Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

lispeln, verb.

lispeln, verb.,
frequentativ zu dem unten folgenden lispen.
1)
beim sprechen mit der zunge anstoszen: balbuties gikatzote ł lispelte red Dief. 66ᵇ; balbutire lispeln ebenda; blesus lispeln (für lispelnd) 77ᵃ; lispelen balbutire, begayer Schottel 1358; lispeln, blaesum esse, literam s non decenter pronunciare, difficili et impedita lingua literam sibilantem pronunciare Frisch 1, 617ᵃ; niederl. lispelen neben lispen balbutire, titubare Kilian; mein lispelend klappersecklin (kosewort für ein kleines kind). Garg. 131ᵇ; der spisz brennt auch einen an die zung, wann jn einer schon gern leckt, wie die lispelende Schlesier. 244ᵃ. vergl. auch lispler.
2)
einen leisen laut von sich geben, in welchem eigentlich vorzugsweise nur ein zungenlaut gehört wird; schon im 16. jahrh. dem lauten reden entgegengesetzt und wie flüstern gebraucht:
sie hören alle den Luther syn,
ja wer er tusent meil von yn,
und hören nit in irer stat,
wie man da selbst gepredigt hat.
sie hören hinder den ofen wiszblen,
was zwen gickenheinzen liszblen,
und hören nit, was alles reich,
die stet und fürsten alle gleich,
darzuͦ der keiser auch damit
gebüt, das hörens alles nit.
Murner luth. narr 2809;
und später gegen die erste bedeutung in aufnahme gekommen.
a)
intransitives lispeln, von der menschlichen stimme: nun war zuvörderst von forte und piano die rede, sodann aber von feineren abschattirungen, von accenten, und so muszte gar zuletzt ein gegensatz von lispeln und ausschrei zur sprache kommen. Göthe 31, 239;
blick und händedruck, und küsse, gemüthliche worte,
sylben köstliches sinns wechselt ein liebendes paar.
da wird lispeln geschwätz, wird stottern liebliche rede.
1, 278;
kuppler lispeln indesz, und es winselt ein bettler dir
manches ave.
Platen 120;
bei personificationen: das lispeln der vernunft. Hamann 1, 98; eure wohlvertheilten wachen halten die furcht so angespannt, dasz sie sich nicht zu lispeln untersteht. Göthe 8, 252;
aber ganz abscheulich ists, auf dem wege der liebe
schlangen zu fürchten, und gift unter den rosen der lust,
wenn im schönsten moment der hin sich gebenden freude
deinem sinkenden haupt lispelnde sorge sich naht.
1, 286;
der athem, die stimme, der mund lispelt: der athem lispelt kalt über die erblaszten lippen. Klinger 2, 44; es (das herz) war voll, der mund lispelte schon um überzuflieszen. Göthe 22, 199; wie lieblich verschämt sah ich schon deine wangen erröthen, deinen busen wie fürstlich schön unter dem silberflore schwellen, wie angenehm deine lispelnde stimme der entzückung versagen! Schiller Fiesko 5, 13;
ach, mir lispelte freundlich die stimme der jungen erinnrung.
Stolberg 1, 137;
das lied, das leise gespielte musikinstrument lispelt: in dem tempel lispeln wollüstig die flöten! Klinger 2, 237;
und es taumelten blüthen
auf mein lispelndes spiel (die harfe) herab.
Hölty 108 Halm;
es schwebet nun in unbestimmten tönen
mein lispelnd lied, der aeolsharfe gleich.
Göthe 12, 6;
nächtlich am Busento lispeln, bei Cosenza dumpfe lieder,
aus den wassern schallt es antwort, und in wirbeln klingt es wieder!
Platen 33;
ferner wind, rohr, schilf, laub, quelle u. ähnl., wobei aber immer der gedanke an menschliche flüsterlaute im hintergrund steht (vgl. auch die fälle unter b. c, wo diesem lispeln menschliche worte untergelegt werden): ich hätte der lispelnden zitterpappel antworten .. mögen. J. Paul Titan 2, 58;
wassernymphen lockt die quelle,
wo mit welle lispelt welle.
Platen 4;
wenn .. der sanfte flusz zwischen den lispelnden rohren dahin gleitete. Göthe 16, 74; als das schilf des ufers .. am nachen lispelte. Arnim 1, 237; so glimmte, so duftete, so lispelte, so zauberte niemals ein thal J. Paul Hesp. 4, 59;
so lispelt der west,
wenn mittag und sommer die wälder verläszt.
Günther 929;
fröhlicher wandelt er nun durch das grause gebüsch ..
seinem mädchen entgegen,
