liebeln verb.
Fundstelle: Lfg. 5 (1880), Bd. VI (1885), Sp. 930, Z. 33
das frequentativum zu lieben, in drei bedeutungen.
1)
einem oft seine liebe bezeugen, liebkosen, mit worten, geberden, handbewegungen: mulceo, palpo, ich streich, streichel, liebel. Alberus y 4ᵇ.
a)
absolut: eine, die sich vor oder zu jrem man zu lachen, zu libelen oder sonst zutätig oder lustig zu erzeigen scheuet. Fischart ehz. 439; stellet den igel darauf (auf den tisch), leszt ihn frei ohn alles winken oder lieblen umhergehen. Kirchhof wendunm. 1602 1, 368;
wann im schaten kühler myrten
sie (Venus und Adonis) sich kamen zu bewirthen,
folgte nichts, als lieblich liebeln,
folgte nichts, als tückisch bübeln,
wolten ohne süszes küssen
nimmer keine zeit vermissen.
Logau 3, 99, 10;
von der sprache, der kosende und liebreiche worte zu gebote stehen:
kan die deutsche sprache schnauben, schnarchen, poltern, donnern,
krachen?
kan sie doch auch spielen, scherzen, liebeln, gütteln, kürmeln, lachen.
3, 89, 67.
b)
mit dem dativ der person: (der löwe) libelte eme mit syme tzagel. mon. hass. 2, 302 bei Vilmar 249; dem feinde durch friedenshofnungen liebeln. F. v. Zesen bei Schm. 1, 1415 Fromm.
c)
mit dem acc.: es ist auch kein wunder, dasz sie (die kirche) das crucifix so freundlich zu jr schmuckt und truckt, wie ein aff seine jungen, so sie es doch anspricht und lobt, als ob es groszen verstand hette. dan wann sie es liebelt und dänzelt, sagt und singt sie also. Fischart bienk. 179ᵃ; ist ein alte vettel für uber gegangen, hat mit jhrer hand jhm (einem jungen sohne) uber das haupt gestrichen, als ob sie jhn lieblete. Lonicerus dämonolog. (1598) 365; fieng ihn an zu schütteln, zu küssen und zu liebeln. Simpl. 1, 86 Keller; als 'oberdeutsch' verzeichnet noch Adelung: der hund liebelt seinen herren, wenn er ihn schmeichelt.
d)
mit der präp. mit:
da (im frühling) die vögel lieder singen,
da die fische sprünge springen,
da für freuden alles wiebelt,
da mit gleichem gleiches liebelt.
Logau 1, 151, 50.
e)
reflexiv sich liebeln, sich liebkosend erzeigen: liebel dich, wie ein katz, die häfen bricht. grobianus (1551) bl. E 2ᵇ am rande; diser gast waiszt sich zu lieblen. bl. S 4ᵃ am rande; kamen die zwei kindlein, vielleicht aus trieb und natur und geblüts zu jhm, der schon gar grau und jämmerig gestalt, und liebelten sich gegen jm gar freundlich. Kirchhof wendunm. 1602 4, 119; hundstrew ist besser als frauen untrew, den ein hund kombt wider, wann man ihn ruft, wann er schon geschlagen ist, und liebelt sich; ein fraw aber lauft davon und murrt. Lehmann 1, 431. vgl. dazu unten sich lieben unter lieben I, 1.
f)
von dingen, die dem auge schmeicheln, gut ins auge fallen: o, sprach Christianus, so behalte dir auch deine gläserne glückseligkeits - steinlein, die zwar den augen lieblen und scheinen, aber an dem felsz der anfechtung augenblicklich in stücklein zerbrechen. Phil. Lugd. 3, 278.
2)
liebeln, flüchtig lieben, ist eine neuere erscheinung, noch von Adelung nicht verzeichnet und erst in der zweiten hälfte des vorigen jahrhunderts emporgekommen. es wird in gegensatz zu dem ernstlichen lieben gebracht:
so manche blondine, so manche brünette,
weisz noch nicht, ich wette,
was lieben sei,
was liebeln sei,
oder hält beides für einerlei;
und gleichwohl ist der unterschied,
wenn man das ding bei licht besieht,
so grosz, wie zwischen der chansonette,
und dem herzlichen deutschen lied!
Stolberg 1, 78;
und von vorübergehenden liebesverhältnissen und bloszem schönthun gebraucht: in der mitte ist (auf einem Rauchschen basrelief) anmuthig und natürlich ein bivouacq angebracht; man schläft und ruht, man siedet und liebelt, als wenn die ungeheuren kriegswogen nicht umher brausten und strömten. Göthe 44, 52;
(wir wollen streben) jenen perlenschaum des weins
nicht nur flach zu nippen,
nicht zu liebeln leis mit augen,
sondern fest uns anzusaugen
an geliebte lippen.
1, 140;
buchstabirt in liebes-fibeln,
tändelnd grübelt nur am liebeln,
müszig liebelt fort im grübeln,
doch dazu ist keine zeit.
41, 220;
es war mein seel wohl mehr halloh,
mit Bathseba zu liebeln,
und ihren armen hahnreih so
zur welt hinaus zu bübeln.
Bürger 49ᵃ.
vor dieser bedeutung wird die erste der neuern schriftsprache fremd, obwol sie noch einspielt, wenn Hölty liebelnd kosen für das schüchterne liebkosen gegen die innig geliebte braucht:
unter blüthen des mais, spielt ich mit ihrer hand;
koste liebelnd mit ihr, schaute mein schwebendes
bild im auge des mädchens;
raubt ihr bebend den ersten kusz!
gedichte 116 Halm (von 1776).
3)
liebeln, in bezug auf liebreiche trostworte eines schwächlings:
der täuber schwingt neugiergesellig sich
zum nahen busch, und blickt
mit selbstgefälligkeit ihn (den gelähmten adler) freundlich
an.
du trauerst, liebelt er;
sei gutes muthes, freund!
hast du zur ruhigen glückseligkeit
nicht alles hier?
d. junge Göthe 2, 17;
für lieben, schwächlingen nachspottend:
schwätzern seid ihr (grazien) nicht da; dennoch lallt,
lispelt zärtlich ihr mund: grazjen, o hört,
hört uns, wir liebeln euch!
Klopstock 2, 96 (von 1784).
Zitationshilfe
„liebeln“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/liebeln>, abgerufen am 13.12.2019.

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