Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

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liefern, verb.

liefern, verb.
hingeben, dargeben, reichen, gewähren u. ä., aus liberare übernommenes lehnwort. dies liberare erscheint in den mittellateinischen quellen in der bedeutung fortschicken, schicken, dann geben, aushändigen, leisten, in bezug auf verpflichtungen, zinsen, gefangene, und auch auf das, was ein herr seinen dienern an unterhalt und lohn terminlich zu geben schuldig ist (vergl. du Cange von Hentschel 3, 95ᵇᶜ. 96ᵃ). das wort geht über ins niederländ. als leveren, ins niederd. als leferen, und ins hochdeutsche, seit dem 14. jahrh., in mehrfach schwankender form, es begegnet liebern und liefern, selbst lübern und lüfern: ich liffer, mitto, reddo, ich uberlieffer. Alb.; 30 fuder zehndeshaus, die man inen liebern soll zu s. Margareten tage. weisth. 5, 240; item der scheffen wiset dri maletage, die scheeffe zu lubern. wer die nit lubert mit sonnenschin, der were den beden herrn zu büsze schuldig 5 βd. 698;
so fallen sie dahin, und lüfern wiederumb
(als jhrer schulden zinsz) der erden jhre erden.
Weckherlin 228;
sein aug lüfert allezeit
seine sehl deiner schönheit.
351;
die form liefern indes überwiegt seit dem 16. jahrh. durchaus.
Bedeutung.
1)
mit dem acc. der sache etwas, was fällig ist, zur richtigen zeit darbringen; zunächst von den naturallieferungen gesagt, die einem grundherrn als zins entfallen: ein herr von Eppenstein habe jerlichs fallen usz dem dorf Nordenstait fierzich achtel weisz (weizen) .. den weisz sullen sie schuldig sin under dem spilhuse zu Nordenstait zu messen und zu liebern. weisth. 1, 567 (Mittelrhein, v. 1483); alszdann sollen sie das (ein gefäll von sieben fudern wein) eim voigt zu Fankel alszo liefern. 2, 429 (Untermosel, 15. jh.); das gelt, koren und was man den heren libern solle. 5, 700 (Mittelrhein, v. 1509); item auf den tag, als man das hau liebern soll, so soll ein iglicher, der hau gibt, sich getreulichen beweisen mit der lieberung uf den tag, von dem morgen an bis an den abent. 240 (Neckargegend, 16. jh.); ebenso von gefällen, die aus einem pachtverhältnis entspringen: die pachter liefern geld in die stadt, conductores pecuniam deportant in urbem. Steinbach 1, 1055; liefern, als seinen zins, censum advehere, solvere pensionem. Frisch 1, 613ᶜ; auch ein opfer liefern:
nun dem Achilles sol hier diese meine handt
sein opfer liefern itzt.
Opitz 1, 220;
im bergbau erz liefern, silber liefern, in die hütte zum schmelzen schicken. mineral-lex. (1743) 367ᵃ.
2)
seit alter zeit auch in der kaufmännischen sprache, etwas vertragsmäszig zu einer bestimmten zeit gewähren, von dem schiffer oder fuhrmann, der waaren verführt: hab ich mit einem schüffmann gehandelt, solchen (einen wagen) uf der Elb bisz gen Magdenburg zu lüffern. Breuning v. Buchenbach 65; merces in loco quo convenerat tradere dat gudt thor stede, stelle leferen. Chytraeus cap. 36; fuhrleute, die wegen nicht zu rechter zeit, oder nicht wohl und schadhaft gelieferter güter halber, in anspruch genommen werden. der stadt Leipzig ordnungen (1701) 35; ein anderer fuhrmann verzögert, ohne ursache, das ihm anvertraute gut zu versprochener zeit zu liefern. Hübner handlungslex. (1722) 737. neuer auch von dem erbauer, verfertiger, vertreiber eines handelsartikels: der besitzer jenes gutes liefert uns korn und butter; der fabricant hat die waare noch nicht geliefert; er liefert die bestellten waaren innerhalb monatsfrist; der buchhändler liefert das werk nur auf feste bestellung; nachdem die grosze gesellschaft zu beförderung der künste einen preisz von hundert pfund sterling demjenigen versprochen hatte, welcher eine gewisse menge osnabrücksches linnen, auf gleiche art und zu gleichem preisze, als hier geschiehet, liefern würde. Möser patr. phant. 1, 22.
3)
etwas liefern, auszerhalb der rechts- und handelssprache, in bezug auf eine zu überbringende sache, wofür jetzt abliefern (th. 1, 174) gewöhnlicher: man sagt, dasz die Witzebürger einsmals contribution geben sollen. als sie nun das geld zusammen bracht, da haben sie rath gehalten, wem sie es anvertrauen sollen, dasz er es liefere? Schuppius 142;
glück zu, glück zu, mit guͦter rhuͦ,
vollbringet frisch und gsund die reisz,
gleich wie jr den hirs lifert heisz.
Fischart glückh. schiff v. 216;
o Jann, du wilt es wagen,
den piren sprechen zu.
weils doch niemand thut sagen,
wie vil ich liffern thu,
will ich mich drinn ergötzen.
J. Ayrer fastn. sp. 112ᵇ (2897, 27 Keller).
mit dativ der person: so er iemand sieht oder höret holz hawen, so sol er luegen, ob er ein waldgenosz sei oder nit, ist er kein waldgenosz oder huber, so sol er im wagen und pferd nemen, oder sein geschirr, und dasselbig dem meier überantworten und liefern. weisth. 1, 676 (Unterelsasz); heimburger und geschworen sollent solliche pende (pfänder) anstundt naich gepurlichem umbschlaigt zu sich nemen und angreifen und der oberkeit lebern. 6, 625 (Eifel, 14. jahrh.); die schlüssel sollen dem selbigen (obersten) wider geliffert werden. Kirchhof mil. disc. 19; der hirt sei darauf fürgefordert, und ihm commission aufgetragen worden, dasz er solle .. dem und dem obristen im namen burgermeister und raths von Witzeburg diese satteltasch voll geld liefern. Schuppius 142;
wer zur hell,
ein gwisse botschaft haben wöll,
der solls nur dem thumbpfaffen geben,
