Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

liechen, verb.

liechen, verb.
ausziehen, ausraufen; ein altes starkes verbum: nun hett ich im willen ich wölt den flachs gehächelt und die klötz und die ägnen darausz geschüttelt haben, und do ich jn ansahe, sahe ich, dʒ er ganz lauter gelochen und gehächelt was, und die klötz und ägnen all darausz geschütelt waren. Keisersberg granatapfel (1511) L 6ᵃ. jetzt auf oberdeutsche mundarten beschränkt: bair. liechen, den flachs liechen Schm. 1, 1426 Fromm.; schwäb. als lichen, hanf, heu ausraufen, lichen, lochen den femelhanf ausrupfen mit anderem nicht zugehörigen zusammengestellt Schmid 357; mhd. auch vom abpflücken der früchte überhaupt:
dar zuo iʒ du der apfel und der kriechen:
des mag ein kneht vil wol genesen, des solt du zuo dir liechen.
Bartsch deutsche liederdichter (1879) s. 161, 21;
vgl. ausliechen theil 1, 910. Althochdeutschem arliohhan evellere (Graff 2, 138) entspricht goth. uslûkan, welches vom herausziehen eines schwertes aus der scheide, sowie vom öffnen überhaupt gebraucht wird, und neben galûkan einschlieszen, zuschlieszen steht; im altfries. heiszt lûka theils ziehen, theils schlieszen, jetzt im ostfries. lûken ziehen mit dem nebenbegriff des losmachens (Fromm. 4, 133, 92); zu grunde liegt der begriff des biegens (vgl.locke und litt. lug-na-s biegsam Fick 2, 860), der in der ags. bedeutung von lûcan knüpfen, flechten (locene leođo-syrcan vom kettelhemd Beowulf 1506. 1891), noch recht deutlich zu tage tritt, sich aber sonst, soweit er nicht in den oben angeführten sinn ausläuft, in den begriff des schlieszens (alts. ags. lûcan, altnord. fries. lûka, mhd. lûchen) verliert, doch nur insofern, als der verschlusz eines hauses nach alteinheimischer weise durch keile (vgl. Gregor. Tur. 3, 15. 4, 12) oder durch den ziehbaren balken geschieht, während für den künstlichen, aus der fremde herzugebrachten verschlusz durch schlosz oder haken das zuerst nur ahd. slioʒan, mhd. slieʒen gilt. jenes mhd. lûchen dauert später noch als lauchen fort, s. oben sp. 300.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1880), Bd. VI (1885), Sp. 981, Z. 39.

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Zitationshilfe
„liechen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/liechen>, abgerufen am 08.08.2020.

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