Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

müszig, adj. und adv.

müszig, adj. und adv.
musze habend; ahd. môʒîg, muoʒîg, mhd. müeʒic, müeʒec; oft müssig geschrieben, wie denn im norden vielfach kurze aussprache des stammvocals gehört wird.
1)
nach der örtlichen bedeutung von musze (nr. 2) spielraum habend, los, frei, ledig, locker, ungedrängt. Schm. 1, 1677 Fromm., mit zahlreichen beispielen aus der täglichen rede des bairischen sprachgebiets: ein pferd im stalle, ein fensterladen ist müeszig worden. einen nagel müeszig machen. in der kirchen, auf dem tanzplatze ist es müeszig (ohne gedränge). eine wonung, ein zimmer müeszig stên lâszen, leer, unvermietet. einen gefangenen müeszig machen, ihn befreien, u. s. w.; auch bei Luther: da spricht er denn, ich wil wider umb keren in mein haus, daraus ich gegangen bin. und wenn er kompt, so findet ers müssig (σχολάζοντα), gekeret und geschmückt. Matth. 12, 44.
2)
müszig, ledig, frei von einem bestimmten genannten thun; namentlich in den verbindungen müszig werden, sein, müszig gehn: vacare, muszig, mussigk sin, musig geen, miessig gen Dief. 604ᵃ; halt an dich, nit schlags kind bisz dir der zorn vergat, denn straf mit ainem haiteren herzen nach vernunft. alle die weil dirs herz klopfet, so lang gang muͤszig (enthalte dich des schlagens). Keisersberg siben schaiden h 6ᵇ;
weil der teufel nun forthin wird vom kriegen müssig werden,
wird er sonst gar wirtlich sein uns zu kochen viel beschwerden.
Logau 2, 47;
ob sich desz berufes mühen
gar bisz an die nacht verziehen,
ist uns doch vergünt die nacht,
die davon uns müssig macht.
2, 89, 55.
3)
dies namentlich ungemein oft in der festen formel müszig gehen mit einem genitiv, die sich bis ins vorige jahrhundert erhalten hat.
a)
müszig gehen eines dinges, davon bleiben, es meiden, sich sein enthalten; in bezug auf einen ort: er ist hinnach des hauses mueszig gangen. Zimm. chron. 2, 187, 13; das er sich mit gewalt von inen pracht und des waserbads hinfuro mueszig gieng. 3, 320, 24; befahl dasz jederman des schiffs müssig gienge, und keiner darein käm. buch der liebe 202ᵈ; umb welcher ursachen willen, der könig desto lieber der lande Preuszen müszig gehen und dem orden ihren sitz reichlich gönnen solte. Waissel chron. 1559 s. 182ᵇ; Noah sohn hielte sich zu gottlosen leuten, dadurch muszte er des hauses der prophezeiung müssig gehen. pers. rosenth. 1, 5; Bayern wurde Henrico erst 1017 wieder gegeben, nachdem er seines landes fast neun jahre müszig gehen, und privatiren müssen. Hahn hist. (1721) 2, 191;
darumb der kirchen muͤssig gang.
