Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

lilie, f.

lilie, f.
lilium.
1)
das lat. wort ist in verschiedene deutsche dialekte schon früh aufgenommen: ins altnord. als fem. lilja, ins ags. als fem. lilie und lilige, ins alts. als masc. oder neutr. lilli; ins ahd. soweit es hier nicht als fremdwort behandelt wird: lilia (plur.) lilia Steinmeyer u. Sievers ahd. gl. 1, 336, 21; scouuôt thes accares lilia. Tatian 38, 4, considerate lilia agri;
si ist under den anderen
sô lilium undern dornen.
Müllenhoff u. Scherer 39, 4, 6;
mit doppeltem geschlecht, als masc. lilio: also der lilio ist undir dornin (sicut lilium inter spinas). Notker ps. 47, bei Hattemer 2, 169ᵃ; und als fem. lilia: folium repandi lilii, loup fram hengentera liliûn. Steinmeyer u. Sievers ahd. gl. 1, 447, 23;
thaʒ kint uuuahs untar mannon,   sô lilia untar thornon.
Otfrid 1, 16, 23.
das zwiefache geschlecht dauert mhd.: ein lylie der wahsit allewege ûf gegen dem himelrîche. Wackernagel pred. no. 56, 183, s. 139;
ir lîp schein durch ir salwe wat
alsam diu lilje, dâ sî stât
under swarzen dornen wîʒ.
Erec 337;
und auch die nebenform gilge, die sich wie im romanischen sprachgebiete (ital. giglio, churwälsch gilgia Dietz etym. wb. 1, 212) dissimilierend entwickelt, ist theils masculin, theils feminin:
in der linggen hende schein
ein wîʒer gilge vil gemeit.
zwölfjähr. mönchlein 127;
röslen, veyol und die giligen,
die machet val der kalte schnee,
er will sy ganz vertiligen.
Hätzlerin 1, 92, 6.
diese form gilge setzt sich, als fem., auch in die neuere zeit fort: die truͦszen von weiszen gilgen. Gersdorf feldb. d. wundarzn. 57; die gilgen, lilium Maaler 182ᵈ; blum, ros, gilg (als beispiele bäurischer aussprache). Simpl. 4, 406 Kurz; bair. die gilgen Schm. 1, 902 Fromm.; alemannisch jilge:
der chäfer fliegt der jilge zue.
Hebel 1, 142;
in Appenzell ilga Tobler 284ᵃ; in der Ostschweiz ilge, in Baselland ille und eule Seiler 100ᵇ; vergl. ilge theil 4², 2060.
2)
vom 14. jahrh. ab erscheint eine lange sich haltende form lilige, lilge: lilium haiʒt ain lilig. Megenberg 406, 3; zuo der liligen geleicht der obrist got sein muoter und spricht: mein liep oder mein freundinn ist gestalt under andern töhtern, die auf erd sind, sam diu lilig ist gestalt under den dornstauden. 406, 20 (nach hohelied 2, 2, wo Luther rose übersetzt); lilgen, lilium. voc. inc. theut. n 1ᵃ; lilge, lilium, weisze lilgen, lilium album Steinbach 1, 1057 (der die form lilie für veraltet erklärt); der platonische Italiener guckt nicht so lüstern nach des busens lilgen. Lessing 6, 281;
im herzen sein   die rose fein
und lilgen blühen.
P. Melissus bei Opitz (1624) 170;
der sonnen gluth die lilg verzehrt.
Fr. Müller 3, 146;
mit dem diminutiv lilglein:
und weisze lilglein wachsen fein,
wo deine füsz hin gangen sein.
P. Melissus bei Opitz (1624) 164;
herschende form aber ist seit dem 16. jh., näher an das lateinische angeschlossen, die lilie: die lilien geben den ruch. hohel. 7, 13; blühet, wie die lilien. Sir. 39, 19; wie eine schöne rosen im lenzen, wie die lilien am wasser. 50, 8; schawet die lilien auf dem felde, wie sie wachsen. Matth. 6, 28; in zweisilbiger aussprache:
zur seiten will ich hie und dar
viel weisze lilien stecken.