er werds dem teufel lifern eben.
L. Sandrub kurzweil (1618) 184.
mit ortsbestimmung: woehin sollent die pende (pfänder) gelebert werden? weisth. 6, 625 (Eifel, 14. jh.); der (fuhrmann) kam für ein kloster, welches enzig im feld lag; darinn hat er ettlich brief zuͦ lifferen. Wickram rollw. 67, 2 Kurz; das machwerk war zu den acten geliefert worden. Freytag ahnen 5, 261.
4)
liefern auch wie geben, in bezug auf eigenthümlich besessene dinge, ohne betonung einer frist: sie (die schlange) bitt er wolle ihr herausz helfen, .. und verspricht dem bauren, sie wolle ihm bei ihrem gott, der einmal durch sie geredt, den besten lohn liefern, so die welt pflegt zu geben. Schuppius 835; da ich ihn mit einem becher wein tractiret habe und er mir so vil alte hessische historien erzehlte, und mir wol 20. zutrunk. allein unter vilen discursen vergasz er desz liferns. 817. ferner eine schlacht, ein treffen liefern, für älteres kampf, strît geben, die feindliche begegnung wird vom gegentheil begehrt und gesucht, vgl. unter geben th. 4¹, sp. 1686; eim ein schlacht liferen, componere se alicui Maaler 273ᵇ; als aber die Schweizer dem belägerten und aufs euszerste betrangten Lothringer zu hülf gezogen kamen, ward ein schlacht gelifert. Zinkgref apophth. 1, 163;
wir müssen lüffern pald ein schlacht.
Schmelzl David 15ᵃ.
5)
in der neuern sprache ferner in andern wendungen: einen beweis liefern (sonst beweis geben); einen anhaltspunkt für weitere forschungen liefern; die probe liefern;
nur ein blendwerk ist vielleicht des mohren
zauberpferd; ich will es selbst versuchen:
trägt es mich, und liefert mir die probe,
zahle dann mit gold und gut, kalif, es.
Platen 322;
mit sächlichem subject: das land liefert frucht und wein; die berge liefern erz; weizen und hafer werden eine überaus reiche schüttung liefern. Frankfurter journ. vom 17. juli 1870.
6)
liefern mit persönlichem object, zunächst an das mittellat. liberare angeschlossen, insofern es unterhalt geben bedeutet (vgl. oben im eingange): wanne man uf die klock zu Mendig schlage, volgen sie (die heimburger in der Pellenz) an den gehauwen stein oder ein bannmeil wegs, doch bei sonnenschein wiederumb inzuziehen. so man sie aber weiters haben und geprauchen will, soll man sie gleich rittern und knechten liefern. weisth. 6, 625; es war inen auch schwer ein solche grosze menig die harr an einem ort zu liefern und zu speisen. Livius von Schöfferlin 89ᵃ. vgl. oben liefergeld und lieferung 4.
7)
gewöhnlicher einen liefern, einen gefangenen, verbrecher an die zuständige obrigkeit abgeben: wurd ein dieb oder diebin in der pflege beider gericht gefangen, den soll eins herrn von Epstein schultheisz gein Epstein liebern und brengen. weisth. 1, 562 (Mittelrhein, v. 1482); wen er (der missethäter) dan also geliebert wirdt an dasz gericht. 2, 30 (Saar, v. 1421); wan man den man strafen solle umb syne ubeldaet, so sol man in wieder lieberen und stellen an das gericht gen Fechingen. 51 (15. jh.); der selb mensch, der also begriffen und hinweg gefurten were, sal weder umb sunder allen wiederstandt in dem hoff und herlicheit von Remich des landtherren meyger da selbs geliebert .. werden. 241 (Obermosel, v. 1477); ich konte wol gedenken, dasz kein schiff unserthalben wieder zurück fahren, noch die Raguser zweier entführten gaukel-buben wegen, wenn sie nicht gelifert wurden, diesen schiffen nachjagen und mit ihnen eine seeschlacht angehen .. würden. Simpl. 3, 204 Kurz; man hat tausend louisd'or geboten, wer den groszen räuber lebendig liefert. Schiller räuber 5, 2;
die acht ist ausgesprochen über ihn,
und ihn zu liefern, lebend oder todt,
ist jeder treue diener aufgefordert.
Wallensteins tod 4, 2.
8)
daran schlieszt sich die formel geliefert sein, verloren, dem unglücke oder gar dem tode verfallen sein, da der seiner obrigkeit überantwortete verbrecher schwerer strafe entgegen gieng: so ist man ein gelieferter mann. J. Paul Palingen. 1, XI; siehe, da ist er geliefert. Hebbel mutter und kind s. 91;
nehmt euch zusammen! herz gefaszt, mein prinz!
o weh! o weh! ich fürcht, er ist geliefert!
Schiller Turandot 2, 4;
wie jetzt sein einziges bestreben dahin geht, sie (eine witwe gewordene) und den künftigen stamm zu liefern. Klinger die neue Arria 28; der meinen bruder geliefert hatte. Göthe 34, 147 (Benv. Cell. 1, 10, che aveva dato al mio fratello); als er diesen mann so übel zugerichtet sah, fragte er, wer ihn geliefert habe? 195 (2, 1, chi gli aveva dato).
9)
einen liefern, auch sonst in die gewalt jemandes oder in einen zustand bringen, übergeben, mit entsprechenden beisätzen: einen gefangen liefern, vinctum aliquem adducere, remittere, sistere captivum Stieler 1122; einen lebendig in der feinde gewalt liefern, tradere aliquem vivum in potestatem hostium Steinbach 1, 1055; ohne den armen Jagemann ans messer zu liefern. Wieland in Mercks briefsamml. 1, 125; er liefert euch dem tod! Klinger 2, 231;
wie manchen ritter hab ich schon ersucht mit flehen,
mir, wann dem könig ich mich liefre, beizustehen.
D. v. d. Werder Ariost 9, 53, 2.
10)
endlich einen liefern, hingeben, abtreten als arbeitskraft, hilfe, schutz u. ähnl.: das land liefert dem könig die soldaten; liefern, als soldaten, adducere milites conductos Frisch 1, 613ᶜ; er liefert mir die arbeiter zum neubau.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1880), Bd. VI (1885), Sp. 996, Z. 33.

