lugen verb
Fundstelle: Lfg. 7 (1881), Bd. VI (1885), Sp. 1270, Z. 1
videre, prospicere, ein in der ältern schriftsprache und wieder bei neueren verwendetes wort.
1)
lebend ist es im ahd. lôgên, luogên, mhd. luogen, mitteld. lûgen; alts. lôcôn (umbi lôcôn Straszburger gloss. 92), niederd. lôken; ags. lôcian, engl. look; eine dem westgermanischen eigenthümliche bildung, zu welcher sich im gothischen und nordischen nichts entsprechendes findet. aus den urverwandten sprachen wird verglichen kelt. lagat, lagas, llygat oculus Ebel in Kuhns beitr. 2, 176; lettisch heiszt lûkuͦt schauen.
2)
am häufigsten findet sich lugen von alters her im oberdeutschen, namentlich im alemannischen sprachgebiete (doch wird es mhd. von einigen höfischen dichtern gemieden Haupt Engelhard s. 244), wo es auch jetzt noch in ausgedehntem brauche steht: schweiz. luege, luega aufmerkend sehen, schauen Stalder 2, 183. Tobler 307ᵃ; elsässisch lueje blicken, schauen Fromm. 6, 260; schwäb. lugen schauen Schmid 365; im bairischen weniger häufig vorkommend luegen Schm. 1, 1462 Fromm.; tirol. luegen schauen, besonders aus einem verstecke Schöpf 401; kärnthn. luagen ausspähen Lexer 182; oberöstr. luegen schauen, besonders finster und verdrieszlich vor sich hin stieren Fromm. 3, 184; auch oberpfälzisch Schm. a. a. o., und noch schlesisch lugen lauernd sehen Weinhold 55ᵃ. in andern mitteldeutschen und in niederdeutschen mundarten ist das wort ausgestorben.
3)
der ältern schriftsprache, namentlich noch des 16. jahrh., ist lugen in quellen oberdeutscher heimat geläufig; in manigfacher verbindung.
a)
absolut, sehen, hervorsehen: also luͦgt Ulenspiegel us dem korb ganz. Ulensp. 9, s. 11 Lappenberg; hinsehen: der scherer lugt und sahe wol, dasz er (ein in den fusz getretener dorn) tief stack. Frey gartenges. 50; zuͦgelassen oder eingelassen zuͦ luͦgen, spectatum admissus Maaler 276ᵇ (etwa in eine schaustellung); und unsinnlicher: thu deine augen auf und lug, so finstu in allen lastern exemplen die dich witzig machen. Keisersberg narrensch. 86ᵈ; zusehen, aufpassen, seine aufmerksamkeit wohin wenden: luͦg aber und beleib nit entlichen auf den bilden (bildlichen vorstellungen). geistl. spinn. (granatapfel) N 2ᵈ; mich bedunkt äs sigind ungeschikte knaben (zum lernen, sagt ein schulmeister), doch wellen wier luͦgen, kerrend nuͦr guͦtten flysz an. Th. Platter 36 Boos; doch lugt und sagt dem riesen nicht, dasz ich euch disz angezeigt habe. Amadis 71.
b)
als imperativ lug!, fast interjectionell verwendet: sich luͦg luͦg! ecce, adverb. demonstrandi Maaler 276ᵃ; luͦg er ist vorhanden, eccum adest. ebenda; lug, die haben den glauben zu Christo gehabt, aber sie mangeln guter werk. Ingolstadter quelle bei Luther 2, 439ᵇ; schaw, lieber, sihe, lug, lug, das ist die Chariclia. buch d. liebe 194ᵃ;
lug, Hilla, wie gefellt dir das?
fastn. sp. 575, 5;
luͦg, hüt dich wol vor allem spiel,
der bösen buͦben sind gar viel.
Wickram bilg. H 3;
auch im plur. luget:
nu luget, lieben leut!
was ich euch bedeut,
das ist ain toter man.
fastn. sp. 606, 25.
c)
lugen mit genitiv, auf etwas sehen: wann als sie hübsch was, da het sie auch irer schanz gelugt (auf ihren vortheil gesehen). Keisersberg evangel. (1517) 142ᵃ; da jeder seiner schanz luget. Frey gartenges. 37.
d)
mit präpositionen und adverbien, in eigentlicher bedeutung, hinblicken, blicken: disz vogelgeschlächt (der haushahn) luͦgt auch allein aus allen andern vögeln stäts an himmel. Heuslin vogelb. 77ᵇ; die kräbsz luͦgend entzwerch oder schälb, cancri in obliquum aspiciunt. Maaler 276ᵃ; hin und här luͦgen, dispicere, circumferre oculos. ebenda; wenn du jnen in das angesicht luͦgst, dunkend sy einen fromm leüt sein, ad faciem eorum quum aspicies, haud videntur mali. 276ᵇ; der wirt sagt: her gast, das ist guͦt, ich wil darnach luͦgen, wan ich uf stan. Ulenspiegel sagt: daʒ thuͦn, luͦgent umb, ir werden daʒ finden. Ulensp. 79, s. 118 Lappenb.; in sprichwörtlichen oder bildlichen wendungen: einem dörfen under die augen luͦgen, einem dapfer anluͦgen, vultum alicujus sustinere. 276ᵃ; in den seckel luͦgen, inspicere marsupium. ebenda; besich dich selber, luͦg dir in dein kartenspil, nim war wie du lebest. Keisersberg siben scheiden i 1ᵇ;
zum himelpaw halt fast den pflug,
volg Christo und zu rugk nit luͦg.
