Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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müssen, verb.

müssen, verb.
debere, oportere, opus esse u. ähnl.
I.
form und herkunft.
1)
das verbum im nordischen nicht bezeugt, hat im gothischen als gamôtan, prät. gamôsta die sinnliche bedeutung raum haben, platz finden (suns gaqêmun managai, svasvê juþan ni gamôstêdun nih at daúra. Marc. 2, 2), in den späteren westgermanischen dialekten (alts. ags. môtan, fries. môta, ahd. muoʒan, mhd. müeʒen) die mehr verflüchtigte des erlaubnis habens, dürfens, die bisweilen schon in die des gezwungen seins umschlägt; nachklang des früheren sinnes in dem subst. musze (s. das. nr. 2), sowie in der verdeutschung von careo durch ni môʒ Steinmeyer-Sievers 1, 86, 30 (wofür ânu pim 1, 87, 30). den präteritopräsentialen formen des verbums liegen verschollene präsentische zu grunde, ein goth. alts. ags. matan, ahd. maʒan, was, wenn man zumal gemet, angewiesene grenze, schranke, erwägt, wol nur den begriff einer raumzutheilung in sich schlieszen konnte, etwa ich bekomme eine stätte, einen fleck, môt, ahd. muoʒ daher ich habe solche erlangt, habe statt, finde raum, von welcher bedeutung aus sich das eben angeführte ahd. ni môʒ, careo als noch halb präterital gedacht (etwa ich habe nichts zugewiesen erhalten) gut erklärt. der übergang vom eigentlichen sinne des raum und platz habens zu dem bildlichen des freiheit habens innerhalb gewisser schranken ist ganz leicht, und, wenn auch im gothischen noch nicht sichtbar, doch gewiss früh erfolgt, da die westgermanischen dialekte so übereinstimmend jene jüngere bedeutung zeigen; dagegen fällt in eine viel jüngere zeit des deutschen sprachlebens die entfaltung des heutigen begriffs, der im ahd., alts., ags. und fries., sowie noch im mittelniederdeutschen, erst in den anfängen hervorscheint, und vor dem mhd. nicht entschiedener auftritt.
2)
gegenüber der mhd. form muoʒ, plur. müeʒen, prät. muoste und muose, mitteld. mûʒ, plur. mûʒen, prät. mûste hat unsere schriftsprache überall den stammvocal des verbums verkürzt. im 17. jahrh. aber schrieb der süden noch den diphthong, wie er auch heute dort noch in der mundart gesprochen wird (bair. alem. muesz): du muͦszt. S. Frank chron. (1538) 43ᵃ; ehe muͦste das meer weichen. Agricola spr. 77ᵃ; man muͦsz weinen. Maaler 295ᵇ u. s. w., und auch die Mitteldeutschen sprachen, wenn man aus den allerdings nicht sehr sorgfältigen reimen schlieszen darf, mit vorliebe den stammvocal lang:
und wenn er schon wer noch so wüst,
davon (vom schlosse) mit schanden ziehen müst.
E. Alberus Esop 60ᵃ;
häufig sind die reime busz zu musz und umgekehrt (E. Alberus 118ᵇ. B. Waldis Esop 1, 27, 42. 2, 46, 22. 3, 95, 34. 4, 1. 204 u. ö.), büszen zu müssen (1, 16, 96), aber gerade bei Waldis finden sich daneben im reime zeugnisse für bereits eingetretene verkürzung des stammvocals:
essen allzeit nach deinem lust.
den hastu nit, darumb du must
im kath da bei der erden bleiben.
Esop 2, 38, 12;
war gar erstarrt vor groszem frost:
zuletst jn (den schwanz) selb abbeiszen must.
3, 91, 64;
das er jn wolt in allen wehrn
alls leren, was er selber wüst,
was man zum ernst auch brauchen müst.
4, 72, 11;
die vereinzelt schon im hessischen des 13.—14. jahrh. (durch den reim wuste: muste veterb. 2924, vergl. Weinhold mhd. gramm.² s. 452) nachgewiesen wird. Luther schreibt mus, so wenigstens für diese form die länge andeutend, aber müssen. seit dem 17. jahrh. ist wol die verkürzung allgemein geworden, und die formen, wie sie Schottel 590 gibt: ich musz, du must, er musz, prät. muste, part. gemust, stehen seither fest, theilweise auch rücksichtlich der schreibung, nachdem das pedantische und den geschichtlichen verhältnissen nicht gemäsze du muszt, ich muszte vielfach wieder aufgegeben ist. abweichungen in den formen zeigen sich vereinzelt; so wenn die 3. sg. den versuch des übertrittes in die gewöhnliche präsentische conjugation machte und must statt musz lautete: der (ein übertreter der ordnung) must von einem yeden eimer .. ein guldin .. zu pusz verfallen sein und geben. Nürnb. pol. ordn. 270 (15. jh.); oder wenn die pluralform müssen (eine ursprüngliche, indicativ gewordene conjunctivform, bei Notker muoʒʒint ir ps. 92, 5, die mhd. müeʒen wird und gleichformigen infinitiv bedingt) in oberdeutschen mundarten den consonanten verliert: bair. mien neben miessen, präs. mues und mue, prät. conj. miesset und mied, oberpfälz. mêin, müssen Schm. 1, 1676 Fromm.; alem. mer müend, wir müssen Hunziker 184;
lieber, bring sie, wir müend sie han!
N. Manuel 339, 1114 Bächtold;
sie müen den engle zünde, wo sie göhn.
Hebel 1, 112.
vereinzelt fehlt im 17. jahrh. im plur. präs. und im conj. prät. der umlaut: Schuppius schreibt s. 88 ihr priester must das maul recht aufthun, s. 390. 391 muste man (für müste man), sonst müsset, müste. das ahd. präteritum muosa neben muosta, mhd. muose neben muoste hat sich über das 15. jahrh. nicht fortgesetzt:
stuͤnd es an dem willen mein,
ir muͤset noch lenger hie sein.
Erlauer spiele 2, 156 Kummer.
3)
das erst spät erscheinende vor dem 16. jahrh. nicht nachweisbare part. prät. lautet gemust, selten gemüst: den ganzen sommer ist er noch vor kein thor gekommen, wenn er nicht mit der kompagnie gemuszt hat. H. L. Wagner kindermörderin 41;
als ich zur fahne fortgemüszt,
hat sie so herzlich mich geküszt.
W. Hauff 1, 41;
es findet sich aber in solcher form nicht gewöhnlich nach vorhandenem oder zu ergänzendem haben mit infinitiv oder adverb der bewegung: er hat fort gemust; haben da alles, was ihr einkommen gewest, verkochet, verbraten und versotten, hat auch die hauptsumma (das kapital) daran gemust. Petr. 98ᵃ;
und wer von der liebsten scheiden gemüszt,
dem wird sie nur um so lieber.
Scheffel trompeter s. 251;
gewöhnlicher tritt hier die infinitivform müssen hervor, vergl. dazu unter haben th. 4², sp. 74, und oben unter mögen sp. 2451: wir haben fort müssen; er hat bald weg müssen; einem andern infinitive geht hierbei in der ältern sprache müssen oft voraus: hat müssen essen. 1 Sam. 14, 30; viel tyrannen haben müssen herunter auf die erden sitzen. Sir. 11, 5; sie haben aus furcht müssen ewren willen thun. Susanna 57; öfter, und in der neuern sprache fast stets, nach: die gefesze seines hauses hat man fur dich bringen müssen. Dan. 5, 23; wir haben viel leiden müssen. 1 Macc. 1, 12; das Lysias hatte fliehen müssen. 6, 6; was hätten sie denn thun müssen, wenn sie nichts in der lotterie gewonnen hätten? Gellert 3, 326; wie lange habe ich sie bitten müssen. 4, 213;
so hätt ein gott es wagen müssen.