P. Gerhard 160, 79 Gödeke;
doch wird ein liebes liebchen auch
der lilie zierde loben.
Göthe 1, 190;
in der lilie weichem schoosze.
Arndt ged. (1840) 128;
drauszen stehn die lilien weisz.
336;
die frauen erglühen
zu lilien und rosen.
Uhland ged. 22;
daher auch in der schreibung lilje (manche beispiele dafür auch in den folgenden abschnitten):
wie angenehm, wie lieblich und wie süsz
gleich der geruch (ist), der aus der lilje quillet.
Brockes 2, 112;
die rose, die lilje, die taube, die sonne
die liebt ich einst alle in liebeswonne.
H. Heine 15, 91;
in der ferne schwanken traumhaft
weisze liljen, lichtumflossen.
188;
liljen, wie krystallne pfeiler,
schieszen himmelhoch empor.
210;
aber auch in dreisilbiger aussprache:
wie wilstu weisze lilien, zu rothen rosen machen?
küsz eine weisze Galathe, sie wird erröthet lachen.
Logau 3, 175, 8;
eine kannt ich, sie war wie die lilie schlank, und ihr stolz war
unschuld; herrlicher hat Salomo keine gesehn.
Göthe 1, 392;
die nachtigallen haben nicht gelesen,
die lilien bewundern nicht.
Schiller die berühmte frau v. 94;
wie schön dein haubt die krone von lilien umflicht!
Platen 76;
o liebliche rosen! o lilien weisz!
Arndt ged. (1840) 130;
Fleming braucht dreisilbiges lilie neben zweisilbigem lilge:
die keusche lilie (: steh).
384;
und: er wird, wie vor (vorher) den garten,
so seine lilge warten.
385.
3)
das mittelalter nimmt die lilie als sinnbild der jungfräulichen reinheit und der unschuld, Christus und Maria werden unter ihr verstanden, die bekenner tragen lilienkränze, einer groszen anzahl von heiligen dient sie als attribut; aber auch vorzeichen des nahen todes ist sie; weiter, als blume von der zartesten und blendendsten weisze, stellt sie zusammen mit der rose die farben der schönheit, weisz und roth, dar; vergl. darüber Wackernagel die farben- und blumensprache des mittelalters 30—33, kl. schriften 1, s. 206 ff. manches davon dauert bis heute.
a)
die lilie, sinnbild der reinheit und unschuld:
nur bleibt er stets dabei,
dasz seine königin dem königlichen bette
getreu, und rein wie eine lilie sei.
Wieland 10, 292;
o du, bescheidener als diese veilchen,
und reiner, als die reinen lilien.
J. N. Götz (1785) 3, 21;
weinet um mich, die ihr nie gefallen,
denen noch der unschuld liljen blühn.
Schiller kindesmörderin;
da steht die lilie blinkend
in unschuld weisz und frei.
Arndt ged. (1840) 15;
so wisse doch, dein kind ist weisz,
ist weisz und rein, wie lilien sind.
293;
die unschuld winket als lilie im thau.
482.
b)
die lilie, als schlanke, zarte, bleiche blume (vergl. unten lilienblasz):
sie sagts mit schwacher halb erstickter stimme,
und sinkt an seine brust. so sinkt im sturm zerknickt
der lilie welkend haupt.
Wieland 23, 38 (Oberon 7, 56);
henker, kannst du keine lilje knicken?
Schiller kindesmörderin;
einst stand ich wie die lilie bleich,
da gab mir liebe rothen schein.
Arndt ged. 68;
als blume auf einem grabhügel:
da schwoll ein frischer hügel auf,
dort bei den weiszen lilien,
sie setzte sich darauf.
Uhland ged. 218;
aber auch als die völlig ungefärbte, und als sinnbild blendender weisze, vgl. einen groszen theil der unten folgenden zusammensetzungen:
das allerfeinste porcelein
ist, bei der liljen weiszem blatt
nicht fein, nicht weisz, nicht glatt.
Brockes 2, 112;
im wasser wogt die lilie, die blanke, hin und her.