Schwarzenberg 140ᵇ;
zu etwas lugen, auf etwas seine aufmerksamkeit richten, zu etwas besorgend sehen: dar zuͦ wil ich luͦgen, das wil ich versähen, ego istuc videro. Maaler 276ᵃ; ich will euch getreuw sein, ich will zu euwrem ding lugen, besser dann alle ewere freunde. de fide concub. 114;
solten sie nichts zuͦ beuten han,
sie würden wol von kriegen lan,
oder sunst zu finanzen gar vil,
sie luͦgten bald zum rechten zil.
Murner schelmenz. 10ᵃ;
welcher will, dasz jm geling,
der lug selbs zu seim ding.
Fronsperger kriegsb. 2, 79ᵇ (S. Frank sprichw. 1, 20ᵇ);
da lag do auf dem haberstro
ein alter rech, der het zween zän verloren ..
ein alte segen das ersach,
die hieng hoch oben unterm dach,
sie steig herab, und lugt zu solchem schaden.
Ambras. liederb. 140, 19 (lügenlied);
um etwas lugen: umb gält luͦgen, comparare argentum. Maaler 276ᵇ; umb notwendige ding luͦgen, notwendiger ding halben fürsähung thuͦn, providere rebus necessariis. ebenda; wier kleinen ... solten umb brot und salz luͦgen. Th. Platter 23 Boos; es lugte ein jeder umb ein herberg. buch d. liebe 200ᵈ;
da luogend wir umb unseren teil,
das gelt macht unsere seelen feil.
trag. Joh. B 8;
für einen oder etwas lugen: luͦg für dich, und tracht, was du handlest, vide quid agas Maaler 276ᵃ;
ich sag dirs bawr, lug wol für dich.
Spangenberg fangbriefe F 7ᵃ;
auf etwas lugen: einem auf die eisen lugen (acht haben auf einen), beispiele theil 3, 366;
auf solche ding zu luͦgen.
Melissus ps. D 4ᵃ;
endlich mit trennbaren partikeln auflugen, auslugen, zulugen: da lugt des bürgermeisters knecht oben zu dem fenster ausz. Pauli schimpf 46ᵃ; ich lugte ein weil zu. Frey gartenges. 53ᵇ;
wer mit herren kerschen essen wil,
der lug wol zu, das im die stil
nit unter sein augen polen.
fastn. sp. 538, 26;
drumb lugt wol auf, zu dieser zeit,
dasz jhr nicht durch undankbarkeit,
ausz dem himmel treibt dasz gänszlein.
ganszkönig E 4ᵃ.
e)
lugen mit abhängigem satze, hinsehen, auch zusehen, acht geben: wenn ein oberer in eim closter straft, so luͦgen sie, das sie in umbringen, sie durfen im gift zu essen geben. Keisersberg evang. 1517 23ᵃ; er (der arzt) sol auch luͦgen, das die gesundtheit sein entlich furnemen sei. Dryander arznei 1542 2ᵇ; lug, dasz du nicht durch solche mittel in schand und laster fallest. b. d. liebe 212ᵇ; lug dasz du sicher handelest. 215ᵃ; der (oberste feldprofosz) lugt denn mit hülf desz obersten und seiner trabanten, dasz derselbig ubeltheter dem profosen, unter desz regiment er gehört, uberantwort werde. Fronsperger kriegsb. 1, 61ᵇ;
darumb ich dich jetzund erman,
luͦg das nit sigst ein böser han,
als Karolus Marcellus ist gewesen.
P. Gengenbach Nollhart 715;
darüm wer herscht dürch furcht on lieb,
der luͦg das er kain kurzen schieb.
Schwarzenberg 116ᵃ;
luͦg wer du bist der du freud hast in finsternus und ungewitter. Cyrill 49ᵇ; ier sind werlich ein finer herr, mechtend doch gluͦgt han, was Thoman dätte, er ist krank gsin und noch. Th. Platter 28 Boos; es halt ein raubschiff hinder dem vorberg auf euwer schiff, darumb lug was du zu thun hast. buch d. liebe 201ᵇ;
ir herren, kauft auch mein kremerei!
lugt, was euch hie gefallens sei.
fastn. sp. 373, 14;
der gab mier ein gold guldin, den truͦg ich im hendlin bisz gan Stalden, gluͦget oft under wägen, ob ich in noch hette. Th. Platter 14 Boos; sie legen eim ein federlin uf das mul und luͦgen ob er noch etmet. Keisersberg evang. 1517 146ᵇ; so lief der narr in den stall zu den pferden und luget ob man die pferdt auch sattelt. Pauli schimpf 74ᵃ;
gab Jacob dir nit zuͦ verston,
von Juda wurd nit der zäpter gnon,
es käm dan der der zsenden ist?
luͦg ob das nit sy Jesu Crist.
P. Gengenbach Nollhart 1438;
er ... hatt aber der schuͦll nit vill acht, luͦgt mer wo die hüpschen meitlin waren. Th. Platter 35 Boos; ein hauptmann, der luget, wie er möchte ein argwon und uneinigkeit machen zwischen dem (feindlichen) hauptmann und seinen underthanen. Pauli schimpf 17ᵃ;
so füg dich
von stund und on allen verzug
auf die hohen platten, und lug,
wann der held Teurdank kumt darauf.
Theuerdank 47, 38.
4)
schriftsteller der 1. hälfte des 17. jahrh. verwenden lugen nur noch spärlich: dasz das best aussehen ist in sich selbst lugen. Opel u. Cohn 378 (von 1621);
ein jeder lug, wen er erwischt.
105, 18;
lueg aber, beisz kein zahn nit aus,
thu nicht zu geizig sein.
430, 36 (Wien, von 1624);
(sie) lugt, schaut nach jhm hinumb.
