Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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lulle, lülle, m.

lulle, lülle, m.
narr, dummkopf; angelehnt an lullen saugen (s. nachher), so dasz eigentlich etwa ein an den fingern saugender gemeint sein wird; als eigenname: nun war dozumal zu Rordorf ein einfeltiger mentsch, hiesz Hainrich Klenker, er ward aber nun der Lulle genannt. Zimm. chron. 2, 357, 2; und ist ein groszer argwon gewesen, er hab den Lullin uf dem weg ermurdt. 357, 8; als appellativ:
da stet er (der geputzte landsknecht) wie ein lüllen
in seim zerhackten kleid.
Uhland volksl. 528.
vergl. dazu löll, lölle sp. 1143 fg.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1881), Bd. VI (1885), Sp. 1287, Z. 57.

lullen, verb.

lullen, verb.
1)
saugen, wie ein kind an der brust, lutschen: wir alten menschen sugent noch dütlin wie die jungen kind, und ligen daran zu lüllen, der lült an der fleschen, der lült an unkeuschheit. Keisersberg brösaml. 2, 23ᵇ; ze sugen, ze lullen, wie die jungen hund an der breckin. ders. narrensch. 145ᵇ; die kind lüllend an dem düttle, zeühend redlich, saugend, trahunt ubera infantes Maaler 93ᶜ; nun in solchem seugenden stand ist er gestanden bisz auf ein jar und zehen monat: nicht lenger hat er den brüstlichen saft, ziehender und lüllender weisz ersogen. Garg. 111ᵃ. diese in der schriftsprache nur noch im 16. jahrh. bezeugte bedeutung lebt mundartlich weit verbreitet: alem. lullen, lüllen, saugen, mit luller, lüller, lülli, saugbeutel und mensch, kind, das saugt Stalder 2, 184; lulle, lülle, mit lippen und zunge saugen, auch naschen Seiler 195ᵃ; bair. lullen, lambere, sugere linguam, digitum etc. prompt. von 1618 bei Schm. 1, 1469 Fromm., tirol. lullen, saugen (an den fingern, mit der zunge lullen, wie die kinder). Schöpf 402; kärntn. lullen, an den fingern saugen Lexer 182; nassauisch lullen, an den fingern saugen, den speichel lecken Kehrein 267; auch niederl. lullen, saugen, mit lul, saugröhre, saugflasche; niederd. lulken subinde sugere, subinde potitare Schottel 1359.
2)
lullen, eine melodie leise vor sich hinsingen, ohne text leise singen; das ist zuerst aus nördlichen gegenden im 17. jahrh. bezeugt: lullen, sonum imitari Schottel 1359, ebenso Stieler 1185 (siebenbürgisch rührt an lûlen singen Fromm. 4, 194; tirolisch lullen, ludlen, lullitzen lallen Schöpf 402; schweiz. lullen heulen Stalder 2, 184; vergl. dazu niederl. lollen, lullen aus Kilian unter löll sp. 1144, und unten lullenpfeife), und wird aus der ammen- und kindersprache gern von neueren dichtern übernommen; es heiszt ein lied, einen gesang lullen:
als die erscheinungen jezo verdämmerten, weinte das mägdlein,
zuckend empor mit der hand; und die wärterin lullte vergebens
heiseren wiegengesang.
Voss 2, 21;
und es hat der goldne Tajo
ihm sein wiegenlied gelullet.
H. Heine 18, 177;
einen in schlaf, in träume lullen, vgl. einlullen theil 3, 229: wie oft lull ich mein empörtes blut zur ruhe. Göthe 16, 10; da die bewohner jener gegenden ... sämmtlich operose, in handarbeit versunkene, materialem gewinne hingegebene menschen sind, die man eigentlich über ihre körperlichen und geistigen unbilden nur in schlaf zu lullen braucht. 56, 172;
leere hoffnung! nach der abendröthe
meines lebens einst im ulmenhain
süsz in schlaf durch dich gelullt zu sein!
Bürger 76ᵇ;
hier liegt ja deine laute noch, Diora:
es kann musik allein den tiefen schmerz
in lange nachtigallentöne ziehn,
und lullend ihn in wiegenlieder flöten.
Platen 213;
und rufet empor
den romantiker, der in melodischen traum
sein dasein lullt!
280.
3)
mundartlich bedeutet sonst noch lullen den harn lassen, so schlesisch, in der kindersprache auch lullu machen Weinhold 55ᵃ; in Leipzig lullêen, harnen, auch lullee (lullu) machen Albrecht 163ᵇ; und anderwärts, das alter dieser bedeutung bezeugt unten lüllpott. die umgelautete form lüllen, lillen heiszt in Schlesien den speichel flieszen lassen, geifern Weinhold a. a. o.
4)
zu dem tonworte lullen treten als nächste verwandte die unter lallen (3 und 4 sp. 82), so wie unter löll sp. 1144 aufgeführten wortreihen; auch das tonwort ludeln sp. 1231 ist hierher zu ziehen. vgl. ferner nudeln und nullen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1881), Bd. VI (1885), Sp. 1287, Z. 67.

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Zitationshilfe
„lullen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/lullen>, abgerufen am 18.01.2022.

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