Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

lungern, verb.

lungern, verb.
1)
gierig aufpassen, auf etwas gierig sein, auf gelegenheit lauern, seine lüsternheit zu befriedigen: die gesellen lungerten nach guter nachricht. Bechstein märch. 116; mit den alten (fröschen) sitzt die hoffnungsvolle jugend lungernd am gestade oder in den grünen cajüten der wasserpflanzen. Tschudi alpenwelt 56;
so lang ein edler biedermann
mit éinem glied sein brot verdienen kann,
so lange schäm er sich, nach gnadenbrot zu lungern!
Bürger 79ᵇ (von 1787);
er ritt, wann die hähne das morgenlied krähn,
um wieder am dienste des hofes zu stehn,
zur stunde der lungernden magen.
80ᵇ (von 1788).
2)
faul umherstehen, faullenzen, vergl. herumlungern theil 4², 1180:
dann kannst du mit behaglichkeit
die gute, liebe lebenszeit
nach deiner eignen weise lungern.
Seume ged. 84;
da soll ich ohne arbeit lungern.
Kotzebue das liebe dörfchen;
an rostger kette liegt das boot;
das segel träumt, das ruder lungert.
Freiligrath dicht. 3, 147.
das verbum, erst seit ende des vorigen jahrh. in die schriftsprache aufgenommen, ist mundartlich weit verbreitet; es schlieszt sich an das unter lunge sp. 1303 aufgeführte adjectiv ahd. lungar, mhd. lunger an, das tirolisch noch lebt, sich aber von dem begriff des elastischen zu dem des weichen, milden, lockern gewendet hat (Schöpf 403); die mundarten haben theils von der ersteren bedeutung, theils von der letzteren her einen bildlichen verbalen ausdruck geschaffen; das elastisch-schnelle hat die vorstellung des sprungbereiten lauernden, das weiche die vorstellung des schlaffen und faulen erstehen lassen. die beiden bedeutungen aber sind in den mundarten sehr verschieden vertheilt: im bremischen lungern nur sich merken lassen, dasz man etwas gern hätte, seine begierde nach etwas durch eine bettelnde gebärde zu erkennen geben. brem. wb. 3, 99; in der Altmark dagegen nur faullenzen mit dem nebenbegriff des häufigen liegens aus faulheit. Danneil 129ᵇ; ebenso im Göttingischen lungern und lummern, sich ohne arbeit herumtreiben, müszig gehen, faulenzen. Schambach 127ᵇ; daher am Fallersleben lungerdei faulenzer. Fromm. 5, 155; im holsteinischen aber lungern faullenzen und auf etwas begierlich lauern, erbetteln. Schütze 3, 58; in Leipzig lungern nach etwas, sich sehnen, läppern, herumlungern, müszig gehen, sich herumtreiben, um etwas zu erschnappen. Albrecht 164ᵇ; im hennebergischen lungern, müszig stehen. Fromm. 3, 133; tirolisch lungern müszig herumstehen. Schöpf 403. das englische lounge faulenzen hat als eine aus dem romanischen übernommene bildung mit lungern nichts zu thun.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1881), Bd. VI (1885), Sp. 1306, Z. 7.

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Zitationshilfe
„lungern“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/lungern>, abgerufen am 25.10.2021.

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