Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

lieblich, adj. und adv.

lieblich, adj. und adv.
lieb erscheinend, liebe, angenehme art oder beschaffenheit habend; in verschiedener ausprägung des begriffs.
1)
an die bedeutung lieb, wert rührend: das herz frewet sich der salben und reuchwerg, aber ein freund ist lieblich, um rats willen der seelen. spr. Sal. 27, 9; disz ist Jothams fabel, desz weisen manns und groszen regenten, und lieblichen heilandes in Israel. Schuppius 828; eine selten scharf hervortretende bedeutung, aber altbezeugt, vgl. ags.
Wîglâf wäs hâten   Weoxstânes sunu,
leóflîc lindwîga.
Beowulf 2604.
2)
häufiger ist der sinn freundlich, artig, liebenswürdig: amabilis lieplich Dief. 27ᵇ; amorose lieblich 31ᵇ; karitativus lieblich, niederrhein. lieflich 102ᵃ; von personen: ein lieblicher feiner mensch, hurtig, frölich, hofflich, bellus et humanus homo, festivum caput, urbanus, civilis Maaler 272ᶜ;
der war ein wol bescheiden mann,
zu schimpf und ernst gar wol gethan,
lieblich, schimpflich, und wol beredt.
grobian. (1568) J 6ᵇ (b. 2, cap. 8);
von blicken, wo der begriff liebreich anrührt: mit lieblichem und freündtlichem angesicht einem ein hoffnung gäben, vultu amico spem promittere. 272ᵇ; der künig der gegen der schönen frawen über sasze zuͦ zeiten ein lieplichen augenplicke schieszen liesze, die schönen frawen zu sechen, im besunder freude macht. Steinhöwel dec. 40, 33 Keller; dann er sahe ihn mit lieblichem angesicht an, und mit der linken hand schluge er seine wangen, bittend, dasz er ihme .. nachfolgete. Schuppius 762; ebenso von werken und äuszerungen: ein weiser man machet sein geschenk werd, mit lieblichen worten (ὁ σοφὸς ἐν λόγω ἑαυτὸν προσφιλῆ ποιήσει). Sir. 20, 13; eure rede sei allezeit lieblich. Col. 4, 6 (ὁ λόγος ὑμῶν πάντοτε ἐν χάριτι); was keusch, was lieblich, was wol lautet ... dem denket nach. Phil. 4, 8 (ὅσα προσφιλῆ, auch goth. þatei liubaleik); mit lieblichen und freündtlichen worten versuͦchen, anstrengen und anhalten, tentare aliquem blande. Maaler 272ᵇ; liebliche schriften oder übungen, die einen vast belustigend, oder die sittige und freündtliche leut machend, mansuetiores musae. 272ᶜ; vgl. mhd.:
waʒ sol lieblich sprechen? waʒ sol singen?
Walther 112, 10;
zwei wol spilende ougen   unde ein rôter munt
tâten Hugdietrîchen   ein lieplîch grüeʒen kunt.
Wolfdietr. B. 243;
gern in adverbialen verbindungen, lieblich empfangen, begegnen u. a. (vgl. auch lieblichen): do bischop Hildewart quam, de keiser entpfeng on leiflik. d. städtechron. 7, 58, 21; die frawen heim in ir haus beleiten do sy von neuem lieblich empfangen ... ward. Steinhöwel dec. 607, 29 Keller; lieblich, freündlich und holdsäligklich ansprächen, blande alloqui. Maaler 272ᶜ; lieblich, tugendtlich anruͤren, streichlen, flatieren, blande palpari. ebenda; eine lieblich trösten, solari comiter aliquam. ebenda; einen lieblich und geschicklich fragen, blande et concinne rogare. ebenda;
diu magt diu wart sich wider den man
sô reht lieplîche machende,
smierende unde lachende,
kallende unde kôsende ...
Trist. 483, 7;
swer si mac
umbevâhen
unt mit kus ir lieplîch nâhen.
minnes. 1, 356ᵇ Hagen;
der des meisters stat dô wîlt
lieblich er die brûdere hîlt.
livländ. reimchron. 8814;
er kunde wol gebâren
lieblîch zû in allen.