das beim lispeln des baches sitzt.
Hölty 68 Halm;
lispelt das rebengrün,
wo du horchest der nachtigall.
93;
plötzlich lispelt der strauch, himmel! sie schlüpft hervor.
104;
und selbst ein wind erhob vom lande lispelnd,
von allen gleich bemerkt, die holden schwingen.
Göthe 9, 70;
in euren tiefen hainen,
in eurer lispelnden wohnung.
14, 43;
damit man das lispeln
des lüftchens im laube
vernehme!
57, 240;
vom leisen rauschen eines gewandes: der geist trat herein .. mit sausendem gange, in das (auf ein sausen bezogen) sein schwebendes gewand lispelte, .. schritt er in die mitte des saals. Klinger 7, 156.
b)
transitives lispeln, mit angabe dessen was gelispelt wird: sie lispelten darauf einander etwas in die ohren. Pierot 3, 4; ihm, dem ruhmsüchtigen, wird man es erst hinter den schultern leise lispeln, dann laut und lauter sagen, und wenn er einst von diesem gipfel herabsteigt, werden tausend stimmen es ihm entgegen rufen! Göthe 8, 287;
und das schöne wort der freiheit
wird gelispelt und gestammelt,
bis in ungewohnter neuheit
wir an unsrer tempel stufen
wieder neu entzückt es rufen:
freiheit!
13, 301;
in den alten hallen, wo die trauer
noch manchmal stille meinen namen lispelt.
9, 21;
was diese lüfte kaum vernehmbar lispeln, wer verstehts?
Platen 55;
reiche, melodische zauberformeln
lispelt dein Römermund.
108;
man lispelt leichte liedchen, man spitzt manch sinngedicht.
Uhland ged. 357;
auch in freierer anwendung, von der leisen 'sprache der augen':
du bist der wahre weise mir,
dein auge lispelts leise mir.
Platen 73.
c)
dafür die anführung des gelispelten in directer rede: und für mich, was darf ich hoffen? lispelte er leise. Göthe 17, 368;
fy! (lispelt ganz in gluth das fräulein) solche dinge
zu sagen!
Wieland 21, 186;
die grazien kamen den musen zuvor,
und lispelten: Wieland! dem gott in das ohr.
Gotter 1, 149;
rohre sprieszen hervor, und rauschen und lispeln im winde:
Midas! Midas, der fürst, trägt ein verlängertes ohr!
Göthe 1, 291;
ewig! Dora, lispeltest du; mir schallt es im ohre.
300;
drucktest doch so freundlich gestern abend
mir die hände, lispeltest so lieblich:
ja, ich komme.
2, 102;
sie gelangten zum throne des königs, da lispelte Grimbart:
seid nicht furchtsam, Reinecke, dieszmal.
40, 145.
d)
lispeln, mit abhängigem satze:
zuletzt däucht ihn sogar, es ruft
ihm jemand zu, es lispeln ihm die winde
dasz seine göttin sich in diesem schlosse finde.
Wieland 17, 215 (Idris 4, 8).
e)
lispeln, mit angabe der wirkung: dieser kalte athem (des vom könige verführten mädchens) lispelt ihn (den könig) von hinnen. Klinger 2, 45;
wie schlummert sie (Cidli)),
wie stille! schweig, o leisere seite selbst!
es welket dir dein lorberspröszling,
wenn aus dem schlummer du Cidli lispelst!
Klopstock 1, 107;
süsze düfte, nebelhüllen
senkt die dämmerung heran;
lispelt leise süszen frieden,
wiegt das herz in kindesruh.
Göthe 41, 4;
was lispeln die winde, die vögelein?
sie lispeln die welt in schlummer ein.
Rückert 8.
3)
lispeln von der unkräftigen rede des schwächlings, des blasierten, hat wieder bezug zu der bedeutung 1:
schwätzern seid ihr (grazien) nicht da; dennoch lallt,
lispelt zärtlich ihr mund: grazjen, o hört,
hört uns, wir liebeln euch!
Klopstock 2, 96;
ihr aber indesz saszt maulfaul dort, zaghaft, mit gelispeltem beifall.
Platen 316.
4)
lispeln, von dem pfeifenden laute der schlangen (vgl. dazu unten lispelwind):
was lispelt durch die (l. der) kähle röhr (eines modernden leichnams)?
was merk ich in den brüsten zischen?
mich dünket, dasz ich schlangen hör
mit nattern ihr gepfeife mischen.
A. Gryphius 1698 2, 15 (kirchhofs-gedanken).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1880), Bd. VI (1885), Sp. 1062, Z. 51.

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Zitationshilfe
„lispeln“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/lispeln>.

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