P. Gengenbach Nollhart 720;
in bezug auf handlungen und zustände: die stett .. weren des kriegs geren müeszig gangen. d. städtechron. 5, 246, 4; hier sollen wir lernen des bösen geistes müssig gehen. Pauli schimpf 158ᵇ; darumb wir .. der sachen gedechten müszig zu gehen. Luther 1, 141ᵃ; das er .. nicht müssig gehe der sorge. 4, 134ᵃ; menget und schlegt sich in ander sachen, der er billig müssig gienge. 6, 146ᵃ; ich will euch der mühe und koste lassen müssig gehen. br. 3, 129; ich wil aber gleichwol für allen dingen gott meine sach heim stellen, der hat mich hierein geworfen in das loch, wiewol der alt Adam oft da wider strebt und sagt, du werest dieses unglücks wol müssig gangen, man hat dich oft gewarnet, du solt dich hüten. L. Keiser bei Luther 3, 420ᵃ; ghe seiner (Witzels) bucher muͦssig, man find sunst guter bucher gnug. Alberus widder Witzeln E 8ᵇ; verheiszen dʒ ich nun forthin nit allein der luterischen lere müssig ghen, sonder auch uffs greulichst dawidder schreiben wil. H 8ᵇ; darumb, lieben fründ, gond der Lauterischen ketzery müssig. Wickram rollw. 47, 3 Kurz; nemmend hin das gift und essen das ... aber wo es euch zuwider ist, mögt jr sein müssig gon. 150, 5; gehet desz kindischen weinen und trauren müssig. buch der liebe 211ᵇ; dʒ sich ein jeglicher an seiner hab sol lassen benuͤgen, und gehe der händel muͤssig, darauf so grosz verderben steht. Agr. spr. 110ᵃ; so mann gelt zelet, ist gefahr, gehe der gefahr muͤssig. 264ᵇ; sollen sie fürhin desz ampts zu predigen müssig gehen. Kirchhof wendunm. 456ᵇ; bei welchem doch kein gefahr gewest were, wann man desz heftens were müssig gangen. Würtz pract. der wundarzn. 16; wiszt jhr auch, was ewren Spaniern fehlet? sie können stelens nicht müssig gehen. Zinkgref apophth. 1, 103; und haben sich viele gesehnet, an frembden örtern zu leben, dʒ sie nur der unruhe in jhrem vaterlande müssig gehen möchten. Micrälius alt. Pomm. 2, 152; ob er wol endlich in seinem alter die waffen abzulegen gedachte, so konte er jhrer von wegen seines nothleidenden nachbahren des fürsten aus Mechelenburg nicht müssig gehen, deme er seine hülfe nicht versagen wolte. 3, 306; schelm was thustu bei den mägden, was kärrestu sie, gehe desz dings müssig. Phil. Lugd. 3, 230; die fliegenschwämme und dergleichen sind vergift, derhalben soll man ihrer müszig gehen. Hohberg 3, 1, 140ᵇ; so kan ich der sünden müssig gehen. Butschky Patm. 697; darüm alle christliche potentaten, ihrer streithändel gemeiniglich gern müszig gehen. 889; dasz ich ihrer gesellschaft müssig gehen solte. pers. rosenth. 5, 10; wenn dich jemand will weisheit lehren, so siehe in sein angesicht. dünket er sich noch, und sei er noch so gelehrt und noch so berühmt, lasz ihn und gehe seiner kundschaft müssig. Claudius 7, 81; weil bibeln in landessprachen vor Luthern sogar gedruckt vorhanden sind, soll die kirche nicht dafür gehalten haben, dasz der gemeine mann solcher bibeln gar wohl müszig gehen könnte? Lessing 11, 529;
das wir in guten frieden stehn,
der sorg und geizes müssig gehn.
Luther 8, 362ᵇ;
wer trunkenheit wöll müssig gan.
H. Sachs fastn. sp. 1, 64, 356;
derhalb des alles müssig ge.
3, 100, 23;
wenn du mir denn woltst dienen recht,
woltst spils und saufens müssig gan.
gedichte 5, 357ᵈ;
so wil ich jhn abrichten wol,
das er desz weins sol müssig gehn.
meisterl. fol. nr. 24, s. 483;
wil der bulschaft fort müssig gon.
J. Ayrer fastn. sp. 71ᶜ (2694, 28 Keller);
wer sind die leute dann
so in gedanken stehen,
dasz wer ein liebes weib gefreiht
der müsse nach derselben zeit
der bücher müssig gehen?
A. Tscherning 333;
liebe, die, die so gar mühsam dir in deiner arbeit stehn,
sind gemeinlich die, die fleiszig andrer arbeit müssig gehn.
Logau 3, 55, 93;
christen sollen müszig gehn
solcher groben narrenpossen.