3, 113;
namentlich, wenn das hilfszeitwort haben ausgelassen ist: das amt, .. bei welchem er hofft, dasz man ihm eben so niederträchtig schmeicheln werde, als er gethan, und ihn eben so bestechen werde, wie er es thun müssen. Rabener sat. 4, 366; jede zeile, die ich, auch nicht zum drucke, schreiben müssen, hat mir angstschweisz ausgepreszt. Lessing 12, 304; ob man gleich als studiosus deutscher akademien auf den hörbänken auch manches leiden müssen. Göthe 27, 90;
ein bär, der lange zeit sein brodt ertanzen müssen,
entrann, und wählte sich den ersten aufenthalt.
Gellert 1, 7.
II.
bedeutung.
1)
müssen, mit einem andern infinitiv verbunden (vgl. unten 5), freiheit haben, verstattet sein, können, dürfen, in der alten sprache gewöhnlich: ahd. licet, môʒ, moaʒ Graff 2, 905; mir gesciehet noh mînero persecutionis oblivio (âhto âgeʒ), so ih in pace (in fride) muoʒ pûen. Notker ps. 59, 9; alts.
than môtun gi thea fruma êgan,
that gi môtun hêtan   heƀankuninges suni.
Heliand 1460;
mhd. nu erloubt im daʒ er müeʒe hân
ander wâpen denne im Gandîn
dâ vor gap, der vater sîn.
Parz. 14, 12;
si muosen dâ belîben   allen einen tac
und ouch die naht mit vollen.
Nib. 1570, 1;
auch im ältern nhd. hie und da noch:
armuͦt sprach: was hilft zepter, kron,
das du muͦst landt und lewt regieren?
H. Sachs fastn. sp. 1, 30, 281;
herr Belial von Hellenbrandt,
ein groszer fürst gar weit bekandt,
der hat jhn solche freiheit geben,
derselben müssen sie geleben.
E. Alberus Es. 100ᵃ;
was recht ist, das kannst du nicht leiden;
die wahrheit verdrückst du, die lügen
musz oberhand haben und siegen.
P. Gerhard 6, 16;
er hat ein hand   voll aller gaben,
da see und land   sich musz von laben.
276, 48.
2)
diese bedeutung namentlich in gewissen satzverbindungen (und hier zum theil bis auf unsere zeit), von welchen aus sich der übergang zu unserer heutigen bedeutung vollzieht.
a)
in verneinenden sätzen, nicht verstattet sein, nicht dürfen: ahd. uuanda alsô uuir jehen sulen iêogelicha personam sundiriga got uuesen unde hêrren, sô ne muoʒen uuir cheden drî gota, alde drî hêrren. Notker 2, 641 Piper; nhd. der rath weisete sie in ihre heuser, daraus musten sie auch nicht gehen. Spittendorff 397 Opel; der rat muste nicht zuhören oder bei der antwort sein. 435; denn er (der Türke) leszt warlich die christen offenlich nicht zusamen komen, und mus auch niemand offentlich Christum bekennen. Luther 4, 436ᵃ; mussens arme prediger nicht reden, so redens grosze fürsten und herren. br. 4, 83; gott hat dem meer sein ziel gesatzt, er lässets wol wüthen und heftig mit den wellen umschlagen, .. aber gleichwol musz es uber das ufer nicht fahren. tischr. 2, 131 Förstemann; Sebul aber verjaget den Gaal und seine brüder, das sie zu Sichem nicht musten bleiben. richt. 9, 41; weil aber das volk heute nicht hat müssen essen von der beute seiner feinde, die es funden hat, so hat auch nu die schlacht nicht gröszer werden künnen wider die Philister. 1 Sam. 14, 30; also versties Salomo den Abiathar, das er nicht muste priester des herrn sein. 1 kön. 2, 27; sie muste nicht wider zum könige komen, es lüstete denn den könig, und liesze sie mit namen rufen. Esther 2, 14; es muste niemand zu des königes thor eingehen, der einen sack anhette. 4, 2; denn die schrift, die ins königes namen geschrieben und mit des königes ringe versiegelt wurden, muste niemand widerrufen. 8, 8; der bruder was wol zumut, dann er gedacht, die juden umb das geld zu bringen und must dannoch dem predicanten kein leid widerfaren. Wickram rollw. 149, 11 Kurz; du trägest sorge für uns, wie ein vater für seine kinder; daher wir keines dings mangel haben müssen. Schuppius 439;
also verdurbent in der wuͤst
der juden vil, der keiner muͤst
noch solt ganz kumen in das landt,
das gott verhiesz mit syner handt.
Brant narrensch. 31, 26;
der infinitiv ist ausgelassen: und noch musten wir in die stadt nicht. Spittendorff 410 Opel.
b)
die neuere sprache hat diese bedeutung wenigstens in verbietenden sätzen gewahrt, wo für müssen auch dürfen stehen könnte: du must das eben nicht leiden, hac molestia te facile liberare potes. Stieler 1313; du must das nicht tuhn, nefas, non aequum est, culpam committes, si hoc feceris. ebenda; das musz man die alten nicht wissen lassen. Schuppius 481; die mädchen müssen (vergl. nachher 4, b) wohl ein wenig spröde thun; aber sie müssen es den junggesellen auch nicht so gar sauer machen. Gellert 3, 32; nein, Hans. muszt davon nicht reden! Klinger Otto 16, 8; das gemeine musz man nicht rügen, denn das bleibt sich ewig gleich. Göthe 49, 81; man musz den fleisz, die mühe und geduld, die man an eine handvoll fruchthalme gern verwendet, an den eigenen kindern sich nicht verdrieszen lassen. Hebel 2, 2; nur musz mans nicht bei den worten bewenden lassen, sondern auch seinen guten vorsatz erfüllen. 6; wir müssen daher auch nicht glauben, dasz alle wunder der natur nur in andern ländern und welttheilen sein. 56; man musz einen kleinen vortheil nicht verachten, sonst kommt man zu keinem groszen. 70;
noch dennoch must du drum nicht ganz
in traurigkeit versinken.
P. Gerhard 23, 1;
das soll und musz nicht sein bei denen die regieren.
Rist Parnasz 57;
ihr müszt nur nicht erschrecken.
Schiller Wallensteins tod 3, 2;
mit unterdrücktem infinitiv: für meine liebste musz kein solch narrenwerk (nämlich sein), darfür gehöret kein kinderding. kunst über alle künste 163, 9; auch im verneinenden wunsche, vergl. nachher d:
schlummre, geliebte, sanft, auf dasz du rosig erwachest!
wilde stürme müssen dir nicht die locken zerwehen,
müssen deine ströme nicht über die ufer empören.