liefern, verb.

liefern, verb.
gerinnen, nebenform zu libbern sp. 853; im part. geliefert, vornehmlich vom blut: denn fleisch ist nichts anders, denn ein stück bluts geliefert. Luther tischr. 419ᵇ (439ᵇ); welche von hohem herabgefallen oder ihnen die glieder durch andern unfall sehr geschedigt haben, darvon das gelifert blut verursacht wirt. Ryff chirurgie (1559) 95ᵃ; wie des herrn Christi blutiger schweisz, der wie geliefert blutstropfen auf die erden fiel. Mathes. Sar. 72ᵃ; zertheilt das ganze gerunnen und gelieferte blut im leib, so von fallen oder stoszen zusammen geloffen ist. Tabernaem. 821; der saft getrunken, zerteilt das gestanden oder gelifert blut. Thurneiszer beschr. influentischer wirkungen 115;
der leib ist beulen voll. geliefert blut und eiter
rünnt häufig von jhm weg.
Fleming 8;
blutrünstig ist die haut, geliefert und veraltet.
12;
bei Rollenhagen liewern:
und rath, das jhr wolt honig lecken,
das ist bewert für zorn und schrecken,
lest im leib kein geliewert blut.
froschmäus. L 2ᵃ (1, 2, 16).
liefern, gerinnen, auch von anderem: mehr wissen wir nicht .. von der materia und forma und causis metallorum zu reden, denn das sie gott ausz erd und wasser durchs fewer zusammen schmelzet und durch die kelten sie lifern und gestehen lesset. Mathes. Sar. 33ᵃ; reflexiv: gestehet oder gerint oder lifert sich. 56ᵇ; die guhr (aus dem gestein ausgährende flüssige masse) hat sich geliefert oder ist erharschet, wenn sie sich angesetzt hat. mineral-lex. (1743) 367ᵃ; im part.: geliefert fett, adeps concretus spissatus. Frisch 1, 613ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1880), Bd. VI (1885), Sp. 996, Z. 4.

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Zitationshilfe
„liefern“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/liefern>, abgerufen am 11.08.2020.

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