Rist Parnasz 574.
b)
müszig gehen einer person, sie meiden, keine gemeinschaft mit ihr haben: von der juden wegen, das man der hinfüro ganz müszig gaun und die nit lenger hie in der statt lauszen (lassen) sölle. d. städtechron. 5, 377, 27 (Augsburg, von 1438); ir wölt des schalkhaftigen knechts nit müssig gon, bis das er euch in alle weg schand bringt. Ulensp. 12, s. 16 Lappenb.; ach Benedicte! Benedicte! wer ich dein und deines ordens mueszig gangen! Zimm. chron. 3, 290, 9; noch hat er deren baider grafen nit muesig geen künden. 4, 178, 21; wie kan nun dieses ein freiwilliges werk sein, wo benebenst dem dienst ein angehender prediger über seinem willen auch eine person ehlichen musz, welcher er auszer demselben sonsten müssig gehen würde. Schuppius 644; da man sich resolvirt, der liebsten müssig zu gehen. Chr. Weise freim. redner 171; gleichwohl aber war ich auf meinem bruder ganz ungehalten, dasz er es dahin gebracht, solche verweise seinetwegen einzustecken, und der Euphrosina ins künftige müszig zu gehen, da es mir doch fast unmöglich war dieselbe zu meiden. Plesse 3, 88; vor alters konntest du die bursche in ordnung halten; aber jetzt bist du ihrer nicht mehr meister, du bist ein verlorner mann, wenn du ihrer nicht müszig gehst. Pestalozzi 1, 192;
wer wis wolt syn (als yeder sol)
der ging der narren müssig wol.
narrensch. 68, 34;
der selben (narren) wer guͦt müssig gon.
100, 29;
das sie nur sind gewest tischfreundt,
die umb mich schwermbten in dem glück,
im unfall wendens mir den rück.
wil jr nu aller müssig gehn.
H. Sachs fastn. sp. 3, 66, 313;
secht euch für, thut sein müssig gahn,
kert euch nit an sein schmeichelwort!
4, 88, 318;
und der dem herren und dem knecht
und jedem menschen thut sein recht
und der gotlosen müssig gehet.
Weckherlin 50;
auch sich um einen nicht kümmern, ihn nicht beachten: nu habe ich droben gesagt, und vormals mehr, das ich der schwermer hinfurt müssig gehen wil, und sie dem urteil gottes befolhen lassen sein. Luther 5, 488ᵇ; derhalben ist mein trewer christlicher raht, e. f. g. gehe jrer auch müszig, denn da ist kein ende disputirens. 489ᵃ.
c)
der imperativ mit unterdrücktem genitiv, wie packe dich!: sprucht Federlin: du leugst, du boswicht! bub, gang mueszig! Zimm. chron. 2, 418, 10;
darumb ich warn dich in den dingen,
das du dein beschweren hinder treibst,
uff das du ungeschent bleibst.
die selben narren sein alle in mir,
darumb gang müsig, das rat ich dir.
Murner luth. narr 469.
4)
ähnliche formeln sind müszig sein, bleiben, müszig stehen mit genitiv: (ich) vermane dich .. das du umb des lebendigen gottes namen willen, deines tyrannischen wütens, wollest müssig sein. Luther 3, 133ᵇ; were wol also, da der feindt .. sonderer anschläge darvon müssig bliebe. Kirchhof mil. disc. 12; (der papst) der in nit krönen wolt, er versprech denn, dasz er wellischer lant müeszig wolt steen. d. städtechron. 3, 121, 4; darumb sie im alle gelübt aufsagten und wolten sein müszig steen. 125, 22; ehleut sollen ungebürlicher vermischung müszig stehen. Fischart ehz. 70; demnach der landsiedel der güter müszig stehn .. solle. Lennep lands. 2, 14 (von 1571); der könig sich mit grimmigem angesicht gegen dem ritter Reinharten kehret, anhub und sprach, einem jungen ritter, Reinhart, als du bist, wil nicht gebüren sein zeit also stätiges bei frauwen und jungfrauwen zu vertreiben, ich rieth du stündest solcher sachen so du vor dir hast müssig. buch der liebe 245ᶜ; damit du hinfort des kriegs müssig stehen ... müssest. Simpl. 3, 219 Kurz;
sölchs söllen merken weib und man,
und guͦter werk nit müssig stan.
Schwarzenberg 105ᵇ;
es soll ein alter mann
einer jungen und frechen
frauen ganz müssig stahn.
J. Ayrer fastn. sp. 156ᵃ (3107, 12 Keller);
warumb stehst du nicht müssig
solcher gar loser gäst?
166ᵈ (3157, 10);
dafür müszig stehen von etwas, sich enthalten: von aller unwürsen übung oder bearbeitung sol man müszig stehen. Ryff spiegel d. gesundh. (1574) 33ᵇ; müszig werden an etwas, es entbehren: wan wir nu hie derhalb an dem land müssig worden sein. d. städtechron. 4, 197, 14 (von 1398).