Stolberg 1, 204;
in ermahnungen an die eigene person: ich musz nicht vergessen, den bettel zu vernichten. Lessing 1, 518; ich musz nicht vergessen, sire, sagte die schöne Nurmahal, dasz die Scheschianer in diesem stück eine gewohnheit haben. Wieland 6, 71.
c)
auch in andern verneinenden sätzen, wo müssen mehr gelegenheit und ursache betont, und mit brauchen oder dürfen umschrieben werden kann: drauszen muste der gast nicht bleiben, sondern meine thür thet ich dem wandrer auf. Hiob 31, 32; sage mir an du, den meine seele liebet, wo du weidest, .. das ich nicht hin und her gehen müsse, bei den herden deiner gesellen. hohel. Sal. 1, 7; wir sind die herren, und müssen dir nicht nachlaufen. Jer. 2, 31; gib mir dasselbige wasser, auf das mich nicht dürste, das ich nicht her komen müsse zu schepfen. Joh. 4, 15; Paulus hatte beschlossen, fur Epheso uber zu schiffen, das er nicht müste in Asia zeit zubringen. ap. gesch. 20, 16; wenn ein so gemäszigter grad hitze die materie der körper ... auflöszt, so müssen sie (brauchen sie deshalb) nicht aus dem leichtesten stoffe bestehen. Kant 8, 287;
Claudius auch mit ernst verbeut,
dasz niemandt soll zu keiner zeit,
grölzen und fürz im leib verhalten,
dasz man nit lang desz beths müst walten.
Grobian. E 4ᵃ (v. 1273);
er setzt und richtet unsern fusz,
dasz er nicht anders treten musz,
als wo man findt den segen.
P. Gerhard 174, 59;
der übergang von hier aus zu dem begriffe der notwendigen folge und des zwanges durch umstände ist manigfach und oft nicht sicher festzustellen, vergl. unten 4, b.
d)
häufig in positiven wunschsätzen, in denen ein optativ kräftiger hervorgehoben wird, als es durch das sonst an dieser stelle stehende mögen (vergl. sp. 2459, nr. 5, e, δ) geschehen kann: ahd.
fon got er muaʒi habên munt   joh uuesan lango gisunt.
Otfrid an Ludwig 32;
mhd. sô müeʒe sîn der pflegen,
dur den er süeʒer lîp sich dirre welte hât bewegen.
minnes. frühl. 95, 14;
gît minne niht wan ungemach,
sô müeʒe minne unsælic sîn.
163, 21;
nhd. herr erhöre die stim Juda, mache jn zum regenten in seinem volk, und las seine macht gros werden, und jm müsse wider seine feinde geholfen werden. 5 Mos. 33, 7; ir berge zu Gilboa, es müsse weder thawen noch regenen auf euch. 2 Sam. 1, 21; o das wir mit jnen auf der ebene streiten müsten, was gilts, wir wollen jnen angewinnen? 1 kön. 20, 23; die gottlosen müssen zu schanden und geschweigt werden in der helle. ps. 31, 18; des leben müsse gottlos sein, und sein gebet müsse sünde sein. 109, 7; es müsse wolgehen denen, die dich lieben. 122, 6; ein auge das den vater verspottet, .. das müssen die raben am bach aushacken. spr. Sal. 30, 17; so müsse mir gott helfen und alle seine heiligen. Schiller hist.-krit. ausg. 7, 59;
da sprach der löw: des müsz gott walten!
B. Waldis Esop 1, 73, 26;
und ruft laut: dem wir disz geben
müsse lange lange leben.
Fleming 43;
glück das müss auf allen wegen
unverändert bei euch sein.
Rist Parnasz 250;
die stunde müsse spät erscheinen,
die deinen schutz den armen raubt.
Drollinger 267;
ein mäuschen, sprach er, ist mein essen.
ei, dasz du müsztest kohlen fressen,
gedachte jener voller wuth.
Lichtwer fabeln 2, 11.
3)
schon im mhd. bezeichnet müssen ein zwangsverhältnis, und zwar in stärkster weise in folge äuszerer nötigung:
er muoʒ mir diu lant rûmen,   ald ich geniete mich sîn.
minnes. frühl. 8, 7;
ich und mîn geselle   müeʒen uns scheiden.
daʒ machent lügenære.
9, 16;
nu muoʒ ich von ir gescheiden sîn:
trûric ist mir al daʒ herze mîn.
32, 19;
mit persönlichem subject: sihe, du treibest mich heute aus dem lande, und mus mich fur deinem angesicht verbergen, und mus unstet und flüchtig sein auf erden. 1 Mos. 4, 14; also zerstrewet sie der herr von dannen in alle lender, das sie musten aufhören die stad zu bawen. 11, 8; ich mus doch sterben. 25, 32; und sollen unter euch solche freistedte sein fur dem blutrecher, das der nicht sterben müsse, der einen todschlag gethan hat. 4 Mos. 35, 12; die da sitzen musten im finsternis und tunkel, gefangen im zwang und eisen. ps. 107, 10; die eine fürstin unter den heiden, und ein königin in den lendern war, mus nu dienen. klagel. Jer. 1, 1; es gieng gleiche rache, beide uber herr und knechte, und der könig muste eben, das der gemein mann, leiden. weish. Sal. 18, 11; welchen man mus das maul stopfen. Tit. 1, 11; weil ich den narrn aber hatte (gefangen genommen), muste ich ihn wol behalten, bisz wir von dannen rückten. Simpl. 1, 256 Kurz; ihr müst mich nun wieder redlich machen, oder der henker soll euch holen! A. Gryphius (1698) 1, 827; als der tag anbrach, muste Corydon nach hause eilen, damit sein alter vater nicht erfahre, dasz er extra gangen sei. Schuppius 482; aber itzt müssen sie das loos annehmen. ich werde sonst nicht ruhig. Gellert 3, 314; wenn sie nur die zehn tausend thaler auch gewisz ausgezahlt kriegen. müssen sie viel abzug geben? 335; der jude, an den er (der wechsel) ausgestellet war, brachte mich nicht allein dahin, dasz ich ihn bezahlen, sondern, dasz ich ihn so gar zweimal bezahlen muszte. Lessing 1, 315; dasz sie eine schlechte sache haben vertheidigen müssen. 406; im wagen musz der herr major katz aushalten! da kann er uns nicht entwischen. 560; ich urtheilte so: wenn das mädchen beschimpft wird, musz er als offizier zurücktreten. Schiller kabale und liebe 3, 1; er muszte auch, nach dortiger sitte, zur schau und schande rückwärts auf einen esel gesetzt, durch die stadt reiten. Hebel 2, 7; er muszte einen gulden strafe erlegen. 66;
und bracht warm wasser in eim krug,
dasselb vor seinen herren trug.
da mustens trinken alle drei.
B. Waldis leben Esops 79;
es ist je groszen königen gschehen, ..
das sich jr glück dahin begeben,
das sie der armen gunst musten leben.
Esop 1, 14, 56;
zur arbeit sein wir all erschaffen,
die müssen wir tragen zun strafen.
2, 17, 42;
er (der feind) wirft zu Christi fusz
sein höllenreich und musz
selbst in des siegers band
ergeben fusz und hand.
P. Gerhard 74, 22;
er spricht, so musz ein ganzes heer
sein ausgesandter engel würgen.
Hagedorn 1, 5;
röslein wehrte sich und stach,
half ihr doch kein weh und ach,
muszt es eben leiden.
Göthe 1, 17;
durch diese hohle gasse musz er kommen:
es führt kein andrer weg nach Küsznacht.
Schiller Tell 4, 1;
Sigeth musz fallen, musz jetzt fallen! stürmt!
Körner Zriny 4, 5;
mit sächlichem subject:
das verhängte musz geschehen,
das gefürchtete musz nahn.