Spee trutzn. 42;
die wort hat kaum vollendet
die weinend büszerin,
zum grab sich wider wendet,
lugt immer hin, und hin.
50;
manch ander mehr uf sein als deinen nutzen lugt (: druckt).
Zinkgref bei Opitz (1624) 181;
einer, welcher weit
verworfen auf der flut das müde haupt erhöhet
und lugt, wo Castor ist, und wo der Pollux stehet,
die meister auf der see.
Opitz 2, 113;
lugen, providere, acht haben, prendre garde Schottel 1359; später zieht es sich ganz in die mundarten zurück: lugen, antiquissimum germanicum vocabulum, ac etiamnum in Svevia, Bavaria, Helvetia et alibi usitatissimum. Stieler 1184; auch Frisch 1, 627ᵇ kennt es nur 'im schwäbischen dialect und andern alten allemannischen gegenden'.
5)
Campe bezeugt, dasz das wort zu seiner zeit aus dem Oberdeutschen in die büchersprache, besonders in rittergeschichten, zurückgeführt worden sei. in der that bringen die gelesensten rittergeschichten aus dem anfang der neunziger jahre des vorigen jahrhunderts lugen mit einiger vorliebe für schauen oder spähen an, entsprechend dem bestreben, ihrer sprache eine alterthümelnde und biedere färbung zu geben, wozu gern ausdrücke aus den süddeutschen mundarten gewählt werden, die dem norddeutschen ohr derartig klingen: und führte sie mich ins haus, und half mir das büffellederne wamms ab, belugt es, und fand manchen tiefen einschnitt drinn. Veit Weber sagen der vorzeit 3 (1792), 47; aus der ferne sah er einen mann kommen, wildes blickes lugte der umher. 91; und was der pfaff dort oben so gewahrlich heraus lugt? Cramer Hasper a Spada 1 (1794) 37; schwazte mit mir, und lugt immer nach burg Ilmen hinauf. 85; die vögel dort oben in den wipfeln der bäume — wie sie lugen! wie sie lugen! 115;
er zwitscherte fröhlich über berg und thal,
und lugt und lugt all überall
nach würmchen auf duftenden blütchen.
s. 29;
seit dieser zeit erscheint lugen wieder, nicht nur wie bei Schiller, wo ein mundartlicher anklang beabsichtigt ist:
lug, Seppi, ob das vieh sich nicht verlaufen.
Tell 1, 1;
sondern auch wo ein solcher gar nicht in frage kommt; immerhin in nicht häufiger anwendung: wo ich die dörfer verfallen und elend und doch die visitatoren nach dem sacke lugen sehe, da gehe ich so schnell als möglich meines weges. Seume spazierg. 2, 158;
es wogte das meer, aus dem dunkeln gewölk
der halbmond lugte scheu.
H. Heine 18, 73;
im walde steht die kleine burg,
aus rohem quaderstein gefugt,
mit schart und fensterlein, wodurch
der doppelhaken einst gelugt.
A. v. Droste-Hülshoff ged. (1873) 218.
lügen verb
Fundstelle: Lfg. 7 (1881), Bd. VI (1885), Sp. 1272, Z. 64
mentiri.
I.
Formelles.
1)
goth. liugan; ahd. liogan, mhd. liegen; alts. altnfr. liogan, liagan, niederl. liegen, niederd. lêgen; ags. leógan, altengl. leghe, leighe, leyen, lien, neuengl. lie; fries. liaga; altnord. liuga, schwed. ljuga, dän. lyve; ein durch alle germanischen sprachen gehendes wort; sein nächster auswärtiger verwandter ist altslav. lŭgati lügen, lŭża lüge (Fick² 541). als eigentliche bedeutung wird verhüllen, verbergen angenommen, gestützt auf das im inf. gleichformige, schwacher conjugation folgende goth. liugan, prät. liugaida (fries. logia, prät. logade) heiraten, bei welcher handlung das haupt der braut verschleiert oder mit einem tuche verhüllt wurde, vgl. Weigand wb. 1, 976.
2)
wandelung der präsensformen. im altalemannischen zeigt sich, unter einflusz des stammschlieszenden g, der diphthong iu mehrfach da, wo sonst die form io haben sollte, im inf., indicativ plur. und conjunctiv: kelaubu liugant (lies liugan) cote fidementiri deo. Benedictinerregel bei Hattemer 1, 35ᵇ; so liugent sie dir (mentientur tibi inimici tui). Notker ebenda 2, 220ᵃ; ein nachklang dieses brauches ist in späteren alemannischen quellen ein im infinitiv erscheinendes ü: welcher den andern frefenlich haiszet lügen oder in sunst mit bösen worten und schalkhaftigen worten mishandelt. weisth. 5, 170 (St. Gallen, 15. jh.); frävenlich lügen. 174 (ebendaher, von 1435); lügen, mit luge umbgon, ementiri, mentiri u. s. w. Maaler 275ᵈ (liegen, lügen, mentiri 273ᵃ); das auch sonst im präsens waltet: da sprach der vater: lügt er auch? Keisersberg brösaml. 1, 92ᵇ; nun lügt gott nit. Zwingli in Wackernagels leseb. 3, 1, 254; welches aber mit dem ü, das die schriftsprache in lügen zeigt, in keinem zusammenhange steht. denn die ältere infinitivform der schriftsprache ist vielmehr liegen, entsprechend der mhd. infinitivform, es ward seit dem 15. 16. jahrh. conjugiert ich liege, du leugst, er leugt, wir liegen. (gegen mhd. liuge, liugest, liuget, liegen): ich sage die warheit in Christo, und liege nicht. 1 Tim. 2, 7; du leugest, der herr unser gott hat dich nicht zu uns gesand. Jer. 43, 2; wenn ein armer hoffertig ist, und ein reicher gern leuget. Sir. 25, 4; so liegen wir, und thun nicht die warheit. 1 Joh. 1, 6; lieget nicht unternander. Col. 3, 9; gott ist nicht ein mensch, das er liege. 4 Mos. 23, 19; imper. leug 2 kön. 4, 16; und so noch im 17. jahrh.: ich liege, du leugst, er leugt, wir liegen Schottel 589; auf der schreibung liegen beruhen die wortscherze fliegen ohne f (oben theil 3, 1212 no. 10), und, von liegen, früher ligen jacere gesagt, liegen ohne e, vgl. oben sp. 999 unten. in der 2. hälfte des 17. jahrh. aber kommt lügen bei norddeutschen schriftstellern empor; sie, denen liegen mentiri von liegen jacere in der aussprache nicht verschieden ist (beide haben ihnen langes i), fühlen das bedürfnis einer formellen unterscheidung für auge und ohr, knüpfen daher an lüge mendacium an und führen namentlich die schreibung lügen durch, für die jedoch vereinzelt auch frühere beispiele; so schon bei Ayrer:
weil jhr so dapfer lügen kündt.
