Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

liebchen, n.

liebchen, n.
das diminutiv zum neutr. lieb 2 (sp. 912). es ist ein mitteldeutsches und niederdeutsches kosewort, vereinzelt belegt seit dem 15. jh.: liebchin Lexer mhd. wb. 1, 1903 (v. 1445); philorcium, amasia ein lebichen, liebechin Dief. 235ᵇ; niederd. leveken Uhland volksl. 49; niederl. lieveken 166; aber, wie natürlich, in der traulichen rede des haus- und liebeslebens viel öfter gebraucht als verzeichnet und uns überliefert; in einem der letzten briefe Luthers an seine hausfrau, den wie alle ein scherzhafter ton durchklingt, vom 1. febr. 1546, unterzeichnet er sich M. L. dein alten (? l. alt) liebchen. briefe 5, 784. im oberdeutschen steht bis zum 17. jahrh. die form liebelein (s. d.) entgegen, die sich indes fast gänzlich verloren hat. die anwendung des wortes in der schriftsprache ist erst seit der 2. hälfte des vorigen jahrhunderts recht allgemein geworden, Lessing im wörterbuche zu Logau (1759) bemerkt noch: lieb, das; für die geliebte. ein schmeichelwort der liebhaber, wofür einige itzt liebchen sagen. 5, 330. liebchen meint
1)
am gewöhnlichsten die geliebte, im munde des geliebten; zunächst in der anrede: mein liebchen, corculum meum, mein allerliebstes liebchen, charissimum et dulcissimum gaudium meum Stieler 1155; da last alles heiszen madamoiselle, mein kind, mein engel, mein liebgen, mein goldmädgen, mein tausend kindgen. Chr. Weise erzn. 130 Braune;
mein allerhübschstes liebichen,
eurs gleichen wächst kein blümichen.
Hoffmann gesellschaftslieder 66 (von 1616);
thu auf, mein kind!
schläfst, liebchen, oder wachst du?
Bürger 14ᵃ;
liebchen, kommen diese lieder
jemals wieder dir zur hand.
Göthe 1, 115;
hörest du, liebchen, das muntre geschrei den flaminischen weg her?
275;
süsz liebchen! (Faust zu Margarethe).
12, 165;
Margar. es wird ihr hoffentlich nicht schaden?
Faust. würd ich sonst, liebchen, dir es rathen?
184;
und stehest du auf dem felsen,
traut liebchen, ich rufe dir zu.
Uhland ged. 33;
lieb liebchen, legs händchen aufs herze mein.
H. Heine 15, 44;
mein liebchen, was willst du mehr?
165;
auch im munde des gatten, zu der geliebten gattin:
und schluchzend fiel der greis ihr um den hals und drückte
das treue weib reumüthig an sein herz.
'o weine nicht, mein liebchen, o verzeihe
was liebe nur gefehlt!'
Wieland 22, 290 (Oberon 6, 76);
ihr sehet, mein liebchen,
ist es mir immer nur möglich, in fünf, sechs tagen mich wieder (Reinecke zu frau Ermelyn).
Göthe 40, 124.
dann aber auch als bezeichnung:
mein liebchen gieng mit mir ins feld:
ich half ihr übern zaun.
Hagedorn 3, 76
im munde eines bauernburschen, der dichter braucht sonst das wort nicht; wenig später bei Wieland alterthümelnd:
seid eurem liebchen treu und hold;
und dient ihr um der minne sold,
so seis auf lebenslang!
18, 366;
dann aber allgemein, als zärtlich-edler ausdruck:
mein liebchen ist wohl, hingerafft
von schwermuth, gar gestorben.
Hölty 30 Halm;
willst du dein liebchen sehen,
so komme bald zurück!
Stolberg 1, 84;
ich wollt ich wär treu,
mein liebchen stets neu.
Göthe 1, 35;
zwischen bäumen und gras,
wo gehts liebchen?
sag mir das!
89;
wie schön und wie fröhlich, durch feld und durch thal
sein liebchen am arme zu führen.
10, 289;
mein liebchen kommt gesprungen, husch!
und herzt mich fast zu tod.
Uhland ged. 24;
im sommer such ein liebchen dir
in garten und gefild!
30;
mein liebchen ist so schön und mild.
H. Heine 15, 103;
weil sich kein liebchen mir ergiebt,
so bin ich leider nicht verliebt.
