Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

liederlich, adj. und adv.

liederlich, adj. und adv.
negligens, dissolutus, prodigus u. ähnl.
1)
das erst im spätesten mhd. bezeugte wort (Lexer 1, 1904) scheint der letzte nachklang eines schon ahd. seltenen, mhd. ausgestorbenen substantivs hliodar, liodar zu sein, einmal im Tatian bezeugt: thuruh thaʒ githuor liodares sêuues inti uuaʒʒarô flioʒenterô (pre confusione sonitus maris et fluctuum). 145, 15, hier in der eingeschränkten bedeutung des tosens der wasser, während doch der allgemeinere sinn des lauten und jubelhaften gebahrens dem worte eben so eigen gewesen sein musz, wie das ags. hleóđor ergibt:
þær biđ oft open   eádgum tôgeánes
onhliden hleóđra vyn,   heofonrîces duru.
Phönix 12;
(cherubim und seraphim) stefnum hêrigeađ
hâlgum hleóđrum   heofoncyninges þrym,
meotudes mundbyrd.
Andreas 723;
liederlich wird, hieran anschlieszend, zunächst bezeichnet haben jubelndem treiben gemäsz, fröhlich, lustig; demgemäsz verzeichnet das voc. inc. theut. liederlich, frolich, lichtiglich on sorge. n 1ᵃ, und noch viel später wird liederlich in gegensatz zu ernsthaft gebracht: also halt ich dafür, dasz die versz communs (wie sie die Franzosen nennen) zu ernsthaftigen und kläglichen; nicht aber zu liederlichen und frölichen sachen könten genommen werden. E. Hanmann anmerk. zu Opitz' poeterei s. 147. über die umdeutung lüderlich vgl. unten no. 6.
2)
aus dem begriffe des fröhlichen hat sich der des sorglosen, überlegungslosen, leichtsinnigen häufig herausgebildet: die raben sind so vergeszliche liederliche vögel, dasz sie ihres nests mehrentheils verfehlen, nachdem sie einmal weit ausgeflogen. Plinius von Heyden (1584) 333; es ist denn do ein mensch ganz liederlich ist, er hat kein sorg zu den dingen, die im doch zugehören zu versorgen. Keisersberg seelenparadies, vorrede 3ᵇ; unser kelte (im glauben) .. kumpt daher das wir also liederlich seind, ausbrichlich mit fürwitz, schwätzen, kittern, warnemen fremder gebresten. irrig schaf 19ᵇ; zumal in adverbialem gebrauche: gält unnützlich verthon und verschlempt, liederlich verpraszt und durch hin gericht, decoctum argentum Maaler 273ᵃ; niemand sol sich liederlich in die gesellschaft bringen lassen, deren untrew er vor empfunden hat. Steinhöwel Esop (1569) 83ᵇ; (gott) ordnet das man vorthin nicht so liederlich blut vergieszen wölle. Mathes. Sar. 73ᵃ; damit die auszgab nicht liederlich verursacht werde. Frankf. reform. 10, 2 § 7; wie er (Seneca) dann in einer epistel die sterblichkeit der seelen so liederlich behauptet, in einer andern hergegen sagt (das gegentheil). Opitz 1, 266; ich aber erzürnte mich über mich selbsten .. weil ich meiner person so liederlich vergessen hatte. Simpl. 3, 302 Kurz; darumb, o ihr lieben mägdgen! die ihr noch euer ehr und jungfrauschaft unversehrt erhalten habt, seid gewarnet und lasset euch solche so liderlich nicht hinrauben. 23; warumb last ihr .. dem herrn seinen tag so liederlich stehlen durch jahrmärkt und andere üppigkeit? Schuppius 71; umb des mit der cron Schweden aufgerichteten und mit so theuren juramenten hiebevor bekräftigten, und nunmehr so liederlich gebrochenen bündnusz willen. 386; auf was für ein schwaches eisz du gebauet habest, in dem du ihren lügen so liederlich geglaubet. 638; weil ich nun befinde, dasz meine gutherzige meinungen so liederlich verworfen worden. Chr. Weise erzn. 24 Braune; damit man wisse, dasz er ihn nicht liederlich im stich gelassen. J. Gotthelf geld u. geist (1866) 149;
wo fliehet jhr doch hin, jhr sehr erschrocknen leute?
wolt jhr nicht anders euch erzeigen in dem streite?
wo meint jhr wol, dasz einst sein ewre zuflucht wird,
wenn jhr so liederlich heut diese stadt verliert?