305ᵇ (1524, 22 Keller);
Schuppius: ich heisze dich nicht lügen. 591; und Logau:
das alter kan er lügen (: wiegen).
3, 132, 74;
doch neben liegen:
drumb so schickt sich liegen, triegen,
auch so fein zu unserm kriegen.
1, 18, 55;
Stieler 1148 verlangt die erstere schreibung: lügen, non liegen, quod est cubare; und zu ende des 17. jahrh. sind demgemäsz die präsensformen ich lüge, du leugst, er leugt, wir lügen, inf. lügen im schwang:
man leugt bisweilen nach der mode,
und nach der mode lüg auch ich ...
ihr narren lügt, so will ich lügen,
bis dasz wir alle kappen kriegen.
Günther 921;
der pöbel leugt gar oft.
972;
die noch in der mitte des vorigen jh. die üblichen sind, zu welcher zeit dann die für die 2. 3. sg. bis heute üblichen formen lügest, lüget, imper. lüge (statt früherem leug) sich zu verbreiten anfangen: ich lüge, du leugst, er leugt .. leug! auch hier sagen einige du lügest, er lüget, lüge! Gottsched kern der deutschen sprachkunst (1753) 157; schon Frisch (1741) 1, 627ᵇ gibt wer gern lügt, stielt gern, und: du lügst in deinen hals hinein. doch hält sich leugst, leugt noch länger, namentlich bei dichtern:
das leugst du, Polt, in deinen hals,
das leugst du als ein schelm.
Lessing 1, 16;
natur, so leugst du nicht!
2, 222 (Nathan 1, 5);
das leugst du, verräther! das leugst du mir vor!
Bürger 33ᵇ;
o Atreide, du leugst, und weiszt es selber viel besser!
Stolberg 11, 134.
3)
schwache form des präteritums ist ganz vereinzelt:
ha! wenn meine augen mir nicht lügten, (: niebesiegten)
das ist eines Römers gang.
Schiller räuber 1, 5.
II.
Bedeutung.
1)
von personen, eine wissentliche unwahrheit sagen: liegen ist, da ein mensch anderst redet denn er gedenket. Keisersberg seelenpar. 92ᵈ; in absoluter stellung: ir solt nicht stelen, noch liegen, noch felschlich handeln, einer mit dem andern. 3 Mos. 19, 11; ein trewer zeuge leuget nicht, aber ein falscher zeuge redet dürstiglich lügen. spr. Sal. 14, 5; gott und der vater unsers herrn Jesu Christi .. weis, das ich nicht liege. 2 Cor. 11, 31 (goth. guþ jah atta fraujins Iêsuis .. vait, þatei ni liuga); es ist unmüglich, das gott liege. Ebr. 6, 18; roszteuscher und krämer, die nicht liegen (unter den dingen, die nicht zu finden sind). Fischart groszm. 53;
nerst du dich mit der kremerei?
du leugst, du pettelst oft dar bei.
fastn. sp. 478, 22;
im gegensatze zum reden der wahrheit: ich sage die warheit in Christo, und liege nicht. Röm. 9, 1 (goth. sunja qiþa, ni vaíht liuga); der teufel leuget, wenn er gleich die wahrheit saget. Luther tischr. 283ᵇ; darzu ist dir wol bekannt, dasz wir nicht liegen, sonder was wir reden, das ist die warheit. b. d. liebe 224ᵈ; nein, nein, er leugt, es ist nicht wahr. Schoch stud.-leb. E 5; wann dich einer schilt und sagt, du seiest geizig, du seiest versoffen, du seiest gottlos, so verdreust es dich, und antwortest alsobald in deinem zorn: das ist nicht wahr, du leugst. Schuppius 312; formelhaft mit trügen, betrügen verbunden: das des bapsts gesindlin treuget und leuget. Luther 6, 359ᵃ; gott ist warhaftig und leugt noch treuget nicht. tischr. 233ᵃ; er hab kürzlich einen haufen gottloser procuratoren gesehen auf der canzelei, die haben so artig liegen und die leut betriegen können. Schuppius 306;
wer ist der, der nie gelouc,
und den nie lüge betrouc?
Freidank 169, 20, vgl. 165, 21 ffg.;
es heiszt lügen können, wie gedruckt; er lügt, wie wenns gedruckt wär, er stiehlt wie wenns erlaubt wär. Simrock sprichw. 354; frevelhaft, unverschämt, niederträchtig, schamlos, boshaft lügen; sie liegen zu grob und unbehende, das mans wol greifen kan. Luther 8, 88ᵃ;
tröum, märlin und unnütz gschwätz
kan ich, noch nieman, drin verston (in der bibel),
der nit meisterlich liegen kan.