5)
müszig (nach musze 2, b), freie zeit habend, in mehreren abstufungen.
a)
unbeschäftigt, ausruhend oder gerade feiernd in bezug auf geschäft oder beruf: mussig, ociosus. voc. inc. theut. o 3ᵃ; muͤssig arbeiter, die nichts ze werken habend, operarii vacui. Maaler 294ᵃ; schreibens halb muͤssig sein, mit schreiben nit beladen sein, a scribendo vacare. ebenda; wenn du muͤssig bist, wenn du der weil hast, si tibi est otium et si vis. ebenda; ich werde nun endlich ein wenig müszig, tandem aliquando negotia quiescunt. Stieler 1311; müszig sein, vacare ab aliqua re. Frisch 1, 677ᵃ ('in guter bedeutung'); sô er müeʒig ist nâch der arwait. Megenberg 163, 3; ist daʒ er (der widehopf) seineu kind vaiʒt siht, wenn er dann müeʒig ist, sô hacket er in die füeʒ niden auf mit dem snabel, dar umb, daʒ si wider mager werden. 230, 5; da wolten wir sonst handel darvon haben (darüber verhandeln), wen wir ein wenig mussig weren. Spittendorff 20 Opel; wen der rath ein wenig mussig wurde uber 14 tagen oder 4 wochen. 28; nimpt und schnitzet (das holz), wenn er müssig ist, mit vleis. weish. Sal. 13, 13; zur zeit, wenn .. müssig stehen die müller. pred. Sal. 12, 3; und gieng aus umb die dritte stunde, und sahe andere (arbeiter) an dem markte müssig stehen. Matth. 20, 3; als jhm sein name mit versetzten buchstaben sehr künstlich und mühesam in versz gebracht, .. von einem sinnreichen poeten verehret ward, sprach er: was erdenken müssige leut nicht? Zinkgref apophth. 2, 140; solten derwegen ihn einmal, wenn er müsziger wäre, wieder zusprechen. Mandelslo bei Olearius reisebeschr. (1696) 53;
walzender stein nit müssig wirdt.
H. Sachs fastn. sp. 1, 110, 341;
tugend die ist niemals müszig,
sucht ihr allzeit einen feind.
Fleming 468;
es hiesz müszig sein zu etwas, zeit zu etwas haben: denselben ganzen vormittag traf ich nichts erzehlungswürdigs an, und eben darum war ich desto müssiger, dieselbe zeit hindurch meiner beschaffenheit, item was ich mir vorgenommen und doch nicht gehalten, nachzusinnen. Simpl. 3, 421 Kurz;
der meister sprach: ich enbin
nû niht müeʒic dar zuo
daʒ ich iu iht ûf tuo.
arm. Heinrich 1261;
wer sollte wohl so scharfklug, so vermessen,
so müszig sein, den Karlos zu belauschen,
wenn Karlos unbelauscht sich glaubt?
Schiller don Carlos 2, 8.
b)
so von werkzeugen oder gliedmaszen, die von ihrer beschäftigung gerade feiern: darumb hab ich euch in allen ewrn stedten müssige zeene gegeben, und mangel am brot an allen ewrn örten. Amos 4, 6;
jede soll um einander ein zeitverkürzendes mährlein
zur gemeinsamen lust den müszigen ohren erzählen.
Voss Ovid. 1, 203;
nimmer lausch ich deiner waffen schalle,
müszig liegt dein eisen in der halle.
Schiller Hektors abschied (in d. räubern 2, 2 einsam liegt).
c)
bei zeitbestimmungen: müszige stunden, horae succisivae. Stieler 1311; müszige zeit, tempus vacuum. ebenda; keine müszige stunde haben, vacantem horam non habere. Frisch 1, 677ᵃ; wiltu sonsten fürwitzig sein, und müssige stunden dieses mahl wol anwenden. Schuppius 580; die wirthschaft war schlecht, und Wolf hatte müszige stunden. Schiller hist.-krit. ausg. 4, 65; ein guter schlag menschen, dem sogar der müszige sonntag, besonders drei festtage hintereinander, nicht gelegen kamen. J. Paul leben Fibels 1, 140; in irgend einer müszigen minute. Qu. Fixl. 86;
die müssig zeit leg auf studiern!