D. v. d. Werder Ariost 17, 4, 8;
das schlag hinweg und lasz dich nicht
so liederlich bethören.
P. Gerhard 223, 130 Gödeke;
hab auch im sündenwagen
mit eitler freud   oft meine zeit
ganz liederlich verzehret.
224, 14;
wie liederlich man oft gott und sein werk verachtet.
Rist Parn. 683;
wie bald, wie liederlich ist geld und zeit verloren!
686;
ein ungegründeter unbilliger verdacht,
der endlich die geduld der buhler müde macht,
kann ein gewonnen herz oft liederlich verscherzen.
Caniz 160.
3)
ebenso der begriff des leichten in mehrfachen schattierungen.
a)
leicht, anmutig:
weiblicher weib mensch nie gesach so liederlich.
O. v. Wolkenstein (mhd. wb. 1, 1053ᵃ).
b)
leicht, geringfügig, ohne gewicht: die schulzenker oder scholastici, die reden von der erbsünde, als sei es allein ein liederlich, gering gebrechen, und verstehen nicht, was die erbsünde sei. J. Jonas bei Luther 6, 381ᵃ; wil geschweigen solches liederlichen und geringen schadens, so jtzt in diesem gegenwertigen fall mag fürstohn. Luther 8, 40ᵇ; man hat diese neuerung eingeführet mit den messen, bilden, sacrament angreifen, und andern liederlichen dingen, daran nichts gelegen ist. br. 2, 119; umb ein liederliche und ganz schlechte sach, levi de causa Maaler 272ᵃ; denn es warlich nit leichtlich gegen gott zu verantworten wer ein menschen also umbzubringen umb solcher liederlicher ursachen. Galmy 167; dasz er umb eine kleine, vielleicht liederliche uhrsache seinen alten herrn verlassen hätte. pers. rosenth. 1, 17; umb so liederlicher ursach willen. Schuppius 192; er könte dasjenige, was er gerne wolte, dem scheine nach aus gewissen, doch liderlichen ursachen widerrahten; was er aber nicht gerne wolte, müste er durch ebenmäszige liderliche gründe suchen zu behaupten. Butschky Patm. 790; rühme dich keiner stärke und tugend, wenn du so ein liederlich wort nicht ertragen kannst. pers. rosenth. 2, 36.
c)
leicht, ohne gehalt, ohne wert: und verschlosz die geschrift in ein liederlichen unachtbaren stecken von rore. Wyle transl., Guiscarda; damit mans nicht spüret etwas guts zu sein, wicklet sie das in liederlich lumpen. buch d. liebe 109ᶜ; warumb bemühet sich doch mein sohn also lange zeit wider ein so klein liederlich land? ich, der ich der welt ein herr bin, und welchen ich will, grosz machen kan, schenke euch hiermit dasselbige ganze herzogthumb. Zinkgref apophthegm. 1, 16; liesz er (mein vater) die maur um sein schlosz nicht mit maursteinen, die man am weg findet, .. vielweniger mit liederlichen gebackenen steinen, die in geringer zeit verfertigt und gebränt werden können, .. aufführen. Simpl. 1, 10 Kurz; dergestalt nun muste ich unversehens ein sehr beliebter junker sein, über welchem man sich verwunderte, dasz er sich bei einem so liederlichen dragoner (der so wenig ansehen genosz) behülfe. 227; ich selbst aber hielte es ... vor ein göttliche strafe, weil gott auch durch sünder die warheit zu reden und gemeiniglich seine allergewaltigste und trotzigste feinde durch die allerliederlichste und geringste insecta abzustrafen pflegt. 3, 316; auf den ermeln ... war ein ganzer kram von allerhand liederlichen bändergen aufgeheft, welche, weil sie keine accordirende farben hatten, sich ansehen lieszen, als wären sie von bändersüchtigen personen zum almosen spendiret worden. Chr. Weise erzn. 32 Braune; wenn man die liederlichen tractaten mit den stolzen titeln ansieht. 125; umb ein geringen und liederlichen werth wiederumb verkauft. Abele gerichtsh. 3, 225; liederliches geld, leichtes, geringhaltiges, liederliche scheidemünze Adelung; schweiz. liederlig züg, von geringer qualität Seiler 190ᵇ.
d)
als adverb, gering, kümmerlich:
du hast warlich grosz müe gehabt,
man hat dich aber liederlich begabt.