Schiller Kassandra;
mit allgemeinem es: mus es denn ja also sein, so thuts. 1 Mos. 43, 11; so musz es noch geschehen. Lessing 1, 284;
es musz ja durchgedrungen,
es musz gelitten sein.
P. Gerhard 285, 53;
ade nun, ihr lieben! geschieden musz sein.
J. Kerner wohlauf noch getrunken;
der begriff des verbums wird durch mancherlei verbindungen und zusätze noch mehr hervorgehoben: hätten sie ihm nasen und ohren abgeschnitten, zuvor aber gezwungen, dasz er ihrer fünfen den hindern lecken müssen. Simplic. 1, 50 Kurz; sie nöthigt ihn, dasz er sich niedersetzen und ein stück honig und brodt aus ihrer hand essen musz. Gellert 4, 374;
meinen stachel, der dich kränkt,
hat mir die natur geschenkt,
und ich musz gezwungen schaden.
Lichtwer fabeln 4, 15;
durch verbindung mit sollen:
ja, wenn
er fallen musz und soll, und s ist nicht anders,
so mag ichs diesem Pestalutz nicht gönnen.
Schiller Wallensteins tod 5, 2;
im gegensatz zu einem freien willen: ich musz mich anziehen lassen, ich mag wollen, oder nicht. Gellert 4, 235; Karl. aber musz dann der vater ausreiten, wenns so gefährlich ist? Maria. es ist sein guter wille so. Göthe 8, 20; wie oft musz sie ihnen huldigen, musz nicht, thut es freiwillig, hört so gern von ihnen, liebt sie. 16, 100;
königin. unglücklicher, wozu
die traurige zergliederung des schicksals,
dem sie und ich gehorchen müssen? Carlos. müssen?
gehorchen müssen? königin. wie? was wollen sie
mit diesem seltsam feierlichen ton? Carlos. so viel,
dasz Carlos nicht gesonnen ist, zu müssen,
wo er zu wollen hat.
Schiller don Carlos 1, 5;
gegenüber von dürfen: er wird wissen, .. was er von seinen geschäften anzeigen musz, und was er davon verschweigen darf. Lessing 1, 532.
4)
aber auch ein zwangsverhältnis innerer art, durch trieb, umstände, folge u. a., in abstufungen und übergängen, von denen nachstehend nur die hauptsächlichsten; berührungen mit der verwendung 3 sind manigfach.
a)
müssen, eine sittliche notwendigkeit, oder einen trieb des herzens oder gewissens hervorhebend:
du bist der besten eine,
des muoʒ man dir von schulden jehen.
minnes. frühl. 11, 10;
(und dasz) die drinnen wonen matt werden, und sich fürchten und schemen müsten. 2 kön. 19, 26; wenn einer lang geredt, mus er nicht auch hören? Hiob 11, 2; wisset jr nicht das ich sein mus (δεῖ εἶναι με) in dem das meines vaters ist? Luc. 2, 49; als er solchs saget, musten sich schämen alle (κατησχύνοντο πάντες) die jm wider gewesen waren. 13, 17; euch zur schande mus ich das sagen. 1 Cor. 6, 5; man mus gott mehr gehorchen, denn den menschen. ap. gesch. 5, 29; nachdem, wenn ich daselbs (zu Jerusalem) gewesen bin, mus ich auch Rom sehen. 19, 21; ich muste mich um soviel desto mehr verwundern. Simpl. 1, 85 Kurz; unter zweien übeln musz man das geringste wählen. Pistorius thes. par. 6, 23; ich musz sie nur suchen. Gellert 3, 56; sagen sie ihm nur, dasz ich über ihre fabel hätte lachen müssen, so verdrieszlich ich auch gewesen wäre. 62; zu wem wollte ich davon reden, als zu ihnen? ich müszte mich ja schämen. 64; weil ich ihm einigemal zu verstehen gegeben habe, dasz man auch gegen die thiere barmherzig sein müszte. 4, 235; ich will es ihnen aus büchern beweisen, dasz sie mir wort halten müssen. Lessing 1, 284; er glaubte, vor ihro gnaden, auf die parade ziehen zu müssen. 573; ohne ein kenner der physiognomie zu sein, musz ich ihnen sagen, dasz ich nie eine so aufrichtige, groszmüthige und gefällige miene gefunden habe, als die ihrige. 315; ich musz den vater wie den kuppler verfluchen. Schiller kabale und liebe 1, 7; das wahre ist gottähnlich; es erscheint nicht unmittelbar, wir müssen es aus seinen manifestationen errathen. Göthe 49, 101; nicht weniger musz man sich wundern über die geschwindigkeit. Hebel 2, 24; musz man nicht über die kunst und geschicklichkeit dieser geschöpfe erstaunen? 29;
wiewol es laut ganz lesterlich,
spricht er, dannoch musz sagen ich:
die welt ist jetzt so gar vergessen,
freundschaft thuts nach der wolthat messen.
B. Waldis Esop 1, 22, 56;
sich seinr vorigen that musz schemen.
98, 28;
da sprach der ochsz: ich musz bekennen,
glückselig darf ich mich nicht nennen.
2, 17, 25;
ein jeder musz gestehen,
dasz ihr (der reben) lichtgrünes laub den gahrten treflich schmücket.
Rist Parnasz 165;
drüm wil ich deinen weg die übelthäter lehren,
dasz sich die sünderzunft zu dir sol müssen kehren.
Fleming 21;
Cartusch und Epictet verdient nicht ruhm, nicht hasz.
der stahl, weils ihm gefiel, und weil er stehlen muszte;
der lebte tugendhaft, weil er nichts bessers wuszte.
Lessing 1, 169.
b)
müssen, notwendigkeit durch die ganze lage einer person, durch das gebot der umstände bezeichnend:
sît willekomen, hêr wirt, dem gruoʒe muoʒ ich swîgen:
sît willekomen, hêr gast, sô muoʒ ich sprechen oder nîgen.
Walther 31, 23;
wo du stirbest, da sterbe ich auch, da wil ich auch begraben werden, .. der tod mus mich und dich scheiden. Ruth 1, 17; aber doch sprach ich, ich mus das leiden. ps. 77, 11; wie oft mus ich denn meinem bruder, der an mir sündiget, vergeben? ists gnug siebenmal? Matth. 18, 21; es ist der brauch allhie, das yederman mus beichten. Wickram rollw. 125, 5 Kurz; etliche mürrische unwillige kerls, die klageten, wie sie leiden müszten dasz andere männer jhre weiber ... lieb hetten. Philander 1 (1642), 162; ich muste, auch wider meines herzens willen, mit saufen. 415; das hilft nichts, dasz sie mir sagen, sie müszten itzt wider eine ganz neue schreibart annehmen. Gellert 4, 174; ich werde dir das maul zuhalten müssen. Lessing 1, 355; ich musz ganz in geheim mit ihnen sprechen. 364; ich besorge nur, ich werde ihnen bald in die daumen fallen müssen. 367; geh geduldig! ich musz mich auch gedulden. Klinger Otto 49, 32; meinen staatsrock her — hurtig — ich musz ihm zuvorkommen. Schiller kabale und liebe 2, 4; wenns nur nicht so weit von meinem quartier wäre, sagte hierauf der husar, so wäre uns beiden zu helfen; aber wenn du nichts hast, ich hab nichts, so müssen wir den gang zum heiligen Alfonsius doch machen. Hebel 2, 15;
wie lang mus ich im rosengarten
auf den Dietrich von Peren warten?