H. Sachs fastn. sp. 1, 103, 140;
nun wol es bleibt darbei, dasz Föbus dich geliebet
und in der müszgen zeit sein helles licht dir giebet.
Fleming 253;
bei zuständen, beschäftigungen: die letzten zeiten des bürgerlichen krieges und der verwirrung haben, zum ersatz jenes unendlichen jammers, den vortheil hervorgebracht, dasz sie die geister der menschen aus einem langen behagen, aus einer müszigen ruhe herausrissen, und sie thätig, fleiszig und neugierig machten. Göthe 54, 14; sie boten den belagerten christen ihre müszige tapferkeit an, und man erräth leicht, dasz die unverhoffte hülfe nicht verschmäht ward. Schiller hist.-krit. ausg. 9, 252;
nicht tragen konnt ichs, hier in müszger ruh
zu harren des erfolgs, indesz die söhne
geschäftig forschen nach der tochter spur.
braut von Messina v. 2091.
d)
müszig geht über oder streift doch die schärfere bedeutung unthätig aus unlust am arbeiten, träge: müszig, faul, ociosus, desidiosus, iners, deses, reses Dasyp.; ein jglicher wiehert nach seines nehesten weibe, wie die vollen müssigen hengste. Jer. 5, 8; es befindt sich auch, das diejenigen, die sich prachts befleiszigen, müsig, zärtling und, wie jr hausrat, nichts nuz und nieman zu prauchen sint. Fischart ehz. 535 Sch.; der beste charakter, den man von ihm geben konnte, ist .. ein müssiger mensch, und ich gestehe, dasz mich die armuth eines müssigen menschen ungemein wenig rühret. Kästner verm. schriften 1, 69; aus einem müszigen enthusiasten ist er (Posa) ein thätiger handelnder mensch geworden. Schiller hist.-krit. ausg. 6, 43; leute in ämtern .. haben einander mehr zu sagen — nämlich ihre eigne geschichte — als die müssigen wonnemond-käfer und hofseligen, die nur eine fremde dozieren dürfen. J. Paul Qu. Fixl. 76; ein müssiger kerl, homo otiosus. Steinbach 2, 87;
owê wir müeʒegen liute, wie sîn wir verseʒʒen
zwischen zwein fröiden nider an die jâmerlîchen stat!
Walther 13, 19;
in den verbindungen müszig sein, stehen, sitzen, leben, einen müszig sehen u. ähnl.: Pharao sprach, jr seid müssig, müssig seid jr, darumb sprecht jr, wir wollen hin ziehen, und dem herrn opfern. 2 Mos. 5, 17; sich daheimen halten und muͤssig sein, in otio esse. Maaler 294ᵃ; muͤssig sitzen, die hend auf der schosz, das maul offen haben, desidere. ebenda; muͤssig und träg sitzen, sedere. ebenda; deine leute stehen immer müszig, opus tuis operariis deest. Stieler 1311; müszig sein, languere in otio, cessatione torpere, desidia torpescere. Frisch 1, 677ᵃ ('in übler bedeutung'); den (mann) sah ich auf einmal .. müsziger als einen alten junggesellen. Göthe 9, 73; wir sind unter der zeit auch nicht müszig gewesen, haben brav gearbeitet, hört man oft in täglicher rede; gern in der formel müszig gehen, wo die bedeutung des wortes als eine üble besonders empfunden wird (vergl. auch müsziggang, müsziggänger):
der chunich in antwurte
mit zornlîchen worten:
ir gêt muoʒʒich alle tage,
von diu hôr ich dise chlage.
genesis in den fundgr. 2, 97, 31;
muͤssig gonde, der nichts thuͦt, cessans. Maaler 294ᵃ; die zal der ziegel, die sie bisher gemacht haben, solt jr jnen gleichwol auflegen, und nichts mindern, denn sie gehen müssig, drümb schreien sie und sprechen, wir wollen hin ziehen, und unserm gott opfern. 2 Mos. 5, 8; treibe jn zur arbeit, das er nicht müssig gehe, müssiggang lehrt viel böses. Sir. 33, 28; zeuch dein kind, und las es nicht müssig gehen, das du nicht uber jm zu schanden werdest. 30, 13;
gesundheit wil bei armen, als reichen, lieber stehn;
wie so? sie hasset prassen und stetes müssig gehn.