Schade sat. u. pasqu. 2, 184, 307;
leicht, ohne mühe: auf solhe masz magstu liederlich glauben, das in heiliger trinitat sein drei person. teutsch theol. cap. 7 v. 9; ein kalter kol, so man den legt zu zwaien glüwigen kolen, gat er liederlich an. Keisersberg schif der pen. 23ᵇ; das es (das gliedwasser) die feuchtigkeit sei, die in dem geleich ligent ist, dardurch die bewegung dester liederlicher geschehen mag, gleich als so gesalbet oder geschmirt wirt der angel oder hagken an einer thüre. Braunschweig chir. 1498 67ᵃ; das ich mich dan auch zweier ursach halb liederlich bereden lasz. Schade sat. u. pasqu. 3, 45, 37; doch hat Germania freisame heftige weiber, deren meisterschaft nitt liederlich zu woͤren (wehren) ist. Frank weltb. 47ᵃ; darauf steet ein gestreusz und hecken, das darüber nit liederlich zuͦ kummen ist. 80ᵃ; do waren feine schlechte krieg und giengen liederlich ab und an. chronica 218ᵃ; groszer sorg wirt liederlich rath. sprichw. 2, 152ᵇ; die Römer lieszen sich liederlich bewegen, schickten ihnen drei hauptmänner. Aventin. 89; so seindt die vier gebruͤder manliche ritter, das sie nit liederlich zu überwinden seindt. Aimon bog. f; dan eim gewapneten man ist nit liederlich zu widersagen. g; ainigkait behilfet sich liederlich, so dem zwitracht die welt zuͦ eng ist. Mayr sprüchwörter (Augsb. 1567) D 8ᵇ; ain weiser gedultiger mensch, laszt sich nit liederlich bewegen. B 2ᵃ; sie (die Astomi) sterben ganz liederlich, auch durch den geruch, der etwas zu stark oder unlieblich ist (graviore paulo odore haud difficulter exanimari). Plinius von Heyden 22; in dem kriege mit dem könige Pyrrho ist man innen worden, wie man den elephanten jre rüssel gar liederlich könne abhauen. 90; also namen sie (die geister dämones) die heüser eins nach dem andern ein, schleichtend auch liederlich in der menschen cörpel (facileque insinuabant se corporibus hominum). Polydor. Vergil. von Alpinus (1537) 1ᵇ; der zäuberin augen aber sind voll teuflisches giftes, welche die jungen kinder mit ihrem greulichen anblick liederlich beleidigen ... zuvor an nemen die augen durchs gesicht das gift liederlich an. Nigrinus von zauberern (1592) 78; denen die schande, das sie so liederlich überwunden und in die flucht geschlagen waren, zu gemüte gieng. Schütz Preuszen 66; einmal ich gedachte, mich nicht mehr von jederman so voppen zu lassen, ... und solte ich gleich leib und leben darüber verlieren. das setzte ich folgender gestalt sehr liederlich ins werk. Simpl. 1, 206 Kurz;
liederlich die ding weren hin ze legen,
dasz man es nit mer höret auf erden.
Schade sat. u. pasqu. 2, 180, 154;
deszgleichen merkt man liederlich,
wie dich gebrauchest deiner schlich.
Fischart dicht. 1, 35, 1241 Kurz;
drumb lob ich dich, mein don Loyol,
dasz du dich nicht auf dieses mol
abweisen läszt so liederlich.
77, 2919;
denn er gut kundschaft mit jm hett
und jm nicht liederlich was thet.
216, 3306;
item es lest der teufel sich
von münchen fangen liederlich
nur mit eim schlechten duch und stol.
231, 3906;
und dir getrawen sicherlich,
das du uns werdest liederlich
von solchem schlaf erwecken.
