Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

lindern, verb.

lindern, verb.
in zwei hauptbedeutungen.
1)
linder machen: lenire linderen, lindern Dief. 523ᶜ; nach dem adj. lind 3: were aber das fell alt, oder hart und dick, so lindere es mit hennenfaistin. Seuter rossarzn. (1599) 163; nach lind 5, in bezug auf ein verfahren: wann euch nit obriste ermanglen solten, welche der soldaten gewalt mit vernunft, oder fortuna linderen. Schuppius 718; nach lind 6, in bezug auf worte, wollautender, angenehmer machen:
muszt all die garstigen wörter lindern,
aus sch—kerl schurk, aus — mach hintern.
der junge Göthe 2, 35;
nach lind 8, gefälliger machen für das auge: Timanthes kannte die grenzen, welche die grazien seiner kunst setzen .. so weit sich schönheit und würde mit dem ausdrucke verbinden liesz, so weit trieb er ihn. das häszliche wäre er gern übergangen, hätte er gern gelindert. Lessing 6, 386; nach lind 9, milder, nachsichtiger, gütiger machen: das heftige und trotzige wesen unsrer armen freundin ward auf einmal gelindert. Göthe 19, 259;
lasz uns zusammen, liebe schwester, wirken ...
wenn ich zu eifrig bin, so lîndre du:
und bist du zu gelind, so will ich treiben.
9, 112;
am häufigsten nach lind 10, schwächer, sanfter machen, abschwächen; in bezug auf etwas kolossales: selbst ausleger des Homers, alte sowohl als neue, scheinen sich nicht allezeit dieser wunderbaren statur seiner götter genugsam erinnert zu haben; welches aus den lindernden erklärungen abzunehmen, die sie über den groszen helm der Minerva geben zu müssen glauben. Lessing 6, 454 note; in bezug auf böse worte: wie s. Augustinus von seiner mutter Monica rhümet, das, wo sie zwo uneins sahe, redet sie allzeit das beste auf beiden seiten, und was sie von einer guts hörete, das bracht sie zu der andern, aber was sie böses höret, das schweig sie, oder linderts so viel sie kund. Luther 5, 360ᵃ; von krankheit, wunden: von der fussolen bis aufs heubt ist nichts gesundes an jm, sondern wunden und strimen und eiterbeulen, die nicht geheftet noch verbunden, noch mit öle gelindert sind. Jes. 1, 6; die hitze des leibes lindern. pers. rosenth. 1, 6; krankheit und körperliche gebrechen .. durch geistige, oder geistigen ähnliche mittel aufheben, lindern, ist auszerordentlich. Göthe 22, 23;
da ist nichts das erquickt
den ungesunden leib, und lindert meine beulen.
Fleming 19;
es heiszt ferner noth, sorgen, elend, kummer, leid, schmerzen u. ähnl. lindern: herr, ich leide not, linder mirs. Jes. 38, 14; mit schmeichelworten lindert er jm den tag sein trauren, angst und sorgen. Steinhöwel (1555) 102; ja, sie anticipirte, wie man gewöhnlich pflegt, den leidigen trost, dasz auch solche schmerzen durch die zeit gelindert werden. sie verwünschte die zeit, die es braucht um sie zu lindern; sie verwünschte die todtenhafte zeit, wo sie würden gelindert sein. Göthe 17, 129;
und schwitzt (ihr brautleute) das fieber ausz, und lindert ewre pein,
die auf kein ander weisz kan recht vertrieben sein.
Caspar Kirchner bei Opitz (1624) 188;
will ich denn mein elend lindern,
und erleichtern meine not
bei der welt und ihren kindern.
P. Gerhard 109, 25 Gödeke;
mein balsam (Jesus), wollest eilen,
lindern, heilen
den schmerzen, der allhier
mich seufzen macht und heulen!
203, 97;
sie (die liebe) wacht für unser heil, sie lindert unsern kummer.
Haller (1768) 134;
ein herz, gemacht mein leid zu lindern.
164;
kan eines freundes schmerz des andern schmerzen lindern?
186;
lindert, kann es sein, des armen bruders qual.
Hagedorn 2, 97;
er öffnet ein fenster, schlürft und sauget