Platen 28;
in verbindung mit dem pronomen des natürlichen geschlechts:
manuscripte besitz ich, wie kein gelehrter noch könig;
denn mein liebchen, sie schreibt, was ich ihr dichtete, mir.
Göthe 1, 395.
es heiszt feines liebchen (zusammengerückt auch feinsliebchen, vgl. theil 3, 1452. 1453), liebes, süszes, trautes liebchen:
so hab ich doch die ganze woche
mein feines liebgen nicht gesehn.
Uhland volksl. 124 (gegen 1730);
ein ritter ritt einst in den krieg,
und als er seinen hengst bestieg,
umfing ihn sein feins liebchen.
Bürger 29ᵃ;
feins liebchen, schau mir ins gesicht!
47ᵇ;
schön liebchen schürzte, sprang und schwang
sich auf das rosz behende.
14ᵃ;
doch wird ein liebes liebchen auch
der lilie zierde loben.
Göthe 1, 190;
lebe wohl, du heilge schwelle,
wo da wandelt liebchen traut.
H. Heine 15, 44;
das kömmt, weil man 'madam' titulieret
mein süszes liebchen.
103.
gern fehlt der artikel:
graut liebchen auch vor todten?
Bürger 15ᵃ;
ach aber da,
wo liebchen ich sah,
im kämmerlein,
so nieder und klein.
Göthe 1, 88;
liebchen ziehet
froh und frei.
89;
so mancher liegt in nöthen
und liegt in liebchens arm.
Arnim kronw. 1, 247;
und bittre thränen plötzlich sich ergossen
aus liebchens augen.
H. Heine 15, 25;
denn ich trage in der brust
liebchens bild und frühlingslust.
161.
eine geliebte gattin ist gemeint:
komm, sei mein liebchen, sei mein weib!
Bürger 47ᵇ;
ist das für liebchen zeitvertreib,
so sei mein liebchen, sei mein weib!
48ᵃ.
2)
liebchen, der geliebte: wir sind wieder gute freunde; sie ist meine braut und ich ihr liebchen. Fr. Müller 1, 149;
wohl, so bleib, du gute tochter,
pflege deinen grauen vater,
führ lustwandelnd ihn hinaus, ..
wo auf sturmdurchwehtem bette,
im durch dich vergossnen blut
dein ermordet liebchen ruht.
Grillparzer ahnfrau 1819 s. 88 (3. aufzug).
vgl. auch die im eingange mitgetheilte briefunterzeichnung Luthers.
3)
liebchen, die geliebte und der geliebte:
wind! o hättest du verständnis,
wort um worte trügst du wechselnd,
sollt auch einiges verhallen,
zwischen zwei entfernten liebchen.
Göthe 1, 171;
auch liebchen hat, in düstern geisterstunden,
zur seite liebchens lieblich raum gefunden.
41, 82.
4)
liebchen, kosewort für eine geliebte person im allgemeinen:
ach, denkt das veilchen, wär ich nur
die schönste blume der natur! ..
bis mich das liebchen abgepflückt.
der junge Göthe 3, 515;
in der anrede: was hast du, liebchen? rief die alte verwundert aus (zu Marianen). ums himmels willen, töchterchen, was gibts? Göthe 18, 4;
dicht ihr (der Helena) nahend, begann die schnellgeschenkelte Iris:
komm doch, liebchen, zu schaun das wundersame beginnen
rossebezähmender Troer und erzgepanzerter Griechen.
Bürger 207ᵇ;
in der anrede an das eigene herz:
stille, liebchen, mein herz!
Göthe 1, 74.
5)
liebchen, verhüllend für beischläferin: bei seiner aufrichtigkeit blieb mir nicht lange verborgen, dasz ihm ein liebchen eng und treu verbunden sei. Göthe 28, 75;
denn so haben über den Alpen die pfaffen gewöhnlich
eigens ein liebchen.
Göthe 40, 135,
nach: it is wâr, vele papen sîn in Lomberdien,
de gemênliken hebben ere egene amien.
Rein. fuchs 3974.
6)
liebchen, als verdeutschung von amorette: um den wagen herum schwebten in groszer anzahl die kleinen liebchen. Birken ostländ. lorbeerhain 393. vgl. liebelein.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1880), Bd. VI (1885), Sp. 914, Z. 38.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
lichterdampf linksgang
Zitationshilfe
„liebchen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/liebchen>, abgerufen am 14.08.2020.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch (¹DWB)