contenti simus hoc cotone Steinbach 1, 1049; da das publikum so gut gewesen ist, auch mit dem zweiten büchel meiner 'sämmtlichen werke' vor lieb und willen zu nehmen. Claudius 4, iii. vgl. weitere beispiele unter für theil 4¹, sp. 627 und das zusammengerückte fürlieb ebenda sp. 768; man wird aber, nach der oben beigebrachten stelle aus Frank nicht mehr sagen dürfen, dasz für lieb erst im 17. jahrh. auftauche.
d)
mit keinem lieb (etwas erreichen), mit nichts, was man auch immer thue: expresse sich in ein solchen labirinten, darausz er sich mit kainem lieb wider bringen kunte, zu begeben. Zimm. chron. 4, 76, 8; ähnlich: da nun die welt mit lieb sich nit wolt lassen finden. Frank weltb. 106ᵇ; der gegensatz ist mit ganzem lieb, mit allem, was angenehm ist: dise schmach hatt sy von jrem vetter so zuͦ hohem zorn angenummen, dasz sy genzlich verredt hatt, in sein hausz nit mer zuͦ kummen, wölchs jm mit ganzem lieb ist gelebt gewesen. Wickram rollw. 119, 29. — Noch jetzt schweizerisch: er ist mit keinem lieb dahin zu bringen, durch kein zureden, durch keine vorstellungen. Stalder 2, 172; mit kem lieb zue nebes bringa Tobler 298ᵇ.
2)
der geliebte, die geliebte:
swâ sô liep bî liebe lît
gar vor allen sorgen frî.
Walther 117, 36;
eʒ dunket mich wol tûsent jâr
daʒ ich an liebes arme lac.
minnes. frühl. 34, 12;
die ich ze liebe mir erkôs,
sol ich der sô verteilet sîn,
seht, des belîbe ich fröidelôs.
35, 9;
eʒ stuont ein frouwe alleine,
und warte uber heide,
und warte ir liebe.
37, 6;
wo sie vor zu den uneren dein lieb und freundin gewesen, das sie hinfur mit zucht und ehren dein liebe hauszfraw und ehlich weib sei. Boccacc. (1635) 33ᵇ; mein lieb hat mich nicht gnug geküsset und geherzet. pers. rosenth. 5, 19;
schein uns, du liebe sonne,
gib uns ein hellen schein!
schein uns zwei lieb zusammen,
ei die gerne bei einander wollen sein!
Uhland volksl. 75;
ich hort ein feine magt klagen:
sie het ir lieb verlorn.
78;
ich weisz mir ein kleines waldvögelein,
das ist hüpsch unde fein,
es flog wol nechten spate
für liebes fensterlein.
71;
durch meines liebs verlust.
Weckherlin 641;
mein lieb, das zornig war, das lacht mich freundlich an.
Fleming 612;
Paulus ist ein freund der welt, aber nur der kleinen welt,
wann er sein geliebtes lieb, fest umarmt beschlossen hält.
Logau 3, 126, 37;
er nahm sein lieb, mit einem schwung,
und schwangs auf den Polacken.
Bürger 53ᵇ;
wer für sein lieb nicht sterben kann,
ist keines kusses werth.
Körner werke 1, 119;
in der anrede: o du auserweltes lieb meines herzen! Bocc. (1535) 55ᵃ; nu bisz mir got wilkummen du mein allerliebstes lieb (ben venga l'anima mia). 68ᵃ; allerliebstes lieb! b. d. liebe 37ᶜ; mein allerliebstes lieb. ebenda; mein herziges lieb. 180ᵃ;
wes manestu mich leides,
mîn vil liebeʒ liep?
minnes. frühl. 7, 11;
la rauschen, lieb, la rauschen!
Uhland volksl. 78;
wann komst herwider, du schöns mein lieb?
264;
laszt uns in den garten gehen,
schönes lieb.
Weckherlin 391;
häufig feines lieb (auch zusammengerückt feinslieb), vergl. theil 3, 1452 fg.:
ich brach mir die röslein abe
zu einem kranze,
ich schickt sie meinem feinen lieb
zum lobetanze.
Uhland volksl. 70;
sie sprach: den ring will ich nicht haben,
mein feins lieb will ich lenger klagen.
266;
o still, feins lieb, die thränenfluth!
H. Heine 15, 29;
und aus dem schwarzen schlunde steigt
die schwarze schar; feins lieb erbleicht!
aus meinen armen schwand feins lieb.
ebenda;
im wechsel mit einem pronomen des persönlichen geschlechts:
mein feines lieb ist fern von mir,
ich hat mit jhr sehr kurze frewdt.
Zinkgref bei Opitz (1624) s. 179.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1880), Bd. VI (1885), Sp. 911, Z. 32.

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Zitationshilfe
„lieb“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/lieb>, abgerufen am 08.08.2020.

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