B. Ringwald ev. Ff;
wenn jr pein nit ubrig schwer
und liederlich zu dulden wer.
tr. Eck. K 5ᵃ;
denn alte hunde lassen sich
nicht bendig machen liederlich.
Hayneccius Hansoframea (1562) act 2, 1;
oft tritt die zeitliche bedeutung bald, schnell, die hier stets einspielt, besonders deutlich hervor: so were es auch nicht gut noch zu raten, das die sach in unser hand stünde, denn wir künden und würden sie liederlich verderben. Luther 5, 7ᵃ; und fand der soldan liederlich sein herren an seinem eignen knecht. Frank weltb. 190ᵇ; mit sehr kleinen weiszen blümlein, die pflegt man mit den gipfeln abzupfetzen, sonst dörret der stock gar liederlich. Bock kräuterb. 26; herrn haben mehr glück, als dasz sie so liederlich von disen pillulen (büchsenkugeln) sterben. Garg. 233ᵃ; es geschicht gar liderlich und bald, dasz ein pferd verbuegt. Seuter rossarzn. 334; wasser so schnell grosz wird, felt liederlich wieder. Schottel 1141ᵃ;
gott liesz dis auch also geschehen
und wie er gebeten ergehen (erfüllte des esels bitte, bald einen andern herrn zu bekommen),
der ziegelstreicher both jhn feil,
das er eim gerber ward zu theil,
liedterlich um den balben werth,
wie ein alt abgetrieben pferd.
froschmäus. Ji 1ᵇ (2, 4, 4).
auch die örtliche bedeutung leicht, lose erscheint: drauf mag er das weib von ihrer nachgeburt, die allemal bei solchen begebenheiten gar liederlich anhanget, entbinden. Mauriceau deutsch (1687) 189.
4)
der begriff des sorglosen, leichtsinnigen schlägt um in den des sorglosen, achtlosen, nachlässigen: liederlich und hinlässig machen also dasz er keines dings mer achtet, negligenter facere. Maaler 272ᵃ; liederlich und hinlässigklich handeln, lente agere, liederlich und hinlässigklich lernen, attingere leviter studia, ein ding liederlich schaffen und hinlässigklich, dissolute rem aliquam conficere. ebenda; (soldaten) sein 6 tage allhier gestanden, welche verzehrt nur liederlich gerechnt 360 fl. Lisch jahrbücher 17, 231; hat unsz diese einquartirung ein groszes gekostet, setzen nur liederlich dafür 600 fl. 233 (jetzt durch die formel schlecht gerechnet ersetzt); er thuͦt liederlich gegen den gotes geboten. Keisersberg siben schaiden i 6ᵇ; und gieng mir also sehr übel, dasz mir also in der kurzen zeit so viel grosze anschläg zuruck schlugen, und durch liederliche heillose leuth verwahrloset worden. Götz v. Berl. 173; dasz mir grosze treffentliche anschläg durch liederliche fahrlässige leuth verhindert und verwahrloszt worden. 181; liederliche trachten, modi vestium leves et incommodi Stieler 2307; und so noch in der modernen sprache: liederliche arbeit machen; ein liederlicher arbeiter; mit einer sache liederlich umgehen; sich liederlich anziehen; eine liederliche kleidung; ein liederlicher verlumpter kerl (bezüglich seines äuszern, verschieden von no. 6 unten); diesen zahnschmerzen ... müssen sie es auch zuschreiben, wenn ich ihnen dasmal ein wenig sehr lüderlich und verwirrt schreibe. Lessing 12, 349 (wegen der schreibung lüderlich s. nachher no. 6); ich will mich ein wenig anziehen. der vetter kommt, und ich sehe gar zu liederlich aus. Göthe 8, 195.