Logau 2, 28, 2;
flott will ich leben und müszig gehn.
Schiller Wallensteins lager, 6. auftr.
e)
auch bei zeit- und zustandsbestimmungen kann müszig diese schärfere bedeutung entfalten (gegen oben c): ein muͤssig oder faul jar, in dem wir nichts thuͦnd, annus deses. Maaler 294ᵃ; müsziges leben, vita quieta, iners. Stieler 1311;
eine königin, die ihre tage
nicht ungenützt in müsziger beschauung
verbringt, die unverdrossen, unermüdet
die schwerste aller pflichten übt.
Schiller Maria Stuart 2, 2.
f)
müszig, adverbial, im sinne feiernd von der arbeit (vergl. oben a):
er bringet die zeit müssig zu (seine freistunden)
mit pflanzung nützlicher gesätzen.
Weckherlin 435;
oder schärfer unthätig, nicht arbeitend:
so ist es mir genug, an dich, mein freund, zu schreiben,
genug, nur mir und dir nicht unbekannt zu bleiben,
und, wann ein stolzer fleisz erhabne lehrer übt,
dir, müszig, zu gestehn, was meine seele liebt.
Hagedorn 1, 30;
nicht ertrag ichs länger,
als ein gefangner müszig hier zu liegen.
Schiller Tell 1, 4;
an die bedeutung träge streifend (oben d): der ist ein stümper, der sein werk nur auf die hälfte bringt, und dann weg geht, und müszig zugafft, wie es weiter damit werden wird. Schiller räuber 4, 2;
hoffnungslos
weicht der mensch der götterstärke,
müszig sieht er seine werke
und bewundernd untergehen.
glocke v. 209;
wo ist der könig selbst? und sieht er müszig
des reiches noth und seiner städte fall?
jungfrau von Orleans, prolog, 3. auftr.;
müszig ruhst du hier?
Stolberg 1, 185;
du wirst nicht länger müssig nunmehr schlafen,
du siehst, wie diese christen dich verachten,
im grimme stehst du auf und wirst sie strafen.
Tieck Octavian. 380;
einen mann erblickend,
welcher müszig in einen kahn gestreckt lag.
Platen 326.
6)
müszig von kapitalien und geldeswert, unbeschäftigt, keinen nutzen bringend: sein geld liegt jetzt müszig; hier liegen zehn tausend mark müszig, die anderswo nutzen bringen könnten; sie finden nicht leicht einen käufer. liegt ihnen das halsband nicht schon ein jahr müszig? Göthe 14, 171.
7)
müszig, von reden und handlungen, was keine bestimmung hat, zwecklos, schon mhd.:
wænet ir, her gast,
daʒ mich niht betrâge
iuwer müeʒegen vrâge?
Iwein 6276;
nhd. also die thoren das müsig für nuzlich, das unnütz für ehrlich und das theur für herrlich ansehen. Fischart ehz. 535 Scheible; die erste fabel, die ich wählen will, um die fehler, die darinne begangen sind, um das müszige, undeutliche, weitläuftige .. zu zeigen. Gellert 1, 305; auch diese erzählung hat viel müsziges, viel mattes. 321; was in dem urtheil über die natur dieses begriffs geirrt sein mochte, blieb müssig und hatte keine folgen. Kant 1, 24; jene vorangeschickte existenz ist in dem beweise völlig müssig. 6, 123; der vierte act ist ganz müszig. Göthe 33, 207; wenn die frage: welcher zeit der mensch eigentlich angehöre? gewissermaszen wunderlich und müszig scheint. 53, 166;
du gäbst den müssigsten geschwätzen,
gesundheitsmärtyrer! dein ohr am liebsten preis.
Gotter 1, 245;
in seiner nähe darf nichts müszig sein!
was gelten soll, musz wirken und musz dienen.
Göthe 9, 129;
nicht eine müszge neugier führt mich her.
Schiller Tell 1, 4.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 15 (1885), Bd. VI (1885), Sp. 2773, Z. 35.

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„müszig“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/m%C3%BCszig>, abgerufen am 20.06.2021.

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