Platen 70;
da schmückt sich weisz die lilje zum fest, die holde.
83;
namentlich werden das weibliche gesicht, die arme, der busen lilien genannt:
an der stillen zähre,
die von den lilien des lieblichsten gesichts
verstohlen schlich.
Wieland 21, 303;
deine augen sind nicht himmelblau,
dein mund, er ist kein rosenmund,
nicht brust und arme lilien.
Uhland ged. 114,
das schwarze haar ergossen von der leuchtenden stirne über das antlitz herab, zu den regen lilien der brüste und den schönen gliedern. Chamisso (1836) 4, 223.
c)
die zusammenstellung der rose und lilie ist so beliebt, wie ehedem:
da schlingen zu kränzen
sich lilien und rosen.
Göthe 2, 42;
der morgensonne thau befeuchtet
rosen und lilien, stepp und dornen.
Herder z. litt. 4, 133;
die bunten blümlein schlafen all,
das röslein roth, die lilie weisz,
das veilchen und der ehrenpreis.
Arndt ged. 139;
und weisze lilien, rothe rosen spinnen
hienieden manchen fleck zur himmelslaube.
230;
als blumen eines grabes:
drauf liesz sie wohl graben ein tiefes grab ..
sie pflanzte rosen und lilien drauf.
290;
für bilder und vergleiche verwendet:
wie ros und lilie dir auf den wangen glänzen.
J. N. Götz (1785) 3, 120;
lilie der unschuld, und der liebe rose,
wie zwo schöne schwestern steht ihr bei einander.
Herder z. litt. 3, 22;
es sasz ein kindlein im weiszen kleid (der engel der unschuld),
ein kränzlein trug es der herrlichkeit
von rosen und lilien schön gewunden.
Arndt ged. 455;
wie die lilie sei dein busen offen, ohne groll;
aber wie die keusche rose sei er tief und voll!
Platen 74;
lebe wie die keusche lilje, lasz mich wie die rose leben!
85;
die blauen veilchen der äugelein,
die rothen rosen der wängelein,
die weiszen liljen der händchen klein,
die blühen und blühen noch immerfort,
und nur das herzchen ist verdorrt.
H. Heine 15, 104.
4)
lilie heiszen auch andere, der lilie ähnliche blumen: crinum, eine narzissengattung (vergl. hakenlilie); amaryllis bella donna, rothe lilie; amaryllis formosissima, Jacobslilie; anthericum liliastrum, unächte lilie; fritillaria persica, persische lilie; hemerocallis flava, gelbe taglilie, heidnische lilie; lonicera periclymenum, specklilie, lilie unter der dornen; ornithogalum arabicum, alexandrinische lilie. Nemnich; blaw lilien, iris, gladiolus, braun lilien damit man ferbet, hyacinthus, vaccinium Dasyp.
5)
die lilie, die wappenblume des alten französischen königshauses: drei goldene lilien in blauem felde führten ehedem die französischen könige in ihrem wappen; auf der fahne:
wohl die hälfte (des heeres) kam
aus fremdem dienst feldflüchtig uns herüber,
gleichgültig unterm doppeladler fechtend,
wie unterm löwen und den lilien.
Schiller Piccol. 1, 2;
als bild für Frankreichs macht: dasz die franz. lilien auf italianischen bodem nicht recht wachsen, oder gedeyen wollen, sondern Italien der Franzosen kirchhof worden ist. Schuppius 369;
jene lilien
von Valois zerknickt ein spansches mädchen
vielleicht in éiner mitternacht.
Schiller don Carlos 2, 10.
6)
lilie in der alchymie, der aus dem silber gezogene sogenannte metallische same, zur herstellung des steines der weisen:
da ward ein rother leu, ein kühner freier,
im lauen bad, der lilie vermählt,
und beide dann, mit offnem flammenfeuer,
aus einem brautgemach ins andere gequält.
Göthe 12, 58.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1880), Bd. VI (1885), Sp. 1020, Z. 68.

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Zitationshilfe
„lilie“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/lilie>, abgerufen am 13.08.2020.

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