5)
liederlich heiszt sodann schlecht, böse, schlimm;
a)
in bezug auf gesinnung, thaten, zustände, leiden: er ist eines liederlichen und schmächlichen tods umbkommen, ignobili atque inhonesta morte occubuit. Maaler 273ᵃ; 'es ist vielleicht auch ein liederlicher beichtvater'. es ist ein frummer heiliger vater von der observanz. Schade sat. u. pasqu. 3, 276, 21; ich war nur mit der gestalt ein mensch, und mit dem namen ein christen kind, im übrigen aber nur eine bestia! aber der allerhöchste sahe meine unschuld mit barmherzigen augen an, und wolte mich beides zu seiner und meiner erkanntnusz bringen. und wiewol er tausenderlei wege hierzu hatte, wolte er sich doch ohn zweifel nur desjenigen bedienen, in welchem mein knän und meuder, andern zum exempel, wegen ihrer liederlichen auferziehung gestraft würden. Simpl. 1, 20 Kurz; 'ein iedweder für sich, und gott für uns alle' ist zwar eine gemeine, aber sehr leichtsinnige, ja gottlose rede: das wir für uns alleine sein solten, ist liderlich: es sol ein idweder für sich selbst, und auch ein idweder für seinen nächsten sein. Butschky Patm. 214; dise sachen nicht liederlicher weise zu vertuschen. Felsenburg 1, vorrede; sprichwort: allzu gut ist liederlich (wo liederlich in gegensatz zu gut gebracht ist);
also bemühet bin ich auch gewesen,
eh ich, treulose, deiner gunst genesen;
aber nun find ich vor die liebesfreuden
liederlichs neiden.
Neumark lustwäldchen 80;
als adverb übel, schlimm, nichtswürdig: euch bergkleuten, die jhr oft mit ewern bergkfrawen eben liederlich seit. Mathes. Sar. 24ᵃ; er hörte dasz einer so liederlich zu jeder redt sein seel und seeligkeit so hoch dem teüfel verpfändt. Zinkgref apophth. 2, 102; dieser ist von einem schlechten kerl liederlich erstochen worden. pers. reisebeschr. 1, 4; ich hab dir vor diesem gezeiget .. wie oft mancher, sonst dapfer held, umb der liebe willen liederlich sein leben lassen müsse. Philander 2 (1665), 274; sie fragten mich, wie mein handel stünde? ich antwortete: liederlich genug! Simpl. 1, 134 Kurz; ach hätte ich die cronen und die ducaten wieder, die ich in Frankreich und Italien vor unnutze comödien gegeben, oder die ich in den vornehmen compagnien liederlich verthan habe! Chr. Weise erzn. 38; er fragte .. warum er die ganze schreibart so liederlich verderbet hätte. 66; grieff dieser mit allen fünfen in den salat, und machte sonst abscheuliche gaukelpossen .. da merkten die andern, dasz der kerl ein gereister monsieur wär, und dasz er eben deszwegen so liederlich gethan, dasz man ihm die französische reise ansehen solte. 103; man habe sie aufgeopfert, schrien sie, liederlich habe man sie verlassen. Schiller 850ᵇ;
warum soll ich mein herz mit grämen täglich fressen,
und dasz ich menschlich sei, so liederlich vergessen?
Neumark lustwäldchen 34.
b)
in den mundarten auch vom körperlichen übelbefinden: so bairisch und fränkisch liederlich schlecht, kraftlos, kränkelnd, übelauf Schm. 1, 1443 Fromm.; in Kärnten lüederla' schlecht aussehend, krank Lexer 182ᵃ; schwäb. lüderlich schwach, krank Schmid 364; alemannisch liederlig, kraftlos, kränkelnd, übelauf. Tobler 299ᵇ.