8873;
lieblîch er die bete began,
er wolde des amtes sîn erlân.
9723;
dô man sîn selbes wart gewar,
man entpfienc in lieblîche.
10919;
wer wolt den nicht zu lib was thun,
die liblich ain empfangen nun?
Fischart glückh. schiff v. 778;
in der alten rechtssprache ist lieblich in bezug auf vergleich und einigung gebraucht, im gegensatz zum austrag auf gerichtlichem wege: er wölt gen Hall mit sins selbs lip und wölt sich lieplich mit in verain. d. städtechron. 4, 64, 8; darumb sien wir .. lieplich und friuntlich uber ain chomen. 129, 20; daʒ wir uns liepleich und genädichleich vericht und veraint haben. 177, 28; möchtn sie sich frewntlich und lieblich berichten. Haltaus 1267.
3)
am häufigsten aber steht lieblich in bezug auf das, was unserer empfindung anmutig ist (früher auch belieblich, theil 1, 1449): lieblich, jucundus, amoenus, amabilis, lepidus, comis, bellus, plausibilis, dulcis Dasyp.; schon in der alten sprache verbreitet: ahd. amoena loca liuplîh stat Steinmeyer u. Sievers 1, 10, 2; pulchritudo liuplîh 116, 11; alts.
(thiu wurt) thiu hir an felde stâd   fagaro gigariwit,
lilli mid so lioƀlîku blômon.
Heliand 1683;
mhd. Vlandern, Vrankrîch, Picardîe
hât sô schœnes niht,
noch sô lieplîch angesiht.
minnes. 1, 358ᵃ Hagen;
nhd. sie ist lieblich wie eine hinde, und holdselig wie ein rehe. spr. Sal. 5, 19; sihe mein freund, du bist schön und lieblich. hohel. 1, 16; ein richtiges antwort, ist wie ein lieblicher kusz. spr. Sal. 24, 26; wie lieblich sind deine wonunge. ps. 84, 2; lobsinget seinem namen, denn er ist lieblich. 135, 3; solch lob ist lieblich und schön. 147, 6; es ist einem eine freude, wo man jm richtig antwortet, und ein wort zu seiner zeit ist seer lieblich. spr. Sal. 15, 3; liebliche rede leren wol. 16, 21; wie lieblich sind alle seine werk. Sir. 42, 23 (ὡς πάντα τὰ ἔργα αὐτοῦ ἐπιθυμητά); was er durch sein gebot schaffet, das ist lieblich. 39, 23; sihe, wie fein und lieblich (τερπνόν sept.) ists, das brüder eintrechtig bei einander wonen. ps. 133, 1; kein augenblick ist so lieblich ... Chr. Weise erzn. 133 Braune; die in lieblicher fülle genährten wangen. Winkelmann 6, 306; die lieblichsten wechselwirkungen innigster liebe. Göthe 6, 57; so fühlten die alten sogleich ihre einzige behaglichkeit innerhalb der lieblichen gränzen der schönen welt. 37, 20; wer nennet alle lieblichen ströme welche das land durchrauschen. Arnim kronenw. 1, 10; diesen lieblichen abbildern der Johanna (ihren kindern). nov. 3, 21;
löblich ist, das jhr dem ligt ob,
dessen die alten hatten lob;
lieblich ist, dasz jhr disz hoch achten,
was rhümlichs die eltern vollbrachten.
Fischart dicht. 3, 338, 193 Kurz;
ihr freien schuͦlkünst allgemein,
so der poeten musæ sein,
tret auch herzu und steht mir bei,
das ich was nütz und lieblich sei,
weiszlich bedenk, künstlich aufzeich.
froschmäusel. C 3ᵇ (1, 1);
ausz mir dann järlich
rote röszlein liebelich
auch vergisz nit mein
wachsen wird und roszmarein.
Zinkgref bei Opitz (1624) 210;
ob schon disz lieblich thale,
ob schon die berg und wäldt
schön grünen überale,
mir dessen nichts gefellt.
214;
o liebliche wangen,
ihr macht mir verlangen ...
P. Fleming 492 ('o fronte serena');
(da wird) lieblich wesen, heil die fülle
am throne gottes mich erfreun.