H. Sachs hürn. Seyfr. 34, 939;
wir sind fürwahr geschlagen
mit harter scharfer rut,
und dennoch musz man fragen:
wer ist, der busze thut?
P. Gerhard 95, 19;
wer Christo folgt, der musz mit ihm
das kreuz und alles ungestüm
auf seinen wegen leiden.
98, 18;
was mensch ist, musz erblassen
und sinken in den tod.
115, 17;
die leidenschaft flieht,
die liebe musz bleiben,
die blume verblüht,
die frucht musz treiben.
Schiller glocke v. 103;
wer einen zweifel oder einwurf abwehrt, sagt das musz ich besser wissen, das musz ich besser kennen;
was schwatzt der pöbel nicht!
ich musz ihn besser kennen.
Platen 241;
gern auch die notwendigkeit zur erreichung eines erstrebten ziels hervorhebend: also auch die tischler und zimmerleute, die tag und nacht erbeiten, und schnitzen bildwerk, und vleis haben, mancherlei erbeit zu machen, die müssen denken, das es recht werde. Sir. 39, 28; erstlich sollten die comödianten einen geschickten und edel gesinnten aufseher haben, dessen urtheile sie alle stücken unterwerfen müszten, welche sie aufführen wollten. Gellert 4, 162; die comödianten müszten eine ansehnliche besoldung und einen gewissen rang bekommen, damit sie ordentlich und anständig leben .. könnten. ebenda; folgendes ist auch nicht schwer .. nur musz man richtig rechnen. Hebel 2, 43; weil ich hoffe, dem leser des rheinischen hausfreundes das nächste mal viel erfreuliches vom frieden zu sagen, so müssen wir dieszmal auch etwas vom leidigen krieg erwähnen. 63; so etwas musz man lesen oder hören, damit man doch einsehen lernt ... 77;
und wer da bawen will ein hausz,
derselb soll vorhin rechnen ausz,
was er zum selben gbäw müsz han.
B. Waldis Esop 2, 35, 39;
und welcher andre lehren will,
musz leiden und viel tragen.
P. Gerhard 98, 47;
ach herr, mein gott, das kömmt von dir!
du, du must alles thun!
118, 26;
wer mit soldaten will ehre erjagen,
musz sie wohl zahlen und rechtschaffen plagen.
Pistorius thes. par. 7, 46;
in passivsätzen: denn wo das priesterthum verendert wird, da mus auch das gesetz verendert werden. Hebr. 7, 12; der körper musz eben so wohl bearbeitet werden, wie die seele, wenn beide diejenigen vollkommenheiten erhalten sollen, deren sie fähig sind. Lessing 1, 406; in Breitlingen, das ist eine erzgrube am Tammelsberg in Sachsen, muszte das feste gestein unter der erde durch feuer mürbe gemacht werden. Hebel 2, 40;
mein kelch musz sein getrunken.
P. Gerhard 32, 75;
und ähnlich gedachten mit sächlichem subject: es giebt gelegenheiten, wo alle privilegia aufhören müssen. Gellert 4, 75; meine (ohrringe) müssen noch besser sein als ihre, weil ich klüger und vornehmer bin. 3, 244; ich habe geglaubt, sie (die probe) müsse vorhergehen. Lessing 1, 390; es wäre mir übel gefehlt, wenn ich so viel brauchte, mir musz ein drittheil genügen. Hebel 2, 9; solche fremde volltönige namen müssen auch zum betruge behülflich sein. 17.
c)
daher müssen im umschreibenden und die notwendigkeit betonenden imperativ: ihr priester must das maul recht aufthun, oder gott wird vieler groszer herren und reichen schlemmer blut von euch fordern. Schuppius 88; ja doch, sagte meine frau, er ist ebenso eigensinnig, als gutwillig, um desto aufmerksamer müszt ihr sein. Gellert 4, 230; du muszt wissen, dasz wir verwandt sind;
dem herren must du trauen,
wenn dirs soll wolergehn.
P. Gerhard 185, 9;
die stolze frau   färb (winter) braun und blau,
die ahnenschwindel erfüllet!
doch muszt du fliehn   den hermelin,
der junge busen verhüllet!
Hölty 194 Halm;
in verneinender fassung tritt die bedeutung 2, b (oben sp. 2751) hervor.
d)
müssen, von einer logischen notwendigkeit, einer notwendigen folge: wann solchen jammer, welchen wir schon vor augen sehen, anrichtete der gemeine pöbel, so muste (conj., für müste, vgl. oben I, 2), man es seiner unwissenheit zuschreiben. wann es junge leute anfiengen, muste man es ihrer unerfahrenheit beilegen. wann es die heiden thäten, muste man denken, ihre heidenschaft bringe nichts anders mit sich. allein was soll ich sagen, wann es christen thun? Schuppius 390; musz man denn einander hassen, wenn man nicht lieben will? Gellert 3, 19; ich möchte mich nicht gerne vor ihm sehen lassen. wenn ich mit ihm rede: so müszte ich ihm doch ein trinkgeld geben. 198; der apfel fällt nicht weit vom stamme; und kinder von meiner frau müssen tausend gute eigenschaften bekommen. 391; müszte der nicht mein feind sein, der mir widersprechen wollte? ebenda; können die verliebten in ihren briefen, ohne es überdrüszig zu werden, von nichts, als von liebe, reden: so müssen auch gute freunde von der freundschaft reden können, ohne dabei müde zu werden. 4, 99; sie müszten also sehr ungerecht sein, wenn sie mirs übel nehmen wollten. 164; drei weiber! (haben sie gehabt) sie müssen also einen rechten schatz der mannigfaltigsten erfahrung besitzen. Lessing 1, 348; weil ich den bruder leiden kann, so verlangt er, dasz ich auch die schwester müsse leiden können. 383; abgeborgt, oder selbst erfunden: es ist gleich viel. es musz ein kleiner geist sein, der sich wahrheiten zu borgen schämt. 391; was bei einem einzelnen menschen der mittelstand zwischen krankheit und tod ist; eins von beiden musz darauf erfolgen, entweder man wird wieder gesund, oder man schmachtet sich zu tode. Wieland 6, 70; daher musz das wirkende trefflicher sein als das gewirkte. Göthe 49, 105; was er friszt, musz er im magen haben, und was er im magen hat, musz er gefressen haben. Hebel 2, 38; man musz ein dorfbewohner sein, um die macht der so seltenen musik zu kennen. Felder sonderl. 2, 124;
sie müssen sich verstanden haben,
weil sie sich stets die antwort gaben.
Gellert 3, 121;
o gräfin Terzky, muszt es dahin kommen?
das sind die folgen unglückselger thaten.
Schiller Wallensteins tod 5, 12;
da hab ich nun auf weiten wegen
hin und zurücke reisen müssen (oben b),
das ist mir herzlich ungelegen,
denn meine beine müssens büszen.
Tieck Octavian. 15;
wen er anrührt, musz gesunden.
30;
das zwingende der folge heben beisätze wie unvermeidlich, notwendig hervor (vgl. ähnliches unter 3): bewies doch wenigstens in seinem ganzen betragen eine so seltsame sicherheit, dasz wir ... beinahe unvermeidlich auf den argwohn gerathen müszten, als ob er gewisse absichten bei dieser aufführung gehabt haben könnte. Wieland 3, 116; dasz der weise mann nothwendig alle thoren, und der rechtschaffene, unvermeidlicher weise, alle die es nicht sind, zu ... feinden haben musz. 89; was jeden nicht besser organisirten kopf, als meinem ungenannten zu theil geworden war, in den naturalismus nothwendig stürzen musz. Lessing 10, 171; nothwendig musz das die ersten wege verleimen und verstopfen. Göthe 27, 55;
und thuͦ ein schöne red daher,
wie dein jungs herz jr huld beger,
mit langem tittel, schönem gruͦsz,
dasz sie von not dein lachen musz.