6)
liederlich endlich ausschweifend, einem unordentlichen, von genuszsucht, namentlich geschlechtlicher, beherschten leben ergeben; eine bedeutung, die in der alten sprache noch selten hervortritt (lîchtvertig lüt und liederlich frowen Lexer mhd. handwb. 1, 1904), sich aber langsam verbreitet und seit dem vorigen jahrh. die vorherschende geworden ist. hier setzt die umdeutung lüderlich ein, als ob das wort von luder (im luder leben lustris studere, vergl. s. v.) käme; diese ansicht von der abstammung bringt schon Stieler 1162, obwol zweifelnd, vor, und sie verschafft sich im 18. jahrh. geltung: lüderlich, von luder. Gottsched kern der d. sprachkunst (1753) 54; während Kant, der auch die zu seiner zeit noch nicht vergessene bedeutung 2 (oben sp. 987) im auge hat, liederlich und lüderlich unterscheiden will: man schreibt liederlich für lüderlich, da doch das erste einen leichtfertigen muthwilligen, sonst nicht unbrauchbaren und gutmüthigen, das zweite aber einen verworfenen, jeden andern anekelnden menschen (vom wort luder) bedeutet. 10, 284. die schreibung lüderlich hat bis heute ihre anhänger. es heiszt ein liederlicher kerl, ein liederlicher bursch, eine liederliche dirne, liederliches leben, liederliche reden u. s. w.; ein liederlicher teufel. Jucundiss. 63; ein schöner vortheil, wann man .. da man denen professoribus fleiszig zuhören soll, denen huren-lieder und von liederlichen weibesvolk schnöden reden und narrentheidigungen seine ohren öffnet. unwürd. doct. 75; dergleichen liederlichem leben müszig zu gehen. 75; liederliche, schmutzige scherze. Garve übers. von Cic. de off. 1, 29; dort sitzt er in einem verdächtigen hause, unter der gesellschaft einiger spieler, die seine freunde sind, und einiger lüderlichen weibspersonen. Rabener sat. 4, 378; ich begnüge mich, ihnen meinen abscheu gegen solch lüderliches zeug zu bezeigen, und zu versichern, dasz dieses noch das allerzüchtigste ist, was ich aus den ganzen drei bogen habe aussuchen können. Lessing 3, 292; wann er das lüderlichste weibsbild so zärtlich geliebt hätte, als er in der that seine frau geliebt hat. 294; den äuszersten unglauben ... welcher zu dem lüderlichsten leben berechtige. 9, 413; der henker hole alle liederlichen dirnen! rief der alte mit verdrusz. Göthe 18, 179; du lebtest mit einem liederlichen jungen edelmann, führtest ihm schauspielerinnen zu, hälfest ihm sein geld durchbringen. 20, 134; einen liederlichen, dem kartenspiel ergebenen bauernsohn. 33, 172; so sieht man in der allée de foi unsere jungen liederlichen einer courtisane auf den fersen folgen. 36, 3; übertragen, von pflanzen: dagegen gibt es charakterlose geschlechter, denen man vielleicht kaum species zuschreiben darf, da sie sich in gränzenlose varietäten verlieren ... diese geschlechter hab ich manchmal die liederlichen zu nennen mich erkühnt und die rose mit diesem epithet zu belegen gewagt. 50, 77; ferner liederlich sein, werden, leben: vielleicht mag Sophokles noch in seinem alter ein wenig liederlich gewesen sein. Lessing 6, 359; sie (die männer) waren liederlich und versteckten es nicht. Göthe 19, 275; alles dies machte der professor recht lüderlich mit. Freytag handschr. 1, 123;
wären unfreundlich, grob und liederlich.
Göthe 13, 71;
hört, mädel jung, wenn ich nur wüszte,
dasz ihr nicht fielet in die lüste,
und würdet wieder lüderlich,
(denn das wär mir sehr widerlich)
so nähm ich euch als amme gern.
Tieck kaiser Octavian s. 146;
in verbindungen wie liederliches volk, liederliches gesindel werden aber unstet umherschweifende, arbeitsscheue verstanden: freilich musz man, dieses zu glauben, die Juden näher kennen, als aus dem lüderlichen gesindel, welches auf den jahrmärkten herumschweift. Lessing 4, 220.
7)
Liederlich als ersonnener eigenname in verbindung mit andern namen oder einem titel; an die bedeutung 6 anknüpfend: hei courage, der herr die jungfer, der knecht die magd, sic itur ad astra, sagt monsieur Liederlich. ped. schulfuchs 67; der verschämte herr pastor Lange giebt das erste beiwort durch einen 'artigen bruder Lüderlich'; oder vielmehr nach seiner rechtschreibung 'Liederlich'. Lessing 4, 12; sie werden doch meine base keinem bruder Liederlich zur frau geben wollen, der bis an die ohren in schulden steckt? Schiller neffe als onkel 1, 10;
nicht also, frau sünderinn!
frau Liederlich, frau Lecker!
Bürger 48ᵇ;
du sprichst ja wie Hans Liederlich,
der begehrt jede liebe blum für sich.
Göthe 12, 134.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1880), Bd. VI (1885), Sp. 987, Z. 9.

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Zitationshilfe
„liederlich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/liederlich>, abgerufen am 07.08.2020.

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