N. Manuel 180, 1304 Bächtold;
du must nit also gröblich liegen.
Fischart nachtrab v. 1550;
lügen, dasz sich die balken biegen, vergl. die beispiele unter balke 1, 1089; es bezieht sich auf formeln wie eine last, einen ganzen haufen lügen, unten no. 3:
sagent von gar seltzammen sachen
und liegen das die balken krachen.
Wickram bilg. L 3;
ich log dick, dasz die balken stoben.
Val. Andreae;
do Egg und sin gsell Faber log,
dasz sich der berg Runzefal bog.
N. Manuel 215 Bächtold;
wen ik schon hören schold, dat jemand würde legen,
dat sik de balken, ja dat ganze hus möcht bögen,
so wold ik seggen bald: it kan wol sin, min heer,
ik wil gelöven wol.
Lauremberg 1. scherzged. 379;
in andern sprichwörtlichen redensarten: krämer liegen gern. Agr. spr. 322ᵃ; singer, buler und poeten liegen gern. ebenda; grosze herrn, alte, und weit gewanderten liegen mit gewalt. 336ᵃ; wer gern leugt, der stihlt auch gerne. Pistorius thes. par. 6, 73; wer lügen will, musz ein gut gedächtnis haben. wer lügen will, vergesse vor ende nicht seines anfangs. wer lügen will, der solls nicht krumm drehen, damit ers auch fiedern könne. Simrock sprichw. 353; mancher lög einen ganzen tag, und ständ auf einem bein dazu. 355; wer lügen will, sagt man, musz sich erst selbst überreden. Göthe 14, 103;
wann man anfängt zu kriegen,
so fängt man auch an zu lügen.
Pistorius thes. par. 6, 80;
wer einmal lügt, dem glaubt man nicht,
und wenn er auch die wahrheit spricht.
Simrock sprichw. 355;
eine die gläubigkeit derb abwehrende formel ist ei, so lüge du und der teufel!;
lügk das dich tusent bül an kum!
Murner geuchm. y 2ᵃ;
nun lieg, dasz dich
gott mach zu schanden offentlich.
Fischart nachtrab 1843;
betheuernd heiszt es ich will gelogen haben: beim Velten! herr, wenn sie sie nicht für einen narren hat, so will ich gelogen haben! Wieland 11, 189; einen lügen heiszen, in der älteren sprache, sagen dasz einer lüge: wer den andern mishandelt mit fräflen worten ald haiszet liegen oder beschalket. weisth. 5, 183 (St. Gallen, von 1462); wer der wær, der den andern heiszet liegen, es sig an gericht oder anderswa, und sich denn erfint, das er disem unrecht getoun hout. 218 (Schwarzwald, von 1443); hat also Strabo ursache den Eratosthenes lügen zu heiszen, welcher, wie viel unwissende leute heutiges tages auch thun, gemeinet, es begehre kein poet durch unterrichtung, sondern alle blosz durch ergetzung sich angenehme zu machen. Opitz poeterey 3;
er (der angeklagte) hiesz in (einen falschen zeugen) so fräflichen liegen
wol zuͦ der selbigen stund.
Uhland volksl. 306;
vons glaubens wegen new und alten,
will jede part den kib behalten,
heiszen ein andern heszlich liegen.
Fischart die gelehrten die verkehrten v. 1699;
lügen heiszen aber auch befehlen, dasz einer lüge; und darum mehrmals mit witziger zweideutigkeit: ich lügenstrafe jn ja nicht allein (denn er zürnet seer, wenn ich jn liegen heisze, wiewol ers vom jm selbs und ungeheiszen thut). Luther 6, 9ᵇ; der mückenseiger sagt ferner, das sei meiner gröszesten tugend eine, dasz ich ehrliche leute unverschamter weise heisze lügen etc. aber du mückenseiger ich heisze dich nicht lügen, du leugst ohne mein geheisz, dasz du mir in diesem pasquill dinge nachsagest, welche erstunken und erlogen sind. Schuppius 591. An stelle des persönlichen subjects tritt das sprechende glied: deine zunge lügt; mein mund lügt nicht; der mund, so da leuget, tödtet die seele. weish. Sal. 1, 11;
der verwirrung feuer,
das sonst mir auf die wange flog,
wann mund und blick, gestraft vom herzen, log.
Gotter 1, 287.
2)
lügen, mit persönlichem dativ:
'sich, got der gebeʒʒer dich,
ob du mir nû liegest
und mich gerne triegest.'
vrouwe, hân ich iu gelogen,
sô bin ich selbe betrogen.
Iwein 1947;
da sprach Delila zu Simson, sihe, du hast mich geteuscht und mir gelogen. richt. 16, 10; und er sprach, umb diese zeit, uber ein jar, soltu einen son herzen. sie sprach, ah nicht, mein herr, du man gottes, leug deiner magd nicht. 2 kön. 4, 16; und heuchelten jm mit jrem munde, und logen jm mit jrer zungen. ps. 78, 36; ich habe einst geschworen bei meiner heiligkeit, ich wil David nicht liegen. 89, 36; warumb hat der satan dein herz erfüllet, das du dem heiligen geist lügest? ap. gesch. 5, 3; du hast nicht menschen, sondern gotte gelogen. 4; laszt uns ... einen andern gott suchen, der uns nicht so leuget und treuget. Luther 5, 165ᵃ; Christus mein herr, wird mir nicht liegen. 6, 119ᵇ;
das der reich dem armen leugt.
fastn. sp. 293, 10;
ein heuchler leugt nicht uns, er leugt ihm selbsten so,
wil ihm zu nutz, nicht uns, durch lügen werden froh.