Grobian. E 1ᵃ (v. 1085).
e)
ähnlich steht müssen, wenn etwas in der vorstellung unter mehreren möglichkeiten als sicher herausgegriffen wird; in mehrfachen fügungen. im behauptungssatze: das mus ein groszer herr sein, der sie (die sonne) gemacht hat. Sir. 43, 5; dieser mensch mus ein mörder sein. ap. gesch. 28, 4; es müssen starke beine sein, so die guten tage ertragen können. Pistorius thes. par. 4, 85; es musz ein schlechtes wort sein, so sich nicht reden oder schreiben lässet. 8, 19; nein, nein, er liebt mich nicht. es musz verstellung gewesen sein. Gellert 3, 18; ihr müszt euch alle beredt haben, mir zu widersprechen. 19; ich möchte doch wissen, was sie mir zu sagen hat .. es musz etwas wichtiges sein. 56; sie können noch misztrauen in mich setzen? wie wenig müssen sie mich kennen! 78; ich glaube Lelio und Hilaria müssen nicht klug sein. Lessing 1, 380; er versicherte, ... es müsse ein königliches handschreiben an sie unterwegs sein. 579; ich weisz eigentlich nicht, was das für schwachheiten sein müssen, derentwegen ihnen mein herz so wohlgefällt. 389; nun, siehst du, so mus es doch wahr sein, dasz die gewalt nicht tyrannen macht. Schiller Fiesko 5, 16; da ging der vornehme stadtrichter an ihm vorbei, der ein neugieriger und dabei ein gewaltthätiger mann musz gewesen sein. Hebel 2, 14;
und weist desz glücks nicht zu genieszen,
welchs dich on zweifel musz verdrieszen.
E. Alberus Esop 95ᵇ;
vater dieses volkes,
das, dacht ich, das musz göttlich sein!
Schiller don Carlos 3, 10;
wenn etwas als unzweifelhaft hingestellt wird: ich mus liegen (lügen), ob ich wol recht habe. Hiob 34, 6; so lange ich als knabe oder jüngling bei ihr lebte, konnte sie der augenblicklichen besorgnisse nicht los werden. verspätete ich mich bei einem ausritt, so muszte mir ein unglück begegnet sein; durchnetzte mich ein regenschauer, so war das fieber mir gewisz. Göthe 17, 19; und so bei einer voraussage: er musz bald kommen; er musz jetzt hier sein; er musz in dieser stunde die nachricht empfangen haben; in verneinenden sätzen, wo müssen die möglichkeit von etwas anderem ausschlieszt, und heutzutage durch können vertreten wird: eine fertigere, reinere und nettere art zu arbeiten müssen sie in ihrem leben nicht gesehen haben. Möser patr. phant. 2, 41; man musz keinen philosophen kennen, wenn man glaubt, er sei fähig zu widerrufen. Lessing 11, 28; er hat da was erst in den busch geworfen. es musz nicht weit liegen. Göthe 14, 242;
kein minder beschwerlicher gatte
musz in der welt nicht sein als er.
Wieland 4, 97 (n. Amadis 4, 21);
beim heilgen Stephan! in ganz Sachsen,
ja! in ganz Deutschland wohl,
musz solcher flachs, wie der nicht wachsen!
Gökingk 3, 90;
in fragesätzen, wo es bestimmter als mögen (5, a, γ, sp. 2456) steht: wie viel musz es wohl kosten? Adelung; was musz der wollen? ebenda; wer musz uns diesen streich gespielt haben? ebenda;
die goldne dose, denkt nur! denkt!
die könig Friedrich mir geschenkt,
die war — was das bedeuten musz?
statt ducaten, voll helleborus.
Lessing 1, 6;
was schau ich? was ist dir? ..
ich weisz ja vor gewisz,
dasz noch vor kurzer zeit die höll eröffnet stund,
wer hat sie denn verschlieszen müssen?
Hoffmannswaldau getr. schäfer s. 107.
f)
müssen, eine schickung, fügung andeutend: und weil du gott lieb warest, so musts so sein. Tob. 12, 13; es mus ja ergernis komen, doch weh dem menschen, durch welchen ergernis kompt. Matth. 18, 7; es müssen rotten unter euch sein, auf das die, so rechtschaffen sind, offenbar unter euch werden. 1 Cor. 11, 19; muszte mich denn die stolze frau Richardinn eben heute ... mit ihrem staatsbesuche quälen? Gellert 3, 386; alle tage hat sich ein hindernis finden müssen. 146; gerade musz ich auch des weges kommen; er war bei mir, und gerade musz ich nicht zu hause sein;
noch war bei aller pein
die härtste, dasz ihr noch im leben musztet sein.
Fleming 79;
hat denn dein vaterland
kein grab vor deinen leib? und musz ein fremder sand
dein unbeflecktes herz mit einer gruft versorgen?
Günther 564;
oder sonst etwas bestimmendes, für ordnung, gewohnheit, wolbefinden nötiges: mus denn ein wesscher jmer recht haben? Hiob 11, 2; Jul. was meinst du damit? Henr. musz man denn immer etwas meinen? Lessing 1, 431; junker, ich verstand, wie das jr heim reiten wöllen; nun müssend wir uns dennocht zuͦvor mit einandern letzen und einen guͦten muͦt haben. Wickram rollw. 99 Kurz;
der aff thet für dem könig springen,
der esel must die metten singen, ..
der byber must die bäum abhawen,
dem half der specht die heuser bawen.
B. Waldis Esop 2, 27, 29;
also ganz sauber, schön und rein
musts überall im hause sein.
31, 110;
wie dann die bawrn gwonheit haben,
dasz sie sich järlich müssen laben
mit gutem frischen külen wein.
E. Alberus Esop 88ᵇ (25. fabel);
dann er muszt gespilt haben: kart war sein morgengab. Garg. 163ᵇ; gewisz wieder eine übereilte arbeit — aber das musz einmal gedichtet sein. Schiller parasit 4, 4; nach tische sollten und muszten pfänder gespielt werden. Göthe 19, 279; in fügungen mit dem conj. prät.: du thust, als müste das so sein;
wenn alles geht als müszt es nur
so gehen.
Göthe 11, 354.
g)
müssen verblaszt seiner bedeutung nach, in manigfachen verbindungen.
α)
gern in frage und ausruf, wo es geschehenes oder geschehendes eindringlicher hervorhebt, theils an den begriff des nach der vorstellung unzweifelhaften (e), theils an den der schicksalsfügung (f) anklingend: warumb mus ein tag heiliger sein denn der ander? so doch die sonne zu gleich alle tage im jar macht? Sir. 33, 7; wie hätten sie denn thun müssen, wenn sie nichts in der lotterie gewonnen hätten? Gellert 3, 326; gott! gott! .. warum musztest du mich verlassen? Schiller hist.-krit. ausg. 3, 309; warum musztet ihr denn mit unserm herrn grad auf die bärenhatz reiten, als man den lärmen zum aufbruch schlug? kab. u. liebe 2, 2; ist es nicht genung, dasz ich bei allen in argwohn gerathen bin ... musz noch meine unschuld ... in zweifel gezogen werden? A. Gryphius (1698) 1, 830; musz ich denn auch hier in die verwandtschaft der geistlichkeit gerathen? Lessing 1, 393; was für ein böser dämon musz dich hieher führen? Schiller hist.-krit. ausg. 4, 220; was musz also den ausschlag geben? Hebel 2, 4;
was schmeicheltest du mir ums kinn?
was musztest du die krone
so zu betrug und hohne
mir aus den locken ziehn?