Gellert 2, 229;
ein nachen entglitt da langsam sichtbar
voll von freunden dem lieblichen duft des werdenden tages.
Klopstock 6, 175;
wie schnell der kindheit lieblicher traum
vorüber geflogen.
Wieland 22, 20 (Oberon 1, 29);
(es stellt) gleich einer sonne sich die königstochter dar,
und lieblich wie ein reh, das unter rosen weidet.
200 (5, 17);
ein blumenglöckchen
vom boden empor
war früh gesprosset
im lieblichen flor.
Göthe 1, 28;
nein! mein liebliches kind, so riefst du.
317;
und noch bewegte der liebliche mund sich
weiter zu reden.
320;
träume, lieblicher freund nur immer.
322;
mir bringen liebliche lüfte
über die wallende fluth süsz duftende kühlung herüber.
336;
glänzen sah ich und blinken die liebliche welle.
373;
pfingsten, das liebliche fest, war gekommen.
40, 5;
schön ist des mondes
mildere klarheit
unter der sterne blitzendem glanz;
schön ist der mutter
liebliche hoheit
zwischen der söhne feuriger kraft.
Schiller braut von Messina v. 262;
(die kunst) malt mit lieblichem betruge
Elysium auf seine (des menschen) kerkerwand.
die künstler v. 76;
bist du eine hexe,
du bist die lieblichste, die ich gesehn.
H. v. Kleist 1, 93;
sanft dort über die freier ergosz sich lieblicher schlummer.
Odyssee 2, 396;
am lieblichen tage der hochzeit.
15, 125;
vor der lieblichsten altan
steh ich pflichtlich jeden abend.
Uhland ged. 283;
mit betonung eines sinnes, durch den das anmutige für die empfindung vermittelt wird; gesicht: und das weib schawet an, das von dem bawm gut zu essen were, und lieblich anzusehen. 1 Mos. 3, 6; hat erwürget alles was lieblich anzusehen war. klagel. 2, 4; von dem nahen hügel aus genosz man einer lieblichen aussicht;
aber wer raubt mir auf einmal den lieblichen anblick?
Schiller spaziergang v. 59;
gehör: wenn ein weiser redet, das ist lieblich zu hören. Sir. 21, 19; es heiszt ein lieblicher ton, eine liebliche stimme, liebliche musik, liebliche instrumente, in bezug auf ihre töne; gebet her die pauken, lieblich harfen mit psaltern. ps. 81, 3 (variante süsze harfen); ein lieblich, hüpsch gesang, cantio lepida et suavis Maaler 272ᵇ; wir höreten die lieblichste music. Schuppius 772; der fünfte war ein schulmeister, der hätte gern eine helle liebliche stimme gehabt. Chr. Weise erzn. 92 Braune; jetzt erscholl ein lieblicher tanz von gedämpften trommeln, pfeifen und fagotten. Arnim kronenw. 2, 48;
die sirenen waren meerfrawen,
sehr fein und freundlich anzuschawen,
sangen holdselig, liebliche reyen,
in posaunen, pfeifen und geigen.
froschmäus. H 7ᵃ (1, 2, 3);
wie sie (die bienen) den blüthen sich nahn und saugen, schweben und wieder
saugen, und lieblicher ton süszen genusses erschallt.
Göthe 1, 322;
leise zieht   durch mein gemüth
liebliches geläute.
H. Heine 16, 144;
geruch: und der herr roch den lieblichen geruch. 1 Mos. 8, 21; ich gab einen lieblichen geruch von mir, wie cynnamet und köstliche würze. Sir. 24, 20; lieblicher angenämer geschmack (alemannisch für geruch), und der nit stark ist, odor mollissimus, jucundus odor. Maaler 272ᶜ; liebliche gerüche, wie von frühlingswinden aus frisch aufblühenden blumenstücken herbei geweht, erfüllten das ganze gemach. Wieland 12, 185;
voll nun strotzte der korb von saftiger frucht und verhauchte
lieblichen duft ringsum aus reinlicher hülle der blätter.
