Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

müller, m.

müller, m.
molitor, molendinarius.
1)
wie mühle auf lat. molina, so geht müller auf mlat. molinarius (ital. mulinaro, span. molinero) zurück, und findet sich als solches lehnwort im hoch- und niederdeutschen, und bis ins nordische: ahd. mulinari, mulnari, molinarius Graff 2, 712, mhd. mülnære; alts. mulenire, mnd. molner; altnord. mylnari, schwed. mjölnare. die mhd. form setzt sich zunächst als mülner im nhd. fort und wird noch von Stieler 1303 aufgeführt: der müller, mülner, molitor, pistrinarius, später und jetzt nur noch im geschlechtsnamen (oberdeutsch auch noch als appellativ, z. b. kärntnisch müllnar Lexer 193); mulner, molitor. voc. inc. theut. o 2ᵇ; molendinarius, mulner, mülner, molner, molenner Dief. 365ᵇ; an vielen orten sind die müllner befreiet, dasz sie auch den sonntag durch, arbeiten dörfen, weil wir auch am sonntag des brods nicht entbähren mögen. Hohberg 1, 69ᵇ;
so thut einer des mülners tochter pflegen.
fastn. sp. 651, 25;
und ain esel und ain mülner.
714, 2;
schon im 14. jahrh. hat sich die assimilierte form muller, müller gebildet, die seit dem 16. jahrh. die gewöhnliche wird: molitor, multor, muller. voc. opt. 22, 54; molendinarius, muller, müller, myller, miller. Dief. 365ᵇ; multor, muller nov. gloss. 255ᵇ; in mittel- und niederdeutscher form moller, möller: molendinarius, molendinator, moller. ebenda; das die möller auf die sontage, wann man in der kirchen sunge, nicht mahlen. weisth. 3, 439 (Wetterau, von 1441); mnd. molre, mölre, moller Schiller-Lübben 3, 115ᵃ; dän. möller, welche formen ebenfalls häufig als eigennamen gehen.
2)
müller, der eine mühle bedient oder leitet; eine handmühle: müller, fruchtstoszer, pinsor, pistor Dasyp.; und wil her aus nemen (aus dem lande) allen frölichen gesang, die stim des breutgams und der braut, die stim der müller, und liecht der latern. Jer. 25, 2; gewöhnlich der leiter eines mühlenwerks, und ohne weitere bezeichnung der leiter einer getreide mahlenden wasser- oder windmühle: der müller, molitor, polintor Maaler 294ᵈ; müller und brotbegken. Basler rechtsqu. 1, 188 (von 1458); ein müller, zu dem wir verbunden seind von unserer herschaft wegen zu mahlen. weisth. 5, 627 (von 1450); so sol auch jeder müller zu allerhand sorten geträides gute reine und nicht grobe peutel haben, damit nicht dem müller zum besten, dem mahlgast ein grobes meel gemacht werde. Löhneysz regierkunst (1679) 312; solte man den müller nicht in die lache werfen, der die räder nicht laufen liesze, ausz beisorge, es möchte zu viel wasser darneben weg flieszen. Chr. Weise erzn. 64 Braune;
metze, müller, metze bieder!
das giebt segen, das!
und der kunde kommt dir wieder.
mildheim. liederb. nr. 442, 2;
sprichwörter bezeichnen den müller als eigennützig und als dieb: also weren die müller vor der mül, in der mül und auszer der mül allzeit bereite dieb. Bebels fac. (1589) 110ᵇ; gefragt, was das best in der mühlen sei, antwortet er: das die säck nicht reden können; und, warumb man die müller nicht henge, wie andere dieb, antwortet er: darumb, damit nicht das ganz handwerk undergehe. Zinkgref apophth. 1, 223; der müller ist fromm, der haar auf den zähnen hat. Pistorius thes. par. 6, 5; müller, schneider und weber werden nicht gehenkt, das handwerk gienge sonst aus. müller und bäcker stehlen nicht, man bringts ihnen. müller ist nicht eher fromm, bis er zum fenster ausguckt. nichts kühner als des müllers hemd, das jeden morgen einen dieb beim kragen nimmt. Simrock sprichw. 384; für müllers henne, beckers schwein und der wittfrau knecht soll man nicht sorgen. kein müller hat wasser und kein schäfer weide genug. er nährt sich aus dem stegreif wie ein müller. 385; müller, .. von denen das lied gehet:
die müller han die beste schwein,
die inn dem ganzen lande sein,
sie mästens aus der bauren säcken.
Fischart praktik (1574) F 5ᵇ;
der zehn jahr ein müller war, diesem, das den beutel steubt
der, der jhm die mühle liesz, scheint gar billich und erleubt.
Logau 2, 184, 36;
der müller mit der metzen,
der weber mit der gretzen,
der schneider mit der scheer,
wo kommen die drei diebe her?
Pistorius thes. par. 3, 49;
des müllers henn und wittwers magd,
hat selten hungersnoth geklagt.
5, 30;
des müllers thier, der esel (vgl. müllerthier): hie wissens weniger denn des müllers thier. Luther 5, 140ᵇ;
auch wenn dir not zu pruntzen ist,
so .. giesz ein lange lach daher,
als obs des müllers esel wer.
Grobian. D 4ᵇ (v. 1027);
in einem bilde für das schneien: eben da war Egidius froh, dasz drauszen müller und bäcker einander schlugen — wie man das wehende schneien in groszen flocken nennt. J. Paul Qu. Fixl. 98.
3)
müller, der zermalmende zahn, in einem bilde der bibel: gedenk an deinen schepfer in deiner jugent, ehe denn die bösen tage komen, und die jar erzutretten, da du wirst sagen, sie gefallen mir nicht .. zur zeit wenn die hüter im hause zittern, und sich krümmen die starken, und müszig stehen die müller, das jr so wenig worden ist, und finster werden die gesicht durch die fenster. pred. Sal. 12, 3; auch auszerhalb der bibelsprache: abends kamen frembde herren, ich sasz hinter dem ofen, denen, als sie aszen, sahe ich mit lust zu, allein meine müller hatten nichts zu mahlen. unwürd. doctor 375. vgl. mühlzahn.
4)
müller, thiername: des fisches gasterosteus spinachia, dornfisch, steinpicker; des fisches cottus gobio, kaulquabbe (auch mull, müll, s. d.); in Schwaben des schmetterlings, namentlich des kohlweiszlings, von dem staub seiner flügel; vgl. dazu mahler 1, sp. 1456; einer spinnenart, araneus muralis, mit langen beinen, auch bock genannt. Stieler 1303.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 14 (1885), Bd. VI (1885), Sp. 2654, Z. 19.

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Zitationshilfe
„müller“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/m%C3%BCller>, abgerufen am 08.05.2021.

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