Bürger 29ᵃ;
Aias, Telamons sohn, des untadligen, musztest du nie denn,
auch nicht todt, mir vergessen den unmuth wegen der rüstung?
Odyss. 11, 553;
dasz wir so glücklich sind, sagte er, und mein sohn Jeronymo musz fehlen! Schiller hist.-krit. ausg. 4, 247;
weh mir! was musz ich hören!
5, 151;
manchmal mit beziehung auf grund und ursache: müssen wir denn gestört werden? (warum stört man uns?) Gellert 4, 442; müssen sie mich nothwendig stören, herr magister? 3, 22; müszt ihr euch denn schon frühmorgens besaufen? Lessing 1, 310.
β)
auch in einfachen aussagesätzen, wo es ebenso zuverlässigkeit und eindringlichkeit der aussage erhöht: nein, jungfer muhme, es musz mir viel fehlen, ehe ich sage, dasz mir etwas fehlt. Gellert 3, 386; aber so viel musz wahr bleiben (bleibt sicher wahr): wenn etwas gewagtes soll unternommen werden, ... so ist ein frischer muth zur sache der meister. Hebel 2, 4; das musz zweimal wahr sein. 3; das musz wahr sein, wenn die noth am höchsten, ist die hülfe am nächsten. Immermann Münchh. 3, 139;
auszwüschens solt dich nicht befleiszen,
du muͦsts doch gleich bald wider bscheiszen (wirst es sicher beschmutzen),
und wider tretten in den kot.
Grobian. B 2ᵇ (v. 358).
γ)
bei annahme, voraussetzung und hier gern im conj. prät.: der müste kein herz im leibe haben, der sich hier nicht erbarmte!; was müste das für eine freude sein, sie plötzlich wieder zu sehen!; es müszte mit dem teufel zugehn, wenn sie herausfiele. Lessing 1, 330; ich müszte mich schlecht auf den barometer der seele verstehen, oder der herr major ist in der eifersucht schrecklich. Schiller kabale und liebe 3, 1; ich glaube, man müste hier doch hinter die wahrheit kommen können;
da kam ein fein geschickter mann,
der sah den falschen löwen an,
und also baldt bekandt er frei,
es müszt sein eitel triegerei,
damit er biszher wer umbgangen.
E. Alberus Esop 108ᵃ (33. fabel).
δ)
bei einführung einer gegentheiligen annahme im nachsatze: das wird nicht geschehen, ich müszte denn gezwungen werden. Adelung; wir werden ihn noch heute sprechen, er müszte denn nicht kommen. ebenda;
ich enwil euch mit der geschrift betriegen,
eʒ ist war, oder di puͦch muͤszen (für müsten, vgl. I, 2) liegen.
Erlauer spiele 2, 104 Kummer;
zum zweitenmal soll mir kein klang erschallen,
er müszte denn besondern sinn begründen.
Göthe 5, 38;
vergl. mhd.:
daʒ im gar unmære
elliu diu êre wære
diu im alswâ möhte geschehn,
ern müese sîne vrouwen sehn,
von der er was gegangen.
Iwein 1735.
5)
müssen, ohne folgenden infinitiv (vergl. oben 1), in mehrfachen verbindungen.
a)
absolut: ich will nicht, aber ich musz; ihr wollt nicht anders, ich musz. Klinger Otto 29, 7; alle andere dinge müssen; der mensch ist das wesen, welches will. Schiller hist.-krit. ausg. 10, 214;
sie haben recht. sie müssen. dasz sie können,
was sie zu müssen eingesehn, hat mich
mit schauernder bewunderung durchdrungen.
don Carlos 3, 10;
sind nur das bescheidene einwürfe, die sich bescheiden, der sache nicht ans leben zu kommen? die sich bescheiden, nur so weit sich zu entwickeln, als ohngefehr noch eine antwort abzusehen ist? das letztere musz wohl. Lessing 10, 189;
Walter Tell. vater, schiesz zu! ich fürcht mich nicht! Tell. es musz!
Schiller Tell 3, 3;
mit acc.: will sie mich alsdenn noch, jungfer Lisette? o sie musz mich. Lessing 1, 288; ha, herr graf, der sie nicht nach Massa wollten, und nun noch einen weitern weg müssen! 2, 149; ich danke dem schöpfer, dasz ich musz, das beste musz. 10, 6. solche verwendungen auch in einem berühmten ausspruch desselben:
derwisch. zwar wenn man musz? Nathan. musz? derwisch! derwisch musz?
kein mensch musz müssen, und ein derwisch müszte?
was müszt er denn? derwisch. warum man ihn recht bittet,
und er für gut erkennt: das musz ein derwisch.
2, 207;
die welt hat sich ein wort Lessings gemerkt: kein mensch musz müssen. ich aber sage euch: wer will der musz, und wer nicht wollen will, der soll mich ungeschoren lassen. Zelter an Göthe 483.
b)
mit beziehung auf einen vorhergegangenen infinitiv:
wil mir dîn schœne der wârheite jehen,
sô was siʒ, nach der mîn herze ie ranc,
und iemer muoʒ.
minnes. 1, 320ᵇ Hagen;
Deudschland oder keiserthum ist euch von gott gegeben, und befohlen, das jrs schützen, regiren, rathen, und helfen solt, und nicht allein sollt, sondern auch müsset. Luther 4, 440ᵇ; Wumsh. gehn sie nur. ich vergeb auch ihnen — weil ich musz. Valer. nicht, weil sie müssen, herr vater! Lessing 1, 386; Franz. sie sollten ihn hingegen nur sehn und hören, wenn er sich selbst gelassen ist. das fräulein. das müszte ich denn wohl. 573; ob nun aus dem so bestimmten spätern dato dieser antwort, auch auf das spätere datum des briefes selbst, müsse zurückgeschlossen werden, will ich nicht zu entscheiden suchen. gesetzt, es müszte: so würde höchstens nur das jahr, wenn Adelmann bischof zu Brescia geworden, dadurch zweifelhaft werden. 8, 365;
uns ehret jederman.
und wer nicht wil der musz.
P. Fleming 110;
jetzt darf die kunst auf ihrer schattenbühne
auch höhern flug versuchen, ja sie musz,
soll nicht des lebens bühne sie beschämen.
Schiller hist.-krit. ausg. 12, 7;
auch wenn der infinitiv aus einer andern zeitform ergänzt wird:
wär alles sonst nur, wie es müszte (sein).
Lessing 2, 231.
c)
gern mit präpositionalen verbindungen des zieles:
dâ ze Passouwe   man kunder niht gephlegen:
si muosen über waʒʒer,   dâ si funden velt.
Nib. 1569, 3;
sô mûʒe wir nâch in in den hagen.
livl. reimchron. 5129;
des muose der hêrre für die tür:
die fürsten sâʒen an der kür.