Voss Luise 1, 220;
geschmack: die früchte dieses baums haben einen lieblichen geschmack; ein lieblicher geschmack, sapor dulcis Steinbach 1, 1050; es heiszt eine liebliche speise, ein liebliches gewürz;
ja, ja, die braunen köche ziehen
dir (der in einen lorbeer verwandelten Daphne) locken aus,
zum lieblichen gewürz der brühen
beim fetten schmaus.
Hölty 5 Halm;
lieblicher wein, der nicht herbe ist: vinum molle, lene, ein linde leflick wyn. Chytraeus cap. 104;
und dabei waren becherlein
mit dem allerlieblichsten wein.
froschmäus. G 4ᵃ (1, 1, 10);
mütterchen, eile mir wein in gehenkelte krüge zu schöpfen,
lieblichen.
Odyssee 2, 351;
lieblich in allen solchen fällen adverbial: deine backen stehen lieblich in den spangen, und dein hals in den keten. hohel. 1, 10; eine jungfrau, welche vorn lieblich bekleidet, hinten als ein todtengerippe war. Chr. Weise erzn. 227 Braune; gar lieblich dufteten die nachtviolen des klostergartens im sanften winde. Arnim kronenw. 1, 93;
gar lieblich sie da sungen.
Fischart dicht. 3, 372, 305 Kurz;
wie lieblich schmeckt der edle wein.
froschmäus. G 4ᵇ (1, 1, 10);
wie sie (die sonne) so lieblich blickt
uber die breite heiden.
Zinkgref bei Opitz (1624) 172;
komm trost der nacht, o nachtigall,
lasz deine stimm mit freudenschall
aufs lieblichste erklingen.
Simpl. 1, 28 Kurz;
ein süszes weh, ein lieblich banges sehnen
hebt ihre brust.
Wieland 22, 192 (Oberon 5, 2);
unmerklich wird ihr anstand immer freier;
in ihren augen brennt ein lieblich lodernd feuer.
23, 230 (11, 51);
jedes zitternde blümchen athmet freude,
strahlt in regenbogen die sonnenblicke
lieblicher um sich.
Stolberg 1, 38;
lieblich lächelt der mond! lieblich der abendstern!
41;
lieblich wirbelst du hier, zauberin nachtigall.
Hölty 103 Halm;
dasz um den kelch, worin uns freiheit rinnt,
der freude götter lustig scherzen,
der holde traum sich lieblich spinnt.
Schiller die künstler v. 327;
lieblich in der bräute locken
spielt der jungfräuliche kranz.
glocke v. 94:
sie schlug die augen lieblich nieder.
Göthe 1, 24;
sie weisz sich so lieblich im kreise zu tragen.
251;
begegnet ihr lieblich,
wie einer geliebten.
2, 62;
wirket stunden leichten webens,
lieblich lieblichen begegnend.
3, 133;
dann mit der rechten hand versucht er fassend die senne;
lieblich erklang ihm die senn, und hell wie die stimme der schwalbe.
Odyss. 21, 410;
wann die saiten lieblich rauschen.
Uhland ged. 270;
wer singet vom morgen bis in die späte nacht
so lieblich, dasz mir das herz im leibe lacht?
349.
bei den färbern heiszt lieblich eine eigenschaft der blauen farbe, wenn sie ein reines helles blau hat, und nicht ins violette oder schwärzliche fällt. Jacobsson 2, 613ᵃ; es gibt auch ein lieblich zitronengelb auf wolle. 6, 458ᵃ; lieblich gedackt, ein orgelregister, das von der lieblichen intonation seinen namen hat. 2, 613ᵃ.
4)
anders das adv. lieblich, mit liebe, mit oder nach neigung: lieblich, und nach seinem gefallen läben, molliter vivere, placidum aevum degere. Maaler 272ᶜ; es sein zwo weisen, die gewonheit zu machen, zu exerciren und zuzurichten, eine hebt von leichterem an und führet algemach zu höheren, die andere befilcht anfangs härtere sachen, und treibt sie, damit nach erhaltung dieser, einer die leichtere, lieblicher verrichten könne. Schuppius 728.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1880), Bd. VI (1885), Sp. 967, Z. 51.

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Zitationshilfe
„lieblich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/lieblich>, abgerufen am 06.08.2020.

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