Logau 3, 189, 90;
reiszt mich bei diesem grauen haar zur schmach,
zum martertod, wenn ich dem volke lüge!
Gotter 2, 314;
freilich bin ich ein sündiger mensch; doch red ich die wahrheit.
könnt es mir nutzen, wenn ich euch löge?
Göthe 40, 71.
3)
lügen, mit sächlichem accusativ, etwas lügen, lügend vorbringen, sagen:
liuget er, si liegent alle mit im sîne lüge.
Walther 33, 17;
es sagt auch niemand ein ding nach, wie ers gehört hat, man leugt allwegen mer darzu. Pauli schimpf 73; er versprach, reinen mund zu halten, und hielte es nicht nur schlecht weg, sondern log noch einen solchen haufen dings darzu, was er nemlich wehrender action von spectra gesehen, dasz die, so mich vorm hause nur gehöret hatten, alles glaubten. Simpl. 3, 218 Kurz; log ihr darauf einen ganzen lastwagen voll vor, was maszen ich sie, die beschlieszerin, schon vor langer zeit hero inbrünstig geliebt ... hätte. 4, 49; ich will doch nimmermehr glauben, dasz ich von ohngefähr die wahrheit sollte gelogen haben? Lessing 1, 334; nicht wahr, sie lögen selber ein gesetzchen, wenn sie so eine dose verdienen könnten? 335;
du bleibst ein blöder held, der in geheim betreugt,
ob er gleich öffentlich viel güldne berge leugt.
Canitz 137;
habe nichts dagegen, dasz ihm so sei;
aber dasz michs erfreut,
das müszt ich lügen.
Göthe 4, 355;
was er auch lügt, ich tränk es ihm ein.
40, 214;
wie erlügen theil 3, 908, lügend erdenken: und nu sihe, ich mus sterben, so ich doch solchs unschüldig bin, das sie böslich uber mich gelugen haben. Sus. 43; ein heuchlerischer mönch, den sein orden durch gelogene wunder gern zum heiligen geprägt hätte. Klinger 3, 18;
ob daʒ selbe mære
wâr ode gelogen wære.
Iwein 2534;
das leugst du, Plump von Pommerland!
Bürger 54ᵃ;
das lügt er! was! am rand des grabs zu lügen!
Göthe 12, 153;
und, mit persönlichem dativ (oben 2): dise welt lügt dir friden, freud, ruw und dergleichen. Keisersberg narrensch. 95ᵇ;
und haben sie vieles
mir im rücken gelogen, so bleib ich ruhig.
Göthe 40, 60.
4)
eine alte und seltene bedeutung dieses transitiven lügen, mhd. einem ein dinc liegen, es ihm abläugnen (beispiele von Bech Germ. 8, 470 gesammelt), hat vielleicht im nhd. einen vereinzelten nachklang, insofern bei Logau etwas lügen etwas wegläugnen, wegtäuschen heiszt, wobei doch auch die bedeutung unten 9 einspielt:
ein bleikamm schwerzt die haare,
doch jüngt er nicht die jahre:
das alter kan er lügen,
hilft aber nicht zum wiegen.
3, 132, 74.
5)
lügen mit adverbien oder präpositionen der richtung, des verhältnisses, oder auch der wirkung; so auf jemand lügen: man leuget gern auf die leute, drumb gleube nicht alles, was du hörest. Sir. 19, 15; noch werden sie uf mich liegen, und sagen was sie wöllen. Ulensp. 2 s. 4 Lappenb.;
denn weil die münch so gar gewonen
zu liegen und niemand verschonen,
auch nicht der frommen ehren leut,
so mus ich warlich gleuben heut,
das sie auch auf Dominicum
viel liegen hie umb und umb.
Fischart von Dominic. leb. 3940;
du hast mir so vieles
übel gethan, gelogen auf mich, mir das auge geblendet.
Göthe 40, 217;
wenn ihr niemanden schindet und plagt,
neque calumniam faciatis,
niemand verlästert, auf niemand lügt.
Schiller Wallensteins lager, 8. auftr.;
an etwas lügen, in bezug auf etwas die unwahrheit sagen: selig seid jr, wenn euch die menschen umb meinen willen schmehen und verfolgen, und reden allerlei ubels wider euch, so sie daran liegen. Matth. 5, 11; das beide, Jüden und Türken, .. uns christen schelten, als die wir mehr denn einen gott hetten. so sie doch billich wissen solten, das sie daran offenberlich und schendlich liegen. Luther 6, 545ᵇ; und wo sie klagen, das sie jemand anders, denn sie selbs sich entsetzt haben, so liegen sie dran. 8, 5ᵃ; ich hab daran gelogen, dasz ich gesagt ... b. d. liebe 225ᵈ; anders an jemand (acc.) lügen, wie auf jemand:
all stend mit lügen er beschwerd
und leuget an die oberkeit,
reizt an zu krieg und grewligkeit.
Fischart von St. Dominici leb. v. 1583;
von etwas lügen: darumb sagt man, wer liegen wil, sol von fernen landen oder alten dingen liegen, so kan mann jhm nicht nachfragen. Agr. spr. 336ᵇ; wer von fernen landen lügt, der lügt mit gewalt. Simrock sprichw. 353; in seinen beutel lügen, zu seinem vortheile: spiegelt er der närrin solide absichten vor — noch besser — so seh ich, dasz er witz genug hat, in seinen beutel zu lügen. Schiller cab. u. liebe 1, 5; ins blaue lügen, aufs geratewol, vgl. dazu unter blau 2, theil 2, 82; ähnlich: ihr lüget dem teufel an das bein. Gödeke d. dicht. im mittelalt. 278ᵇ;
leugt weidlich in das reich hinein.