Walther 17, 21;
item wenn einer in der masz beklagt wirt, daʒ er vom kilchgang muss. weisth. 4, 358 (Schwyz, 15. jahrh.); ich armes schwein werde, wenn ich in die stadt komme, ohne allen zweifel auf die schlachtbank müssen. Lokmans fab. 20; ich wartete eine gute stunde ab, wenn mirs nicht gleich vom herzen müszte. Göthe 7, 140; wenn wir mit den gütern in ordnung sind, muszt du gleich mit nach hause. 20, 136;
zwo verschneiden stets die dritte,
minen, worte, kleid und schritte,
klein und grosz und alt und jung
müssen durch die musterung.
Günther 82;
und wieder nieder
zur erde musz es.
Göthe 2, 58;
mit adverbien der richtung und des ziels; so aus müssen: frisch Evchen! nicht so geleppert, das glas musz aus. H. L. Wagner die kindermörderin 15; in anderm sinne: schwören half nichts und brummen nichts, Hans Joggi muszte um geld aus. J. Gotthelf schuldenb. 259. dran müssen, an eine arbeit, einen dienst (vgl. th. 2, 758):
es gilt noch eins, du must basz dran.
E. Alberus Esop 76ᵇ (21. fabel);
all reisig pferd die musten dran,
und im krieg leib und leben wagen,
ein jedes must ein reuter tragen.
154ᵇ (47. fabel);
so musz denn doch die hexe dran.
Göthe 12, 120;
ans opfer, untergang, tod: sein letzter thaler muszte dran;
wenn sie (die liebe) den stab zubrochen,
so ist das urtheil da, so musz der richter dran,
so wird der unschuld auch das feuer zugesprochen.
Günther 1062.
davon müssen, beispiele th. 2, 867. dahin müssen, hin müssen (vgl. th. 2, 691), an einen ort müssen: sie sind alle dort, da musz ich auch hin; dahin müssen wir, wo wir sie sicher treffen; wohin man den elephanten wendet, da musten sie auch hin. 1 Macc. 6, 36; vgl. mhd.
eʒ ist unwendic: ich muoʒ endelîchen dar.
Hartmann lieder 22, 10 Haupt;
vergehen, sterben, umkommen müssen: das machet dein zorn, das wir so vergehen, und dein grim, das wir so plötzlich da hin müssen. ps. 90, 7; mein junges leben — und keine rettung! und musz ich jetzt schon dahin? Schiller kabale und liebe 5, 7. durch müssen (vgl. th. 2, 1577): ist es denn schlechterdings so ganz unsinnig, dasz ich auf meinem wege der vervollkommnung wohl durch mehr als eine hülle der menschheit durch müszte? Lessing 11, 455; wir drucken sie nehmlich auf eben das italiänische papier, auf welches die briefe gedruckt sind, und da wir sie einmal darauf angefangen, so müssen wir damit durch. 12, 216. entzwei müssen: häfen und schüsseln muste endlich alles entzwei. Simpl. 1, 21 Kurz. fort müssen (vgl. th. 4¹, 24): morgen müssen wir wieder fort. Gellert 3, 146;
morgen musz ich fort von hier
und musz abschied nehmen.
volkslied;
und um den wald die wüsten rankenwände
sammt dorn und distel haben fortgemuszt.
Freiligrath dicht. 2, 181.
her müssen, beispiele unter her, th. 4², sp. 1000. heran müssen (th. 4², 1018), auch zur arbeit: in der zeit aber, wo auf dem lande alle hände angestrengt zu werden pflegen, muszten wir älteren buben .. auch schon mit heran. Arndt leben 11. herbei müssen: könnt ich die giftige pest auf éinen ruf herbei ziehen, könnt ichs mit einem schrei, der mirs leben kostete, sie müszte herbei. Klinger Otto 18, 20. hinweg müssen: er muͦst hinweg auf seines vaters schreiben. Wickram rollw. 100, 23 Kurz. mit müssen (vergl. oben sp. 2324):
so kam ein postillon mit briefen,
die meinen vater nach Paris,
ach! schon am nächsten morgen, riefen.
denkt, wie mir wurde, da es hiesz,
ich müszte mit!
Bürger 106ᵃ.
nach müssen (th. 7, 10): nun, wenn der purpur fällt, musz auch der herzog nach! Schiller Fiesko 5, 16. nieder müssen. Göthe 2, 58, vergl. die stelle im ersten theile dieses abschnittes. voran müssen: er verunglückte, zwei meilen von hier, mit seinem wagen ... ich muszte also voran. Lessing 1, 531. vorbei müssen: wir hatten in einem hause platz genommen, wo der aufzug, wenn er aus dem dom zurückkam, ebenfalls wieder an uns vorbei muszte. Göthe 24, 307.
6)
der infinitiv substantivisch: las dir das gesagt sein, das du weit weit von einander scheidest, wollen und müssen, lust und not. Luther 3, 323ᵇ; harre bis not und müssen kompt, on lust und willen, du wirst dennoch zu schaffen gnug haben. 324ᵃ;
(die menschen) finden sich in ein verhasztes müssen
weit besser als in eine bittre wahl.
Schiller Piccol. 1, 2;
häufiger aber wird die 1. 3. sg. präs. als neutrum substantivisch verwendet, und vielfach im wortspiele mit mus (vergl. sp. 2730): musz ist ein böses mus. musz ist nicht suppe. musz ist härter als grübelnusz. musz ist ein bitter kraut. musz ist ein brettnagel. Simrock sprichw. 387;
musz ist zwang
und kreischen ist kindergesang.
ebenda;
musz
ist harte busz.
ebenda;
und endlich gibt ein böses musz
der sache widrig den beschlusz.
Göthe 2, 247;
dem harten musz bequemt sich will und grille.
3, 102;
unfrei vollführ ich nur ein strenges musz.
11, 334;
die beiszen alle mit verdrusz
aufs musz als eine harte nusz.
56, 44;
bair. das muesz, das müssen, der zwang: muesz is e harte speis. Schm. 1, 1678; ebenso tirolisch: e harts muesz. Schöpf 447; niederd. môt, niederl. moet, musz, zwang, unausweichliche notwendigkeit u. dergl.: dat is 'n môt, dâr kanst du net bûten to. ten Doornkaat-Koolman 2, 617ᵇ. in Kärnten aber als masc. der muosz, notwendigkeit, eile Lexer 194; in Wien ist der musz der äuszerste zeitpunkt, zu dem man eine gekündigte wohnung zu verlassen hat.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 15 (1885), Bd. VI (1885), Sp. 2748, Z. 70.

müssen, verb.

müssen, verb.
zwingen, nötigen, im oberdeutschen sprachgebiete: einen zu etwas müeszen, veranlassen, nötigen. Schm. 1, 1676 Fromm.; mussen, müssen, nötigen, anhalten. Stalder 2, 224; einen um etwas muͦssen, oder um etwas kälen, und mit bitt vast obligen, flagitare. Maaler 295ᵇ; derselbig hat .. die gemaind von Winzlaw bezigen, als ob sie im sein basen genottrengt und gemust, den armen mann ab dem boum ze hawen. Zimm. chron. 1, 467, 15; oder (messe käme) von müssen, dieweil die mesz als ein starker Maosim die leut müsset und nötiget. Fischart bienk. 84ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 15 (1885), Bd. VI (1885), Sp. 2760, Z. 69.

musz, n.

musz, n.
das müssen, vergl. müssen II, 6 sp. 2760.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 15 (1885), Bd. VI (1885), Sp. 2771, Z. 44.

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Zitationshilfe
„müssen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/m%C3%BCssen>, abgerufen am 02.08.2021.

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