den sonnengeist in sich hinein,
der alle leibes- und seelenpein
unendlich mehr zu lindern tauget
als Paracelsus laudanum.
Wieland 21, 136;
jetzt kann
ich frei und einsam sein;
durch manchen tiefen seufzer nun
mir lindern meine pein.
Stolberg 1, 62;
bist du müd, ich will dich laben,
lindern deiner füsze schmerz.
Göthe 1, 252;
eine last, etwas schweres lindern:
komm, o komm und lindre die last,
gib der kranken seele rast.
Fr. Müller 1, 332;
denn wie er steht, ist er kein freier mann,
es waltet über ihm ein schwer gesetz,
das deine gnade höchstens lindern wird.
Göthe 9, 162;
wie ich dir vergebe:
so lindr ich das gesetz um deinetwillen.
164;
es heiszt auch das leben, die seele lindern, sanfter machen, in bezug auf das, was sie drückt:
o dichtkunst, die das leben lindert!
wie manchen gram hast du vermindert,
wie manche fröhlichkeit vermehrt!
Hagedorn 3, 23;
denn sie gehen doch nur, um ihre seele zu lindern.
Klopstock 5, 260;
er wollte die müde,
tiefverwundete seele durch ruh der einsamkeit lindern.
282.
lindern mit unterdrücktem object: mein freund, versetzte der arzt, wo wir nicht helfen können, sind wir doch schuldig zu lindern. Göthe 20, 174;
vater wird er seinen kindern,
unterdrückten retter sein,
wird verhüten, er wird lindern,
wenn die schmerzen schrein.
Herder z. litt. 3, 201;
im particip des präsens: dann ergieszet sich der mund in frommen, lindernden gesängen, dann wird alles um uns her ruhe und seligkeit. Fr. Müller 1, 37; (ein zustand) den wir fast verzweiflung nennen dürften, weil handeln und schaffen, die sich sonst als heilmittel für solche lagen am sichersten bewährten, hier kaum lindernd geschweige denn befriedigend wirken wollten. Göthe 22, 116;
breitest über mein gefild
lindernd deinen blick.
1, 111;
alle götter in der höh
fleht sie, lindernd öl zu gieszen
in die sturmbewegte see.
Schiller Hero u. Leander v. 209;
jetzt mit des zuckers
linderndem saft
zähmet die herbe,
brennende kraft (der citrone).
punschlied;
lindern reflexiv: ihre seelenkrankheit lindert sich am ersten, wenn sie sich körperlich für krank hält. Göthe 25, 281;
doch lindert sich der brünstig schmerz,
wan ich dein antlitz schawe.
P. Melissus bei Opitz (1624) 164.
vergl. auch erlindern.
2)
lindern, intransitiv, linder, sanfter werden oder sein: czu dem andern sprechen wir, das er (ein zwölfjähriger knabe, der zwei andere ermordet hatte) auch mit dem tod gestraft sol werden. doch mag der tod lindern: wann so er sünst nach brawch und gewanhait gemains landes solt geredrt werden, mag der richter solch peen jn ain andre verkeren, und getrenkt werden. rechtsgutachten der Wiener univ. von 1505 bei Tomascheck der oberhof Iglau (1868) s. 267; nach lind 3, weicher werden: hat einen langen schnabel, welcher nach und nach linderet. Forer fischb. 48ᵇ. lindern, seit dem 15. jahrh. nachgewiesen, verhält sich, als ableitung vom adj. lind, und an dessen comparativ angeschlossen, zu dem verbum linden sp. 1033 wie leichtern zu leichten (vgl. sp. 641 und 640). es ist gegen linden, das jetzt fast gar nicht mehr vorkommt, stets bevorzugt worden, gehört aber, wie das ihm zu grunde liegende lind in seinem bildlichen gebrauche, nur der gewählten sprache an, als ein wort des schriftdeutschen, das in den mundarten nicht lebt.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1880), Bd. VI (1885), Sp. 1035, Z. 57.

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Zitationshilfe
„lindern“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/lindern>, abgerufen am 08.08.2020.

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