B. Ringwald laut. warh. 75;
was brauchst du, ehrlicher alter,
so in den wind zu lügen?
Odyss. 14, 365 (μαψιδίως ψεύδεσθαι);
und in noch manchen anderen, eine wirkung betonenden fügungen: einem die haut voll lügen, vgl. unter haut theil 4², 705 oben;
las dich nicht betrign,
die zung dir aus dem hals zu lign.
B. Ringwald laut. warh. 117;
das ungemach der reise klein,
die armuth aber grosz zu lügen.
Gökingk 1, 199;
so, wahrlich, hielts mit seinem feinde nicht
Achill, den du zum vater dir gelogen.
Schiller zerstörung von Troja 95;
ein wort
von dir, und der betrüger ist vernichtet,
der sich verwegen lügt zu deinem sohn.
Demetrius 2, 1;
habe mich mit liebesreden
fest gelogen an dein herz.
H. Heine 15, 163;
wie künstlich ers anlegte, mich in seinen willen hineinzulügen! Schiller Fiesko 3, 10; was man heraus lügt, kann man nicht wieder hinein lügen. Simrock sprichw. 353.
6)
häufig ist die verbindung in seinen hals lügen, vergl. erklärung und beispiele unter hals 11, c theil 4², 254: sie ligen in ir häls, sprach der schreiner, ich hab jn (den schrein) nicht verkaufet. Bocc. 1, 249ᵇ;
in din hals lügst als grosz du bist.
Birck Sus. e 2ᵇ;
gots urteil sol dich recht erhaschen,
dann du in deinen hals tust liegen,
damit du dich wirst selbs betriegen.
P. Rebhun Susanna 5, 4, v. 285;
sie sprach du leugst in deinen hals.
Ambras. liederb. no. 131, 14;
du lügsts in dinen hals hyn yn.
Murner geuchm. 4ᵃ;
du lügst in den hals,
wie die stimme des schalls.
Arndt ged. (1840) 56;
ähnliche formeln: ihr lieget durch euer maul und rachen. buch d. liebe 273ᶜ (vgl. ital. mentire per la gola); du bist ein schalk wenn du disz redest, und läugst in deine kähle, alles was du sagest. A. Gryphius 1698 1, 885 (säugamme, aus d. ital.);
der hürsuns paur leugt in sein mund.
fastn. sp. 349, 2;
ja jene taube leugt mich an,
sie sicht mich für ein andern an,
sie leugt in iren roten schnabel.
Uhland volksl. 142;
der leugt es in sein herz hinein.
B. Ringwald tr. Eck. K 6ᵃ;
herr ritter, glauben sie nur
dem häszlichen menschen kein wort! er lügts in seinen rachen!
Wieland 4, 181 (n. Amadis 8, 15);
die rechtssprache des mittelalters nannte es wider in sich liegen, wenn einer eine über jemand herausgebrachte lüge widerrufen muste: derselb pöswyt (bösewicht) gewis machen sol, das er die frawen oder man, die er angelogen hat, rain mach mit der zung, da er lug mit geredt hat, das er das wider in sich leuge, vor der kirchen oder vor offem rechten. Mühldorfer stadtrecht (14. jh.) im anz. des germ. mus. 1858 sp. 261.
7)
unpersönliches es lügt sich, es wird gelogen, man lügt:
die ursach hör ich itzt, dir sei zu ohren kommen,
als hätt ich Amnien in meine gunst genommen.
nein. liecht, nein, gläub es nicht. es leugt sich itzund viel.
P. Fleming 649;
drum lügt sichs gut aus einer solchen fern.
Wieland 9, 129.
8)
lügen, mit sächlichem subject, von schriften, zeichen, worten, empfindungen, die als die unwahrheit sagend dargestellt werden:
ob uns daʒ buoch niht liuget,
sô was alsô erziuget
der selbe boumgarte,
daʒs uns mac wundern harte.
Erec 8698;
denn jr solt nu fort inne werden, das keine gesicht feilen, und keine weissagung liegen wird, wider das haus Israel. Hes. 12, 24; so sind diese und dergleichen trostsprüche je alle war, und liegen uns nicht. Luther 5, 7ᵃ; dieser vers wird nicht liegen, es ist gut auf den herrn trawen. 53ᵃ; der krieg verfälscht mit seinen gewaltbewegungen auf einige zeit die gewissenregungen, wie das erdbeben die magnetnadel irrig und lügend macht. J. Paul friedenpr. 15;
ich glaub indesz, was mein balbier bezeugt,
was wir im Faust und im kalender lesen;
und kein kalender leugt.
Uz 1, 199;
wie der kamäleon, wenn der bericht nicht lüget,
sich ohne speis und trank blosz an der luft begnüget.
Wieland 1. suppl.-band s. 343;
aus dem gespräche verschwindet die wahrheit, glauben und treue
aus dem leben, es lügt selbst auf der lippe der schwur.
Schiller spaziergang v. 150;
dieweil sich das vätterlich herz nit verbergen kundt, und das geblüt nicht leuget. buch d. liebe 225ᵇ; die muthwillige phantasie glühender poeten lügt sie (die natur) zum ungeheuer. Schiller 699ᵃ;
er fraget von ihm selbst sein herze das nicht leuget,
nicht schmeichelworte giebt.
Opitz 1, 64;
wie lügen 2:
er hofft Rosinen dort zu finden,
und dieses mahl lügt ihm die hoffnung nicht.
Wieland 21, 275;
o! ruft der alte, der ihm zu füszen fällt,
so log mein herz mir nicht!
22, 18 (Oberon 1, 26);
arglistig herz! du lügst dem ewgen licht,
dich trieb des mitleids fromme stimme nicht!
Schiller jungfrau 4, 1;
in den folgenden begriff des verbums übergehend:
nein! glaubt unsern worten nicht!
glaubt dieser that! sie kann, sie kann nicht lügen.
Gotter 2, 314.
9)
lügen in freierer bedeutung, so dasz es nicht sowol auf eine täuschung durch worte, als durch geberden und betragen geht, wie sich verstellen, heucheln (no. 3, theil 4², 1280); mit persönlichem subject: wenn er den glauben an einen künftigen weltrichter lügt. Kant 5, 261; wer den thron nicht selbst ausfüllen kann, ist des glanzes unwerth, den er um ihn lügt. Klinger 2, 6; schon damals, als wir noch jünger mit würfeln spielten, und die haufen goldes, einer nach dem andern, von seiner seite zu mir herübereilten; da stand er grimmig, log gelassenheit, und innerlich verzehrte ihn die ärgernis. Göthe 8, 287;
(der ritter zielt) zuletzt so gut,
dasz, wie der unhold eben
zum greif sich log,
sein kopf   zusammt dem schopf
auf dreiszig schritte flog.
Wieland 18, 343;
ein kluges liebchen lügt zuweilen sprödigkeit,
und flieht, wenn wir sie küssen wollen.
2. suppl.-band s. 35;
bei spielen und scherzen
bestreb ich mich, freude zu lügen.
Gotter 3, ⅬⅩⅩⅤⅠⅠ;
das ist deine liebe!
deswegen logst du tückisch mir versöhnung!
Schiller braut von Mess. v. 1902;
manigfach auch mit sächlichem subject (vgl. dazu oben 7): wo manche nebelbank und manches bald wegschmelzende eis neue länder lügt. Kant 2, 236; an einem der schönen tage, an welchen der scheidende winter den frühling zu lügen pflegt. Göthe 17, 294; weil, bei einer näheren bekanntschaft mit den herren, der nimbus von ehrwürdigkeit und heiligkeit wegschwindet, den uns eine neblichte ferne um sie herum lügt. 8, 38; eine tödtliche indolenz lügt baldige genesung. Schiller 695ᵇ;
ihm ist ein wechselbalg, der tiefsinn lüget,
jetzo untergeschoben.
Klopstock 2, 215;
so künstlich ihr gesicht bei licht und in die weite
sich dreiszig jahre jünger log.
Wieland 17, 289 (Idris 5, 63);
wann vor schmerz die seele schauert,
lüget meine stirne ruh.
Gotter 1, 12;
du lügst nur den himmel,
welle! dein herrliches blau ist mir die farbe der nacht.
Göthe 1, 297;
fern erblick ich den mohn; er glüht. doch komm ich dir näher,
ach! so seh ich zu bald, dasz du die rose nur lügst.
392;
gerne wollt ich dich (malve) begrüszen,
blühtest du nicht rosenfarb,
lögst du nicht das roth der süszen,
die noch eben glüht und starb.
Uhland ged. 54;
und lügt mir nicht das kleid, in dem du wandelst,
so führe mich zur wohnung der geduld,
ins kloster führe mich (herzog zum weltgeistlichen).
Göthe 9, 325;
ihr (der satire) nachtrab, das pasquill, stiehlet nur noch den goldstücken die ränder, um daraus mit lügenden händen falsche münzen zu prägen. J. Paul grönl. proz. 2, 66; das lügende betragen des kammerherrn. Hesp. 4, 25;
der Korse, der lügenden frieden bat.
fliegendes blatt von 1813;
hüllt sein zusammengeschrumpftes gerippe in prächtige kleider, um ihm einen gelogenen glanz zu geben. Klinger 3, 208; die gelogene pracht. 2, 21.
10)
der infinitiv in substantivem gebrauche:
nu sag an liebiu mære:   jâ gib ich dir mîn golt,
tuostuʒ âne liegen,   ich wil dir immer wesen holt.
Nib. 224, 4;
alle laster nemen ab, aber liegen nimpt allwegen zu. Keisersberg brösaml. 1, 91ᵇ; man spricht, bulen, liegen und stelen hangen an einander. Pauli schimpf 73; lügen und stehlen gehen mit einander. Simrock spr. 354; hülfe lügen, so würde keiner gehangen. ebenda; dasz etliche alte hexen hie und da saszen, die junge im wahrsagen oder vielmehr im liegen zu underrichten. Simpl. 3, 176 Kurz; in der kurzen zeit, die man mir zum lügen liesz, hätte ich gewisz auf nichts bessers fallen können. Lessing 1, 334; ich werde sagen, dasz ich gelogen habe, und dasz es eine hundsföttsche sache ums lügen ist. 555; und es ist schändlich von so einem herrn, wenn so ein herr immer lügen thut. das lügen ist für uns geringe leute, wir können oft nicht darüber hin. Immermann Münchh. 2, 32;
di entlich kunst der alchamei
ist stelen, liegen, triegerei.
Schwarzenberg 120ᵇ;
mit liegen, schweren, falscher war,
hab ich genert mich manche jar.
137ᵇ;
und doch so jemerlich betriegen
das arme volk mit jhrem liegen.
E. Alberus fab. (1550) 160;
es ist dein hart verstockter sinn,
der dich zum liegen leitet.
P. Gerhard 58, 233 Gödeke.
Zitationshilfe
„lugen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/lugen>, abgerufen am 23.02.2018.

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